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Die Situation des Revolutionärs

Wenn die Revolution nur über die Überwindung der Berufe zu ermöglichen ist, dann wird dafür schon jemand gebraucht, der bereit ist, alles zu risikieren. Mal abgesehen von dem Problem, dass so ein Mensch kaum noch existiert: Aber wofür riskiert der Revolutionär sein Leben? Woher soll er wissen, dass das Opfer, sich für eine andere Welt zu interessieren, sich lohnt? Er investiert die Zeit, Energie und sein ganzes Leben in eine andere Welt, die womöglich nie kommen mag. Im Grunde riskiert er sein Leben. Er könnte seine Zeit und Energie auch in den Beruf stecken und schauen, was er konkret für sich kriegen kann, anstatt hochspekulativen Ideen und Kritiken anzuhängen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Gosse enden. Die globale Konkurrenz ist immer besser ausgebildet, zugleich gibt es immer weniger Innovationen, die neue Märkte schaffen. Die gesättigten Märkte lassen die Profitrate fallen und damit intensiviert sich der Wettbewerb um die verbleibenden Marktanteile. Zeit ist Geld. Wer hier nicht jeden Tag in sein profitables Berufsleben investiert, verliert Geld und damit Lebensqualität. Der Kritiker verliert also automatisch Geld und Lebensqualität, wenn er inkommensurable Kritik leistet, obwohl sie die wichtigste Arbeit überhaupt ist. Aber nur über das höchste Risiko, also die Ablehnung der kapitaltypischen Berufsinhalte, wäre die Chance eines besonders kritischen Bewusstseins auszuprägen und am wahrscheinlichsten. Weil aber so gut wie niemand auf der Welt seinen Beruf aufgibt, um mittelloser Berufsrevolutionär zu sein, schon allein weil der Genuss und die Lebensqualität darunter leidet, bleibt die Rechnung wie sie bei den meisten Individuen ist: Der Beruf, der sich der Kapitalakkumulation unterordnet, erhält die höchste zeitliche Priorität und wird mit dem größten Ausmaß an Energie und Intellekt bedacht. Das Ergebnis ist, dass die Subversion gegen den Kapitalismus schwindet. Die materiellen Ängste, die durchaus real sind, prägen den Verstand und die Möglichkeiten des Verstandes.

Nicht nur, dass der Revolutionär arm sein muss und arm bleiben wird, wenn er sich nicht vom durchschnittlichen Beruf korrumpieren lassen will: Die Komplexität der gesellschaftlichen und individuellen Realität ist derart ausgeprägt und im permanenten Wechsel, dass kein einziger Mensch mehr in der Lage ist, ihr vollständig beizukommen. Das heisst zwar nicht, dass man nicht ihre grundsätzlichen Bewegungsgesetze erkennen könnte. Aber um allein diese Bewegungsgesetze korrekt zu erfassen, bedarf es eines jahrelangen intensiven Studiums, welches einem Fulltimejob gleichkommt. Zugleich bewegt man sich innerhalb dieses Fulltimejobs der Erkenntnis in nahezu vollständiger Einsamkeit. Die Situation vor dem Buch ist allein. Und auch jene des Denkens und Kritisierens ist so, weil die Distanzierung notwendiges Moment ist. Das halten immer weniger aus. Ohne eine komplette Erfassung der gesellschaftlichen und individuellen Erscheinungs- und Wesensformen, der Waren- und Denkformen, unterbleibt die Erkenntnis dessen, was ist. Weiss man nicht, was ist, weiss man auch nicht, womit man es zutun hat und wie man es nachhaltig überwinden kann, ohne es noch schlimmer zu reproduzieren. Die Gefahr in politische Strategien zu verfallen und es sich damit zu leicht zu machen, um es anderen noch schwerer zu machen, obwohl man das vorgeblich nicht intendiert hatte, ist daher für jeden Revolutionär eine andauernde Gefahr.

Da die kapitalistische Komplexität hoch ist, und schwer zu denken ist, ihre Kritik häufig unbezahlt abläuft, diese Kritik gesellschaftlich kaum anerkannt ist, mangelt es an herausragenden Persönlichkeiten, die die Unmündigkeit der Komplexität auf den Punkt bringen. Die pointierte Darstellung ist aber notwendiges Kriterium für revolutionäre Bedingungen: Wer nicht verständlich machen kann, warum Menschen falsch leben, der wird nicht gehört. Den wenigsten Kritikern ist es möglich, der gesellschaftlichen Komplexität gerecht zu werden, die Kritik auf den Punkt zu bringen und auch noch sämtliche eigenen Rechnungen bezahlen zu können. Die allermeisten scheitern schon an letzterem und müssen in letzter Konsequenz ihre Invesition in die Reflexion weg von der Kritik und hin zu den affirmativen Denkoperationen der Lohnarbeit investieren. Der Preis ist hoch, das Kapital verschlingt die Kritiker tendenziell mehr als umgekehrt. Es mangelt den Kritikern der Verhältniss zudem maßgeblich an einem kollegialen Umgang. Die Atomisierung macht auch hier nicht vor dem Kritiker halt und sie setzt sich fort: Es gibt kaum etablierte Strukturen in denen Wissen ausgetauscht und diskutiert wird. Es ist im Alltag häufig einfach so, dass jedes kluge Buch per Zufall gefunden werden muss. Jahre vergehen mit unausgegorenen Ansichten, obwohl es unlängst uralte, aber stichhaltigere Argumente gibt, die aber nicht zur Kenntnis gelangen, weil sie niemand mehr kennt oder deren Wichtigkeit in Erinnerung ruft. Zugleich erreicht die Kritik häufig das immergleiche Publikum, welches schon im Vorfeld angeödet abwinkt, weil es jedes Argument bereits auswendig kennt. Zumal die wachsenden Optionen zur Zerstreuung über Unterhaltungsmedien dadurch noch attraktiver werden. All das verschlimmert sich sogar noch, wenn eine internationale Perspektive eingenommen wird.

