Schlagwort-Archive: Depression

Für dich hat es nicht gereicht

Depressionen verhalten sich diffus, hinterlistig, unerbittlich, wahnsinnig. Sie schleifen, zerren, versenken sämtliche Möglichkeiten eines Tages und einer Identität. Selbst wenn man sich ihrer bewusst ist, bedeutet das nicht, dass man sie dadurch zurückdrängen kann. Im Gegenteil, es macht sie stärker und schrecklicher. Wenn gestern noch ein Mittel gegen sie gewirkt hat, ist es im nächsten Moment ein Beschleuniger für diese schwarze Hysterie. Und die wertvollen Jahre, die nie wieder kommen, ziehen vorbei während teure Therapeuten um Geduld bitten, schliesslich würde eine Genesung hier von vielen Faktoren abhängen. Aber die Wahrheit ist: Hat man einmal diesen dunklen Begleiter, wird er einen nie wieder verlassen. Und man wird sich damit abfinden müssen, dass jeder Tag und jede Nacht schwerer sein wird, als sie sein müsste. Permanent wird man sich vor Gesunden für das eigene absurde Verhalten entschuldigen müssen, welches von wahnwitzigen Stimmungs- und Gedankenschwankungen geprägt ist. Der reisserische Kraftverlust raubt nicht nur Lebensmut, sondern auch die Kraft irgendein Projekt zu realisieren, welches Lebensmut schöpfen könnte.

Die Unmöglichkeit den vollen Umfang dieser schwarzen Pest in wenigen Worten darzustellen, ist nur ein Aspekt, der die Vereinsamung vorantreibt. Es ist vorallem diese Unendlichkeit und Unberechenbarkeit die dominant Handlungen und Sichtweisen prägt und zu Boden reisst. Der Zweifel ist dann einfach stärker. Nichts taugt mehr für irgendwas. Die Gleichgültigkeit ist nur dann noch ein Glück, wenn sogar Suizid belanglos erscheint, auch wenn man sonst nicht mehr zum Leben ausreicht. Der Verlust von Sexualität, Partnerschaft, jeglichen Bezug zum eigenen Körper, von Lebensmitteln ist bloß der äußerliche Ausdruck des verschwundenen Glücks den andere für so normal halten. Da das Leben generell schon schwierig ist, wird es unmöglich, wenn schlafen oder aufstehen unerträglich ist. Kommt noch Schwindelgefühl und Konzentrationslosigkeit hinzu, ist ein Stadium erreicht, das irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen im eigenen Körper changiert. Womöglich könnten radikale Maßnahmen noch eine wünschenswerte Veränderung erziehlen. Es gibt zumindest einige Hanfpflanzen, die eine einschläfernde Wirkung haben. Aber das würde nur einen winzigen Teil lösen. Wenn man als Depressiver einige Jahre vollgemacht hat mit Todessehnsucht und Gleichgültigkeit, ist man ein manifester Zyniker mit cholerischen, dummen und infantilen Zügen. Der Charakter ist längst von der mentalen Instabilität geformt worden. Man ist damit unfähig geworden sich wieder in ein normales Leben einzufügen, Beziehungen zu pflegen und am Arbeitsplatz entsprechend leistungsfähig zu funktionieren. Das Leben steht einem dann solange im Weg, wie man selbst lebt. Zugleich ist diese Unfähigkeit aber auch etwas, was wiederum neue Depressionen auslöst, weil das eigene Unvermögen die Integration verhindert und schliesslich zur Rebellion im Sinne einer Teilnahmslosigkeit einlädt.

