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Lebendige Peinlichkeiten

Das was der moderne Mensch gerne mit sich anzufangen wüsste, ist heute nur noch der Betrug seiner Selbst. Aber unter der Maßgabe dessen, was aus ihm hätte werden können, kann er sich stets nur verströsten. Ein ganzer Mensch wird er erst, wenn er keine Vermittlerfunktion zwischen Staat und Kapital mehr einnimmt. In umtriebiger Selbsttäuschung wurde hastig ein Ungetüm nach dem anderen belebt, um den Zweifel zu zerstreuen und sich selbst zu zerstören. Seht her, wir haben uns hohe Parlamente, Universitäten, Gerichte und Institute erbaut, sie sind so wahrhaftig, wirklich und bedeutend, sie können niemals falsch sein! Und den nachfolgenden Generationen stirbt die Kenntnis und Erinnerung immer genauer ab, dass diese Felsen nichts weiter als Totem für die Reflektion darstellen. Sie nehme hin. Sie haben sich seit Geburt an diesen Grobheiten aufgerissen und sind nun stumpf.

Jedes Jahr werden im deutschsprachigen Raum zehntausende Sozial- und Politikwissenschaftler ausgebildet und  zugleich sterben jeden Tag zehntausende Menschen an Hunger, während genauso täglich hunderttausende Tonnen frischer Lebensmittel in den Müll geworfen werden. Dass nun diese Wissenschaft nicht erkennt wie sie mit ihrer eigenen Lehre die Leere produziert, die dieses tägliche Morden zu einer Selbstverständlichkeit macht, die keinen mehr berührt, darin liegt ihre ganze Bedeutung für die Gesellschaft. Sie ist nichts weiter als eine Lüge, die den Wahnsinn ausbrühtet und uns alle der Vernichtung ausliefert. Nur die Apathie führt zur permanenten Entschuldigung, man könne ja nicht alles hinterfragen, da wäre doch soviel zu ändern und schliesslich sei zumindest das Risiko zu groß. Nichts befreit den Henker vor seiner Verantwortung, auch nicht die Sozialforschung, die aufgrund ihrer eigenen gedankenfaulen Aktivität mit dem Blut der Hungertoten täglich bespritzt wird.

Der Schrecken ein Mensch im Kapitalismus zu sein, der muss bekämpft werden, weil er keine Rationalität hat, so wie die ganze Produktionsweise. All das trägt sich nur fort, weil die Verblendung überall ist. Die Verzweiflung und Erschöpfung erschlägt noch jeden Gedanken an eine bessere Welt. Da alles versteinert, blind und leer geworden ist, sind jene mit der ultimativen Last belagert die Zukunft zu retten, die noch eine Regung spüren, einen Funken sehen und aus sich schöpfen können. Und wenn sie die Einsamkeit nicht hinterrücks ersticht, dann können sie es wagen und dieser Gesellschaft ins Gesicht schlagen. Das Scheitern ist aber angesichts dieser Totalität sicher, weil die Wahnvorstellungen die Bedeutung von unumstößlichen Wahrheiten erhalten haben.

Solange aber ein Hungernder sich dafür entschuldigen muss, Hunger zu haben, ein Obdachloser sich dafür entschuldigen muss kein Dach über den Kopf zu haben, ein Arbeitsloser sich dafür entschuldigen muss, keinen Job zu haben,  ein Arbeiter sich dafür entschuldigen muss, eine Verkürzung seiner Arbeitszeit zu erstreben, solange es also eine Peinlichkeit ist, Bedürfnisse zu haben, ein unendlicher Wert an sich zu sein, der Liebe empfängt und gibt, solange ist mit größter Aggressivität Widerstand gegen Staat, Nation und Kapital angesagt. Wer diesen Widerstand nicht vollzieht, der hat sich ergeben und hat aufgegeben sein Leben ganz zu leben. Das Glück aller, die Entfaltung aller, steht auf dem Spiel und sie wird jeden Tag durchgestrichen von einem blinden Prinzip, das wir alle jeden Tag vorantreiben und somit uns alle zugrunde richten.

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Die Mächte des kollektiven Wahnsinns

Unsere Gesellschaft ist systematische Akkumulation von physischem Leid und todbringender Gewalt. Die permanente Mobilmachung im Sinn der blinden, irrationalen Verwertung des Werts, der sich in den Tauschakten und in der abstakten Arbeit versteckt, treibt in immer ungeheureren Maß zur Entsexualisierung der Sexualität, zur Entleerung der Sprache, der Verstummung von Kunst, Kultur und Philosophie. Der Mensch entmündigt sich selbst und gerät im Prozess dieser Dynamik immer tiefer in die Abgründe eines wildgewordenen Kanninchenbaus. Ausdruck dieser Fatalität ist die Körperlosigkeit, Beziehungslosigkeit und Erinnerungslosigkeit, die anfällig für autoritären Masochismus und Sadismus macht. Die Menschen stürzen sich in die Lohnarbeit, in den Konsum, in die Ressentiments um die Realität abzuwehren, entziehen sich vor der eigenen Verantwortung das Leben selbst und vernünftig zu gestalten.

In Deutschland ist die Aggressivität, Apathie, Unzufriedenheit und Asozialität durch Angst, Schwäche, Frust und Konkurrenzneid gehärtet. Die Freudlosigkeit und Unfähigkeit zu Lieben entstammt dem eigenen verantwortungslosen Handeln, Straf- und Verfolgungswünschen und einer puren Lust- und Zivilisationsfeindschaft. Deutschland ist eine Vergesellschaftung der Paranoia, die permanent den eigenen Identitätsverlust imaginiert, sich dadurch wahnsinnig macht und daher auf alles einschlägt, was in diesem Zusammenhang auch nur irgendwie bedrohlich erscheinen könnte. Subjektlose Wendehälse im Korsett einer durch die eigene Aktivität verewigte Weltverkehrung, die das hunderttausendfache Sterben und Morden rationalisiert, normalisiert und veredelt: Das ist die Substanz unserer Realität.

