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Youtube wählt rechtsradikal

Tim Held erklärt den millionenfachen Mord an Menschen zu einem Witz. (Minute: 04:35) Auf Millionen durch Deutschland ermordete Menschen sagt er schlicht: „Na und?“ (09:18) Was für eine ungeheuerliche Verharmlosung des Holocaust. Diese Schlussstrichmentalität der Generation Youtube deutet einen eklatanten Mangel an Sensbilität gegenüber Geschichte und Gesellschaft an. Wie Tim Held angesichts von Millionen Ermordeten nicht nachvollziehen kann, warum Nationalstolz hochproblematisch ist, bezeugt seine ganze Abstraktionsfähigkeit.

Tim Held versteht auch nicht den Postnazismus, der dem deutschen Nationalismus innewohnt, der die Strukturen, die den Nationalsozialismus möglich machten, nicht überwunden hat. Aus dieser Unkenntnis heraus rechtfertigt er antidemokratische Aktionen, denn hätte er eine eigene Partei würde er jene „zusammenschlagen“ und aus der „Partei werfen“, die nicht seiner Meinung entsprechen (07:22). Der Unkenntnis liegt direkt der Wahn nahe, jene zu verfolgen, die diesen kritisieren oder schmälern könnten. Das gab es schonmal auf breiter Ebene in Deutschland.

Eine Abstraktionsstufe darunter liegt Tim Held genauso falsch: Der Landesverband wollte nicht die „Flaggen abschaffen“ (02:57), sondern hat von „Fahnen runter“ gesprochen. Es gibt zudem empirische Belege für den Zusammenhang von „Party-Nationalismus“ und der Zunahme von fremdenfeindlichen und nationalistischen Haltungen (Wilhelm Heitmeyers Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“). Patriotismus und Nationalismus haben übrigens fliessende Übergänge (08:02).

Die Kritik an der Nation ist also sicher nicht „genauso dumm“ (08:44) wie die Liebe zur Nation, ganz im Gegenteil, sie bezeugt, dass die Nation ein künstlicher Zwangszusammenhang ist, der auf Ausgrenzung, Ausbeutung und Gewalt beruht und daher dringend relativiert werden muss, damit alle Menschen frei sein können.

In diesem Sinne: Nie wieder Deutschland!

P.S. Wieso regt sich Tim Held über Sachbeschädigung auf, wo er doch selbst laufend Abmahnungen wegen seiner Videos bekommt, also mit fragwürdigen Aktionen sein Geld verdient?

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Es gibt keine richtige Europameisterschaft im Falschen

Der Ekelcharakter unserer Gesellschaft spiegelt sich in der nationalfahnengeschwängerten Verwechslungsgefahr zwischen EM-Fans und Pegida-Nazis. Die libidinöse Besetzung einer künstlichen und irrationalen Zwangsgemeinschaft, wie sie Deutschland nunmal darstellt, ist schon seit langem zu einem allgemeinen Faktor gewachsen. Konzerne ummanteln sich mit den Symbolen der Nation, vergewissern sich und anderen, dass sie zur Volksgemeinschaft gehören und auf der „richtigen“ Seite stehen, wenn wieder nach Frankreich gestürmt wird. Es erlaubt den gekränkten Konsumenten dann auch eine kurzfristige zusätzliche Befriedigung nicht nur irgendwas sich einzuverleiben, sondern gleich noch die Nation ansich. So gibt von Sexspielzeugen bis Süßigkeiten alles, was man sich in den Leib stecken kann, wo keine Sonne scheint und entsprechend die eigene dunkle Geistlosigkeit füttert. Zeitgleich werden Konzerne wie der FC Bayern und deren Angestellte wie Schweinsteiger ebenso libidinös besetzt, schliesslich gibt es ja auch VW-Fanclubs oder Apple-Jünger.

Das Abfeiern eines Herrschafts- und Gewaltzusammenhangs, dass Menschen an den Grenzen der eigenen Machtzentren systematisch durch unterlassene Hilfeleistung ermordet oder ersaufen lässt, Millionen in Armut und krankmachender Lohnarbeit hält, Ungleichheitsverhältnisse in den Vermögen- und Eigentumsverhältnisse als Definitionskern aufrechterhält und immer weiter potenziert, drückt deutlich den autoritären Charakter unserer direkten Nachbarn und von uns selbst aus. Die Europameisterschaft ist eine affektiv besetzte Nabelschau der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, die die Balltreterei mit Massendynamik, Massenmedien, Kapital, Personenkult und Alkohol positiv auflädt, um sich selbst zu erhöhen und für den eigenen persönlichen Kampf allein gegen alle am Arbeitsmarkt neue Motivation zu schöpfen. Wenn der alte Schweinsteiger noch den Ball einnetzen kann, Millionen dafür abgreift, obwohl er nur Lohnarbeiter ist, dann sollte es doch für einen auch noch gut werden? Nein, das wird es nicht, wenn man konform geht mit der nationalistischen und profitfixierten Zerstörungswut. Fußball ist nicht die heile Welt, sondern Ausdruck des Unheils.

Das lärmende Spektakel, um ein paar Unbekannte, trommelt für den nächsten Angriff, – da sollte man sich nicht vom Kitsch täuschen lassen. Das Lächeln der Zombies ist keine Grundlage für ein Picknick in der Hölle. Der popelnde Löw, die prügelnden Hooligans deuten die Dummheit, Trivialität, Ignoranz und Brutalität einer Totalität an, deren Vermittlungen schon lange nicht mehr in Wissenschaft, Ökonomie oder Politik reflektiert werden. Es deutet die Leere in den Köpfen an, die sich für wertlose Titel blutig schlägt. Deutschland, das ist eine blutende Leere, die immer neue und weitere Opfer verlangt, weil es nur so bestehen kann. Irgendwo darunter unter all den verdorbenen Kadavern, die diese Nation unter dem Jubel ihrer Einwohner erstochen hat, liegt die Lust und Freude am Spiel und Spaß, welche sich selbst genügt. Fußball ist eine ritualisierte Form der Gewalt, die Nationalhymnen zeigen woher sie kommt: Aus dem nationalen Gewaltmonpol des Staates. Die Aggressionen, die die falsche Produktionsweise immer wieder neu erzeugt, muss kanalisiert werden und das läuft über die Fouls auf dem Spielfeld oder das Geschrei neben dem Spielfeld. Zugleich wird von Friedlichkeit und dem Kampf gegen Rassismus gesprochen, so als sei diese nationalistische Vergleichung nicht selbst maßgeblich für Krieg und Rassismus mitverantwortlich.

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