Zugleich bietet das Leben selbst genug Gründe depressiv zu werden oder depressiv zu bleiben. Niemanden ist zu trauen, weil niemand sich kennt oder kennen will und die Gespräche oft kürzer sind als der Zeitraum, der für das Rauchen einer Zigarette von Nöten ist. Unser Zeitgeist ist so, dass sich das Individuum, welches sich in Milliarden Körpern momentan verhält, für die Kapitalakkumulation entleert und ausschliesslich über diese Entleerung verhält. Wenn also alles was menschlich ist, von einem unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnis definiert wird, warum sollte dann irgendein Individuum menschlich und empathisch sein? Es ist grundsätzlich immer beschädigt und damit unfähig die eigene Beschädigung im eigenen Menschenleben vollständig aufzuheben. Diese Tatsache wird oft nicht bedacht und jene, die sie sehen, werden angefeindet und ausgegrenzt. Es gibt gute Gründe, sich von anderen Menschen fernzuhalten. Für einen Depressiven bedeutet dies aber auch, dass man sich sehr gern von sich selbst fern halten würde, es aber natürlicher Weise nicht kann. Das eigene Unvermögen, die gesellschaftlichen Anforderungen, die man internalisiert hat, der permanente Zeit- und Konkurrenzdruck, die enorme soziale Isolation und die geringen Chancen auf Vertrauen und Verlässlichkeit zu treffen, befördern Depressionen ungemein. Das Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet. Es ist dafür nicht ausgebildet, es ist zu teuer und überlaufen.

Wenn die Depressionen und das Leben genug Überdrüssigkeit erzeugt haben, wenn man als Depressiver müde geworden ist gegen Windmühlen anzukämpfen, dann wächst die Gewissheit, dass es aus vielen Gründen für einen eben nicht gereicht hat, glücklich genug zu sein. Alles ist beschädigt in dieser Welt, keine Frage, nur hatte man als depressiver Mensch wohl eine besondere Portion Unglück erhalten. Entweder über die Familie, die Sozialisation, die Arbeitgeber oder Freunde, die letztlich alle Feinde oder Desinteressierte waren. Es ist sicher nichts persönliches gewesen, dass man so geschunden wurde und darunter gelitten hat. Der gesellschaftliche Irrsinn ist eben normal, nur geht der Depressive daran zugrunde, während der genorme Normale sich darin einrichtet. Die Kraft der Depression erwächst aus dieser zerstörten Welt und daher kann sie nur bezwungen werden, wenn die Welt geheilt würde. Aber dieses Mittel gibt es nicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Zum Tode von Sascha Lewandowski

Heute geht die Meldung herum, dass ein äußerst talentierter und leidenschaftlicher Mensch vermutlich im Zusammenhang mit einer Burn-Out-Erkrankung verstorben ist. An dieser Stelle mein aufrichtiges Beileid an die Verbliebenen. Ich will dieses dramatische Ende eines Menschenlebens nutzen, um erneut auf die enormen Probleme unserer Gesellschaft hinzuweisen: Jeden Tag sterben viel zu viele Menschen an diesem verdammten Burnout-Syndrom, welches nicht selten mit depressiven Schüben einher geht. Immer noch wäre es dringend erforderlich mehr Therapie- und Auffangsangebote ggf. in anonymisierter Form anzubieten. Man wartet Monate auf einen vernünftigen Therapieplatz und wird oft mit einigen Tabletten ruhig gestellt, was natürlich überhaupt keine tiefgreifende Hilfe sein kann. Zugleich gibt es viel zu wenig Förderungen eine psychoanalytische Ausbildung zu absolvieren, die oft sehr lange dauert und kostenintensiv ist.

Da das kapitalistische Produktionsverhältnis die Individuen permanent überfordert sind psychische und physische Erkrankungen vorprogrammiert. Seit über 15 Jahren stehe ich im Berufsleben und ich kann sagen, dass ich nicht einen einzigen Arbeitstag genossen habe und das obwohl ich mich reichlich bemüht habe, was diverse Branchenwechsel und Weiterbildungsmaßnahmen bezeugen. Lohnarbeit ist aus meiner Sicht strukturell falsch: Einerseits wird immer mehr Leistung verlangt, andererseits immer schlechter bezahlt und zugleich profitieren lediglich die Eigentümer von Arbeitsplätzen, weil sie den höheren Profit einstreichen und uns Angestellte mit einem geringen Anteil abspeisen, von dem wir auch noch die Produkte kaufen müssen, die wir selbst produziert haben. Und solange man an dieses Problem nicht rangeht werden wir alle wohl noch länger leiden müssen, was Erkrankungen permanent provoziert.

