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We are Trump

Um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen herzustellen ist die Reflexion der eigenen Sozialisation, Familie, des persönlichen Umfelds, der Werte, Normen, Persönlichkeit notwendig. Dies alleine ist eine eklatante Selbstreflexion bzw. Reflexionsleistung, die von unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht gefordert wird. Sie fordert lediglich Akzeptanz, Gehorsam und Übernahme all dessen, was ein Individuum seit Geburt vorfindet. Und weil die Gesellschaft unangepasstes Verhalten bestraft, ist das wichtigste, nämlich die Erkenntnis, nebenbei zu machen, wenn nicht gerade das Glück existiert, dass Freunde oder Familie einen unterstützen. Zu einem gewissen Grade ist es in jeder Gesellschaftsform üblich, dass nachkommenden Generationen etwas aufoktroyiert wird. Allerdings schiebt sich in unserer spezifischen Gesellschaftsform noch eine Dimension hinein, nämlich der irrationale Charakter der jetzigen Epoche. Dieser drückt sich im Zwang aus Profite zu maximieren. Dieser Zwang ist total geworden und damit als zweite Natur unwidersprochen anerkannt worden, sodass er permanent unhinterfragt reproduziert wird. Zugleich wurde nach zwei Weltkriegen die tatsächliche Konstitution der Gesellschaft verleugnet, die u.a. die Shoa überhaupt erst ermöglichte. Die Verhältnisse wurden nie insoweit verändert, dass die Shoa unmöglich wieder stattfinden kann. Mehr noch: Man hat den Faschismus demokratisiert. Ausdruck dessen lässt sich u.a. in allen Rechtsbewegungen weltweit in jüngerer Zeit erkennen.

Somit kämpft das Individuum also nicht nur gegen die eigene Regressionen, Verhärtungen und ringt um Selbstreflexion, sondern es kämpft auch gegen die nähere sowie fernere Regressionsleistung der sozialen Umwelt, die zugleich Erwartungen stellt, die über Lebensqualität und Reflexionsfähigkeit entscheiden. Wer arbeitet wird in diesem Zusammenhang dümmer, weil er einem Prinzip nachgeht, welches Reflexion nur im Sinne der Kapitalakkumulation benötigt und demnach jegliche Gedankenprozesse bestraft, die davon ablenken oder sogar auf eine Abschaffung zielen. Zugleich lässt sich die Erkenntnis über die Unwahrheit unserer Gesellschaft nur auf der individuellen Ebene leisten, da die Totalität sich tief in die Menschen eingegraben hat. Die Gesellschaft droht permanent in Banden zu zerfallen bzw. organisiert sich über Banden, d.h. auch Wissen wird nur innerhalb von Banden geteilt oder verhandelt. Ohne eine Bezugsgruppe, die spezifische Reflexionsgrade erreicht haben, um die Gesellschaft auf eine sinnvolle Weise zu hinterfragen, wird die Reflexionsleistung des Individuums ohne geniale Disziplin oder Kreativität schwach bleiben. Zugleich lässt die Auffindbarkeit von reflektierten Gruppen oder Individuen mit dem fortschreiten der instrumentellen Vernunft systematisch nach, weil traditionell, wie gesagt, nur systemimmanentes Wissen belohnt wird.

Die Fähigkeiten des gesamten Bewusstsein oder der gesamten menschlichen Intelligenz sind fest an den Produktionsverhältnissen verankert. Sie tradieren, manipulieren, segregieren, vernichten, wühlen im Menschen und durch den Menschen, reproduzieren die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die Menschen verhalten sich zu Menschen wie Dinge zu Dingen und der Mensch behandelt sich  selbst wie ein Ding, welches zu bearbeiten ist wie ein Bergwerk. Je länger er in sich wühlt und optimiert, desto leerer ist er im Verlauf des Lebens. Die permanente Mobilmachung im Sinne der kapitalverwertenden Nützlichkeit hält die Individuen derart in Atem, dass nur leere Wissensformen, die im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas abgespuhlt werden, angewendet werden. Diese Logik arbeitet ins uns allen und der Kampf dagegen ist das Interesse der Menschheit. Trump ist eine Persönlichkeit, die für eine postnazistische Ideologie steht, die sich gerade durch eine opportunistische Anpassungsleistung an diese zerstörerischen und irrationalen Verhältnisse auszeichnet. Wahllos prügelte er auf Minderheiten ein, schliesslich gelten sie auch in der Kapitalakkumulation als wenig profitabel. Zugleich wohnt in seinem Größenwahn auch der Wahn, der stumme Schrei der narzistischen Kränkung, die der Kapitalismus jedem Individuum in jeder Kindheit mehr oder minder stark antut. Die Popularität des neuen US-Präsidenten zeigt den weiten Verbreitungsgrad der autoritären Persönlichkeit, die jegliche Reflexion über sich und die anderen ausschliesslich im Sinne des Profits unternimmt.