Das Leben ist sinnlos. Es lässt sich nur erträglich machen über die persönlichen Beziehungen zu anderen Lebewesen, die in diese Tragik hineingeworfen wurden. Das höchste für den Menschen ist demnach der Mensch. Alles hat sich danach zu richten, was ihm Lust und Glück verschafft: Die Sozialisation, worin eine möglichst angstfreie Erziehung steckt, die Ökonomie, worin eine Produktion für den Gebrauchswert und nicht den Tauschwert existiert, die Politik, die ausschliesslich verwaltet und jederzeit wechselbar ist, die Ökologie, die nicht zerstört oder als reines Mittel gesehen, sondern bewahrt und als Selbstzweck behandelt wird, usw. usf. Das Glücksversprechen welches heutzutage im Konsum angedeutet ist, muss zu seiner vollen Entfaltung gelangen.

Wenn sozusagen klar ist, dass die Welt verrückt geworden ist, dann kann das sich selbst bewusstgewordene Individuum nur den Kampf dagegen antreten und zwar mit aller rückhaltlosen Schärfe der Kritik. Der Widerstand gegen die blinde Geschäftigkeit, die den Wahnsinn immerzu neu herauswachsen lässt, muss genauso gesteigert werden, wie gegen sämtliche Fetischformen, die die Warenform gebiert. Die Angst hierin zu scheitern ist irrelevant, weil es keine Alternative außer der Barbarei gibt. Entweder man streitet für eine andere Welt und scheitert oder man vergibt kategorisch die Chance sie jemals auch nur denkbar zu machen, was einer völligen Verweigerung zum Leben und der damit verbundenen Verantwortung gleichkommt. Wenn der Zufall einen vor dem Hungertod gerettet hat, so ist es absolut notwendig, für jene zu streiten, die ihn in grotesker Irrationalität sterben mussten und müssen. Der Preis wird mit dem Verlust einer üblichen Karriere im beruflichen Stahlgehäuse hoch sein, aber nicht hoch genug.

 

 

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Nieder mit der Lohnarbeit

Wenn es einen Anfang für die Zerstörung der Menschheit gibt, mit der sie aktuell hadert, dann ist es jener in der Produktionssphäre, wenn die Individualität, die in die Arbeitsprodukte mit einzigartigen Fertigkeiten einfliesst, gesteckt wird. Das Katastrophale wohnt in der abstrakten Arbeit. Jeder gegenwärtige Lohnarbeiter wird gebrochen, entleert, implementiert zugunsten eines irrationalen Zwecks, den er selbst blind und affektiv vorantreibt. Da abstrakte Arbeit ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt, welches den Charakter der einzelnen Lohnarbeit über die Produktivität also den zeitlichen Aufwand pro Produkt setzt, wird Arbeitszeit gegen Arbeitszeit der einzelnen Lohnarbeiter gesetzt und damit nicht nur von deren individueller Einzigartigkeit abgesehen, sondern auch ihre ganze Wertigkeit über die Intensivierung oder Rationalisierung der Lebenszeit definiert. Setzt sich dieser Prozess fort, der sozusagen ein fortlaufender Anfang ist, der von den Menschen selbst gesetzt wird, verunmöglicht sich damit die Ausbildung von Individualität, denn das Abhängigkeitsverhältnis, die Verdinglichung, die Ohnmacht und Totalität wächst und ist bereits ungeheuerlich gewachsen. Die Undurchschaubarkeit der gesellschaftlichen Prozesse hat sich in einem abstrakten Verblendungszusammenhang dynamisiert und dynamisiert sich dank der verdinglichten Arbeitsformen weiter, was die Möglichkeit zur Befreiung von diesem Zustand weiter untergräbt, da alle Gedanken und Aktivitäten auf der zweckrationalen Selbsterhaltung innerhalb dieses Prinzips verfolgt werden und werden müssen, da sonst kein Überleben gesichert werden kann oder wahrscheinlich scheint. Freilich ist dieser Prozess unmöglich ohne Staat, Nation, Kapital, Recht und Gesetz möglich.

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Emotionen statt Reflektionen – „Hunger!“ mit Claus Kleber

Das Fernsehen ist etwas fürs Volk, sagte einmal Felix Bartels. Und Claus Kleber spricht als Nachrichtenvorleser der Nation für das Volk. „Claus Kleber und Co-Autorin Angela Andersen interessieren sich bei ihrer Bestandsaufnahme vor Ort weniger für die Mächtigen und Regierenden, mit denen Kleber sonst als News-Anchorman des ZDF zu tun hat. Hier geht er vor allem zu den Menschen, die von Hunger und Durst betroffen sind und tapfer für eine bessere Zukunft kämpfen.

Das Internet funktioniert ähnlich wie das Fernsehen – nämlich über Emotionen. (Claus Kleber). Der ZDF-Anchorman geiselt das raffende Kapital, schreibt mit „Not“ und „Verzweiflung“ gegenüber dem „Unfassbarem“ eine flammende Hommage zugunsten des schaffenden Kapitals. „Hunger, lerne ich, hat viele Gesichter. Hier sind es die Fratzen von Profitgier und Inkompetenz.“ Er glaubt, dass wir zu viel Fleisch konsumieren („Chinas Rinderwahnsinn„) und daher Menschen verhungern. „Wenn sich jemand bescheiden muss, dann alle. Auch Egoismus ist ein Gesicht des Hungers.“ Antworten „sucht die zweiteilige Dokumentation weniger in Zahlen und wissenschaftlichen Analysen als in einer sehr persönlichen Betrachtung mit einer optimistischen Vision.“ Eine Vision, die dümmer kaum sein könnte: „Urban Gardening„, ein „Löffel Zuckerwasser„, „riesige Kugeln im Ozean“ und „faire Investitionen“ sollen als kleine „Puzzelstücke“ die Rettung sein. Kein schlechtes Ergebnis für eine Weltreise und ein Jahr „Planung, Überlegung und Fokussierung“ oder? Und überhaupt: „Um es gleich zu sagen: Das wird kein restlos objektiver Bericht.“ Na dann kann die geistlose, ressentimentbeladene Hetze ja losgehen!