Wenn man in der permanenten Ausweglosigkeit steckt seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, dann fällt unter diesem Zwang alles andere. Alles wird unter der Maßgabe der Einträglichkeit bewertet und entscheidet sich daran. Die Reduktion des gesamten Lebens auf diesen Aspekt ist entscheidend in unserer Zeit. Dieser Umstand wird großzügig verharmlost, vergessen, relativiert, ignoriert oder sogar bejubelt. Dabei schränkt es die eigenen Lebensmöglichkeiten ein. Dinge können nicht mehr für sich selbst existieren, sie müssen nützlich und verwertbar sein. Sie müssen klar und deutlich kategorisierbar und vergleichbar sein. Permanent hängt eine Art oberster Gerichtshof über allem was getan und gedacht wird. Sich dem zu entziehen ist unmöglich geworden, wenn man nicht gerade eine enorme Erbschaft erhalten hat. Dass das Leben einen Selbstwert darstellt, obwohl es uns oft nicht so erscheint und wahrscheinlich völlig sinnlos ist, macht den Widerstand gegen eine Totalität notwendig, die stets betont, das Leben werde erst durch Leistung- und Konkurrenzkampf veredelt oder lebenswert. Und hier liegt direkt die Problematik der Machbarkeit oder Denkbarkeit dieses Widerstandes, wenn die ganze Sozialisation im Falschen stattgefunden hat. Das treibt einem die Verzweiflung ganz automatisch in den Alltag. Es ist kein außerhalb oder anderes denkbar und zugleich sollen Rechnungen bezahlt werden. Die scheiternde Überforderung wird zur eigenen Identität, was zumindest den Vorteil hat nicht arrogant zu werden, aber den gewaltigen Nachteil quasi eine Personifizierung des Falschen zu sein, was uns alles kaputt macht.

Aus meiner Sicht müssten wir alle streiken nicht nur aus Solidarität mit Sascha Lewandowski, der nun offenbar an einem Burn-Out-Syndrom verstorben ist, sondern auch um unserer Selbst willen. Es kann nicht sein, dass die Priorität in dieser Ökonomie, zu der der Profifußball mit seinen Millionengehältern und -forderungen nunmal zählt, der Mensch nicht im Vordergrund steht, sondern bloss Leistung und Profitabilität. Ich hoffe Manuel Neuer und Co. würden sich diesem Streik anschliessen, mit ihren Vermögen die Streikkasse erweitern, auch wenn in Deutschland alle arbeitsgeil sind und die Gewerkschaften sich völlig einer idiotischen Produktionsweise ergeben haben. Nur möglichst großangelegte Streiks können den verdeckten Konflikt der Struktur von Lohnarbeitn nach außen kehren, Öffentlichkeit schaffen, Debatten anregen und hoffentlich dann auch zu einem Wandel führen. Ohne eine offene Problematisierung der Thematik werden weitere Generationen für ein Prinzip verheizt, welches Menschen vernichtet.

Update 11.06.16: Offenbar ist der Hintergrund nicht ausschliesslich eine Burn-Out-Erkrankung.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Deathdrive