Das Wissen, welches zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer Abschaffung von Hunger, Krieg, Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus, Antiziganismus, Homophobie uvm. nötig wäre, setzt sich nicht durch, weil es keine Profite abwirft, weil es der systemimannenten Logik widerspricht, weil keine kapitalkräftigen Banden für sie kämpfen. Die Atomisierung, Entpolitisierung und Entleerung der Individuen lässt sich akut in allen sozialen Beziehungen deutlich erkennen. Die Profitmaximierung hat die Individuen so stark erschüttert, so häufig ins Gesicht geschlagen, dass sie immer stärker in ihrer Regression, Verantwortungslosigkeit aufgehen und ein postfaktisches Zeitalter mit faschistoiden, islamistischen, nationalboschewistischen bis technokratischen Führerfiguren wie Trump, Petry, Hofer, Putin, Erdogan, Gabriel, Wagenknecht und Co. begründen. All hope is gone, denn es gibt keinen Ort außer der immer schwächer werdenden Reflexionsleistung des Individuums, welches sich auf unzähligen Fronten und Ebenen zu behaupten hat, während es zugleich das so wichtige revolutionäre Potential erfassen, denken und ergreifen muss. Panik, Angst, Wut und Trauer sind keine guten Ratgeber, aber sie sind alles was neben all den Erschütterungen, Katastrophen und Umwälzungen in den letzten Jahrzehnten übrig geblieben ist.

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Capital Angst

Es ist nicht nur so, dass es permanent an Geld fehlt. Es fehlt auch an Bindungsfähigkeit von Beziehungen. Gleichgültig ob im studentischen Milleu, der heimischen Familie oder im rationalisierten Berufsfeld: Die fehlende Garantie, dass irgendeine Geste, Handlung oder Aussage zur Stabilität führt ist allgegenwärtig. Die Garantie ist nie dagewesen. Es ist auf keinen Menschen, den man je getroffen hat, Verlaß. Niemand ist sicher. Die fortschreitende gesellschaftliche Verwandlung durch Umwälzung ist Zerstörung und diese Vernichtung entleert, zerstreut und definiert Zwischenunmenschlichkeit.

Auf Fragen folgt Stille, auf Ideen folgt Stille, auf Hoffnungen folgt Stille, auf Zärtlichkeit folgt Stille. Jahre vergehen voll mit Stille. Ist das die Stille nach, vor oder mitten im Krieg? Unsere Gesellschaft ist auf der Grundlage des Nationalsozialismus enstanden. Es ist Ausdruck der Demokratie Menschen durch Arbeit zu vernichten. Wir sind ihre Apologeten und Produzenten. Die rationalisierten mystischen Riten unseres Alltags werden hingenommen, ertragen, mitgetragen, weiterentwickelt, obwohl Menschen bereits jetzt kaum mehr als Stümpfe sind. Das Nebulöse des Lebens lässt sich nicht mit wilden Handbewegungen vertreiben. Es gibt keine Strategie aus diesem asozialen Labyrinth, sofern die Lage nicht erkannt wird.