Eigentlich ist alles super in der Marktwirtschaft. Maitland in Australien: „Das wir eigentlich genug für alle ernten, verdanken wir auch Kerlen,“ und „Kerlen“ wird hier mit einer extra Portion Pathos ausgesprochen; „Kerlen wie Ben. Er macht aus einem großen Stück Halbwüste in Südaustralien Brot für die Welt.“ Quasi wie Jesus, schöpft er aus der Todeszone Wüste („an den Grenzen des möglichen„) Leben. Ben: „Wir verwandeln Regen in Getreide.“ Transsubstantiation im ZDF! Ich habe es kapiert Kleber, der Arbeiter ist ein Heiliger! Aber dann das: „Silotürme und Verladeanlage haben Farmer gebaut. Jetzt kauft ein Großkonzern das Ganze auf.“ Der heilige Arbeiter wird vom internationalen Kapital überfallen. Schrecklich! Unerhört! Völker dieser Welt stürmt zu den Waffen!

Tapfer wirft sich der Volkstribun Kleber uneigennützig in den Dreck der Welt, um uns die ganze grauenvolle Wahrheit zu präsentieren: Tüchtige Produzenten, die im Schweiße ihres Angesichts schaffendes Kapital hervorbringen, aber „Rädchen im Getriebe der Großkonzerne“ sind, stehen seiner Ansicht nach im Kampf gegen eine „Weltmacht“ voller „Megakonzerne“, die „ihre Risiken streuen“, „Investmentfonds“, die „mit Milliarden pokern“ und „Geldstörmen“, die „30 mal so mächtig wie der Wert aller Ernten zusammen“ sind. Dies wäre nicht nur in Australien so, sondern auch in Afrika: „Der Großinvestor hat keine Hoffnung gebracht, er hat sie genommen.“ Gleiches gilt für Indien: „Einflussreiche Fabrikanten sichern sich dort ein Stück vom Profit hier. Auf der Strecke bleiben die, um die es eigentlich gehen soll.

Fragen über Fragen:

Generell stellt Kleber Fragen ohne sie je zu beantworten: „Was haben wir falsch gemacht?“ Oder: „Warum kommen so viele Lebensmittel nie bei den Hungernden an?“ Oder: „Wie kann es immer noch sein, das Menschen an Hunger sterben?“ Oder: „Wir produzieren mehr als genug Nahrung für alle. Warum leiden dann immer noch hunderte Millionen an Hunger?“ Oder kombiniert mit eigenen Ressentiments: „Wie können wir dem Land und den Ozeanen noch mehr abgewinnen, ohne die Böden auszulaugen und Fischbestände zu zerstören? Dürfen Nahrung und Trinkwasser weiterhin als Spekulationsobjekte an Börsen missbraucht oder als Machtinstrumente eingesetzt werden?“ Und: „Wie können trotz der weltweiten Bevölkerungsexplosion alle Menschen satt werden?

Guter Weizen verrottet. Liegen geblieben in Spekulationsgeschäften bei denen die Rechnung nicht aufging.“ Kleber fragt in eine Runde indischer Bauern: „Also nochmal die Frage, die mich hergeführt hat: Da ist soviel Reis hier, warum gibt es in Indien immer noch Hunger?“ Ein indischer Bauer antwortet: „Schlechtes Management der Regierung.“ Kleber: „Die Regierung ist schuld, huh!?“ Ein zweiter indischer Bauer schaltet sich ein: „Ja, Korruption. Die haben unser ganzes Geld auf schweizer Bankkonten versteckt.“ Kleber fragt den ersten indischen Bauer wieder: „Stimmt das was er sagt?“ Dieser reagiert zustimmend: „Er hat völlig Recht! Das sind alles Schurken. Krokodile, die das Land ausbeuten und das Volk bluten lassen.“ Unter emotionalisierenden Beats wird das unkommentiert einfach so stehen gelassen, als ob es sich dabei um eine treffende Analyse gehandelt hätte.

Über Respekt

Von seiner Anmutung her ist es ein großer, wenn Sie so wollen, opulenter Film. Mit Respekt vor den Menschen, denen wir begegnen“ (Claus Kleber im Interview). Die jungen Männer in dem afrikanischen Dorf fragen Claus Kleber, ob sie nicht nach Deutschland kommen dürfen und er „schafft es nicht„, lässig an einem Baum gelehnt, „ihnen ehrlich zu sagen„, „dass aus ihrem Traum nichts wird„. Macht nix Claus, Frontex wird es ihnen schon in Deinem Sinne zeitnah begreiflich machen.

Salamatus Land ist Beute geworden, eines globalen Trends. Reiche Staaten und Firmen pachten bestes Land der Dritten Welt. Kolonialismus 2.0. Nicht mit Soldaten. Mit großen Geld.“ Salamatu erzählt dann ganz im Widerspruch dazu, dass sie eben doch unter Waffengewalt von Soldaten, Polizisten und schliesslich ihrem Häuptling, der die Regierung hinter sich hatte, ihr Land völlig unter Wert verkauft hat.