Wenn ich persönlich bilanzieren müsste, inwieweit mein Leben bislang lebenswert gewesen ist, dann kann ich von einem totalen Versagen sprechen. Die Zeit in der irgendwelche Illusionen möglich waren sind längst Vergangenheit. Es gibt nur noch verblichene Erinnerungen daran. Nun wo auf die letzten Schimmer der Jugend geblickt wird und Jahre in Jahrzehnte gefasst werden können, ist die Zukunft aus meiner individuellen Biografie heraus gesehen völlig uninteressant geworden. Es war niemals erträglich, das habe ich in den letzten 9 Jahren hier dokumentiert. Man kann also nicht sagen, ich hätte es trotz aller Bitterkeit nicht versucht. Aber das Leben bleibt strikt sinnlos, egal wie sehr man nun argumentiert, kämpft, arbeitet und hadert. Das Weiterleben ist eine reine Gewohnheit geworden und setzt sich nur fort, weil man zu faul ist dem eine Ende zu bereiten. Die Schule, die Lohnarbeit, die ganze Pubertät und Jugend eine einzige Enttäuschung. Ein Desaster mit zuvielen schrecklichen Einzelheiten. Nie wird es Raum oder Zeit geben diese erbärmlichen Umstände zu diskutieren und auszuräumen. Und sowieso: Niemand sollte mit diesem Schrott belästigt werden. Es ist alles gänzlich unmöglich geworden, wahrscheinlich war es überhaupt nie möglich sich in Ordnung zu bringen. Das nun die totale Einsamkeit sich mit dem Alter verstärkt ist keine Überraschung. Jahrelang wurde nicht zugehört. Selten war es Bosheit, die Menschen sind nunmal beschäftigt. Sie sind auch Elend. Ich mache ihnen keine Vorwürfe. Aber dann soll es die Freiheit geben von dem Abstand zu nehmen, was sich sonst Leben nennt. Die Leere der Welt ist mir schon viele Jahre unter die Haut gekrochen und hat alles an mir hohl gemacht. Das Sträuben war nur etwas Todeskampf, ein Augenblick der vor der Ewigkeit nicht auffällt. Ich kann nicht einmal mehr darüber trauern, was ich gewesen war oder was ich hätte sein können. Es ist einfach nur klar, dass dieses Leben vorbei ist. Es gibt nur noch diese allgemeine Ratlosigkeit als würde ich darauf warten, dass der Vorhang fällt, aber er fällt nicht, obwohl der Plot auserzählt ist. Die Lust auf das Ende kann in so einer Lage nur steigern. Es erscheint vernünftig. Die Zeit hat keine Wunden geheilt, sie hat sie vertieft. Die Zeit hat keinen Rat gebracht, sie hat eher jegliche Grundlagen dafür entzogen. Dass da niemand ist, der einen wird halten können. Dass da niemand ist, der einem das Leben erleichtert. Schien mir schon als Kind bekannt. Ich kenne frühe Einträge aus den 1990ern, wo ich lediglich weitermachen wollte, weil die Zukunft doch irgendetwas für mich bereithalten muss. Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein. Und doch aber ist es so. Prüfen und eine Überprüfung der Prüfung führen immer zum selben Ergebnis. Es gibt nichts. Ich bin nichts. Ich werde nichts sein. Ich kann nichts.  Die Sinnlosigkeit ist manifest, sie ist so stramm und plastisch, so deutlich wie sonst gar nichts in der Welt. Das ist es was  überhaupt noch existiert, wenn sonst nichts ist. Diese Atomisierung, Isolierung, Vereinzelung, Beliebigkeit, das permanente aneinander vorbeisprechen, die Angst vor Zurückweisung, die idiotischen Erwartungshaltungen, das Lügen, Betrügen, Kalkulieren, es wird niemals aufhören. Es wird sich vertiefen, wenn nichts geschieht. Und bislang ist nichts geschehen. Es gibt keine Zerstreuungsmöglichkeiten mehr die ich wahrnehmen möchte, zugleich gibt es keine ernsthaften Perspektiven in dieser leeren Totalität, die Leben genannt wird. Die Distanzierung von allem kann nicht genug vollzogen werden, schliesslich hängt die Identität im Falschen. Man trägt das Elend immer mit sich selbst herum. Eine Lebenfreude zu entwickeln, wo Menschen sinnlos sterben, sinnlos ihre Zeit erwürgen, erscheint widersinnig. Nichts ist mehr logisch. Und Logik selbst findet nur noch in Kreuzworträtseln statt. Doch wenn das Ende selbst festgelegt wird, dann ist auch jede Kommunikation zu Ende. Es gibt dann ganz bestimmt keine Lösung mehr. Also muss weitergelebt werden nicht nur aus Feigheit, Faulheit, sondern auch, weil dem Unbekannten wieder eine Chance gegeben werden muss? Ich wäre wieder an der Stelle in meiner Kindheit. Das Leben zirkuliert offenbar nur etwas herum, um dann wieder an den Ausgangspunkt zu gelangen. Alles was zwischendrin zählte, waren die Erfahrungen, die man machen konnte. Aber da war eben nichts. Wie kann man sich daran bloss erfreuen? Wenn nichts geblieben ist, wenn sogar mit weniger verblieben wird als man von Geburt an hatte, was soll man dann noch? Es ist alles ausgezogen. Ich bin ein Fremder und mit allem fremd. Ein paar Floskeln und Gesten werden nicht Jahrzehnte voller Verlust bereinigen. Es ist versaut, vermasselt und verkommen. Katastrophales Scheitern trotz aller Mühen und Sorgen. Da würde nur ein Idiot drüber hinweg lächeln. Ich sehe nun woher die eingefallenen Gesichter kommen, worauf der Alkoholismus eine saftige Wiese findet, um sich auszubreiten. Die Gebrochenen die man überall sieht zu denen gehöre ich auch. Die Maschine hat mich zertrümmert und hat nicht einmal Notiz von mir genommen. Es macht nicht wütend, wenn gelernt wurde das diese Wut nicht gesehen und verstanden wird. Alles ist zu grob geworden. Und was einem bleibt ist nur der Jammer und die Selbstbezüglichkeit. Früher wäre ich noch vorsichtig gewesen soetwas zu veröffentlichen. Aber es ist längst Gewissheit, dass es keinen Unterschied mehr macht, was man denkt oder ausspricht. Es bleibt und verbleibt alles ungehört und stumm, ohne Konsequenzen und apathisch ewig tränenreicher Abgrund.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Jeder ist seines Unglückes Schmied

