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Zum Tode von Sascha Lewandowski

Heute geht die Meldung herum, dass ein äußerst talentierter und leidenschaftlicher Mensch vermutlich im Zusammenhang mit einer Burn-Out-Erkrankung verstorben ist. An dieser Stelle mein aufrichtiges Beileid an die Verbliebenen. Ich will dieses dramatische Ende eines Menschenlebens nutzen, um erneut auf die enormen Probleme unserer Gesellschaft hinzuweisen: Jeden Tag sterben viel zu viele Menschen an diesem verdammten Burnout-Syndrom, welches nicht selten mit depressiven Schüben einher geht. Immer noch wäre es dringend erforderlich mehr Therapie- und Auffangsangebote ggf. in anonymisierter Form anzubieten. Man wartet Monate auf einen vernünftigen Therapieplatz und wird oft mit einigen Tabletten ruhig gestellt, was natürlich überhaupt keine tiefgreifende Hilfe sein kann. Zugleich gibt es viel zu wenig Förderungen eine psychoanalytische Ausbildung zu absolvieren, die oft sehr lange dauert und kostenintensiv ist.

Da das kapitalistische Produktionsverhältnis die Individuen permanent überfordert sind psychische und physische Erkrankungen vorprogrammiert. Seit über 15 Jahren stehe ich im Berufsleben und ich kann sagen, dass ich nicht einen einzigen Arbeitstag genossen habe und das obwohl ich mich reichlich bemüht habe, was diverse Branchenwechsel und Weiterbildungsmaßnahmen bezeugen. Lohnarbeit ist aus meiner Sicht strukturell falsch: Einerseits wird immer mehr Leistung verlangt, andererseits immer schlechter bezahlt und zugleich profitieren lediglich die Eigentümer von Arbeitsplätzen, weil sie den höheren Profit einstreichen und uns Angestellte mit einem geringen Anteil abspeisen, von dem wir auch noch die Produkte kaufen müssen, die wir selbst produziert haben. Und solange man an dieses Problem nicht rangeht werden wir alle wohl noch länger leiden müssen, was Erkrankungen permanent provoziert.

Wenn man in der permanenten Ausweglosigkeit steckt seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, dann fällt unter diesem Zwang alles andere. Alles wird unter der Maßgabe der Einträglichkeit bewertet und entscheidet sich daran. Die Reduktion des gesamten Lebens auf diesen Aspekt ist entscheidend in unserer Zeit. Dieser Umstand wird großzügig verharmlost, vergessen, relativiert, ignoriert oder sogar bejubelt. Dabei schränkt es die eigenen Lebensmöglichkeiten ein. Dinge können nicht mehr für sich selbst existieren, sie müssen nützlich und verwertbar sein. Sie müssen klar und deutlich kategorisierbar und vergleichbar sein. Permanent hängt eine Art oberster Gerichtshof über allem was getan und gedacht wird. Sich dem zu entziehen ist unmöglich geworden, wenn man nicht gerade eine enorme Erbschaft erhalten hat. Dass das Leben einen Selbstwert darstellt, obwohl es uns oft nicht so erscheint und wahrscheinlich völlig sinnlos ist, macht den Widerstand gegen eine Totalität notwendig, die stets betont, das Leben werde erst durch Leistung- und Konkurrenzkampf veredelt oder lebenswert. Und hier liegt direkt die Problematik der Machbarkeit oder Denkbarkeit dieses Widerstandes, wenn die ganze Sozialisation im Falschen stattgefunden hat. Das treibt einem die Verzweiflung ganz automatisch in den Alltag. Es ist kein außerhalb oder anderes denkbar und zugleich sollen Rechnungen bezahlt werden. Die scheiternde Überforderung wird zur eigenen Identität, was zumindest den Vorteil hat nicht arrogant zu werden, aber den gewaltigen Nachteil quasi eine Personifizierung des Falschen zu sein, was uns alles kaputt macht.