Sie [die Bevölkerung in dem afrikanischen Dorf] glauben wohl, dass dieser Film den Konzern zu einem besseren Deal zwingen wird.“ Was für ein Irrtum, es geht hier in der „persönlichen Betrachtung“ nur darum Vorurteile zu bestätigen und eben nicht darum die Lebensverhältnisse der Armen nachhaltig und qualitativ zu verbessern. Warum sonst hat man sich gleich von Beginn an von der Wissenschaft verabschiedet? Kleber weiter im Text: „Aber ich sage es nicht, damit Salamatus weiter mit mir spricht.“ Klar, verarschen wir sie ruhig noch weiter, soviel zum Thema „wenn wir die Afrikaner betrügen.“ (Claus Kleber im Interview) – „Ich fühle mich schäbig dabei, aber ich brauche ihre Geschichte.“ Wofür? Für die Quote? Um bei Markus Lanz mehr erzählen zu können und Schulterklopfer zu ernten? Um im Namen der Armen besser in den Krieg gegen die Spekulanten ziehen zu können?

Fressen und gefressen werden:

Plötzlich spielen die Preise „verrückt“. „Kein Wunder, wenn die Weltbevölkerung dreimal schneller wächst als die Produktion, brauchen wir immer mehr. Koste es was es wolle.“ Moment mal! Hat Claus Kleber nicht eben Jean Ziegler zitiert, der sagte, dass jedes verhungernde Kind ermordet wird, weil bereits jetzt für 12 Milliarden Menschen Nahrung produziert wird? Wen interessiert es, die Chinesen fressen „mit der Tendenz grenzenlos„, so als ob sie schwarze Löcher in ihren Mägen hätten. Also gehen wir dort mal hin und suggerieren, dass der Welthunger mit Veganertum zu erledigen ist. „Es ist Wahnsinn. Menschen verhungern und wir mästen weltweit 1,5 Milliarden Kühe für unsere Lust auf Fleisch und Milch.“ Dabei war der Konsum noch nie Antriebsfeder für den Kapitalismus, sonst würde niemand hungern und würden nicht Millionen Tonnen frischer Lebensmittel weggeworfen. Daher weiß Kleber auch nicht was er den Chinesen vorwerfen soll: „Sie arbeiten sauber und gewissenhaft.“ Wie echtes schaffendes Kapital eben! Sie tun was alle tun, sie arbeiten so, dass es profitabel ist. „Sie richten sich nach den Regeln industrieller Nutztierhaltung und sie glauben, dass das Fortschritt sei. Das habe ich ja auch geglaubt, bis jetzt.“ Nein, letzteres war ein Scherz, das glaubt er immer noch, deswegen plädiert er ja für „faire Investitionen„, um sowohl Hunger als auch alles andere lösen. „Wenn demnächst alle soviel Fleisch essen, wie wir heute, fahren wir die Sache gemeinsam vor die Wand.“ Nein, selbst wenn wir alle nur noch Steine lecken, wird das wohl kaum die Dynamiken und Krisen innerhalb des Kapitalismus verändern oder lösen, schließlich tangiert unser Konsumverhalten nicht das Prinzip der kapitalistischen Produktionsweise. Autarkie und Verzicht in Zeiten von Überfluss ist obendrein schlichte Dummheit.

Reflektionen statt Emotionen:

Im Kapitalismus verhungern Menschen, obwohl Lebensmittel in überreichlichem Ausmaß produziert werden. Im Kapitalismus werden Kriege geführt, obwohl genug Güter für alle vorhanden sind – niemand um sein Überleben kämpfen müßte. Im Kapitalismus müssen Menschen körperlich schwer schuften, obwohl es ausreichend und zunehmend perfektere Maschinen gibt, die ihnen die Mühe abnehmen oder zumindest unendlich erleichtern könnten. Im Kapitalismus müßte immer weniger gearbeitet werden, dennoch verlängert sich der Arbeitstag auf bis zu 16 und mehr Stunden, werden selbst Kinder zur Arbeit herangezogen. Marxens Vermutung: Nicht obwohl soviel Reichtum im Kapitalismus geschaffen wird, verelenden Menschen, sondern gerade weil. Genauer: Die Form, in der der Reichtum geschaffen wird, die Warenform, ist dafür verantwortlich, daß Menschen massiv verelenden.“ („Die halbe Wahrheit ist die ganze Unwahrheit“ – Conne Island)

Mich überfordert das Labyrinth,“ kein Problem Claus! Schauen wir uns die Realität an. Aber wo fangen wir da am besten an? Vielleicht dort wo die Dokumentation beginnt. „So hatte ich mir den Tag nicht vorgestellt: Ich suche Einblick in eine Krise und stattdessen führen sie mir ihren Stolz vor„: Säcke voller Lebensmittel werden vor die Füße des entgeisterten Nachrichtensprechers und Armutstouristen ausgeschüttet.

Dabei ist das gar nicht verwunderlich: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, 49). Es gibt genug Gebrauchswerte in der Welt, die von den Menschen konsumiert werden könnten, ein Blick in irgendein Kaufhaus oder die Produktionszahlen von Lebensmitteln oder anderen Gütern zeigt das. Die Gebrauchswerte können aber nicht konsumiert werden, wenn das menschliche Bedürfnis sich nicht über finanzielle Mittel legitimiert. Wer kein Geld hat, wird auch nicht essen. Deshalb verhungern Menschen neben Bergen von frischen Lebensmitteln. Gebrauchswerte werden nur dann verkauft, wenn die in der Ware enthaltene Kalkulation aufgeht, also genug Tauschwerte für die Mehrwertproduktion veräußert werden können. Es ist also nicht so wie die Ausgangsfrage der Dokumentation suggeriert: „Auf unserem Planeten müsste kein Kind verhungern oder verdursten, wenn wir alles richtig machen würden.“ Es verhungern und verdursten Menschen, eben gerade weil wir alles „richtig“ also im Sinne der kapitalistischen Produktionsweise machen.

