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Pflegedilemma: Team Ahnungslos undercover

Urin, Schläge, Schimmel und Viren in den besten deutschen Pflegeheimen: Seit Jahrzehnten vergammelt der deutsche Volkskörper dank der miesen Zustände in der Pflegebranche, aber jetzt kommt „Team Wallraff„, legitimer Nachfolger des „Team America: World Police“, und naht mit „Enthüllungen“ zur Rettung!

Ganze 9 Monate hat es gebraucht, damit der Wallraff-Zögling und Sidekick des Verbrechensbekämpfers Robin alias Osterhaus als Praktikantin folgendes heraus findet: Eine 92 jährige liegt 3 Stunden in ihren eigenen Exkrementen.  Lebensgefährliche Noroviren werden vertuscht, Pflegeberichte und Atteste werden gefälscht. Emotionalisierende Beats von Massive Attack versüßen Pöbeleien gegenüber den älteren Menschen, den Gestank und die Fäkalien im Zimmer. Es herrscht Ahnungslosigkeit beim Verabreichen von Medikamenten, Mangel an Geld, Zeit und Pflege. Genauer: 5-7 Minuten pro Patient, 3 Pfleger für 37 Patienten. Zeit-, Akkord- und Schichtarbeit 40 Stunden Woche, 900 EUR im Monat netto. „Ich möchte sterben,“ meint eine Patientin. Unterbrechung: RTL-Werbung. Weiter: „Ja, sind wir denn hier im Zoo?“, fragt eine Pflegerin als eine alte Frau vermutlich schon die halbe Nacht verdreht am Boden liegt. Noch eine Frage obendrauf: „Geht es ihnen gut?“. Gelächter. Sehr richtig bemerkt schliesslich eine alte Frau im Rollstuhl: „Hier ist es nicht lebendig“.

„In diesem System sind alle Opfer. Pfleger müssen vor Überforderung geschützt werden und Pflegebedürftige vor überfordertem Personal,“ meint Osterhaus mit bedeutungsschwangerer Stimme aus dem Off. Wer soll denn schützen? Das kann nur eines heissen: Vater Staat rette uns! Aber Moment mal! Was sagte der „Experte“ Fussek? „Pflegeheime sind rechtsfreie Räume.“ Wie soll das denn gehen? Das Pflegeheim in München wird vom Staat betrieben und agiert nach gesetzlich vorgeschriebenen Marktgesetzen der Kosten- und Nutzenoptimierung. Hier ist das Recht offensichtlich nicht abwesend, sondern omnipräsent. Es ist ein Recht, das Pflegeheime dazu zwingt um Centbeträge zu kämpfen. Nicht ohne Grund hielt CDU-Politiker Mißfelder „nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen.“ Und der CDU liegt wie jeder großen „Volkspartei“ das Bruttoinlandsprodukt des deutschen Vaterlandes sehr am Herzen, mehrnoch als die Herzen und Körper der alten, unproduktiven, arbeitslosen und damit minderwertigen Deutschen, die nur Kosten anstelle von Profiten verursachen. Diese Rationalität spüren Hartz 4 Empfänger jeden Tag. Gleiches Recht für alle!

Entweder bist Du Leistungsträger oder Du bist überflüssig! Intern heisst es in den Pflegeheimen deshalb: „Wir wollen Vollbelegung“, denn das ist produktiv im Sinne der Kapitalakkumulation. Wenn sich das Pflegeheim nicht danach richtet, ist es morgen pleite! Da kannst du protestieren und dokumentieren wie Du willst: Das ist und bleibt so, wenn man keinen Schimmer von den Bewegungsgesetzen des Kapitalismus hat. Mehr Personal kostet zuviel Geld. Mehr Gehalt kostet zuviel Geld. Bessere Ausbildung kostet zuviel Geld. Wettbewerbsfähigkeit ist in unserer Ökonomie überlebensnotwendig! Konzerne und Staaten stehen in diesem Wettbewerb. Warum wohl wollen alle Parteien Wachstum? Weil das der inneren Logik des ökonomischen Systems entspricht. Die Finanzierung des Gesundheitssystem wurde systematisch im Sinne des Sozialabbaus heruntergefahren. So wurden wir Exportweltmeister! Ein Pfleger meint instinktiv richtig: „Es wird stark rationalisiert in der Altenpflege.“ Man benutzt also absichtlich wenig Personal, um möglichst viel Leistung aus ihnen abzupressen, um möglichst geringe Kosten und hohe Profite zu haben, – wie in jeder anderen Branche weltweit auch!

Experte Prof. Sell lässt dann die Bombe platzen: „Menschenunwürdige Pflege lohnt sich betriebswirtschaftlich.“ Potzblitz! Und jetzt? „In diesem Krankensystem muss sich etwas ändern!“ (Che Osterhaus) Das heisst der Kommunismus ist eine Notwendigkeit, wir müssen unseren Arsch bewegen, auf die Barrikaden und die Lohnarbeit hinwerfen, Marx und Adorno lesen bis uns was besseres einfällt?! Aber, aber! Viel besser: Man trifft sich mit einem Politiker (Laumann) einer staatlichen (!) Behörde und erwartet von ihm ganz naiv Antworten wie alles besser werden soll, der aber total überraschend genauso ahnungslos von „Kriminalität“ spricht wie das ganze „Team Wallraff“, weil er eine Marktlogik nicht verwerfen kann, die er mit seiner Partei proklamiert und für erstklassig befindet. Und schliesslich liefert das „Team Wallraff“ neue „Enthüllungen“, um „Diskussionen anzustoßen“! Diskussionen die sich im Kreis drehen! Es gibt schliesslich ein paar tausend Berufsgruppen auf der Welt! Und es gibt auch noch eine Menge Publikum zu verwirren, damit bloss keiner einen klaren Gedanken bekommt.