Wir leben in einer knallharten Leistungsgesellschaft. Wer den Anforderungen nicht genügt verliert, kann seine Träume begraben. Jeder ist seines Glückes Schmied allerdings ist das weniger eine Verheißung als eine Drohung. Wer nicht funktioniert stirbt. Beruflich, sozial, kulturell und überhaupt. Arme sterben schneller. Und keiner der anderen Konkurrenzsubjekte wird auch nur einen Funken zuviel Empathievermögen für die Loser zeigen, sofern es Kraft für ihren eigenen Wettkampf kostet. Ein paar hohle Phrasen und Beileidsbekundungen hat man für die Versager immer übrig. Wenn irgendjemand nicht erfolgreich ist in der Schule oder im Job, dann hat er eben etwas nicht richtig gemacht. Und wenn der Misserfolg anhält, wenn er jammert, wie schlecht es ihm geht, dann bestätigt das nur noch mehr sein Fehlverhalten und gibt damit ein deutliches Signal an alle Kollegen, Mitschüler, Mitmenschen und Leidensgenossen ab: Haltet Euch fern von mir, ich ziehe Euch mit in den Abgrund, mit meiner Unfähigkeit Leistung nach beliebiger Vielfalt und unendlich Intensität oder Dauer abzurufen. Wer nicht den unbedingten Leistungswillen mitbringt, wird sie niemals von Misserfolg erholen können. Es wird für ihn immer schlechter laufen als gewünscht. Und da außer ihm kein personifizierter Grund für das Losertum ausfindig zu machen ist, ist er eben selbst schuld. Und damit treibt er noch weiter ab von der Leistungsgesellschaft, die erfolgreich nach unten tritt und nach oben buckelt.

