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The Rapening

Jüngst und in der Vergangenheit gingen Meldungen durch die Medien, in denen davon berichtet wurde, dass Nacktfotografien von bekannteren Frauen ungewollt an die Öffentlichkeit gelangten. Es ist Partei zu ergreifen für die Privatssphäre, für gleichberechtigte Teilnahme an der Sexualität, für eine verantwortungsvolle Berichterstattung und für die Opfer, die sich für keine einzige Tat zu entschuldigen oder zu rechtfertigen haben!

Anstatt die Rolle, Ideologie und Taten der Täter zu verurteilen, wird das Opfer plötzlich unter Beschuß genommen, wie könne es doch nur dieses oder jenes „unverantwortlich“ tun? Solche Fragen können nur in einer sexistischen Welt ernsthaft verhandelt werden. Wenn Privatfotos von intimen Momenten voller Verletzlichkeit Menschen in den Selbstmord treiben können, sollte die Frage gestellt sein, welche Verantwortung die jeweiligen Diebe in diesem Zusammenhang besitzen, wenn sie für immer sozusagen die weltweite Verbreitung von solchen privaten Medien vorantreiben. Es sind nicht nur Diebe der jeweiligen Dateien im Spiel, sondern auch Diebe der Identität des Opfers und der Interpretationshoheit des Vorfalls, die man in die Kritik nehmen muss.

Zunächst zu den Dieben der privaten Medien: Vernichtet der Voyeur nicht auch die Fantasie, wenn er sich geleakte Dateien stiehlt und betrachtet? In gewisser Weise liegt in der unbedingten Besitzergreifung auch ein faschistoides Moment, wenn jeder Millimeter einer fremden Individualität beherrscht, inspiziert, gierig verschlungen sein muss, ohne vorher eine entsprechende Erlaubnis dafür erlangt zu haben. Es ist freilich auch ein sexistisches Moment darin, permanent für Norm zu halten, dass alles immer und überall verfügbar sein muss, gleichgültig wie erfolgreich, talentiert, intelligent, lieb und mutig das jeweilige Opfer dieses Übergriffs ist. Es ist eine unermessliche Respektlosigkeit gegenüber der Einzigkartigkeit des jeweiligen Individuums und dessen Willens. Und weil es an Empathie, Fantasie und Rücksicht fehlt, weil die eigenen Interessen über allem stehen sollen, wenn auf diese Leaks zugegriffen wird, zerstört man den letzten Rest an Menschlichkeit in sich selbst, schliesslich ist die Privatssphäre elementar für vertrauensvollen Umgang.

Die Auf- und abspaltung des Menschen von seiner Identität, seinen Rechten, von seinem Körper, der in dem unerlaubten, voyeuristischen Übergriff während der Betrachtung des geleakten Materials liegt, bedeutet auch Teilnahms- und Bezuglosigkeit gegenüber sich und den anderen Menschen, schliesslich ist so eine Tat, und ein Interesse an so einer Tat, keine Basis für eine vertrauensvolle Beziehung. Sie ist sogar im Vorfeld ausgeräumt. Es ist der Beleg, dass die eigene Sexualität und Identität unausgeglichen und unerfüllt sein muss. Der Ursprung der Lustunfähigkeit ist die Unfähigkeit, Lust im anderen zu erzeugen. Letzteres ist nur möglich, wenn man den anderen voll und ganz anerkennt und respektiert. Diese Übergriffe sind Ausdruck einer männlichen Krisenhaftigkeit, welche sich mit Gewalt nimmt, was sie für sich ohnmächtig diktatorisch für sich beansprucht, ohne irgendwelche Absprachen zu unternehmen. In jedem dieser virtuellen und reellen Übergriffe liegt auch die Wut sich und anderen auf konstruktive Weise Lust und Befriedigung zu verschaffen.

Jetzt zu den Dieben der Identität des Opfers und der Interpretationshoheit des Vorfalls: Dass die Massenmedien ein Geschäft aus der Zerstörung von Intimität und insbesondere von weiblicher Intimität vornehmen, scheint für die geifernden Voyeure zusätzlich ihr Verhalten zu rechtfertigen und zu normalisieren und dem jeweiligen Opfer zusätzlich die Luft zum Atmen zu nehmen. Zumal die Medien den Schaden quantitativ, qualitativ unendlich auf Generationen vergrößern, die Nachfrage nach diesen Bildern global erhöhen und sich damit den Übergriffen der Leaker und Voyeure anschliessen. Mit jeder Schlagzeile darüber, wird das Opfer zerstört, während der Profit für die jeweiligen Medien wächst, denn wenn keine Partei für das Opfer übernommen wird, indem deren Interessen wahrgenommen werden, will man ähnlich wie die Diebe der Medien den vollen Zugriff auf dessen Leben, Identität sowie Körper und für sich nutzbar machen. Die einen ziehen Lustgewinn daraus andere zu erniedrigen, die anderen ziehen einen ökonomischen Gewinn daraus darüber affirmativ oder suggestiv zu schreiben. Das Opfer erhält nichts als Vernichtung. Diese grenzenlose Gewalt in der niemand Partei für die Zärtlichkeit, Individualität und die Rechte des Opfers übernimmt, ist auch eine barbarische, endlose Wüste, die alles erstickt, was hätte gut sein können.