Apropos andere Berufsgruppe: Burger King! Nach gesundheitsgefährdenden Darmbaktieren in der Burgerküche, uralten Lebensmitteln im Verkauf als „frisch“, Leistungsdruck, unbezahlten Überstunden, verweigerungen die Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall zu machen usw. bemerkt Wallraff wie auch bei der Pflegekatastrophe mit finsteren Blick: „Das sind keine Ausnahmen, keine Missstände, sondern Zustände.“ Aha! Erstaunlich was die alles rausfinden! Was die alles wissen! Am Ende bekommt Wallraff mit seiner Liga der außergewöhnlichen Gentleman noch heraus, dass das alles mit dem Kapitalismus zutun haben könnte! Oder doch nicht? Bei Burger King ist der Bösewicht schnell gefunden, denn Superman-Wallraff braucht einen Gegenspieler: Ergün Yildiz. Klar! Ein blutrünstiger Migrant, der den deutschen Volkskörper mit seinem Gift verdirbt! Der muss es sein. Prompt ist er entlassen. Mission accomplished. Wallraff reitet in den Sonnenuntergang. Jetzt wird alles anders! Der deutsche Volkskörper ist gerettet! Platz an der Sonne! Burger King Filialien sind endlich (wieder) das Paradies, ein El Dorado der Glückseligkeit und Tierkadaver werden wieder mit einem ehrlichen Lächeln präsentiert. Bestimmt gibt es so eine profitgierige Krake („Hauptinvestor“ Zitat Wallraff) auch in den Pflegeheimen, die man nur finden und ausrotten muss, damit alles gut wird. Oder doch nicht?

Weitere Enthüllungen kommen, wenn die Quote für RTL stimmt. Vielleicht sollte Wallraff einen verkleideten Praktikanten in die RTL-Zentrale schicken? Möglicherweise produziert das Privatfernsehen soviel Dünnschiss, weil es am kostengünstigsten Profite bringt? Vielleicht findet Wallraff heraus, dass Menschen auf diesem Planeten verhungern, weil sie ihre Bedürfnisse nicht mit Geld legitimieren können, während gleichzeitig tausende Tonnen frischer Lebensmittel weggeworfen werden? Vielleicht wird er auch im Undercover-Bikini im Schwimmbad oder gar splitternackt am FKK-Strand investigativ herausfinden, dass Wasser nass ist! Wer weiss, aber eines ist eindeutig: Für Wallraff ist seit den 1960ern im ganzen Jahr Fasching und darauf kommt es doch an, denn eine Revolution gegen diese Zustände ist was für Idioten!

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Jana & Philip

Eine sechszehnjährige Tabletten- und Heroinabhängige schreibt in ihr Tagebuch: „Warum sollte ich mir das freiwillig antun? Das Leben ist eine stetig wachsende Hürde. Ich verpiss mich lieber von hier. Leben? Was hat man davon? Unsere Welt ist so hässlich, egoistisch, unfair, hart. Alle Gründe und Motivationen zu Leben zählen nicht. Und für uns bleibt Nichts. Am Ende gehen wir so oder so leer aus. Wofür strengt man sich dann an? Wir sind Mittel zum Zweck unsere Erde in Stand zu halten und dem endgültigen Ende näher zu kommen. Arbeiter fürs Schicksal. Unser Lohn ist der Tod.

Es ist wahr: Das Leben ist eine wachsende Hürde. Sie wächst simultan zum Sättigungsgrad der ohnehin schon gesättigten globalen Märkte, zur fallenden Profitrate und der daraus resultierenden Verschärfung der Arbeitsintensität, des Konkurrenzkampfes und Leistungsdrucks zuvörderst in den Betrieben und indirekt über die von der Politik erlassenen Lehrpläne in den Schulen. Mehr Lehrstoff in kürzerer Zeit, damit schneller, jüngere und leistungsfähigere Lohnarbeiter für den internationalen Wettbewerb zwischen den deutschen und internationalen Konzernen  zur Verfügung stehen. Und die Grabenkämpfe finden kein Ende, weil der Profitzwang kein Ende kennt. Arbeiten Amerikaner härter, schneller für weniger Geld, müssen wir noch härter, schneller und für noch weniger Geld arbeiten, was die Amerikaner wiederum unter Zugzwang setzt, denn ohne Verkauf kostengünstiger Produkte gibt es keinen Lohn, keine Steuern für Rente, Sozialsysteme usw. Und anstatt hiergegen Einspruch zu erheben, zu streiken, Alternativen zu erdenken, heißt es aller Orten nur: Wie können wir uns optimieren um mithalten zu können? Das sind einige gute Gründe sich zu berauschen, sich aus zu klammern, fern zu halten von einer Welt die im objektiven Sinne verrückt geworden ist.

Demnach hat sie in ihrem Vollrausch erkannt, dass die Welt so hässlich, egoistisch, unfair und hart ist, weil die Ökonomie das erfordert und von der Politik durchgesetzt wird. Und weil sie gemerkt hat, dass sie als Mensch gar nicht zählt, sondern nur ihre Leistungsfähigkeit, ihre Arbeitskraft, die Mittel zum Profit ist, und ihre ganze Persönlichkeit bloss ein Anhängsel und meistens ein Hindernis ist, will sie sich lieber verpissen und sterben. Ja, so ein Leben ist sinnlos, nicht lebenswert, es ist ein ekelerregendes und unbefriedigendes Schattendasein voller Tränen und Schmerz, Enttäuschungen und Vernachlässigungen. Mehr noch: Wir zerstören mit der Lohnarbeiterei unser Leben, das Leben der Anderen, das Leben der Tiere, der Umwelt, das Leben an sich, weil wir alles dem unendlichen Wachstum untergeordnet haben und das bedeutet: Unser Lohn ist der Tod. Das Nichts. Fatalismus und Gleichgültigkeit. Irrsinn und Barbarei. Wir gehen leer aus. Die einen sterben den Hungertod, weil sie ihren Bedürfnissen per (Un-)Zahlungsfähigkeit keine Legitimiation nachweisen können, die anderen sind zwar lebendig, aber innerlich tot, weil sie ihr Leben der wirtschaftlichen Produktivität geopfert haben. Es ist ein einziges Buckeln nach oben und Treten nach unten.