Aus meiner Sicht müssten wir alle streiken nicht nur aus Solidarität mit Sascha Lewandowski, der nun offenbar an einem Burn-Out-Syndrom verstorben ist, sondern auch um unserer Selbst willen. Es kann nicht sein, dass die Priorität in dieser Ökonomie, zu der der Profifußball mit seinen Millionengehältern und -forderungen nunmal zählt, der Mensch nicht im Vordergrund steht, sondern bloss Leistung und Profitabilität. Ich hoffe Manuel Neuer und Co. würden sich diesem Streik anschliessen, mit ihren Vermögen die Streikkasse erweitern, auch wenn in Deutschland alle arbeitsgeil sind und die Gewerkschaften sich völlig einer idiotischen Produktionsweise ergeben haben. Nur möglichst großangelegte Streiks können den verdeckten Konflikt der Struktur von Lohnarbeitn nach außen kehren, Öffentlichkeit schaffen, Debatten anregen und hoffentlich dann auch zu einem Wandel führen. Ohne eine offene Problematisierung der Thematik werden weitere Generationen für ein Prinzip verheizt, welches Menschen vernichtet.

Update 11.06.16: Offenbar ist der Hintergrund nicht ausschliesslich eine Burn-Out-Erkrankung.

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Jeder ist seines Unglückes Schmied

Wir leben in einer knallharten Leistungsgesellschaft. Wer den Anforderungen nicht genügt verliert, kann seine Träume begraben. Jeder ist seines Glückes Schmied allerdings ist das weniger eine Verheißung als eine Drohung. Wer nicht funktioniert stirbt. Beruflich, sozial, kulturell und überhaupt. Arme sterben schneller. Und keiner der anderen Konkurrenzsubjekte wird auch nur einen Funken zuviel Empathievermögen für die Loser zeigen, sofern es Kraft für ihren eigenen Wettkampf kostet. Ein paar hohle Phrasen und Beileidsbekundungen hat man für die Versager immer übrig. Wenn irgendjemand nicht erfolgreich ist in der Schule oder im Job, dann hat er eben etwas nicht richtig gemacht. Und wenn der Misserfolg anhält, wenn er jammert, wie schlecht es ihm geht, dann bestätigt das nur noch mehr sein Fehlverhalten und gibt damit ein deutliches Signal an alle Kollegen, Mitschüler, Mitmenschen und Leidensgenossen ab: Haltet Euch fern von mir, ich ziehe Euch mit in den Abgrund, mit meiner Unfähigkeit Leistung nach beliebiger Vielfalt und unendlich Intensität oder Dauer abzurufen. Wer nicht den unbedingten Leistungswillen mitbringt, wird sie niemals von Misserfolg erholen können. Es wird für ihn immer schlechter laufen als gewünscht. Und da außer ihm kein personifizierter Grund für das Losertum ausfindig zu machen ist, ist er eben selbst schuld. Und damit treibt er noch weiter ab von der Leistungsgesellschaft, die erfolgreich nach unten tritt und nach oben buckelt.

Die ganze Gnadenlosigkeit und Brutalität manifestiert sich im Bild des traurigen Straßenzeitungsverkäufer, dem heruntergekommenen Obdachlosen, den verhungernden Kinder in Afrika. Egal ob relative oder absolute Armut, diese Menschen sind die abgehängten, aussortierten und überflüssigen Anhängsel einer asozialen Gesellschaft, die jeden wie Dreck behandelt, der nicht der Norm entsprechen kann oder will. Diese „soziale Ordnung“ wird von Angst bestimmt. Jeder ist austauschbar, wenn er nicht mehr funktioniert, egal wieviel er zuvor geleistet hat. Die einzige Chance besteht darin über Kumpanei, Anhäufung von Reichtümern und fachspezifischen Interna sich möglichst indisponibel zu machen. Der aufkeimende Rassismus in ganz Europa speist sich aus dieser Gewissheit heraus. Einzig die Nationalität erscheint den Rassisten als beständiger Wert ihrer Identität. Sie hätten doch als Deutsche ein Vorrecht gegenüber Ausländern ihren Arbeitsplatz zu behalten oder vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. Aber dieser Kadavergehorsam gegenüber einer Nationalität, die sich nur über ein staatliches Verhältnis bildet und fortsetzt, basiert auf Kapitalakkumulation und damit auf der Ursache ihrer Verwahrlosigung, ihrer Austauschbarkeit, ihrem Mangel, der künstlich über die kapitalistische Gesellschaft erzeugt wird.