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We are Trump

Um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen herzustellen ist die Reflexion der eigenen Sozialisation, Familie, des persönlichen Umfelds, der Werte, Normen, Persönlichkeit notwendig. Dies alleine ist eine eklatante Selbstreflexion bzw. Reflexionsleistung, die von unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht gefordert wird. Sie fordert lediglich Akzeptanz, Gehorsam und Übernahme all dessen, was ein Individuum seit Geburt vorfindet. Und weil die Gesellschaft unangepasstes Verhalten bestraft, ist das wichtigste, nämlich die Erkenntnis, nebenbei zu machen, wenn nicht gerade das Glück existiert, dass Freunde oder Familie einen unterstützen. Zu einem gewissen Grade ist es in jeder Gesellschaftsform üblich, dass nachkommenden Generationen etwas aufoktroyiert wird. Allerdings schiebt sich in unserer spezifischen Gesellschaftsform noch eine Dimension hinein, nämlich der irrationale Charakter der jetzigen Epoche. Dieser drückt sich im Zwang aus Profite zu maximieren. Dieser Zwang ist total geworden und damit als zweite Natur unwidersprochen anerkannt worden, sodass er permanent unhinterfragt reproduziert wird. Zugleich wurde nach zwei Weltkriegen die tatsächliche Konstitution der Gesellschaft verleugnet, die u.a. die Shoa überhaupt erst ermöglichte. Die Verhältnisse wurden nie insoweit verändert, dass die Shoa unmöglich wieder stattfinden kann. Mehr noch: Man hat den Faschismus demokratisiert. Ausdruck dessen lässt sich u.a. in allen Rechtsbewegungen weltweit in jüngerer Zeit erkennen.

Somit kämpft das Individuum also nicht nur gegen die eigene Regressionen, Verhärtungen und ringt um Selbstreflexion, sondern es kämpft auch gegen die nähere sowie fernere Regressionsleistung der sozialen Umwelt, die zugleich Erwartungen stellt, die über Lebensqualität und Reflexionsfähigkeit entscheiden. Wer arbeitet wird in diesem Zusammenhang dümmer, weil er einem Prinzip nachgeht, welches Reflexion nur im Sinne der Kapitalakkumulation benötigt und demnach jegliche Gedankenprozesse bestraft, die davon ablenken oder sogar auf eine Abschaffung zielen. Zugleich lässt sich die Erkenntnis über die Unwahrheit unserer Gesellschaft nur auf der individuellen Ebene leisten, da die Totalität sich tief in die Menschen eingegraben hat. Die Gesellschaft droht permanent in Banden zu zerfallen bzw. organisiert sich über Banden, d.h. auch Wissen wird nur innerhalb von Banden geteilt oder verhandelt. Ohne eine Bezugsgruppe, die spezifische Reflexionsgrade erreicht haben, um die Gesellschaft auf eine sinnvolle Weise zu hinterfragen, wird die Reflexionsleistung des Individuums ohne geniale Disziplin oder Kreativität schwach bleiben. Zugleich lässt die Auffindbarkeit von reflektierten Gruppen oder Individuen mit dem fortschreiten der instrumentellen Vernunft systematisch nach, weil traditionell, wie gesagt, nur systemimmanentes Wissen belohnt wird.

Die Fähigkeiten des gesamten Bewusstsein oder der gesamten menschlichen Intelligenz sind fest an den Produktionsverhältnissen verankert. Sie tradieren, manipulieren, segregieren, vernichten, wühlen im Menschen und durch den Menschen, reproduzieren die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die Menschen verhalten sich zu Menschen wie Dinge zu Dingen und der Mensch behandelt sich  selbst wie ein Ding, welches zu bearbeiten ist wie ein Bergwerk. Je länger er in sich wühlt und optimiert, desto leerer ist er im Verlauf des Lebens. Die permanente Mobilmachung im Sinne der kapitalverwertenden Nützlichkeit hält die Individuen derart in Atem, dass nur leere Wissensformen, die im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas abgespuhlt werden, angewendet werden. Diese Logik arbeitet ins uns allen und der Kampf dagegen ist das Interesse der Menschheit. Trump ist eine Persönlichkeit, die für eine postnazistische Ideologie steht, die sich gerade durch eine opportunistische Anpassungsleistung an diese zerstörerischen und irrationalen Verhältnisse auszeichnet. Wahllos prügelte er auf Minderheiten ein, schliesslich gelten sie auch in der Kapitalakkumulation als wenig profitabel. Zugleich wohnt in seinem Größenwahn auch der Wahn, der stumme Schrei der narzistischen Kränkung, die der Kapitalismus jedem Individuum in jeder Kindheit mehr oder minder stark antut. Die Popularität des neuen US-Präsidenten zeigt den weiten Verbreitungsgrad der autoritären Persönlichkeit, die jegliche Reflexion über sich und die anderen ausschliesslich im Sinne des Profits unternimmt.