Was diese Ökonomie bräuchte, um das Leben zu erleichtern wäre ein Weltkrieg oder die Revolution. Ersteres sorgt zwischen Leichenbergen wieder für Märkte, Profit und Wirtschaftswunder. Letzteres würde Mädchen wie sie vor einem sinnlosen Herointod retten. Philip Seymour Hoffman ist an Heroin gestorben. Und er hatte alles: Ruhm, Geld, berufliche Perspektive, Talent und Charakter. Er gab nach 23 Jahren Nüchternheit der Leere in sich oder der Leere überall nach und es reichte nicht mehr um zurück zu kommen. Was ist es das die Menschen in die Sucht, in den Rausch treibt? Ein fehlfunktionierendes Umfeld, welches lieber mit dem Profit beschäftigt ist? Ein Leben, das mal so überhaupt gar nicht einem Rausch entspricht? Großartige Menschen lösen sich auf wegen einem gesellschaftlichen Verhältnis, welches eigentlich an ihrer Stelle aufgelöst gehört. Diese Schicksäler mahnen zu Demut, aber auch zu Entschiedenheit im Kampf gegen den Kapitalismus. Wieder und wieder verlieren wir Menschen und Lebensqualität. Wann haben wir es satt?

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Die Leichen Europas

In einem wohlkalkulierten Anfall von Nachdenklichkeit bedauert „das Ekel von Bellevue„, „der Schokoladenonkel (Gremlizas Kolummne 5/2013 Konkret) Joachim Gauck, den „vorhersehbaren Tod“ von „besonders verletzlichen Menschen„, die nur unter angeblicher Missachtung „europäischer Werte“ drauf gegangen seien. „Wegzuschauen“ während Menschen ertrinken oder im Falle von Frontex vielmehr tatenlos zu zuschauen gehört allerdings zum Alltag dieser hochgelobten Werte, dessen Diener Gauck übrigens ist, schliesslich will Europa sich nicht die teure Armut der Welt aufhalsen, wo man doch gerade selbst darum ringt mehr Anteile am Weltmarkt zu erstreiten, bessere Wertungen durch die Ratingagenturen zu bekommen, Investoren aus aller Welt anzuziehen und zu binden. So hat Deutschland im Jahr 2012  über 60.000 Entscheidungen bei Asylanträge getroffen und weniger als 30 Prozent anerkannt. Gleichzeitig hat man 2011 knapp 8000 Menschen abgeschoben. Obendrein wälzt Deutschland durch die Dublin-II-Verordnung 90 Prozent aller Flüchtlinge an 10 andere EU-Länder ab.

Was Europa aus Sicht ihrer Bilanzen braucht ist mehr Profit und nicht neuerliche Fixkosten. Deshalb gibt es Rapid Border Intervention Teams und Frontex, die natürlich ausschliesslich Leben retten bzw. „abwehren“ und gleichzeitig als übernatürliche Superhelden auch Zeit für imagestärkende Fotowettbewerbe finden. Es ist für diese Leute nur ein wertloses Detail, dass Europa sich nun als Held für eine Situation ausgibt, die es selbst geschaffen hat. Das lässt man sich gern ein paar hundert Millionen kosten, anstatt sie den faulen Schmarotzern aus den Verlierernationen als Begrüßungsgeld zu überreichen. Jene Wächter des Wohlstands verzeichnen es als Erfolg, wenn die Einwanderungsrate unter die Sterberate fällt, da schauen sie wie Gauck mit ihren Ferngläsern, Drohnen und Satelitten genau hin, wie die Leute ein paar Meter vor der rettenden Küste ersaufen. Pecht gehabt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Da ist der Tod tatsächlich „vorhersehbar„.  In diesen sauren Apfel beissen die Grenzpatrouilleure der EU gerne, denn sterben die Flüchtlinge vor der europäischen Grenze, ist Europa dafür nicht verantwortlich. Und welcher arme Afrikaner würde die mörderische, unterlassene Hilfeleistung schon anklagen können? Merkwürdig: Dem Kapital erlaubt man Reisefreiheit, aber den Menschen nicht. Da erinnert man sich doch an die DDR!

Es soll zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989 zwischen 137 und 245 Todesopfer an der Berliner Mauer gegeben haben. Dieses Unrecht wird immernoch häufig und legitimerweise  in Dokumentationen, im Theater oder Spielfilmen beklagt,  aber was ist mit den mindestens 180 verstorbenen Menschen, die allein letztes Jahr bei dem Versuch ein besseres Leben zu führen starben? Gauck spuckt Blut und Galle wenn es um den DDR-„Unrechtsstaat“ geht, aber hier reicht es nur für eine dusselige Geste des Bedauerns, als hätte er in seiner Funktion als Bundespräsident überhaupt keine Verantwortung und Möglichkeiten dagegen zu intervenieren. Schlimmer noch: Jene Freiheit, die Gauck mit dem Fall der Mauer erlebt haben will, erwürgt nun die Flüchtlinge aus aller Welt. Es ist nämlich die unsichtbare Hand des Marktes, das Europa, Deutschland, Afrika, Frontex, die Steuerzahler führt und würgt, wenn  Scharen von vermeintlichen menschlichen Parasiten bzw. wertlosen Flüchtlingen ausgesperrt, sanktioniert und beschimpft werden, die scheinbar überfallartig dem Europäer sein tapfer erarbeiteten Lohn stehlen wollen. Da keimen in jenen Europäern Verlustängste auf, die sowieso nie viel hatten und sich nie gefragt haben warum, wo sie doch so verbissen ihre Überstunden abgerissen haben.