Und weil alle damit beschäftigt sind zu arbeiten, zu lernen, sich ganz der Verausgabung ihrer Fähigkeiten und Lebenszeit unter dem Diktat des Kapitals zu widmen, das über die gesellschaftlichen Institutionen durchgereicht wird, egal ob bei Universität, Schule oder in sämtlichen Konzernen aller Branchen, begreifen sie niemals genug, dass sie es mit ihrem Leistungsdrang nur noch verschlimmern. Wir können niemals ein reichhaltiges Leben führen, ohne Obdachlose, ohne Hungertote, ohne unsere Opfergaben am Arbeitsplatz, ohne unsere permanenten Selbstoptimierung, die von Makeup, Fitnesscenter über Teambuilding beim Oktoberfest bishin zu exzessiven Kokainkonsum reicht. Die Raserei führt zu psychischen und physischen Erkrankungen. Aber es ist auch eine unglaubliche Anstrengung sich von der gesellschaftlichen Ohnmacht nicht dumm und wahnsinnig machen zu lassen.

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Hamster mit Burnoutproblem

Frontal 21 hat bahnbrechendes herausgefunden: Die „meisten“ Unternehmen betrachten die „meisten“ ihrer Arbeitskräfte als Ressorce und nicht als Menschen! Ja wie ist denn das bloss möglich? Was für eine Fehlentwicklung oder? Es folgt Gerede vom „leeren Akku“ und vom „Hamsterrad“ aus dem man „nicht rauskommt“, wo man trotz „Spaß“ an der Arbeit irgendwann Suizid begeht, weil es „zuviel“ geworden ist. Und wer ist schuld? Microsoft! Denn die haben letzteren Hamster, der sich sogar noch für seine Unfähigkeit „entschuldigt“, einfach mal nicht zugehört und ganz böse unter Druck gesetzt. „Bissi schwach“, findet der Bruder. Für Microsoft ist dagegen alles in Butter, der Typ war halt depressiv, da kann die liebe Arbeit beim Konzern doch nix dafür, schliesslich gibt es „viele Faktoren die uns Menschen glücklich oder unglücklich machen können“! Blöd nur wenn der Kerl offenkundig gar kein Privatleben mehr hatte, sondern pausenlos von den „1440 Minuten“ am Ackern war.

Das Bewertungssystem wird später als Grund für den großen „Konkurrenzdruck“ angegeben bzw. kritisiert, welches Mitarbeiter von Microsoft offenkundig regelmäßig zum „weinen“ bringt. 5 % Prozent aller Arbeiter im Land leiden an Erschöpfung, der Arbeitsmarkt besticht durch „Bewährung und Bewertung“, überhaupt sind Arbeitsplätze unsicher, „Arbeitsverträge immer öfter befristet“ und was fällt der Frontal 21 Redaktion dazu ein? Rationalisierung und Arbeitsverdichtung sind schuld! Ja, toll und die fällt wohl vom Himmel oder was?! Und ein Arbeitssoziologe haut nochmal drauf und sagt: Wer sich „betriebswirtschaftlich nicht rechnet“ geht! Ja, und warum, aus Spaß an der Freude oder aus purem Sadismus der Manager?! Tja und der Pressesprecher von Microsoft hat keine Ahnung von über 9000 Erschöpften Leuten in seinem Lieblingsbetrieb, na klar! Also dieser ganze Beitrag bringt das Kunststück fertig jede Menge Katastrophen des Kapitalismus zu benennen, aber ihn selbst niemals auch nur mit einem Wort zu problematisieren! Da heult man wegen kaputten Menschen, schafft es aber nicht die Lage vollständig zu analysieren. Muss wohl das „notwendig falsche Bewusstsein“ sein, was die zu funktionalisierten Charaktermasken zerfallenen atomisierten Subjekte im Kapitalismus in sich tragen.

