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Der oszillierende Blick in der Perle des Reichs*

Ein Mann in seinen Fünfzigern liest Michel Houellebecq, während er auf die U-Bahn wartet. Ein Taxifahrer liest Slavoj Zizek. Ein irrer Verwarloster lacht minutenlang hypnotisch aus vollen Lungen, während er durch einen Durchgang der U-Bahn geht. Es war 10 Uhr morgens und es schien mir, als wäre er ein verrücktgewordener Lohnarbeiter oder einer, der endlich den Sinn des Lebens begriffen hat. Ich schien der Einzige zu sein, der von ihm irritiert worden war. Ein Obdachloser schlägt seine Matratze in einer Fußgängerzone auf und unterhält sich mit Passanten. Er sagt er ist ein Kämpfer und hat eine Schußwaffe zur Selbstverteidigung. Morgens werde ich vom stimmlichen Aufwärmprogramm einer Opernsängerin aus der Nachbarschaft geweckt. Das klappern von Stöckelschuhen hält mich davon ab, eines Abends einzuschlafen. Eine Oma mit Leopardenmantel brüllt zornig eisessende Muslime mit den Worten: „Ihr seid alle Verbrecher“ an. Sie wiederholt diesen Satz unzählige Male mit heiserwerdender Stimme. Eine Frau mit schwerem Hautausschlag im Gesicht fragt mich im Supermarkt nach exakt einem Cent, um sich eine Süßigkeit zu leisten. Später sehe ich, wie sie einen anderen Herrn um dieselbe Summe bittet. Die Kassiererin schreit erschrocken auf, als sie eine Rothaarige mit Undercut sieht: „Wahnsinn! Deine Frisur ist Wahnsinn, aber irgendwie schön!“ Die Tauben fliegen so dicht und rasant über die Köpfe der Passanten hinweg, dass sie von derem Gefieder fast berührt werden. Diese fliegenden Ratten wirken wie todbringende Geschosse oder Boten des Untergangs. Ein älterer Mann hält ein Schild in der Hand: „Ich habe Hunger“ und isst dabei mit herzhaften Genuss eine Wurstsemmel. Ein anderer Mann, dessen Gesicht man unter lauter Haaren nicht erkennt, spielt in der Dunkelheit Cello für 6 wildfremde Passanten. Die Wursttheken in den Supermärkten sind größer als meine Wohnung. Die Litfaßsäulen drehen sich. „Brutal verschimmelt“ auf dem Rücken stehen haben und dabei Dosenbier trinken: So geht Punk heute. Ein rassistischer, politischer Ortsverband hat ein Büro neben einem rumänischen Restaurant. Weibliche Wangen röten sich unter der Last von Hanteln in den Kellergewölben eines Studentenwohnheimes, als ob für die Olympiade trainiert würde. Man liest in der Zeitung, dass ein Mann seine Frau tötete, weil sie zu viel einkaufte. Egal wie schlecht man glaubt sich zu fühlen oder wie schlecht man glaubt auszusehen oder im Leben dazustehen, ein Schritt auf die Straße und man sieht genug, um durch eingefallene Gesichter, Tumore an der Stirn, gekrümmte, schwächliche, geschändete Figuren, apathisch herumsitzende Menschen usw, eines besseren belehrt oder zumindest zu Empathie aufgerufen und zu Demut angehalten zu werden. Andersherum muntern Kinder auf, wenn sie völlig im Verzehren einer Wurstsemmel versunken sind und von ihrem Papa im Einkaufswagen herumkutschiert werden, als wären sie die eigentlichen Könige dieser Welt. Ich bin ziemlich sicher, sie sind es sogar wirklich und wissen es instinktiv.

* = Hitler nannte Wien „Die Perle des Reichs“

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Suizid für alle

Das Leben ist ein ständiger Kampf um das Überleben. Wir Menschen sehen in unserem Alltag sehr genau was damit gemeint ist. Wir müssen ständig Informationen sowie Erfahrungen sammeln, um sie für ein möglichst effizientes Leben und Überleben einzusetzen. Darum heisst es auch: Wissen ist Macht.

Es gibt keine Ordnung und keine Sicherheit. Wir können jederzeit jämmerlich ersticken oder zusammen sacken. Wir haben keine Kontrolle, und doch verhalten wir uns so. Ich denke wir sind unglaublich hilflos dem Leben ausgeliefert, und alles was wir tun, ist uns davon abzulenken indem wir einfach Instinkten folgen.

Das Drama was sich in jedem Schicksal immer wieder abspielt, nennt sich also Überlebenskampf. Der Sonnenuntergang, der Mond und die Sterne täuschen Romantik vor, aber auf diesem Planeten geht es nur darum den Schwächeren kaputt zu schlagen, um selbst essen, trinken und leben zu können.

Wir brauchen uns gar nichts vormachen. Egal was wir sagen, unser Handeln beschreibt die Wahrheit. Es gibt täglich Kriege, es verhungern Tausende und wir haben Millionen Arbeitslose. Wir haben keine vom Menschen geschaffene Gerechtigkeit. Es existiert nur eine Gerechtigkeit und die ist universell von der Natur gegeben.

Die Liebe sorgt für Fortpflanzung, und wenn nicht dann eben der Geschlechtstrieb. Es läuft auf die Arterhaltung hinaus. Überleben und weitergeben. Das ist eine einfache und kalte Welt. Das Leben ist eine hässliche und abscheuliche Phase, in der man als Sammelsurium von Billionen Atomen herum irrt und täglich über neue vermeindliche Wunder stolpert.

Mich macht dieses Leben krank vor Zorn. Und das Handeln meiner Mitmenschen multipliziert diese Emotion um ein tausend-faches. Denn wir tun nichts anderes als dem Gang der Dinge zu folgen. Leider gibt es sehr wahrscheinlich keine echten Alternativen. Oder was haltet ihr von Massensuizid?

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