Die europäischen Steuerzahler wissen ganz offensichtlich nicht, dass sie mit den Flüchtlingen im selben Boot sitzen. Sie haben den Konkurrenzkampf verinnerlicht und jegliche Menschlichkeit verdrängt, schliesslich muss man konform und flexibel bleiben um den Job zu behalten. Es ist auch für Lohnabhängige teuer sich für Schwächere einzusetzen und gut für die Karriere sie als Aufstiegshilfe zu nutzen. Oft genug müssen geduldete Flüchtlinge miese Arbeitsbedingungen ertragen und finden alles andere als eine Willkommenskultur oder freundliche Integrationsprogramme vor. Wie heißt es so gräßlich im Volksmund? Nach unten treten, nach oben buckeln. Wir alle sind lohnabhängig, egal ob wir nun aus Afrika oder Europa stammen. Ab Geburt zwingt man uns per Zuweisung zu einer Nationalität gegeneinander zu kämpfen und das für normal zu halten. Im Konkurrenzkampf verschwindet zu allererst das menschliche Bedürnfnis nach sozialer Wärme. Wo Leistung und Kampf herrscht ist kein Platz für Verständnis und Solidarität. Gerade jene Solidarität muss aber gegenüber den Flüchtlingen stattfinden indem die Verhältnisse hinterfragt und überwunden werden. Angesichts der horrenen Produktivitätssteigerungen muss kein Mensch Mängel erleiden.

Hierzulande haben hunderttausende Proletarier einige dünne soziale Errungenschaften mithilfe der mittlerweile zahnlosen Gewerkschaften erstritten, wodurch aus der Marktwirtschaft eine soziale Marktwirtschaft wurde, auch wenn die zum Beispiel im Zuge der stärkeren globalen Konkurrenz durch die Agenda 2010 wieder abgebaut wurde und wird. Dies muss Afrika noch genauso erstreiten wie Asien. Europa hat von einem Wirtschaftssystem profitiert, welches es beginnend mit der Aufklärung, der französischen Revolution, dem Merkantilismus Stück für Stück auf die Welt brachte, während z.B. Afrika dafür bluten musste.  Dies kann man im „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz nachlesen. Die Flüchtlinge sind nicht dafür verantwortlich, dass das Leben im Kapitalismus schwieriger wird bzw. schwierig ist. Es ist vielmehr der globale Konkurrenzkampf um Marktanteile, welcher über das betriebs- und volkswirtschaftliche Mantra der Neoklassik international, national, kommunal, über die Konzerne und Lohnabhängigen permanent aufrechterhalten wird, um auf rationale Weise einen irrationalen Selbstzweck zu folgen, der im Kern bloss aus Geld mehr Geld machen will.

Faktisch spielt der Mensch in dieser jetzigen Ökonomie eine untergeordnete Rolle, da er nur dann leben darf, wenn er profitabel ist und selbst wenn er das ist, existiert er nur als Automat des Kapitals woraus seelische Krisen von Amokläufen über Depressionen und Süchte entstehen. Tatsächlich verhungern Menschen in Afrika, Indien oder Bangladesh, wenn sie keine Arbeit haben. Das würden wir auch, wenn vorherige Generationen von Lohnabhängigen keine Sozialsysteme erkämpft hätten. Besser wäre es gewesen, sie hätten den Umsturz des Kapitalismus erkämpft, aber immerhin. Die Afrikaner werden von uns, über die Gesetzgebung, über die Parlamente, über die staatliche Souveränität aus demselben Profitkalkül ausgesperrt, wie wir als Lohnabhängige, wenn wir aufgrund eines Leistungsabfalls oder härterem Preiskampf am Markt aus Kostengründen entlassen werden. Niemand von uns hat die Kontrolle über sein eigenes Leben, das haben wir der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen. Die Haushaltskonsolidierung der europäischen Staaten funktioniert nicht anders als die Quartalsabrechnung bei Unternehmen: Die Kosten müssen niedriger sein als die Gewinne, egal ob darunter nun die Umwelt (Atomkraft/Plastikinseln auf den Weltmeeren usw.), die Tierwelt (Ausrottung von Arten) oder die Menschen (Hungertod) zu leiden haben. Hieran wird mehrheitlich geglaubt (siehe Wahlergebnis September 2013), wie ein Christ an Gott, wie ein Moslem an Allah glaubt und dementsprechend unzugänglich ist die damit identifizierte Bevölkerung für Gegenargumente.

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Warum die Revolution nicht ausbricht

Gleichgültig wo auf der Welt rebelliert wurde, es blieb bei einem kurzfristigen Aufschrei, der schnell in Reformismus oder Apathie unterging. Neben den üblichen inhaltlichen Verkürzungen, ist dafür auch die narzistische Kränkung in der Kindheit und im gesamten Leben verantwortlich. Niemals fühlen wir uns vollständig, aufrichtig geliebt und wertgeschätzt. Selbst wenn diese Wertschätzung kurz der Fall ist, besteht immer die Angst, es könnte bald damit vorbei sein. Stetig währt der Eindruck des Kontrollverlustes über das eigene Leben, der immer wieder aufkeimt und verdrängt wird. Dieses bedrückende Gefühl der Leere, Unsicherheit und Bedrohung scheint allgegenwärtig und unendlich.