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Willkommen im Kapitalismus: Wie ein Discounter seine Mitarbeiter ausbeutet

Der besagte Discounter ist nur die Spitze des Eisberges, die anderen Konkurrenten am Markt agieren nicht anders, genauso wie generell sämtliche Konzerne nach demselben Prinzip agieren und funktionieren. Es geht grundsätzlich nur um den Profit, danach wird sich vielleicht auch um alles andere wie Menschenrechte, Umwelt, Nachhaltigkeit und Sinn der Produktion gekümmert. Da der Druck am Markt aber immer heftiger wird, je näher man der Grenze, der möglichen Ausbeutung von Arbeitskraft und der möglichen Senkung von Kosten, angelangt ist, wachsen auch die Risiken und die Zerstörungen in jeder Hinsicht. Als Konzern geht man noch rigoroser gegen Mitarbeiter vor, die nicht alles geben, man fordert generell mehr von allen Mitarbeitern und gleichzeitig erwartet man das Lohnsenkungen ins Bodenlose akzeptiert werden. Bei Lidl wurden die Mitarbeiter jahrelang ausspioniert, Betriebsräte wurden verfolgt und rausgeworfen, Netto agiert hier kaum anders, will laut Frontal 21 sogar wissen was bei Ver.di so besprochen wird. Die Mitarbeiter arbeiten selbst bei Krankheit, bürden sich unheimliche Lasten auf, weil sie es als Mensch nie anders gelernt haben. Wer zuetwas kommen will, der muss auch ranklotzen, der muss auch zeigen das er will und kann, der muss das Jammern sein lassen und entsprechend wie gefordert funktionieren. Das ist aber grundsätzlich falsch! Die Mitarbeiter sollten nicht funktionieren, sie sollten streiken und protestieren. Dazu fehlt ihnen aber leider das entsprechende Bewusstsein, schliesslich haben sie ihr ganzes Leben nur gearbeitet und selbst in der Schule haben sie nur systemkonformes Zeug gehört und auswendig gelernt. Also wird alles nur noch schlimmer, auch weil die Manager es nicht anders kennen, die im Beitrag als die bösen Buben dargestellt werden. Diese versuchen doch bloss den eigenen Konzern an die Spitze zu bringen. Gesetze stören bei der Profitmaximierung natürlich nur, daher schreit dieser Frontal 21 Beitrag genauso wie die Mitarbeiter nach dem Staat: Er soll doch bitte diesen Konzern zähmen und zwingen die Regeln einzuhalten. Aber das löst nicht die Quelle der Probleme. Die Ahnungslosigkeit über die eigene Befindlichkeit, die eigene Rolle im globalen System könnte nicht größer sein.

Von systematischer Ausnutzung durch ihren Arbeitgeber berichten Mitarbeiter und Führungskräfte bei Netto Marken-Discount. Nach ihren Worten herrscht dort ein brutales Klima der Angst und Unterdrückung. Netto Marken-Discount – nicht zu verwechseln mit der dänisch-deutschen Firma NETTO – ist ein Tochterunternehmen der Edeka-Gruppe, der Marktführerin im deutschen Lebensmittelhandel. Die Expansion werde auf dem Rücken der Beschäftigten betrieben, so der Vorwurf der Gewerkschaft Verdi. (Text & Quelle: ZDF)

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