Erst wenn der Eindruck entsteht, dass die eigene Anspassungsleistung derart erwachsen ist, dass andere davon profitieren könnten, wird aus der Stille eine ominöse, verdächtige Lärmigkeit. Die Gewissheit über einen Menschen lässt sich vornehmlich nur dann klären, wenn es um Fragen von Geld geht. Die Beziehungen sind durch das Kapitalverhältnis in permanenter Umwälzung geprägt, sortiert, demgemäß ist es nur logisch, dass Prestige sich ausschliesslich über Macht, Gewalt oder Kapital ausdrückt. Etwas riskieren, organisieren, entwickeln, konsumieren können nur jene, die es sich leisten können. Jenen, denen es an solcherlei Prestige mangelt, werden außenvor gelassen, vergessen, abgelehnt, denunziert, indirekt oder direkt ermordet.

Die ganze Wertigkeit eines Menschen wird also von kapitalgesteuerten Konkurrenzbeziehungen vornehmlich definiert. Erst das Geld erlaubt Souveränität und lässt Angst im Alltag durchstreichen. Fehlen die monetären Mittel, ist Existenzangst vorprogrammiert, genauso wie soziale Ächtung und der totale Niedergang. In einer Gesellschaft von Mitmachern und Mitläufern, die die strukturellen Ursachen vergangener Katastrophen von Weltkriegen bis Holocaust in der jetzigen Gesellschaft verdrängen, ignorieren und mit ihrer Tätigkeit aufrechterhalten, ist keine Solidarität, Empathie, Unterstützung, Freundschaft oder auch nur ein längeres, vertrauensvolles, reflektiertes Gespräch zu erwarten.

Blickt man herum, im Nebel des Alltags, so ist da niemand außer man selbst. Greift man nach anderen, greift man ins Leere, egal ob man sie nun umarmt oder ihre helfende Hand benötigt, um nicht zu ertrinken. Und umarmt man sich überraschender Weise doch, ertrinkt man un­ver­se­hens zusammen. Die Alltagsroutine sämtlicher Milleus ist von einer gespenstischen und barbarischen Egalität gegenüber bzw. unter allen Konkurrenzsubjekten geprägt. Wichtige Informationen, um den Alltag zu bewältigen oder gar monetäre Mittel zu erlangen, die überlebenswichtig sind, erlangen nur elitäre, rücksichtslose Minoritäten, Interessengruppen, die sich unter die sowie um die Kapitalakkumulation herum formieren und gegen andere Banden verteidigen. Cliquen simulieren Nähe und Intimität, die objektiv überhaupt nicht gegeben ist. Da alles kalt, tot und irre ist, haben sie permanent Krise und Hochkonjunktur zugleich.

Ohne permanente Demonstrationen der Macht, Stärke, Fleiss und Konformität droht das Individuum unterzugehen und vernichtet zu werden. Alles unter dem Banner der Freiheit und Demokratie. Zugleich ist die Individualität von Geburt an als konformes Bandenmitglied festgestellt. Niemand ist frei, wenn er dem Diktat von Kapital folgen muss und etwas Kapital nur erlangt, wenn er einer Interessensgruppe folgt, die vom Kapital geprägt und abhängig ist. Der Arbeitsplatz in einer Abteilung eines Unternehmens, der einem den Alltagsinhalt maßgeblich auferlegt und sämtliche Emotionen oder Gedanken gewaltsam strukturiert, schliesslich ist Lohnarbeit kein Wunschkonzert, ist Ausdruck dieses Machtverhältnisses. Die Lehrpläne an den Schulen und Universitäten, die auf die Studenten nonchalant als Gewalt- und Machtverhältnis einwirken, denn ohne Gehorsam ist kein Abschluss zu machen, strukturieren indirekt das, was das Kapitalverhältnis wünscht. Darüber sind alle erschrocken und geschockt, lenken sich dann aber aufgrund der Geschlossenheit dieser Totalität mit irrwitziger Betriebsamkeit von dieser Erfahrung ab.