Der Alltag ist also nicht nur von einer kalten Rationalität der Ökonomie durchzogen und definiert, sondern auch von einer Suche nach Selbstbestätigung, die jeder zwingend mehr oder weniger dringend verfolgt, weil die Kindheit niemals perfekt verläuft, weil es immer irgendwann zu einer Abgrenzung vom Selbst und Nicht-Selbst kommt, wie Freud es benannte. Irgendwann merken wir, wir sind nicht mehr im warmen, geschützten Mutterleib und dann stellt sich immer die Frage, wie man diesen Verlust von Schutz und Vertrauen wiederherstellen kann? Schliesslich lässt es sich mit diesem Verlust nicht leben. Die Kompensationen sind so vielfältig wie das Leben, Süchte nach Alkohol, Gras, Lebensmittel, Partys, Sport, PC-Games, usw. werden herausgebildet oder aber materielle Dinge, wie Geld oder Häuser angestrebt. Die gesellschaftlich am größten anerkannte Kompensationsinstitution ist einerseits im Bildungswesen und andererseits im Arbeitsmarkt verortet. Hier kann der gekränkte Mensch seine Selbstbestätigung im permanenten Konkurrenzkampf um Noten, Geld und Karriere versuchen. Die positive Identifikation mit der Arbeit, dem Wettbewerb, fördert damit die Unterstützung eines politischen, wirtschaftlichen Systems, welches irrational entgegen menschlicher Bedürfnisse u.a. vom Wertgesetz bestimmt wird.

Wenn also Brasilianer, Spanier, Deutsche, Engländer oder Chinesen protestieren, dann protestieren sie um gehört zu werden anstatt die Welt selbst zu machen, die ihren Bedürfnissen eher entspricht. Sie verorten die Fähigkeit, die Dinge zu verbessern im Staat oder in der Politik, die stets vorallem damit beschäftigt sind, den Reichtum der Nation zu mehren, also eine der Ursachen für ihr Elend darstellen (Kapitalakkumulation anstatt Bedürfnisbefriedigung). Einerseits fühlen sich die Individuen nicht mächtig genug, andererseits identifizieren sie sich mit Verhältnissen, die sie aussaugen, krank machen, benachteiligen und von den Reichtümern ausschliessen, die sie selbst hervorgebracht haben. Wenn fundierte Kritik gegenüber unserer Ökonomie stattfindet, dann hört dies das gekränkte Individuum nicht gerne, denn die fundierte (namentlich Marx, Adorno) Kritik besteht darin, Dinge wie Staat, Kapital, menschenfressenden Wettbewerb, Geld und andere Fetische abzuschaffen, – Dinge, die das gekränkte Individuum dummerweise als Selbstbestätigung braucht, um die Leere usw. zu ertragen. Die meisten Sozialprotestler wollen bloss vom Staat in die Arme geschlossen werden, um sich wieder wie ein Baby im Mutterleib fühlen zu können.

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass die US-Serie Walking Dead mit all ihren Zombies unserer eigentlichen Realität gar nicht so fern ist. Denn einerseits praktizierten wir eine Ökonomie, die uns zwingt, die globalen menschlichen Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, was in Afrika Hungertod und in Europa Arbeitsplätze bedeutet, und andererseits lieben wir es diese Zerstörung der Menschen und der Umwelt zu vollziehen, denn wir gehen im Konsum, in Arbeit, Staat und Kapital auf, wodurch wir es gewissermaßen geschafft haben, die eigene Leere erträglich zu halten, auch wenn die Zahl der psychischen Erkrankungen weiterhin wächst. Daher bricht die Revolution nur aus, wenn bei Sozialprotesten mit diesen Fetischen Schluss gemacht wird. Zunächst müssen Lohnarbeiter aufhören ihre wirklichen Gefühle zu verdrängen, bevor sie erkennen können, welche Katastrophen sie durch diese Verdrängung alltäglich anrichten. Blanke sachliche Argumentation, die sich gegen die Irrationalität der Ökonomie richtet, wird diese gekränkten Individuen nicht überzeugen, schliesslich hängt ihre Identität daran.

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Weltstar schenkt Obdachlosen n‘ Euro

Die Einkommensmillionärin „Pinkhat laut dem größten Schmierblatt des Landes „auf dem Weg ins Hotel“ einem „Obdachlosen“, der in Wahrheit eigentlich nur arbeitslos ist, „ihre einzigen beiden Euro-Scheine (ein Zehner, ein Fünfer)“ gegeben und damit bewiesen, dass sie „ein Weltstar mit ganz großem Herz“ ist. Der vermeintliche „Obdachlose“ pisst sich prompt vor Glück und Ehrfurcht in die Hosen, denn er wird wie folgt zitiert: „Sie war herzlich. Ich habe nicht gewusst, dass sie ein Star ist. Sie hat es nicht raushängen lassen, war sehr höflich. Die Scheine habe ich gleich aus dem Hut genommen, damit sie der Wind nicht wegweht.“ Kerl, sie hätte Dir auch ins Gesicht furzen können, es wäre aufs selbe hinaus gelaufen! Denn Pink ist längst aus Deutschland abgereist, nachdem sie ihr Album leichtbekleidet beim schmierigen Lanz mit einigen Hüftschwüngen bewerben konnte, und Du sitzt wieder mit Deinem Schildchen „Schäfer ohne Arbeit“ auf der Straße und erniedrigst Dich mit verzerrten Grinsen bei der Bettelei, während die Großzahl der vorbeilaufenden Passanten sich einen Scheißdreck um Dein Schicksal kümmert, schliesslich müssen sie selbst darum kämpfen nicht denselben Weg zu gehen. Gibt man jedem „Obdachlosen“ sein Geld, ist man bald selbst obdachlos.