Neben diesen Grundwiderspruch im Kapitalismus gibt es noch einen weiteren: Einerseits muss immer mehr lebendige Arbeit (variables Kapital) eingespart, deren Tätigkeit durch Maschinen (tote Arbeit, konstantes Kapital) ersetzt werden, andererseits ist diese lebendige Lohnarbeit der einzige wertschaffende Faktor. Norbert Trenkle spricht hier vom „Selbstwiderspruch des Kapitals zwischen Produktivkraftentwicklung und Verwertungsimperativ.“ Der Zwang, Mehrwert zu produzieren, hat zudem zur Folge, die Mehrwertmasse zu senken. Jede Innovation in der Produktion, die u.a. der Konkurrenzkampf aufnötigt, sorgt für Einsparung menschlicher Arbeitskraft und für eine Reduktion der Wertproduktion, weil mehr und besser in kürzerer Zeit produziert werden kann. Es müssen mehr Waren als zuvor abgesetzt werden, damit Profit gemacht werden kann. Resultat ist anders gesagt die gesamtkapitalistische Senkung der Wert- und Profitmasse.

Die Verwertung des Werts gerät also immer weiter ins Stocken, seit 1945 wurden Staaten mehrere hundert Mal zahlungsunfähig, da die die Märkte gesättigt sind, dort keine Profite mehr im großen Maß abzusetzen sind, die Produktivkraft größer denn je ist, keine gigantischen Produktinnovationen, wie die der Mikroelektronik, mehr stattfinden. Damit Wertschöpfung überhaupt noch ausreichend stattfinden kann, wird Spekulation mit Finanzprodukten notwendig. Fiktives Kapital in Form von Aktienkapital greift auf zukünftige reale Wertschöpfung (Lohnarbeit) zu. Ergeben sich nicht die prognostizierten Verwertungen, platzt die Spekulationsblase und es gibt eine Krise.

Ernst Lohoff: „Es wird so getan, als wäre der spekulative Kasino-Kapitalismus der Grund für mangelnde Realinvestitionen und Massenarbeitslosigkeit. In Wirklichkeit ist das Verhältnis genau umgekehrt: Weil die Produktivitätssteigerung der dritten industriellen Revolution seit den achtziger Jahren die Expansion der Märkte überholt und arbeitsplatzträchtige Realinvestitionen unrentabel gemacht hat, strömt das Geldkapital in die Finanzmärkte und treibt immer größere spekulative Blasen.“ („Entfesselter Spekulant“ – Jungle World)

Die Lohnarbeit existiert für die Produktion von Mehrwert, das Finanzkapital bzw. die Spekulation existiert für die Produktion von Mehrwert. Sie sind die Kehrseiten derselben Medaille, bedingen und beziehen sich aufeinander. Wer also vom Mehrwertterror in der Fabrik nicht reden will, sollte von den finsteren Spekulanten schweigen. Alle Individuen in dieser Gesellschaft werden geknechtet ovn einem und demselben Zwangsverhältnis, dem neuen kategorischen Imperativ: Handle so, dass am Ende mehr rauskommt!

Der Film mit Claus Kleber ist also eben nicht wie die SZ-Online schreibteine sehr systematische Analyse der Gründe“ für Hunger. Das Credo der Kritik von Claus Kleber lautet: Lohnarbeit und Mittelstand gegen Finanzkapital für eine krisenfreie Marktwirtschaft, in der „die tüchtigen Produzenten belohnt und nicht die unproduktiven Geldverleiher, Grundeigentümer und andere Parasiten bereichert“ werden (Neo-Gesellianer Klaus Schmitt, zitiert nach Robert Kurz 1995). Man spricht den multinationalen Konzernen gesamtwirtschaftliche Verantwortungslosigkeit zu, weil sie sich aus den angeblich produktiven Sektor zurückzögen, stattdessen Wertpapiergeschäfte tätigten, dem Mittelstand damit den Boden unter den Füßen wegzögen. Die bombig laufende Marktwirtschaft wird angeblich von geldgeilen, kosmopolitisch ausgerichteten Dunkelmännern attackiert, die die Politik und überhaupt alles in der Tasche haben, wenn man sie nicht dingfest macht. Kleber stülpt der subjektlosen Herrschaft des Wertprinzips seine üble Ausbeutersubjektivität über. Es hat im Kapitalismus eine lange, gefährliche Tradition, die Zirkulationssphäre des Kapitalismus, gegen die Produktionssphäre auszuspielen, weswegen diese Kritik überhaupt keine ist, sondern reines Ressentiment.

Für Chaya

Ein Kommentar

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Deutschlands Wutbürger

Hunderte Berliner applaudierten am 1. April 2014 mit Begeisterung einem antisemitischen Demagogen, der nun auch im Internet mit zehntausenden Klicks innerhalb weniger Tage großen Erfolg hat.

Ken Jebsen ist als deutscher Wutbürger, und Wut ist hier in all seinen Auftritten wörtlich zu nehmen, vorallem in Folge seiner Querfrontstrategie zu einigen Kunststücken fähig: Er argumentiert einerseits eindeutig antisemitisch, wenn er behauptet, der „Zinseszins“ und die „Wirtschaftseliten“ würden die Welt regieren und stellt sich andererseits gleichzeitig auf die Seite von Dutschke (APO, SDS, marxistischer Soziologe) und die Geschwister Scholl.

Desweiteren ist er konsequent uneindeutig wenn er diverse Themen anspricht: Er sei für „Veränderungen“ und „Aktivist“, weil er „aktiv ist“ (wer hätte das gedacht) und „unabhängiger Reporter“ (was auch immer das heißen soll), der nicht zum Kanzler gemacht werden will (sondern Reichskanzler?), der „die da oben“ wegfegen will (Marsch nach Berlin?), der für Konsumverzicht, Dezentralisierung, Schwarmintelligenz (Blut- und Schicksalsgemeinschaft?), den Aufbau eigener Medien (Völkischer Beobachter?) plädiert: „Wir brauchen unser eigenes Twitter, Google, Facebook“ (Antiamerikanismus darf nicht fehlen). Er hetzt gegen Banken, Merkel, die FDP, Wahlen, breitet 9/11 Verschwörungstheorien aus, hat etwas gegen „totale Überwachung“, „gegen Regierungen“ und „gekaufte“ Politiker, misstraut den Amerikanern mehr als den Russen, befürchtet den „dritten Weltkrieg“ in Europa usw. Seine Thesen richten sich dabei strikt an die Vorurteile und Emotionen seiner Zuhörer, die alle Steilvorlagen dankbar und jubelnd aufgreifen.