Die ganze Gnadenlosigkeit und Brutalität manifestiert sich im Bild des traurigen Straßenzeitungsverkäufer, dem heruntergekommenen Obdachlosen, den verhungernden Kinder in Afrika. Egal ob relative oder absolute Armut, diese Menschen sind die abgehängten, aussortierten und überflüssigen Anhängsel einer asozialen Gesellschaft, die jeden wie Dreck behandelt, der nicht der Norm entsprechen kann oder will. Diese „soziale Ordnung“ wird von Angst bestimmt. Jeder ist austauschbar, wenn er nicht mehr funktioniert, egal wieviel er zuvor geleistet hat. Die einzige Chance besteht darin über Kumpanei, Anhäufung von Reichtümern und fachspezifischen Interna sich möglichst indisponibel zu machen. Der aufkeimende Rassismus in ganz Europa speist sich aus dieser Gewissheit heraus. Einzig die Nationalität erscheint den Rassisten als beständiger Wert ihrer Identität. Sie hätten doch als Deutsche ein Vorrecht gegenüber Ausländern ihren Arbeitsplatz zu behalten oder vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. Aber dieser Kadavergehorsam gegenüber einer Nationalität, die sich nur über ein staatliches Verhältnis bildet und fortsetzt, basiert auf Kapitalakkumulation und damit auf der Ursache ihrer Verwahrlosigung, ihrer Austauschbarkeit, ihrem Mangel, der künstlich über die kapitalistische Gesellschaft erzeugt wird.

Und weil alle damit beschäftigt sind zu arbeiten, zu lernen, sich ganz der Verausgabung ihrer Fähigkeiten und Lebenszeit unter dem Diktat des Kapitals zu widmen, das über die gesellschaftlichen Institutionen durchgereicht wird, egal ob bei Universität, Schule oder in sämtlichen Konzernen aller Branchen, begreifen sie niemals genug, dass sie es mit ihrem Leistungsdrang nur noch verschlimmern. Wir können niemals ein reichhaltiges Leben führen, ohne Obdachlose, ohne Hungertote, ohne unsere Opfergaben am Arbeitsplatz, ohne unsere permanenten Selbstoptimierung, die von Makeup, Fitnesscenter über Teambuilding beim Oktoberfest bishin zu exzessiven Kokainkonsum reicht. Die Raserei führt zu psychischen und physischen Erkrankungen. Aber es ist auch eine unglaubliche Anstrengung sich von der gesellschaftlichen Ohnmacht nicht dumm und wahnsinnig machen zu lassen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Ein Leben in der Hölle