Die Situation, die laut Bild-Blog gar nicht stattgefunden haben soll, wogegen aber das Zitat des Arbeitslosen spricht, wurde zumindest irgendwie „von Millionen Pink-Fans gesehen“. Kaum einer dieser „Millionen“ (Oder 700?) stellt sich die Frage; Warum ist Pink ein reicher „Star“ und Hans ein „obdachloser Schäfer“? Offensichtlich hat sie etwas höchstprofitables anzubieten, nämlich ihre Kunst, die sich glücklicherweise hoher Popularität erfreut und das sei ihr auch gegönnt. Hans hat dagegen keine Hüftschwünge im knappen Outfit zu bieten und ist auch keine männliche, deutsche Version der „Rockröhre“. Er ist bloss Schäfer. Ein höchst unprofitabler Beruf. Schlechte Wahl, mein Guter! Allerdings ist das genau der Punkt. Die Arbeitskraft von Frau Pink ist deshalb soviel wertvoller für den Markt, weil eine horrende Nachfrage nach ihren Ausdünstungen besteht. Unter Gesichtspunkten der Marktwirtschaft ist es da gerecht, wenn Hans auf der Straße herumlungert, arm ist usw., denn er kann als Schäfer keine Millionen Platten oder Konzertkarten, T-Shirts oder sonstwas verkaufen wie Pink, schliesslich sind Schäfer den meisten Leuten scheißegal, weil sie nicht dazu feiern können, also keine horrende Kohle dafür hergeben. Er ist sozusagen unflexibel, weil er auf einen altertümlichen, aber sicherlich sehr ehrwürdigen Beruf verharrt. Und wer unflexibel ist, sich nicht dem aktuellen Taktraten der Produktivität beugt oder daran orientiert, und wie irgendwelche Idiotien genau das studiert, was gerade laut den Massenmedien gesucht wird (mal sinds Ingenieure, mal Maschinenbauer, mal BWL, Jura oder überhaupt Fachkräfte), der verliert halt im Konkurrenzkampf die Möglichkeit sich als Arbeitskraft für Profite ausbeuten zu lassen.  Und wer sich nicht ausbeuten lässt ist eben überflüssig, deshalb liegt Hans wie ein Sack Müll auf der Straße, und wird genau so behandelt, während Pink für ihren Erfolg und ihre Glitzerwelt wie ein kleiner Gott bejubelt wird!

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Stiller Abstieg

Ein alter Arbeitskollege schreibt mir eine E-Mail. Er ist mittlerweile 30 Jahre alt, hat eine Frau und ein zweijähriges Kind. Damals war er mein Vorgesetzter und hatte genug Geld für Auto, Computer und Partys. Das letzte was ich von ihm hörte war, dass er seinen alten Job geschmissen hat und etwas neues machen wollte. Nun schreibt er aber: „Es tut mir leid dich bitten zu müssen, ob Du mir irgendwie helfen kannst. Mir geht es finanziell sehr schlecht, habe meinen Job verloren. Hast Du vielleicht die Möglichkeit mich bei (beliebige Firma einsetzen) zu empfehlen? Wenn mir nicht bald etwas einfällt müssen wir aus der Wohnung raus, weil wir die Miete nicht mehr bezahlen können.“ Man kann jetzt sagen es war naiv von ihm ein Kind zu zeugen und dann nicht ordentlich gearbeitet zu haben, aber diese Schicksäler sind im Kapitalismus vorprogrammiert. Wer nicht ständig hochflexibel schuftet und funktioniert, der darf auch nicht konsumieren oder auf ein halbwegs erträgliches Leben hoffen, denn dann ist er nur noch ein ungerechtfertigter Kostenfaktor, der keinen Profit abwirft, und damit völlig überflüssig. Dementsprechend fühlt sich das betroffene Subjekt. Zukunftsängste und Schuldgefühle treiben nun meinen Kollegen in den Wahnsinn. Er weiß nicht wie er seinem Kind etwas bieten soll, wie er und seine kleine Familie zurecht kommen sollen, was nur noch durch die Schuldzuweisungen an die eigene Person übertroffen wird. Da mir natürlich auch nicht das Glück zuteil wurde ein Millionenvermögen geerbt oder „verdient“ zu haben, und kein Ausbeuterbetrieb bzw. Konzern auf meine Meinung hört (wäre ja noch schöner), bleiben mir nur die üblichen Informationen, wie man hierzulande an Geld kommt: Teilzeit- und Zeitarbeitsjobs, die am ehesten noch Menschen wie ihn nehmen, die einen ordentlichen Bruch im Lebenslauf haben. Seine Naivität hat auch eine ideologische Grundlage, schliesslich hatte er bislang auf der Sonnenseite gelebt, musste zumindest nicht auf jeden Euro achten, und konnte den Sprüchen der Politik von der sozialen Marktwirtschaft glauben, weil er nach der Schule direkt einen Ausbildungsbetrieb fand, der ihn hinterher auch für einige Jahre übernahm. Sein Leben funktionierte trotz aller kapitalistischen Zwänge. Jetzt lernt er auf die harte Tour wie unsere Ökonomie für die Verlierer des Marktes funktioniert. Inwieweit das zur Reflektion oder Rebellion führt ist natürlich schwer zu sagen, vorallem wenn er horrende Verantwortung für sein Kind hat. Ein Kind soll um die 250 000 EUR bis zum 18. Lebensjahr kosten, dieses Geld will erstmal erworben sein. So ein sozialer Abstieg verläuft still und heimlich neben den saufenden, jubelnden und paarungswilligen Partygängern, den gesunkenen Arbeitslosenzahlen und den horrenden Reichtümern auf der Welt. Man sieht an solchen Schicksälern genauso vorbei, wie an den Obdachlosen auf der Straße oder den Hungernden in Afrika. All das gilt als Normalität, als Verschulden des Einzelnen, die Realität wird umgebogen damit man selbst weiterhin funktionieren kann, wie man es gewohnt ist.