Warum Zinseszinskritik im besonderen antisemitischer Struktur ist? Wenn man die Produktionssphäre von der Zirkulationssphäre unterscheiden bzw. trennen will und das tut Jebsen, wenn er den Zinseszins einsam herausstellt, dann steht das in einer Linie mit historischen, antisemitischen Vorläufern wie Proudhon, Lassalle, Gesell, Gottfried Feders. Man argumentiert damit automatisch gegen das schlechte, unproduktive, raffende Kapital (z.B. Zins, Finanzkapital) und für das gute, produktive und schaffende Kapital (Lohnarbeit), – denn man bedenkt die Werttheorie, das Geld, das Kapital, den Profit, den Staat, die Nation, den Fetisch, die anonyme Herrschaft, die Konkurrenz, den Doppelcharakter der Ware und der Arbeit usw. nicht. Wohin das führen kann, haben die Konzentrationslager des Nationalsozialismus bewiesen, der den Kapitalismus wie Jebsen personalisiert hat (Eliten, die angeblich alles an sich reissen, wie eine jüdische Krake, wie zuletzt bei der SZ, die antisemitisch Facebook kritisierte: http://cdn1.spiegel.de/…/image-663644-panoV9free-yzlf.jpg) und Juden mit dem Kapital gleichsetzte, eben anstelle des Kapitals die Juden ausrottete, um damit den Versuch zu unternehmen, das deutsche Volk zu retten. Nicht umsonst wurde zwischen schaffenden und raffenden Kapital unterschieden.

Ein neuer Volkstribun (so nannte Goebbels einst Hitler) ist geboren, der die deutsche Seele liebkost. Der Vergleich hinkt? Hat Hitler nicht auch eine Querfrontstrategie verfolgt („Nationaler Sozialismus“)? Hat er nicht antisemitisch argumentiert? Hat er nicht gegen die demokratischen Politiker gehetzt? Katastrophen beschworen? An Emotionen und Vorurteile appelliert? Die Deutschen als passive Opfer hingestellt, die sich endlich erheben mögen? Der moderne Antisemit hat aus Auschwitz gelernt, spricht nicht mehr offen von der Ausrottung, versteckt seinen Antisemitismus hinter indirekten Schachtelsätzen, scheinbar gutem Willen wie Jebsen hinter „Frieden“ und „Veränderung“ (Siehe: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert – Von Prof. Schwarz-Friedel).

 So zieht der brave, augenscheinlich geläuterte Deutsche und moderne Antisemit gerade wegen Ausschwitz in den Krieg, wie damals Joschka Fischer 1999 bezüglich dem Kosovo argumentierte  und heute Joachim Gauck, der die historische, deutsche Schuld nicht als „Recht auf Wegsehen“ betrachten sondern vielmehr im Gegenteil verstärkt mit Deutschland militärisch eingreifen will. Jebsen muss noch wütender werden, denn er hat Konkurrenz mit all den Sarrazins („Deutschland schafft sich ab“) und Elsässers („Feindbild Familie“) dieser Nation, die auch schon sehr erfolgreich den deutschen Volkstod befürchten. Wobei die sich alle schon auf diversen Podien die Hand gereicht haben. Immer mehr Menschen „wachen auf“. Endlich heisst es wieder: „Deutschland erwache.“ Würde es doch lieber für immer schlafen.

P.S. Hier noch eine Jebsen-Kritik

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Die Leichen Europas

In einem wohlkalkulierten Anfall von Nachdenklichkeit bedauert „das Ekel von Bellevue„, „der Schokoladenonkel (Gremlizas Kolummne 5/2013 Konkret) Joachim Gauck, den „vorhersehbaren Tod“ von „besonders verletzlichen Menschen„, die nur unter angeblicher Missachtung „europäischer Werte“ drauf gegangen seien. „Wegzuschauen“ während Menschen ertrinken oder im Falle von Frontex vielmehr tatenlos zu zuschauen gehört allerdings zum Alltag dieser hochgelobten Werte, dessen Diener Gauck übrigens ist, schliesslich will Europa sich nicht die teure Armut der Welt aufhalsen, wo man doch gerade selbst darum ringt mehr Anteile am Weltmarkt zu erstreiten, bessere Wertungen durch die Ratingagenturen zu bekommen, Investoren aus aller Welt anzuziehen und zu binden. So hat Deutschland im Jahr 2012  über 60.000 Entscheidungen bei Asylanträge getroffen und weniger als 30 Prozent anerkannt. Gleichzeitig hat man 2011 knapp 8000 Menschen abgeschoben. Obendrein wälzt Deutschland durch die Dublin-II-Verordnung 90 Prozent aller Flüchtlinge an 10 andere EU-Länder ab.