Das Streben nach einem normalen Leben innerhalb dieser Umstände bedeutet automatisch die Sortierung der Menschen nach Zwecken, Interessen, Nützlichkeit, Anpassungsgrad gegenüber dem Kapital. Diese Sortierung ist Zerstörung. Sie bedeutet Verdinglichung und Negation aller Manigfaltigkeit. Prestige, Beziehung, Individualität, Schönheitsideale oder Werte oder Charakter sind demnach direkter Ausdruck der Kapitalakkumulation. Diese Monokausalität changiert dialektisch innerhalb und über unzähligen Vermittlungsformen. Der Habitus einer Charaktermaske funktioniert unter Zuckerbrot und Peitsche des Kapitals. Die Hoffnungslosigkeit  niemanden zu finden, der vertrauenswürdig ist, ist schon zutiefst im Menschen über das gesellschaftliche Verhältnis angelegt. Darin liegt die Trost- und Ausweglosigkeit unserer Moderne.

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Vergeblichkeit & Einförmigkeit in der Weltlosigkeit

Unsichtbar und nonverbal setzt sich die Katastrophe über die monokausale Kapitalvewertung durch. Mangel ist für den modernen Menschentyp charakteristisch. Meine Eltern und ich waren stets atomisiert. Wir flohen vor den Mauern und Selbstschussanlagen der DDR in eine vermeintlich bessere Welt. Aber diese neue Welt brachte ständige Wechsel der Arbeits- und Wohnorte mit sich. Die Hinwendung zur Kapitalakkumulation hat unsere junge Familie anonymisiert und die Zerrissenheit über ganze Generationen hinweg geprägt. Die Entfremdung gegenüber Opa, Oma, Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins, von Nachbarn, Bekannten, alten Weggefährten, wurde in Kauf genommen für ein vermeintlich besseres Leben. Doch alles war schon während dieser hoffnungsvollen Entscheidung verdorben. Balzac sagte einmal, dass das Leben ohne großes Vergessen nicht funktionieren würde, aber der Kapitalismus besteht heutzutage aus einer enormen Selbstvergessenheit der Individuen. Kein Wort bedeutet heute noch etwas. Die Priorität des Alltagslebens wird stets pragmatisch auf das gesetzt, was sich augenscheinlich am wichtigsten aufdrängt und selbstsetzt: Die Kapitalakkumulation. Aber dieses Prinzip ist, folgt man Marx, falsch und zerstörerisch für alles. Diese Reproduktionsform brachte höhere Produktivkräfte, aber es hat die Menschen, die kaum welche waren, entleert. Beobachte ich meine Familie, so sehe ich eine zerstörte Bande, die verstummt, enttäuscht, verletzt und gedemütigt wurde und nun freudlos, perspektivlos, nackt, blutend auf den Trümmern ihres Lebens im Ozean abtreibt. Aber über mehr als kurzatmige Aufreger ist man in der Familie angesichts dieses Zustandes nicht hinausgelangt.

Und doch, obwohl die Schinderei dem Alltag glich, weil man die Anpassungsleistung gegenüber dem falschen Prinzip der Kapitalakkumulation unbedingt vollziehen wollte, kam es nie zum Bruch mit der Gesellschaft, sondern man brach sich willentlich selbst. Die Verletzungen, die die Gesellschaft an ihnen und uns anrichtet führt zu selbstverletzenden Verhalten, krankhafter Innerlichkeit und beschleunigt die Monotonisierung des Lebens. Vielen Menschen scheint das geringe Selbstwertgefühl zueigen zu sein, was eine Art Rechtfertigungsdruck für die eigenen Taten und Gedanken erforderlich macht. Und das obwohl das System, welches sie zugrunde richtet, sich nicht rechtfertigt, sondern über die blinde Tätigkeit der fassungslosen Individuen immer wieder erneut vor sie setzt und endlose Aufopferung verlangt. Die Welt ist nach dem heutigen Stande eine Endstation für Übriggebliebende. Sie hält eine permanente Vernichtungsdrohung gegenüber den Überlebenden aufrecht, vollzieht diese Drohung aber zugleich z.B. an zehntausenden Hungertoten jeden Tag. Wenn wir alle diese Vernichtungsindustrie aufrechterhalten, denn es gibt niemand sonst der das tut, macht uns das zu Mittätern an unserem Elend, aber auch am Elend anderer, denn wir leben in der globalisierten Welt der Kapitalakkumulation. Alle Hände sind blutig. Angesichts dieser alltäglichen Ungeheuerlichkeit, ist es kein Wunder, dass es auch ein Interesse in den Menschen geben muss, wegzusehen, sich der Routine hinzugeben, der Verantwortung zu entziehen und es sich scheinbar möglichst leicht zu machen. Aber Anpassung bedeutet lebenslange Schinderei in der Lohnarbeit mit dem Staat und dem Kapital. Ein Krankheitstag und es kann vorbei sein.