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Trivialisierung des Lebens

Man ist auf ständiger Suche nach einem qualitativeren Ventil, welches einen aus dieser grausamen Welt entlässt, die ja vorallem Verletzungen, Enttäuschungen, Zurückweisungen, Hürden, Fallen und Schmerzen aufbietet, insbesondere wenn man sich zurecht finden will, wenn man normal und angepasst sein will. Wer funktionieren will in einer Welt des ständigen Konkurrenzkampfes, der permanente Vergleiche und Selbstdisziplinierung sowie -konditionierung aufzwingt, der also dem unerreichbaren Idealismus unserer modernen Gesellschaft entsprechen will, wo Leistung, Stärke und Jugendlichkeit mehr zählt als alles andere, der kann selbst bei großer Gesundheit nur irgendwann mit psychischen und physischen Schwierigkeiten und Erkrankungen rechnen. Die Vernichtung der Welt durch unser ökonomisches und politisches System fängt bei uns als bewusstlose Täter an, die als Arbeitnehmer glauben, einen sinnvollen Dienst innerhalb der Menschheit zu verrichten, auch oder gerade weil es ihnen soviel Kraft abverlangt und Schmerzen bereitet. Allerdings ist das ein Trugschluss, der keine Hinterfragung erfährt, weil man die Profitmaximierung der Ökonomie und Politik zu seiner persönlichen Sache macht, schliesslich fand bereits in frühester Jugend eine kontinuierliche Identifikation mit dementsprechenden Werten statt.  Diese Diskrepanzen zwischen eigener Empfindung und gesellschaftlichen Ansprüchen, die am ehesten noch in der Pubertät für die meisten Menschen gewahr werden, können dann nur noch als lästig empfunden werden. Denn man will sich gut fühlen und nicht den Eindruck haben, man sei nicht funktionstüchtig und damit nicht wertvoll oder liebenswürdig. Wer erinnert sich nicht an das Erlebnis schlechter Noten, Zeugnisse, Bewerbungsgespräche usw.? Wer weiß nicht wieviele Härten man im beruflichen Alltag überstehen muss damit man am Ende des Monats eine überlebensnotwendige Kapitalspritze erhält? Da schwindet das Herzblut bis zum Infarkt.

Damit das Erlebte ertragen werden kann, schafft man sich Ereignisse in denen man diese Konflikte, Entbehrungen und Schmerzen nicht mehr spürt. Wo einem nicht ständig angetragen wird unendlich mehr zu leisten, ständig verfügbar und flexibel zu sein und die eigenen Gefühle sowie charakterlichen Eigenheiten auszublenden. Am wolligsten fühlt es sich dann im Bereich des Entertaiments an, wo Filme, Fernsehen, Musik, Spiele und Partys  mit all ihren Genres und Facetten einem gewissen Unterhaltungsfaktor entsprechen. Filme bieten eine ideale Reflektionsfläche für die Träume und Sehnsüchte, die man im realen Leben nicht erfüllt sieht. Natürlich gibt es auch Dokumentationen oder Filme die mit einem gesellschaftskritischen Kontext aufwarten, aber sie gehen in ihrer Kritik oft nicht weitgenug und gefallen sich bloss in ihrer Position. Ähnlich im Fernsehen, welches aber gleichzeitig als Vergleichsvehikel dafür dient, was normal ist, was gesellschaftlich geachtet oder geächtet ist. Die systematische Sezierung  von adipösen Menschen bei Scripted Reality Shows, das aufgeblähte zelebrieren von Konkurrenzsituationen bei Casting- und Talentshows, die pseudointellektuellen Idealisierungen gesellschaftlicher Zustände in Talkshows, die entweder einen politischen oder boulevardesken Tonfall haben, bieten neben den ganzen Comedyformaten, die auch bloss mit billigen Klamauk die Isolation in der  Konkurrenzsituation und die daraus resultierende Seelenpein für ein paar Sekunden verdrängen sollen, also ein umfassendes Programm, um Ablenkung und Zerstreuung von einer Ordnung zu bieten, die die Menschen längst nicht mehr verstehen oder gar unter Kontrolle haben.

Die junge Generation führt es beim Zocken oder mit ihren trivialen Youtubevideos vor. Da wird zwar genau das reproduziert was ohnehin gesellschaftlich üblich ist, nämlich wer ist der beste Zocker, wer hat am meisten Erfolg in einem Game, allerdings wird der soziale Raum als wesentlich unproblematischer verstanden als es in der Realität wahrgenommen wird. Man konkurriert nämlich unter Freunden und es geht nicht um das Leben sowie dessen Qualität, wie im Berufsleben, sondern nur um den Spaß am gegenseitigen messen und ausprobieren. Dabei ist es auch egal ob etwas erschossen, zermetzelt oder konstruiert wird. Hauptsache man kann sich vom alltäglichen Leben distanzieren, welches einem eh immer nur über anonyme, abstrakte Herrschafts- und Machtverhältnisse dieselben absurden Anforderungen aufzwingt. Leute die süchtig nach Zockereien sind, wollen genau diesen Umstand permanent aufrechterhalten, weil sie eine massive Überforderung oder Ablehnung gegenüber der Schule, dem Beruf oder dem Privatleben empfinden, was ja auch seine Legitimität hat. Gesellschaftlich anerkannt und wesentlich gesünder wird dann das „Lets playen“ auf Youtube praktiziert, wo irgendein stumpfsinniger Müll über das eigene Gezocke als Tonspur drüber gelegt wird, und sich so mancher dieser daddelnden Erzähler einer hunderttausendfachen Zuschauerschaft erfreuen darf.  In Youtubevideos werden dann die Formate aus dem Fernsehen übernommen, trivialer Comedydurchfall wechselt sich mit Analysen über Schminke, Musik und Musik an sich ab. An Popularität erfreuen sich gerade jene, die besonders viel von diesem Müll fabrizieren. Alles was Abwechslung bietet, was technisch hochwertig ist, was sympathisch wirkt, wird also seine Fangemeinde finden, egal ob auf neuen oder alten Medien.  Die Partys sind Ausdruck der Vorstellung, man müsse sein Leben geniessen und als Selbstzweck feiern. Wer soviel jeden Tag arbeitet, der müsse sich auch etwas gönnen und etwas für sich tun. Dementsprechend tingeln vermutlich Millionen jedes Wochenende in die Hallen von Discotheken, Clubs, Bars, was auch immer, wo die Kehlen befeuchtet werden, nicht unbedingt um im Koma zu landen, aber um eine gewisse Druckerleichterung zu verspüren, wo man ebenfalls wie beim Zocken, beim Youtubevideos gucken, einen Abstand zum harten Alltag gewinnt, der dadurch natürlich keine nähere Betrachtung erfährt.