Was Europa aus Sicht ihrer Bilanzen braucht ist mehr Profit und nicht neuerliche Fixkosten. Deshalb gibt es Rapid Border Intervention Teams und Frontex, die natürlich ausschliesslich Leben retten bzw. „abwehren“ und gleichzeitig als übernatürliche Superhelden auch Zeit für imagestärkende Fotowettbewerbe finden. Es ist für diese Leute nur ein wertloses Detail, dass Europa sich nun als Held für eine Situation ausgibt, die es selbst geschaffen hat. Das lässt man sich gern ein paar hundert Millionen kosten, anstatt sie den faulen Schmarotzern aus den Verlierernationen als Begrüßungsgeld zu überreichen. Jene Wächter des Wohlstands verzeichnen es als Erfolg, wenn die Einwanderungsrate unter die Sterberate fällt, da schauen sie wie Gauck mit ihren Ferngläsern, Drohnen und Satelitten genau hin, wie die Leute ein paar Meter vor der rettenden Küste ersaufen. Pecht gehabt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Da ist der Tod tatsächlich „vorhersehbar„.  In diesen sauren Apfel beissen die Grenzpatrouilleure der EU gerne, denn sterben die Flüchtlinge vor der europäischen Grenze, ist Europa dafür nicht verantwortlich. Und welcher arme Afrikaner würde die mörderische, unterlassene Hilfeleistung schon anklagen können? Merkwürdig: Dem Kapital erlaubt man Reisefreiheit, aber den Menschen nicht. Da erinnert man sich doch an die DDR!

Es soll zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989 zwischen 137 und 245 Todesopfer an der Berliner Mauer gegeben haben. Dieses Unrecht wird immernoch häufig und legitimerweise  in Dokumentationen, im Theater oder Spielfilmen beklagt,  aber was ist mit den mindestens 180 verstorbenen Menschen, die allein letztes Jahr bei dem Versuch ein besseres Leben zu führen starben? Gauck spuckt Blut und Galle wenn es um den DDR-„Unrechtsstaat“ geht, aber hier reicht es nur für eine dusselige Geste des Bedauerns, als hätte er in seiner Funktion als Bundespräsident überhaupt keine Verantwortung und Möglichkeiten dagegen zu intervenieren. Schlimmer noch: Jene Freiheit, die Gauck mit dem Fall der Mauer erlebt haben will, erwürgt nun die Flüchtlinge aus aller Welt. Es ist nämlich die unsichtbare Hand des Marktes, das Europa, Deutschland, Afrika, Frontex, die Steuerzahler führt und würgt, wenn  Scharen von vermeintlichen menschlichen Parasiten bzw. wertlosen Flüchtlingen ausgesperrt, sanktioniert und beschimpft werden, die scheinbar überfallartig dem Europäer sein tapfer erarbeiteten Lohn stehlen wollen. Da keimen in jenen Europäern Verlustängste auf, die sowieso nie viel hatten und sich nie gefragt haben warum, wo sie doch so verbissen ihre Überstunden abgerissen haben.

Die europäischen Steuerzahler wissen ganz offensichtlich nicht, dass sie mit den Flüchtlingen im selben Boot sitzen. Sie haben den Konkurrenzkampf verinnerlicht und jegliche Menschlichkeit verdrängt, schliesslich muss man konform und flexibel bleiben um den Job zu behalten. Es ist auch für Lohnabhängige teuer sich für Schwächere einzusetzen und gut für die Karriere sie als Aufstiegshilfe zu nutzen. Oft genug müssen geduldete Flüchtlinge miese Arbeitsbedingungen ertragen und finden alles andere als eine Willkommenskultur oder freundliche Integrationsprogramme vor. Wie heißt es so gräßlich im Volksmund? Nach unten treten, nach oben buckeln. Wir alle sind lohnabhängig, egal ob wir nun aus Afrika oder Europa stammen. Ab Geburt zwingt man uns per Zuweisung zu einer Nationalität gegeneinander zu kämpfen und das für normal zu halten. Im Konkurrenzkampf verschwindet zu allererst das menschliche Bedürnfnis nach sozialer Wärme. Wo Leistung und Kampf herrscht ist kein Platz für Verständnis und Solidarität. Gerade jene Solidarität muss aber gegenüber den Flüchtlingen stattfinden indem die Verhältnisse hinterfragt und überwunden werden. Angesichts der horrenen Produktivitätssteigerungen muss kein Mensch Mängel erleiden.

Hierzulande haben hunderttausende Proletarier einige dünne soziale Errungenschaften mithilfe der mittlerweile zahnlosen Gewerkschaften erstritten, wodurch aus der Marktwirtschaft eine soziale Marktwirtschaft wurde, auch wenn die zum Beispiel im Zuge der stärkeren globalen Konkurrenz durch die Agenda 2010 wieder abgebaut wurde und wird. Dies muss Afrika noch genauso erstreiten wie Asien. Europa hat von einem Wirtschaftssystem profitiert, welches es beginnend mit der Aufklärung, der französischen Revolution, dem Merkantilismus Stück für Stück auf die Welt brachte, während z.B. Afrika dafür bluten musste.  Dies kann man im „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz nachlesen. Die Flüchtlinge sind nicht dafür verantwortlich, dass das Leben im Kapitalismus schwieriger wird bzw. schwierig ist. Es ist vielmehr der globale Konkurrenzkampf um Marktanteile, welcher über das betriebs- und volkswirtschaftliche Mantra der Neoklassik international, national, kommunal, über die Konzerne und Lohnabhängigen permanent aufrechterhalten wird, um auf rationale Weise einen irrationalen Selbstzweck zu folgen, der im Kern bloss aus Geld mehr Geld machen will.

Faktisch spielt der Mensch in dieser jetzigen Ökonomie eine untergeordnete Rolle, da er nur dann leben darf, wenn er profitabel ist und selbst wenn er das ist, existiert er nur als Automat des Kapitals woraus seelische Krisen von Amokläufen über Depressionen und Süchte entstehen. Tatsächlich verhungern Menschen in Afrika, Indien oder Bangladesh, wenn sie keine Arbeit haben. Das würden wir auch, wenn vorherige Generationen von Lohnabhängigen keine Sozialsysteme erkämpft hätten. Besser wäre es gewesen, sie hätten den Umsturz des Kapitalismus erkämpft, aber immerhin. Die Afrikaner werden von uns, über die Gesetzgebung, über die Parlamente, über die staatliche Souveränität aus demselben Profitkalkül ausgesperrt, wie wir als Lohnabhängige, wenn wir aufgrund eines Leistungsabfalls oder härterem Preiskampf am Markt aus Kostengründen entlassen werden. Niemand von uns hat die Kontrolle über sein eigenes Leben, das haben wir der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen. Die Haushaltskonsolidierung der europäischen Staaten funktioniert nicht anders als die Quartalsabrechnung bei Unternehmen: Die Kosten müssen niedriger sein als die Gewinne, egal ob darunter nun die Umwelt (Atomkraft/Plastikinseln auf den Weltmeeren usw.), die Tierwelt (Ausrottung von Arten) oder die Menschen (Hungertod) zu leiden haben. Hieran wird mehrheitlich geglaubt (siehe Wahlergebnis September 2013), wie ein Christ an Gott, wie ein Moslem an Allah glaubt und dementsprechend unzugänglich ist die damit identifizierte Bevölkerung für Gegenargumente.

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Warum die Revolution nicht ausbricht

Gleichgültig wo auf der Welt rebelliert wurde, es blieb bei einem kurzfristigen Aufschrei, der schnell in Reformismus oder Apathie unterging. Neben den üblichen inhaltlichen Verkürzungen, ist dafür auch die narzistische Kränkung in der Kindheit und im gesamten Leben verantwortlich. Niemals fühlen wir uns vollständig, aufrichtig geliebt und wertgeschätzt. Selbst wenn diese Wertschätzung kurz der Fall ist, besteht immer die Angst, es könnte bald damit vorbei sein. Stetig währt der Eindruck des Kontrollverlustes über das eigene Leben, der immer wieder aufkeimt und verdrängt wird. Dieses bedrückende Gefühl der Leere, Unsicherheit und Bedrohung scheint allgegenwärtig und unendlich.

Der Alltag ist also nicht nur von einer kalten Rationalität der Ökonomie durchzogen und definiert, sondern auch von einer Suche nach Selbstbestätigung, die jeder zwingend mehr oder weniger dringend verfolgt, weil die Kindheit niemals perfekt verläuft, weil es immer irgendwann zu einer Abgrenzung vom Selbst und Nicht-Selbst kommt, wie Freud es benannte. Irgendwann merken wir, wir sind nicht mehr im warmen, geschützten Mutterleib und dann stellt sich immer die Frage, wie man diesen Verlust von Schutz und Vertrauen wiederherstellen kann? Schliesslich lässt es sich mit diesem Verlust nicht leben. Die Kompensationen sind so vielfältig wie das Leben, Süchte nach Alkohol, Gras, Lebensmittel, Partys, Sport, PC-Games, usw. werden herausgebildet oder aber materielle Dinge, wie Geld oder Häuser angestrebt. Die gesellschaftlich am größten anerkannte Kompensationsinstitution ist einerseits im Bildungswesen und andererseits im Arbeitsmarkt verortet. Hier kann der gekränkte Mensch seine Selbstbestätigung im permanenten Konkurrenzkampf um Noten, Geld und Karriere versuchen. Die positive Identifikation mit der Arbeit, dem Wettbewerb, fördert damit die Unterstützung eines politischen, wirtschaftlichen Systems, welches irrational entgegen menschlicher Bedürfnisse u.a. vom Wertgesetz bestimmt wird.

Wenn also Brasilianer, Spanier, Deutsche, Engländer oder Chinesen protestieren, dann protestieren sie um gehört zu werden anstatt die Welt selbst zu machen, die ihren Bedürfnissen eher entspricht. Sie verorten die Fähigkeit, die Dinge zu verbessern im Staat oder in der Politik, die stets vorallem damit beschäftigt sind, den Reichtum der Nation zu mehren, also eine der Ursachen für ihr Elend darstellen (Kapitalakkumulation anstatt Bedürfnisbefriedigung). Einerseits fühlen sich die Individuen nicht mächtig genug, andererseits identifizieren sie sich mit Verhältnissen, die sie aussaugen, krank machen, benachteiligen und von den Reichtümern ausschliessen, die sie selbst hervorgebracht haben. Wenn fundierte Kritik gegenüber unserer Ökonomie stattfindet, dann hört dies das gekränkte Individuum nicht gerne, denn die fundierte (namentlich Marx, Adorno) Kritik besteht darin, Dinge wie Staat, Kapital, menschenfressenden Wettbewerb, Geld und andere Fetische abzuschaffen, – Dinge, die das gekränkte Individuum dummerweise als Selbstbestätigung braucht, um die Leere usw. zu ertragen. Die meisten Sozialprotestler wollen bloss vom Staat in die Arme geschlossen werden, um sich wieder wie ein Baby im Mutterleib fühlen zu können.

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass die US-Serie Walking Dead mit all ihren Zombies unserer eigentlichen Realität gar nicht so fern ist. Denn einerseits praktizierten wir eine Ökonomie, die uns zwingt, die globalen menschlichen Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, was in Afrika Hungertod und in Europa Arbeitsplätze bedeutet, und andererseits lieben wir es diese Zerstörung der Menschen und der Umwelt zu vollziehen, denn wir gehen im Konsum, in Arbeit, Staat und Kapital auf, wodurch wir es gewissermaßen geschafft haben, die eigene Leere erträglich zu halten, auch wenn die Zahl der psychischen Erkrankungen weiterhin wächst. Daher bricht die Revolution nur aus, wenn bei Sozialprotesten mit diesen Fetischen Schluss gemacht wird. Zunächst müssen Lohnarbeiter aufhören ihre wirklichen Gefühle zu verdrängen, bevor sie erkennen können, welche Katastrophen sie durch diese Verdrängung alltäglich anrichten. Blanke sachliche Argumentation, die sich gegen die Irrationalität der Ökonomie richtet, wird diese gekränkten Individuen nicht überzeugen, schliesslich hängt ihre Identität daran.

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