Die Atemlosigkeit, das Verstummen, die Entleerung, die Anonymisierung, die Leere, das sind nur Teilaspekte eines totalen Verlusts von Lebensqualität, der sich klangheimlich, aber zugleich offen darstellt. Der Raubbau am eigenen Leben vollzieht sich mit jedem Arbeitstag, so still und hintergründig, dass die okkulten Banden unserer Gesellschaft keine Mühe haben, ihren Wahnsinn zu rationalisieren und Neuankömmlingen aufzuherrschen. Und wenn das nicht hilft, wird die Alternativlosigkeit der Wirtschaftsordnung betont oder schlicht das Leben oder die Rationalität des Zweifelnden in Frage gestellt. Dem okkulten Schein unserer Gesellschaft zu unterliegen, hat aber nicht nur etwas mit Betrug oder Gewalt zutun, sondern auch mit Macht. Die Mächtigkeit ergibt sich aus der Allgegenwärtigkeit der kapitalverwertenden Logik. Ohne personale Autorität ist die Unterwerfung also ohne Weiteres genauso üblich. Es braucht keinen Aggressor, der diktiert, man habe zu konkurrieren und unendlich Leistung zu bringen, das sagt man zu sich, wenn man sich in der Schule oder am Arbeitsplatz umblickt. Der Wärter und Gefangene wohnt in einem selbst. Die Sozialisation hat die Internalisierung der okkulten Werte dieser Geselschaft erfolgreich erledigt. Nur da, wo die Sozialisation von Zweifel bestimmt war, durch Krisen innerhalb der Familie oder dergleichen, konnte die Anpassung an die Gesellschaft und ihre wahnsinnigen Praktiken nicht ganz dicht vollzogen werden. Ausbruchmöglichkeiten sind in der Tat lange undenkbar. Noch ehe man einen Gedanken vollzog, ist es zu spät und man muss Rechnungen bezahlen.

So gleicht alles Tun im Sinne von Aufbauen nutzloser Mühe. Jahrzehnte haben meine Eltern ihre Zeit, ihre Kraft, Intelligenz und Emotion vornehmlich der Lohnarbeit und der Steigerung einer Zahl geopfert, sind dauernd umhergezogen, wie Vieh wurden sie vom Kapital getrieben, nur um unter dem Konkurrenz- und Leistungsdruck zusammenzubrechen, zu erkranken, zu verzweifeln. Sie sind gescheitert, das wissen sie auch. Ihr Überleben ist kein Leben. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten haben sich auf den Klodeckel oder den 3 wöchigen Jahresurlaub reduziert. Nach ihrer Scheidung konnten sie die Einsamkeit in ihrem Leben regelrecht greifen. Die Einsamkeit war unüberwindbar und unerträglich. Die jahrzehntelange Zweisamkeit schien darüber hinwegzutrösten, dass es sonst niemanden außer ihnen gab, der mit ihnen tiefere Bindungen einging. Die Anderen waren häufiger eher Bedrohung als Verheißung. Jetzt, wo in der ältesten, wichtigsten Bindung die Seuche alles erstickte, erschien alle Tätigkeit, erschienen alle Mühen dauerhaft im Licht der Bedeutungslosigkeit. Nichts gilt mehr, weil nie irgendetwas anderes gegolten hat, als die Kapitalverwertung. Alles was erbaut wurde, wird in Sekunden durch die blinde Tätigkeit anderer vernichtet. So funktioniert unsere Gesellschaft, im kleinen wie im großen. Die Umweltzerstörung zeigt das augenscheinlich: Der Effekt all unserer Tätigkeiten im Alltag mündet über die Vermittlungen der Gesellschaft in Chaos, Vernichtung, Mord und Wahnsinn. Keiner geht der Blutspur nach und wenn doch, wird er häufig selbst wahnsinnig.