Was lässt sich also zu diesen ganzen Beschäftigungen letztlich zusammenfassend sagen? Die Freizeit wird mit besagten Zeitfressern befüllt, weil diese Aktivitäten sich nicht um den Großteil des eigentlichen Lebens kümmern und auch nicht um die alltäglichen Katastrophen, die darin und im beruflichen, schulischen Alltag angerichtet werden. Man lebt ein konformes Funktionieren im Getriebe der kapitalistischen Gesamtmaschinerie, erfreut sich sozusagen an den eigenen Fähigkeiten, die man durch die Entfremdung erarbeitet hat, trotz aller Verluste und Ängste, weil man nachwievor existiert, weil man mit Zweckoptimismus agiert, weil alle genauso funktionieren, und der Konsum von allerlei Produkten jeglichen Kot versüsst. Jeden Tag gibt es neue Songs, neue Filme, neue Clips, neue Clubs, neue Technik, neue Produkte, die einem die Mittel fürs Einrichten in ein unmenschliches Gefüge bieten sollen. Der Mensch verfügt nicht über sein Leben, er sitzt darin wie in einem Auto, welches aber der Kapitalmarkt und nicht er selbst lenkt, und empfindet den Blick aus dem Fenster als Freiheit, das betätigen der Hupe als Akt der Rebellion und die Wahl der Sitzfarbe als Individualität usw.  Der Antrieb dieses imaginären Mobils ist das Kapital, welches sich als Hauptantriebsfeder immer wieder den Planeten und den Menschen einverleibt, verdaut und auskotet, über seine Freude an der Konformität, seiner Identifikation mit seiner Sozialisation und Tradition, die ihm kein anderes Leben mehr vorstellbar macht, als das Leben im Kapitalverhältnis, obwohl er hier nur als Sklave und Diener fungiert, was er nur aushält, wenn er sich selbst verdrängt und gesellschaftlich erwünschte Rollen einstudiert und praktiziert. Die Reduktion des Lebens auf Leistung und Konkurrenz findet gerade im Freizeitverhalten seine wildesten Blüten. Blüten, die allerdings eher selten zu einer tatsächlichen Rebellionen gegenüber bestehenden Zuständen führt. Pubertäre Kämpfe führen kaum zu einer Selbstreflektion und Reflektion gesellschaftlicher Zustände. Vielmehr wird in der Mehrheit der eigene Zweifel, werden die ganzen alltäglichen Konflikte als Mangel der eigenen Persönlichkeit wahrgenommen, die unbedingt abgestellt gehören. Die Gläubigkeit in die Richtigkeit unserer Gesellschaft, trotz zehntausender Hungertoten täglich, trotz zigtausender Quadratkilometer Rodungen, trotz zig hunderter Arten die täglich ausgerottet werden usw, ist ein Zeichen für den Mangel an Aufklärung.

Auch die Kommunikation hat sich unlängst verändert. Da findet die Kritik an solchen Lebensinhalten keine größere Beachtung, einerseits weil die Präsentation nicht stimmt, andererseits weil es zu anstrengend geworden ist ein paar Absätze zu lesen, die einem nicht gleich Glücksmomente wie aus dem üblichen Konsum liefern. Die permanenten Herausforderungen in der Schule und in der Arbeit sorgen also für eine Ablehnung von Anstrengung im privaten Leben, weil die Belastungen gestiegen sind und die Reproduktion der eigenen Kräfte nur noch über möglichst große Abstandgewinnung in der Freizeit möglich ist. Der Erfolg des Fernsehens, von Hollywood, von der Gamingindustrie, der Musik, den Partys usw. erklärt sich aus dem Elend im beruflichen Leben bzw. in der Ökonomie. Man hat keine Zeit mehr, man muss ständig Weterbildung betreiben, und Sicherheiten nehmen eher ab als zu, da die Konkurrenz stetig wächst, weil sämtliche Nationen weltweit Anschluss am Weltmarkt finden. Demzufolge sind Exzesse wie das Komasaufen nur ein verzweifelter Versuch, Abstand gegenüber einer ökonomischen Realität zu bekommen, die einem immer weniger charakterliche Eigenheiten durchgehen lässt. Das Maß an Konformität, welches verlangt wird um höchste Profite erlangen zu können, nimmt also mit der wachsenden Konkurrenz zu, weil es eben immer schwieriger wird Produkte abzusetzen, ganz besonders dann, wenn Mitarbeiter nicht zielgerichtet arbeiten können. Der Mensch wirft sich in eine Ordnung hinein, die ihn und seine Umwelt widerum ins Chaos stürzt, weil sie ihn nur als Mittel für Profite benutzt. Ursprünglich dachte der Mensch einmal, er sei es, der von Profiten profitiert, das hat sich gewandelt.

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