Das Wissen, welches zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer Abschaffung von Hunger, Krieg, Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus, Antiziganismus, Homophobie uvm. nötig wäre, setzt sich nicht durch, weil es keine Profite abwirft, weil es der systemimannenten Logik widerspricht, weil keine kapitalkräftigen Banden für sie kämpfen. Die Atomisierung, Entpolitisierung und Entleerung der Individuen lässt sich akut in allen sozialen Beziehungen deutlich erkennen. Die Profitmaximierung hat die Individuen so stark erschüttert, so häufig ins Gesicht geschlagen, dass sie immer stärker in ihrer Regression, Verantwortungslosigkeit aufgehen und ein postfaktisches Zeitalter mit faschistoiden, islamistischen, nationalboschewistischen bis technokratischen Führerfiguren wie Trump, Petry, Hofer, Putin, Erdogan, Gabriel, Wagenknecht und Co. begründen. All hope is gone, denn es gibt keinen Ort außer der immer schwächer werdenden Reflexionsleistung des Individuums, welches sich auf unzähligen Fronten und Ebenen zu behaupten hat, während es zugleich das so wichtige revolutionäre Potential erfassen, denken und ergreifen muss. Panik, Angst, Wut und Trauer sind keine guten Ratgeber, aber sie sind alles was neben all den Erschütterungen, Katastrophen und Umwälzungen in den letzten Jahrzehnten übrig geblieben ist.

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Das größte Tabu unserer Zeit

Die Abwesenheit von Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen kommt dem eigenen Suizid gleich und doch ist es gelebte Praxis von den aller meisten Menschen. Es ist als ob einem die eigene inhaltliche Substanz des Lebens gleichgültig wäre. In dem Moment, wo Politik, Ökonomie, Psychologie, Sexualität, ja überhaupt jeder elementare Bestandteil unserer Existenz mit Distanz behandelt wird, z.B. durch Unschärfe im Begriff oder in der Untersuchungsmethode, scheint die Fäulnis des Ablebens auf. Wer den Dingen nicht auf den Grund geht, der erstickt sein Verhältnis zur sozialen, generellen Umwelt und zu sich selbst. Es sind kleine Tode, wenn der Hunger, der Krieg, die Lohnarbeit, der Staat, das Kapital, der Rassismus, Faschismus usw. usf. ignoriert wird. Und diese Ignoranz wird täglich praktiziert.

Es gibt diese unheilvolle Hoffnung in den allermeisten Menschen, sie könnten über die alltäglichen Katastrophen mit Ideologie, Verklärung, Ignoranz oder Naivität hinwegsehen. Aber die Ausblendung und Verdrängung ist Verantwortungslosigkeit. Letztere feiert nicht das Leben, es wird dem Leben nicht gerecht, es zertrümmert das Glück, welches möglich wäre. Wer das Leben liebt, muss sich in die Katastrophen hineinknien und ihner Logik nachspüren, um sie endgültig zu bezwingen. Und das bedeutet den Schmerz sowie die Einsamkeit von Erkenntnis. Hier ist keine Starrsinnigkeit oder Ängstlichkeit gefragt, sondern reflexive, dialektische Theoriearbeit, die zugleich mutig und intelligent in ihrer Analyse und Kritik auftritt. Nur in dieser radikalen, widerständigen Lebensweise kann dem Leben nähergekommen werden, kann das bewahrt werden, was wir Menschlichkeit nennen. Wenn wir lernen uns selbst zu heilen, kommen wir im Leben an und die Katastrophen werden austrocknen.

Die Bildung und Aufklärung muss erweitert und radikalisiert werden. Es ist ein Skandal, dass hier gespart wird und die Bildung ausschliesslich als Profitmaxierer dient. Jene millionenfache Teilnahmslosigkeit, die regelrecht automatisch in Besinnungslosigkeit mündet, kann nur in größeren Katastrophen münden, denn sie ist genau das, was unsere gegenwärtige Politik in Ökonomie und Wissenschaft ausmacht. Niemand kann es ertragen, wenn ihnen die alltägliche Praxis als Teil einer totalen Falschheit um die Ohren geworfen wird, aber es ist notwendig, weil nur so das Paradies auf Erden möglich sein wird. Es muss solange ausgesprochen werden, was ist, bis sich endlich die Verhältnisse dem Willen der Menschen beugen. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen muss auf den Haufen der Geschichte geworfen werden.

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