Die wirklichen Menschen gleichen Gespenstern oder Schatten. Ein Blick in die U-Bahn, in die Konzerne, Parlamente und man sieht ihre Erstarrung, die verschreckten Hühnern gleicht. Kein Wunder, dass die Menschen rassistisch, sexistisch, antisemitisch, antifeministisch ihre starren Denkformen artikulieren, um ihr krisenhaftes Katastrophen-Ich provisorisch, kurzfristig mit der Niedermachung scheinbar Schwächerer zu stabilisieren. Die Geschichte lehrt ihnen gar nichts, nur die Anpassung an das gesellschaftlich gerade akzeptierte Vokabular, um die erinnerungslose Hoffnungslosigkeit zu bestärken. Das Leben ist so schemenhaft geworden, dass kaum einer noch bestehen kann, ob er sich nun anpasst oder nicht. Die Auflösung unter dem Getöse des Kapitals hat nach all den Jahrzehnten nichts mehr übrig gelassen. Wir sind die zufällig überlebenden, herumirrenden Abfallprodukte einer untergehenden Zivilisation.

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Eingeordnet unter Gesellschaft

Mit allem verlassen sein

Der Verlust ist eine tragische Alltagserfahrung. Wenn es normal ist, dass es keinen Menschen gibt, der das eigene Leben vervollständigt oder der sich seiner annimmt, dann ist die eigene Zerstörung vorgezeichnet. Die Hoffnungslosigkeit und Apathie strömt in die leere Identität und von dort vollzieht die Gewissheit ihr giftiges Werk. Sie konstatiert, dass man immer allein sein wird, weil es gar nicht anders sein kann, da die Welt generell unter Liebesmangel leidet. Es ist eine tödliche Klarheit. Das Ersticken an sich selbst und durch das Nichts, was in den anderen wohnt, als Keimform des Alltags. Und das Überleben konzentriert sich auf eine permanente Reduzierung und Rücknahme von allem, was man vielleicht hätte wollen können. Die Vorsicht als Triumph über alle Spontanität. Der nächste Moment könnte die letzte Enttäuschung bereiten, weil es danach nichts mehr zu erfahren gibt. Diese krankhafte Innerlichkeit und versumpfende Wehleidigkeit ist mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Aber die Zerstörung entspringt nicht nur der eigenen Identität, sondern auch aus dem Umfeld, woraus letztlich die Identität überhaupt geraten konnte. Es zermalmt einen den Magen nicht zu wissen, ob man morgen noch genug monetäre Mittel haben wird. Die Gewissheit, dass die Gesellschaft einen jederzeit vernichten kann und es niemanden negativ auffällt, weil die alltäglichen Katastrophen in millionenfacher Form üblich sind, erstickt alles. Man verliert nicht nur Lebenszeit oder Kraft, was noch natürlich wäre, sondern auch Wohlstand, sobald man nicht in den Kapitalismus investiert, der systematisch alles zerstört. Man investiert Zeit, Kraft, Nerven in diese Wirtschaftsform, obwohl sie auch einen selbst vernichtet. Es gibt nur eine Angst, die innerhalb des Jobs antreibt: Man hofft, dass es für einen noch reichen wird. Man schliesst sich einer Bande an, die in Konzernkreisen als Team tituliert wird und alles geht ganz professionell, routiniert zu. Der hohe Druck gehört genauso wie die interne und externe Konkurrenz zum Alltag. Und schon ist man ausweglos in einem brennenden Labyrinth gefangen, welches zunehmend verrauchte Gänge und Sackgassen enthält. Jede Hand, die sich dir reicht, will Dir nicht helfen, sie will Dich schlagen und berauben. Die Kosten erhöhen sich Monat für Monat, die Löhne stagnieren und sinken, die Arbeitszeit und Aufwand erhöhen sich. Das Alter schärft die eigene Mangelhaftigkeit. Wer nicht früh vorgesorgt hat, mit einem Netzwerk aus Unterstützern oder Erbschaften oder sonstigen unfairen Vorteilen, der ist geliefert und muss den Misserfolg als Alltag ertragen. Die ganze Reflexion besteht allerdings so oder so aus der Frage, ob man Geld haben wird oder nicht. Die Angst prägt zusätzlich die geistige Wüste.

Es stellt sich jeden Tag erneut die Frage, wie man angesichts solcher Zustände überhaupt leben soll. Die Lust am Leben ist ohnehin bereits vergangen, wenn die Katastrophen, die anderen unschuldigen Seelen angetan wird, in das Bewusstsein genommen werden. Wer sich nicht an das Falsche anpasst, fliegt innerhalb weniger Wochen auf die Straße. Der herrschende Gewaltapparat zwingt, nötigt einen mit allen bürokratischen Mitteln zurück in das ökonomische Getriebe, weil das alles ist, was der Mensch heute sein darf. Wer zu arrogant, unbekümmert, übermütig, illoyal ist, der stirbt den leisen Tod, der geht den sozialen Abstieg. Mord ist in dieser Gesellschaft ein allgemein akzeptiertes Mittel, um sich der überflüssigen Menschen zu entledigen. Das beweist die Asylgesetzgebung jeden Tag an den Grenzen und im Mittelmeer, wo Tausende bereits durch unterlassene Hilfeleistung ermordet wurden. Man braucht nicht zu glauben, dass irgendwer einem zu Hilfe eilt, wenn man selbst zu Ertrinken droht, denn Blut ist genau das, was essentiell diese Gesellschaft vorantreibt. Das ist ihre instrumentelle Vernunft nach der sich alles organisiert.

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Eingeordnet unter Emotionales

Wie könnte eine bessere Welt aussehen?

Es gibt nicht zu Unrecht eine Art Bilderverbot bzgl. des Kommunismus, weil eine Ausmalung einer Utopie bloss dazu führt, dass man sich nicht mit der Kritik der Verhältnisse abgibt und dabei davon absieht, warum bestimmte Bedürfnis- und Gesellschaftsstrukturen zu der desolaten Gesamtsituation beitragen, sie ermöglichen und fortsetzen.

Aber wie könnte Utopie aussehen, wenn man das mal ignoriert? Was wäre, wenn die halbe Welt im Generalstreik stünde und kurz davor steht, die kapitalistische Produktionsweise zu stoppen?  Die Streikenden müssten ziemlich schnell eine Produktionsweise etablieren, die auf Bedürfnissen und Gebrauchswerten beruht. In der alle Bedürfnisse, die niemanden (ungewollt) verletzen. Wenn man Lust auf einen Schokoriegel hat, dann  müsste in der kommenden Gesellschaft nicht Geld, Kapital, Staat, Wert, Tauschwert, verschiedene Fetschismen wie Arbeitsfetischismus daran maßgeblich beteiligt sein, wie dieser zustande kommt und zur Befriedigung des Konsumenten führt. Die Zeit, Arbeitsteilung und Qualifikation müsste genauso eine bedeutende Rolle spielen, wie die neue Operationalisierung der Verteilung und Produktion von Waren. Die Menschheit müsste zum ersten Mal bewusst ihre Gesellschaft gestalten: Dies setzt voraus, dass jeden Tag geprüft wird, ob man die Bedürfnisse genug befriedigt und die Gebrauchswerte genug Qualität und Quantität besitzen. Das wäre also so eine Art alternativer Prüfung der eigenen betrieblichen Tauglichkeit: Schmecken die Schokoriegel und bilden sie die gesamte Palette von Geschmäckern ab, die niemanden in einer Art und Weise schädigen, wie es gut für ihn oder sie ist.