Es wurde nichts aus dem Faschismus gelernt. Anstatt die Frauen zu stärken indem man ihre reichhaltige Individualität sichert, stärkt, schützt, erweitert und anreichert, wird ständig so getan, als müsse man längst nichts mehr in dieser Hinsicht unternehmen, obwohl die Missstände von einem unermesslichen ekelhaften alltäglichen Ausmaß sind. Der Feminismus wird nicht ernstgenommen und so wird wieder ein Mensch für den schnellen männlichen Gewinn vernichtet.  Wenngleich noch die Strategie für das Opfer übrig bleibt, die Nacktheit und Lust nun als Trumpf zu wenden, nämlich als Normalität und Zugkraft für das Paradies, denn jeder ist unter seinen Klamotten absurd, nackt und geil, erzwingen die barbarisierten Verhältnisse gerade von Frauen unmenschlichen Mut und Kreativität mit dem Ungleichgewicht von Macht innerhalb der Gesellschaft umzugehen. Diese Größe muss man erstmal haben, wenn alle Elend und Mängelwesen im Abgründigen sind. Wenn der eigene Körper von Millionen betrachtet wird, so ist er hoffentlich nicht nur Ziel von ökonomischer sowie sexueller Ausbeutung, Häme, Hetze, Terror und Schmerz, er ist vielleicht auch der Ausgangspunkt und Quelle zur Überwindung dieser Ohnmachtsstellung. Zugleich muss dafür gekämpft werden, dass soetwas nicht mehr stattfinden kann. Es geht um uns alle, denn jeder kann derart seines Lebens beraubt werden! Unser aller Sexualität, Lust und Privatssphäre steht auf dem Spiel!

Ein Kommentar

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„My plan was to cut his balls off“

In gewisser Weise wird in „Marvel’s Jessica Jones“ das reale Geschlechterverhältnis dargelegt. Die starke, autonome Frau muss den herrschenden Mann, der ständig besitzen, kontrollieren und bestimmen will, entmachten, weil sonst die ganze Frau, Beziehungsfähigkeit, Empathie und Zivilisation über die Zirkulation der männlichen Gewalt zugrunde geht. Hierfür bringt die Frau die allergrößten Opfer, geht die höchsten Risiken ein, nutzt verborgene Kräfte, übernimmt die meiste Arbeit, ohne, dass sie jemals die notwendige Achtung findet. Die völlige Selbstlosigkeit wird also offenbart, während zugleich Angst oder soziales Elend permanent droht bzw. existiert. All das ist ein Kampf für die Lebensqualität aller Idenitäten und Geschlechter.

Geradezu köstlich ist anzusehen, wenn Männer in bestimmten Szenen etwas bestimmen wollen, einfach weil sie es gewohnt sind den Ton anzugeben, dann aber von den prügelnden, whiskeysaufenden und bettzerfickenden Frauen unterbrochen und übergangen werden. Sowas gibt es so gut wie nie in der Kulturindustrie und das ist wahnsinnig schade. Es zeigt eben auch die globale Kultur des Antifeminismus, die nach wie vor von der absoluten Mehrheit reproduziert, verdrängt und ignoriert wird.

Es ist daher wohl kein Zufall, dass die Frauen ausgerechnet mit jenen Intimität erfahren, die sie zuvor umbringen wollten. Sexualität mit Männern ist für Frauen immer auch mit Gewalt und Macht verbunden, schliesslich ist unsere Zivilisation nachwievor eine patriarchale. Alles was wir in den letzten Generationen errungen haben ist maximal ein Vulgärfeminismus, der so tut als ob Gleichberechtigung herrscht. Ein bisschen Wahlrecht, Kindergeld und Berufsfreiheit, das soll schon alles für alle Zeiten sein was Feminismus bedeutet?

Es kann immer noch unmöglich bestimmt werden, was Weiblichkeit eigentlich jenseits von Schminke, Brüsten und Schwangerschaft ist. Das liegt daran, dass das Frauenbild vornehmlich durch Männer bzw. den männlichen Blick bestimmt ist und damit völlig zugestellt. Jeglicher weibliche Emanzipationsversuch wird immer wieder durch das männliche, manipulative Dominanzgebaren verunmöglicht. Solange das Selbstbewusstsein der Frau vom Mann abhängt, sie keine eigenen Nachforschungen und Reflektionen unternimmt, wird es nie eine wahrhaftige und vollständige Emanzipation geben, die absolute Unabhängigkeit autonom definiert und durchsetzt.

Also eigentlich kann man aus meiner Sicht gar nicht anders, als „Jessica Jones“ vor dem Hintergrund des Geschlechterkampfs und den Feminismus zu lesen. Der Anfang der Unterdrückung liegt zugleich vorwiegend in der Erziehung durch die Eltern, was dann eben auch in der Serie verhandelt wird. Man muss also sagen es handelt sich hier um ein erstklassig erzähltes Stück Filmgeschichte im Genderuniversum, mit einer eher versteckten, revolutionären Botschaft. Die Darsteller trumpfen ordentlich auf allen voran natürlich die Hauptdarstellerin Krysten Alice Ritter, die bereits in „Breaking Bad“ mit ihrem großarigen Spiel erschien. Die Inszenierung konzentriert sich zudem fast vollständig auf Dialog und Charakterentwicklung, was absolut die richtige Entscheidung war.

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