Angesichts der Menschenmassen zwischen Rolltreppen, Beton und Metall kann man schon in Verzweiflung verfallen. Hübsche, hässliche, dumme, schlaue Menschen ziehen eilig aneinander vorbei, haben Termine und Ziele, telefonieren, spielen mit dem Handy, reden über Partys oder Geschäftliches. Soviel Getue als ob alles seine Ordnung hätte. Egal wie sie sind, sie sind vorallem Konkurrenten. Sie konkurrieren um einen Platz an der Sonne. Irgendwie glauben sie fest daran auf dem besten Weg zu sein. Gut, manchen ist klar sie sind nicht auf der idealen Linie und sind dementsprechend drauf. Andere, Bettler und Obdachlose die auch zum alltäglichen Bild gehören, haben längst aufgegeben und sich mit dem Abstieg angefreundet. Doch die anderen kämpfen noch und versuchen die Armut in ihrem Alltag zu verdrängen. Schicke Klamotten, dicker Schmuck, aufwändiges Makeup, können nicht über diese innere Leere hinweg täuschen. Was macht deren Leben schon aus? Das sind lediglich Konsumzombies, Verbraucher, Konsumenten, Arbeitnehmer, Funktionsidioten die am liebsten Maschinen wären. Ständig wird an irgendetwas gearbeitet, an der Karriere, am Outfit, am Körper, an der Beziehung oder an der Wohnung. Zutun gibt es immer irgendetwas. Es gibt immer die Möglichkeit sich auszublenden. Für viele ist das eine derart normale Gewohnheit, für sie ist das Leben. Für mich ist es ein Alptraum. Wie kann man Staus, überfüllte U-Bahnen, Fast-Food-Restaurants, Discounter und Bürogebäude ertragen? Wieso akzeptieren wir die permanentene Normierung und damit Zerstückelung unseres Lebens? Der ganze Alltag besteht darin vor Automaten, Maschinen zu warten, sie zu bedienen und am liebsten würden wir das auch mit allen Menschen so machen. Wohin soll uns das Ganze führen? Stellt sich überhaupt jemand diese Frage? Großstädte sehen für mich so aus als könnten sie jeden Moment explodieren oder implodieren. Da werden Katastrophen verwaltet und verdrängt. Menschen wühlen im Müll und einen halben Meter weiter küsst sich ein junges verliebtes Paar, streichelt eine Mutter ihr Kind, nuckelt ein Penner an seinem Bier, fährt der Lamborghini eine Taube platt. Diese Zustände die unerträglich sind werden von anderen gar nicht gesehen weil sie nur Augen für ihr Leben und ihr Nest haben. Sie klammern sich regelrecht an die minimale Portion Glück und Hoffnung die ihnen noch geblieben ist, sei es der Partner oder das Kind oder ein bestimmtes Hobby oder ein bestimmter Job in dem sie noch irgendwie erfolgreich sind oder Freude haben. Aber ringsherum sind offensichtliche Beschädigungen des sozialen Gefüges am ausbrechen. Die Seuche der Ignoranz und Gier greift um sich während die Leute immer noch glauben all das wird sich noch zum Guten wenden. Aber nichts wird dahingehend passieren. Wir sind verloren weil wir uns selbst verloren haben. Wo ist denn noch der Bezug zur Natur in einem U-Bahn-Schacht? Wo ist denn noch die Liebe zu den Elementen in abgeschotteten Bürogebäuden? Es ist gräßlich und traumatisierend. Wer dies akzeptiert und darin funktioniert ist die Krebszelle die diesen Organismus namens Erde vergiftet und zerstört. Man muss rebellieren. Man muss sich weigern zu funktionieren. Es ist erforderlich auf die Entfremdung und Ignoranz hinzuweisen. Manche Menschen besaufen sich in aller Öffentlichkeit um völlig kaputt in irgendeiner Ecke zu verrotten, es sind Obdachlose, es sind Punks, es sind auch ganz einfache Leute die in ihrer Freizeit zuviel Party gemacht haben, – sie alle setzen ein Statement: Sie können das alles nicht mehr ertragen ohne eine ordentliche Portion Selbstzerstörung. Alkohol ist Nervengift. Nikotin hat eine ähnliche betäubende und zerstörende Funktion. Und der ganze Zucker und das Fett in den Lebensmitteln haben auch eine äußerst beruhigende Funktion. Ich denke das macht den Erfolg von Junk und Fast Food genauso aus wie von Zigaretten, Alkohol und sonstigen Geschichten mit ähnlicher Wirkung. Ablenkung, die Suche nach dem Ruhepol, der Quelle an der man wieder Kraft auftanken kann und zu alter Stärke finden kann, all das verbindet viele Menschen. Es ist kaum zu glauben wie ähnlich wir uns alle sind. Wir versuchen uns zu unterscheiden mit Klamotten, Autos, Erfolgen, aber das ist alles nur oberflächlich, denn in Wahrheit sind wir alle gleich was grundlegende Bedürfnisse angeht. Wir brauchen Anerkennung, Nähe, Vertrauen und Stabilität. Aber wir entziehen mit unserem bewusstlosen Dasein die Grundlage die für die Befriedigung dieser Bedürfnisse erforderlich ist. Wer kapitalistisch lebt, also nur für die Profite arbeitet und dieses Muster der Leistungsintensivierung und -maximierung verfolgt, zerstört nicht nur sein eigenes Leben, er zerstört überhaupt das Leben an sich. Er ignoriert nicht nur die Vielfalt, er zerstört die Bedingungen für die Entfaltung von Vielfalt. Wer sich den Rationalisierungen unseres wirtschaftlichen und politischen Systems unterordnet darf nicht damit rechnen das er in Zukunft glücklicher wird.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft