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Die Sklaven hier – Die Sklaven dort

Dieses alltägliche Ritual, zur selben Uhrzeit aufzustehen, sich genauso wie am Vortag zu säubern, sich in die  Arbeitsklamotten zu werfen, auf den Weg zur Arbeit zu machen, dort dann stundenlang die immer selben Probleme zu bewältigen und zu ertragen, um letztlich erschöpft wieder zurückzukehren und ins Bett zu kriechen, macht mein Leben monoton und eindimensional. Es wird aber von den meisten Menschen als ein erfülltes Leben betrachtet, denn mit dem auf der Arbeit erwirtschafteten Geld, lässt sich ja wunderbar Zeug kaufen, was  von dieser Monotonie ablenkt und diese dann auch irgendwie erträglicher macht. Natürlich wird oft gesagt, wenn Dir Dein Job nicht gefällt, such Dir einen neuen, was angesichts der schon seit 3 Jahre währenden Krise ein eher mieser Rat ist. Dann wird oft hinterher geschoben, es wäre früher ja soviel schlimmer gewesen, da wurden Leute, die nicht mitzogen,  schlicht umgebracht. Oder es wird auf die hungernden Menschen in aller Welt verwiesen, denen würde es ja wirklich dreckig gehen, die hätten echte Probleme, das was mir Schwierigkeiten bereitet sind dagegen ja wohl Kleinigkeiten.

Ich sehe aber eine Verbindung zwischen denen die Verhungern und mir. Zufällig bin ich ein privilegierter Sklave, weil ich in einer Arbeiterfamilie in Deutschland geboren wurde. Ich hatte rein formal bis zur 4. Klasse die Möglichkeit in die Oberschicht aufzusteigen, was mir aber nicht möglich war, weil mir Schule schon immer missfiel, gerade die Spalterei durch das Notensystem. Auch andere Mitschülern fanden es blöd bestraft oder belohnt zu werden, nur weil sie bestimmte Noten hatten. Die Trennung der Klassengemeinschaft in Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler sorgte für traurige Gemüter. Aber diese Gefühle mussten verdrängt werden, denn es gab klare Regeln und Prinzipien die es zu erfüllen galt, – weshalb auch immer. Eigentlich ging es ab dieser Trennung immer so weiter. Es wurde bestraft und belohnt, was entweder Glück oder Unglück in der Schule, in der Familie, im späteren beruflichen und gesamten Leben bedeutete. Es wird seit Jahrzehnten darüber gestritten ob unser Schulsystem gerecht ist und wie man es verbessern könnte. Die Fronten sind verhärtet.

Jedenfalls bin ich ein privilegierter Sklave, weil ich aufgrund der schulischen Kategorien nur bestimmte Berufe ausüben darf, Berufe die mich lediglich über Wasser halten, aber nicht  innerhalb weniger Jahre eine selbstbestimmte Entfaltung ermöglichen können. Entfaltung wird in unserer leistungsorientierten Gesellschaft eben nur möglich, wenn es Profite bringt. Tätigkeiten die keinen Profit abwerfen haben keinen Wert, sind also auch keine Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit, so die Unterstellung der Gesellschaft. Dies ist die Qual aller privilegierten Sklaven, sie dürfen Arbeiten, sie dürfen konsumieren, aber finden in dem was sie tun und leisten keine Erfüllung. Wirkliche Erfüllung ist nur für wenige Menschen in dieser Gesellschaft möglich. Für wenige Künstler, Wissenschaftler, Politiker und reiche Erben. Wer sich entfalten will braucht vorallem Kapital. Fehlt Kapital, braucht es enorm viel Anstrengungen dieses zu erwirtschaften, was aber aufgrund der hohen Konkurrenz am Markt quasi unmöglich ist.

Während der normale Sklave in Afrika von Geburt an arm ist und gar nicht die Möglichkeit hat sich in Kaufhäusern sinnlosen Gütern hinzugeben oder im Fernsehen dämliche Soaps zu betrachten, von Billig-Produkten immer fetter zu werden, muss sich ein privilegierter Sklave für ein Null-Summenspiel tagtäglichen den Arsch aufreissen, um seine Rechnungen bezahlen zu können und eben diesen entfremdeten Lebensstil meistern zu können. Beides ist Armut, beides ist Unmündigkeit, beides macht unglücklich und krank. Beides wird von unserem jetzigen politischen und wirtschaftlichen System mithilfe der Leistungs-, Wettbewerbs- und Konkurrenzprinizpien aufrecht erhalten und damit verstärkt. Und die wenigen Menschen die sich entfalten können, wollen ihren Lebensstil natürlich schützen und tun ihr möglichstes dafür auch ihren Kindern diesen Stil zu gewährleisten. All das wurde einmal als Klassenkampf bezeichnet. Aber auf beiden Seiten gab es wohl nie genug Bewusstsein dafür.

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Ausbeutung & Unterdrückung ist nur durch Deine Bewusstlosigkeit möglich

Es herrscht immer noch Krieg zwischen den Menschen, egal ob als Nationen, Konzerne, Klassen, Gruppen zusammenfasst oder als Individuen innerhalb dieser Gruppierungen. Alle haben sich gewissen Plänen verschrieben. Es geht ihnen um Erfolg, Anerkennung und Fortschritt. Doch egal was erreicht wird oder nicht erreicht wird, generell sind die Menschen damit unzufrieden. Also folgen sie immer weiter Plänen die sie sich mit ihrem Verstand bzw. ihrem Ego erdacht haben oder die sie von jemand anderen eingeredet bekommen haben.

In der Schule wird damit angefangen den Menschen zu erzählen wie das Leben zu laufen hat. Es gibt keine Alternative und man darf als Schüler auch nicht einfach weggehen. Man muss zuhören, man muss mitmachen, man muss den Prinzipien und Vorstellungen der Lehrer, des Lehrplanes, der Eltern, der herrschenden Meinung gehorchen und sich dieser unterwerfen. Denn tut man dies nicht, wird man entsprechend bestraft, je besser man folgt, je mehr man aktuell geltende Ansichten des Zeitgeistes verinnerlicht und fehlerfrei widergibt, desto mehr Erfolg in Form von Noten, sozialen Aufstieg gibt es dann auch.

Diese Form des Forderns, Belohnens und Strafen, ist quasi überall Realität. Egal ob als Hartz IV Empfänger, Manager oder US-Präsident, Du hast Regeln zu folgen, Regeln denen wir uns unterworfen fühlen, Regeln die wir nicht selbst beeinflussen können. So hat man uns das immer eingeredet und entsprechend funktioniert die Welt. Tagtäglich herrscht Krieg zwischen den Menschen, sie kämpfen in Konzernen um Profite, um ihre Arbeitsplätze, um ihren Lebensstandard und am Ende des Tages gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer. Meistens sind es die Menschen die in den letzten Jahrhunderten generell die Verlierer waren. Die Menschen in der Dritten Welt haben schlechte Karten, weil bei ihnen Kapitalismus nie Sinn gemacht hat und sie ihn auch niemals praktiziert haben.

Man sagt die Afrikaner sind faul und selbst schuld an ihrem Leid, sie könnten sich ja etwas aufbauen und so weiter. Aber wären sie dann glücklicher? Sind wir denn glücklicher mit unserer „Zivilisation“? Was haben wir denn schon? Atomkraft, Waffen, Tiefkühlpizza, DSDS, Parteien die niemals das tun was ihre Wähler wollen, immer mehr Niedriglohnjobs, ich weiß nicht ob das alles Ausdruck von Fortschritt sein soll. Es gab wohl nie geistigen Fortschritt, nie Weisheit in der Schule, Politik oder Wirtschaft. Ich habe schon den Eindruck, dass man Konsumzombies braucht um Arbeitsplätze zu sichern, die Bevölkerung leichter kontrollieren zu können, damit der Status Quo weiterhin so bleiben kann wie er seit Jahrzehnten ist.

Während Milliarden Menschen verlieren, sich mit weniger bis gar nichts zufrieden geben müssen, bzw. es in vielen Fällen einfach zu lassen, weil sie sich nicht für die Probleme ihres Lebens interessieren und sich lieber mit Konsum und Vergnügen ablenken lassen, gibt es die berühmten „Oberen“ 10 000 die die Politik, Wirtschaft, Medien, Bildung etc. dominieren und maßgeblich beeinflussen. Soll das Demokratie sein? Soll das zum Glück aller beitragen? Wird das die Konflikte und die Kriege zwischen den Menschen, Nationen und Konzernen lösen? Bestimmt nicht und das ist sicher auch nicht das Ziel der Herrschenden. Teile und herrsche ist deren Motto.

Und solange die Menschen nicht ihre Bedürfnisse, ihr Verhalten hinterfragen, solange sie nicht hinterfragen warum sie soviel arbeiten müssen und immer weniger verdienen, während sie gleichzeitig immer mehr bezahlen müssen, wird sich alles nur noch mehr verschlimmern. Die Leute müssen an die Quelle der Probleme herantreten. Es ist der Verstand welcher nach Konflikten giert, welcher nach Erfolg und Anerkennung giert. Die meisten leben von uns in der Vergangenheit oder Zukunft, obwohl nur ein Moment zählt; nämlich die Gegenwart, das hier und jetzt. Wir könnten von einem Tag auf den anderen alle Probleme lösen, wäre das der Mehrheit der Menschheit bewusst. Wir könnten die Militärs auflösen, die Vermögen der Reichen nutzen, um den Hungernden Nahrung zu schenken, den Kranken Medizin zu schenken usw.

Diese Möglichkeiten werden natürlich in den Massenmedien, in der Schule usw. nicht angesprochen, denn das würde den Status Quo gefährden.

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Eingeordnet unter Gesellschaft

Die Zeiten haben sich nicht geändert

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, denn meine Tage ähneln sich immer mehr. Viele Menschen sehen darin den gewöhnlichen Rythmus eines Arbeiters oder Angestellten. Man steht auf, macht sich sauber, zieht sich an, geht zur Arbeit, arbeitet bis man völlig entnervt ist und geht dann nach Hause um sich hinzulegen. Dieser Ablauf wird dann immer und immer wieder bis zur Rente wiederholt. Nebenbei bleibt natürlich wie schon oft festgestellt, keine Zeit mehr um sich mit wirklich interessanten Dingen auseinanderzusetzen. Viele Projekte und Bücher bleiben in der Ecke liegen, ich kann mir keine neuen Erkenntnisse beibringen, – vorallem nicht unter Zeitdruck und ohne entsprechender Muse. Die Arbeit zerstört meine Möglichkeiten, obwohl sie mir das nötige Geld gibt um Nahrung, Lebensraum usw. zu bezahlen. Das aber etwas grundlegendes nicht stimmt, empfinde und denke ich mir andauernd.

Befreiung aus dieser Situation ist nur mit einem großen „sozialen Abstieg“ möglich oder mit einer langfristigen verstärkten Aktivität innerhalb der künftigen Jobs, mit entsprechender finanzieller Entlohnung. Beides ist Risikoreich, beides macht mich nicht glücklich. Die Probleme die sich tagtäglich ergeben sind vorallem kollektiver Natur, mit ihnen habe ich als Individuum kaum Chancen sie selbst zu lösen. Wenn bspw. der Markt dafür sorgt, dass ich soviel Arbeiten muss und so wenig bezahlt bekomme oder nicht die chance bekomme mich akademisch weiterzubilden weil es selbst mit Abschluss keine sichere Aussicht auf eine berufliche Tätigkeit gibt, dann ist das nicht nur für mich traurige Realität sondern für Millionen von Menschen. Wer kann schon machen was er will? Solange alles Geld kostet gibt es keine Möglichkeit genau das zu tun. Ähnlich die ganzen Hierachien, das sind alles Herrschaftssysteme, in der sich ein Mensch über den anderen stellt. Was das mit Freiheit zutun haben soll ist mir ein Rätsel. Offenbar betrachten die Menschen aber diese Dinge als Notwendigkeit, weil sonst die Erde im Chaos versinken würde, – oder so.

Es hängt aber immer davon ab was die Menschen wirklich wollen, wie weit sie mit ihrem Bewusstsein sind, wie weit sie ihre Konditionierungen abgestreift haben. Je fortgeschrittener das ganze ist, desto näher kommen wir alle dem Paradies. Die Ablehnung meinerseits gegenüber den Aberglauben dieses und jenes wäre nun das Rezept für das bessere Leben, und nur diese Lebensweise darf sich durchsetzen usw, ist gigantisch. Mir fällt es daher sehr schwer den Arbeitsalltag ohne lautstark zu protestieren durchzuziehen. Natürlich mache ich meine sachlichen Aufgaben, auch wenn sie langweilig sind, schlecht bezahlt sind, wenn sie keinerlei Neugier in mir wecken usw. Ich weiß das ich durch die Vorstellungen der anderen dazu gezwungen bin dies ersteinmal hinzunehmen. Denn ich habe keine Fähigkeiten, die mir erlauben, unabhängig zu leben. Man hat seit ich auf der Welt bin versucht, mich in eine degenerierte Gesellschaft zu integrieren, eine Gesellschaft die sich von sich selbst entfremdet hat und es noch nicht einmal selbst bemerkt und entsprechend bekämpft. Das ist alles ziemlich traurig und ich sehe anhand der Verhaltensweisen vieler Menschen, bei ihrer Jagd nach Spaß, Genuss und Anerkennung, wie ausgehungert diese Menschen sind. Das wird uns ins Chaos führen, weil das Bewusstlosigkeit ist.

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Arbeit macht frei?

Wer einen Job will darf sich nicht die Haare und den Bart so lang wachsen lassen wie ihm das gefällt. Es geht auch nicht in Lieblingsklamotten beim Bewerbungsgespräch aufzutauchen oder Tättowierungen im Gesicht zu haben. Wir haben nach wie vor eine Gesellschaft voller Menschen die mit primitiven Vorurteilen ihr Leben begreifen und gestalten. Statt sich zu öffnen wird abgelehnt und verurteilt noch bevor sich die betreffende Person äußern kann, noch bevor man sich überhaupt näher kennengelernt hat. Denn wir haben keine Zeit, es gibt tausende Bewerber für eine Stelle und da nimmt man sich lieber für die Leute Zeit die am besten in das eigene idealisierte Bild eines Kollegen passen, auch wenn man sich dabei oft genug täuschen kann.

Komischerweise erinnert mich das ziemlich an die Zeit mit den Nazis damals, die hatten ihr Ideal vom arischen Menschen, blauäugig, blond und so weiter, man durfte keine nähere Abstammung zu jüdischen Mitmenschen haben wenn man beispielsweise an staatlichen Unternehmen teilnehmen wollte. Auch hier gab es also gewisse „Voraussetzungen“ die aus Sicht des Arbeitgebers erforderlich waren um überhaupt an eine Zusammenarbeit zu denken. Und das finde ich schon beängstigend. Ich verstehe das heutzutage nach „passenden“ Angestellten für das Unternehmen gesucht wird, aber das hat mittlerweile Formen angenommen, da kann ich nur den Kopf schütteln. Offenbar ist das gesellschaftlich anerkannt und daher gar kein Problem, also nicht erwähnenswert.

Und wenn ich so weiter darüber nachdenke haben wir noch etwas gemeinsam zu der damaligen Zeit. Wir haben immer noch den unerschütterlichen Glauben an die Arbeit. Damals hatten die Nazis an das Konzentrationslager in Dachau „Arbeit macht frei“ notieren lassen, heute scheint sich das in Millionen Köpfen eingebrannt zu haben. Denn täglich rasen und hetzen Millionen „Erwerbstätige“ durch die Strassen zu ihrem Arbeitsplatz um sich finanziell unabhängig zu machen, also um sich mithilfe der Arbeit zu befreien auch wenn das total aussichtslos ist. Und der absolute Oberhammer ist für mich, dass einige dieser Leute u.a. lange Zeit auch ich, mit Zügen sich dorthin verschleppen lassen.

Hat man überhaupt das Glück einen Job zu haben, dann muss man also mit Zügen zu den Arbeitslagern, Arbeitsplätzen gefahren werden. Kaum ist man dort angelangt schlägt einem eine Wand der Verzweiflung, Aufregung, Unruhe, Unsicherheit und Angst entgegen. Die Mitgefangenen, Kollegen empfinden ähnlich wie man selbst und mehr oder weniger wird versucht, die Situation gemeinsam auszuhalten. Wir verharren gemeinsam auf unseren Arbeitsstätten, versuchen emotional und gedanklich weit weg zu sein und harren aus. Lassen das stumpfe hämmern der Industrie über uns ergehen, nicken brav wenn der Chef Befehle und Weisungen weitergibt, ignorieren die Wut und Traurigkeit in uns auch wenn wir dadurch umso weniger das eigene Leben nicht entfalten können. Ja, so empfinde ich das. Wir haben längst wieder Konzentrationslager im Land installiert und wir haben uns daran gewöhnt, sind freiwillig dort eingezogen, im Glauben dort würden wir unsere Freiheit erarbeiten können. Stattdessen wird alles nur noch schlimmer.

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Günter Gaus interviewt Rudi Dutschke

UPDATE: Interessant, nach etlichen Monaten und zigtausend Views ist das Interview plötzlich ein Verstoss gegen die Nutzungsbedingungen, absurder geht es nicht mehr. Wenn jemand das Interview hat, bitte in den Kommentaren melden.

UPDATE²: Ich konnte glücklicherweise noch eine Kopie im Netz finden! Merkwürdig ist die plötzliche Löschung dennoch.

Rückblicke, Bilanzen, Epitaphe – sie alle müssen ihn verfehlen, den Geist von 68, auch 40 Jahre danach. Vor allem die ehemals Beteiligten, die heute doppelt so alt sind, wissen meist nicht mehr, wovon sie reden. Glücklicherweise gibt es Kameras und Fernsehsender. Selbst ein bescheidenes Dreiviertelstündchen-Interview bewahrt und verrät heute mehr von jener Zeit als ganze Bände voller Reminiszenzen.

Günter Gaus mit Rudi Dutschke, im Dezember 1967 in einem Studio des Südwestfunks – kein Schmuck, kein Trick, keine Musik, die Sendung lebt vom Wort und lebt bis heute kraftvoller als sämtliche Talk-Shows eines ganzen Jahres. Das liegt nicht nur daran, dass hier zwei Leute miteinander sprechen, die was zu sagen haben, sondern dass das Wort, noch nicht entwertet durch televisionäre Redeflut, den Interviewpartnern selbst etwas gilt. Hier werden keine Worte verraten, weil ja Fernsehsekunden teuer sind und deshalb gekrallt werden müssen, sondern Worte werden gesucht und sorgsam geformt. Hier wird erörtert – mit Feuer und Konzentration. So etwas gibt es im Fernsehen nicht mehr.

Gaus, selbst ja damals noch nicht alt, aber „etabliert“ interviewt in Dutschke die junge Generation, die „so“ nicht mehr weitermachen will. Aber Gaus kennt die Welt nur „so“, und er ist nicht fähig, sie sich anders zu denken. Das Interview lebt von der Spannung, dass beide Mühe haben, einander zu verstehen, es aber unbedingt wollen. „Wer führt Ihre Bewegung?“ fragt Gaus, und Dutschke sagt: „Die Menschen führen sich selbst.“ – „Wie verhindern Sie Minderheiten-Terror?“ — „Wir werden Mehrheit, oder wir scheitern.“ – „Sie werden Gefängnisse brauchen . . ., KZs …“ – „Es hängt vom Willen der Menschen ab, ob sie zur Freiheit finden. Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat.“ Während Gaus durch jede Rebellion die noch unreife Demokratie der Bundesrepublik gefährdet sieht, erscheint Dutschke diese Demokratie mürbe und faul. „Sind Sie antiparlamentarisch?“ – „Ja, weil die wirklichen Bedürfnisse der Menschen im Parlament nicht vorkommen.“


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