Man müsste ebenso schauen wieviel Arbeitszeit braucht man in der neuen Gesellschaft und den neuen Bedingungen von Produktivität, die sich nicht mehr dem Konkurrenzkampf, Leistungsdruck unterwerfen, wie es unter dem Kapitalprinzip wäre, sondern unter dem Diktat der Bedürfnisse. Zugleich beruht die Befriedigung der Bedürfnisse und die Ausbildung der Gebrauchswerte nicht mehr auf Gewalt, sondern auf Vertrauen und Solidarität. Wir waren schon immer aufeinander angewiesen, haben das aber in den aller seltensten Fällen gelebt. In dieser neuen Epoche wäre genau das nun aber bewusst zu leben. Wir alle wollen ein Höchstmaß an Befriedigung erfahren, dazu brauchen wir Gebrauchswerte und dazu ist die schnellsmögliche Abwicklung der notwendigen Arbeitszeit zur Reproduktion der Reichtümer offensichtlich. Unser neuer und zentraler Ansporn die Arbeit zu erledigen ist demnach nicht Zwang, sondern Genuss. Produktivität geschieht nur noch unter dem Maßstab des Lustgewinns. Wir verzichten also nur noch dann auf Lust, Freizeit usw., um mehr Lust und Freizeit zu produzieren, z.B. wenn wir Schokoriegel zu produzieren, die wir hinterher genüsslich verzehren oder Maschinen produzieren, die wir hinterher zur Reduktion der generellen Arbeitszeit einsetzen können.  Damit also das Leben generell immer besser werden kann, müssen wir aktiv daraufhin arbeiten und die gesamte Ordnung der Gesellschaft darauf ausrichten. Oberste Priorität für die Gesellschaft hat der Schutz von Kindern, Frauen, Älteren und Erkrankten. Ressentiments müssen sensibel beachtet und sinnvoll mit psychotherapeutischen Mitteln geheilt werden. Die Entfernung der Notwendigkeit von Profitabilität öffnet den Raum für bislang ungeahnte Zuwendungen gegenüber allen benachteiligten Gruppen, weil die Reichtümer und Produktivkräfte auch dorthin fliessen, wohin sie Aufgrund der Profitgrenze nicht gelangen durften.

Der Kapitalismus bietet einige Erfahrungswerte, die uns in der neuen Zeit nützlich sein werden. Empirische Methoden bieten die Möglichkeit neue Vertriebsmöglichkeiten zu entwickeln. Ein zentraler Punkt ist nämlich die Frage, wie wir Milliarden Güter mit Milliarden Konsumenten möglichst schnell, hochwertig und nachhaltig zusammenbringen können. Denkbar wäre soetwas wie eine globale Webseite mit gewaltigen Datenbanken, die die Bedürfnisse der Leute aufnimmt und an die Produzenten weiterleitet, sodass am Ende eine schnelle Lieferung erfolgt. Heute kennen wir das als Amazon.com nur eben mit den falschen Produktionsverhältnissen mit Gewalt, Zwang und Ausbeutung. Die Verbindungslinien der Datenbank könnten also global und lokal gleichermaßen dicht gesponnen sein, sodass nie eine Versorgungslücke entsteht, Planbarkeit für Produzenten und Konsumenten zu jeder Zeit existiert. Die neuen Geldscheine müssten Zahlen enthalten, die z.B. für den Zeitaufwand oder eine gewisse Kategorie von Zeitaufwänden sprechen. Jeder Mensch ist Anteilseigner an den Reichtümern der Welt. D.h. Ein Mensch erhält mit wachsendem Alter per se immer mehr Anteile am gesellschaftlichen Reichtum, weil wir generell davon ausgehen, dass er eine Bereicherung darstellt, sodass immer ein Minimum an Anteil vom Reichtum der Gesellschaft vorhanden ist, egal ob er nun arbeitet oder nicht.  Hungertod, Tod durch verdursten oder fehlender Medikamente ist damit abgeschafft. Für bestimmte notwendige Arbeiten, die z.B. keinen hohen Qualfifizierungsgrad erforden, wäre es denkbar, eine Art Lotterie einzuführen, sodass diese nach dem Zufallsprinzip bei täglichen oder wöchentlichen Wechsel vollzogen wird. Unangenehme Arbeiten könnten davon betroffen sein, die noch nicht von Maschinen geleistet werden können.

Das Prinzip der neuen Zeit sollte für jedes Kind verständlich sein. Wenn jemand etwas will, dann kriegt er es. Und er kriegt es deshalb, weil wir generell alles produzieren, was gewollt wird, solange es Umwelt, Tiere oder Menschen nicht schädigt. Assoziativ, netzwerkartig organisiert sich angesichts der angemeldeten Bedürfnisse eine neue Gesellschaft und Rationalität aus. Sowohl Grundbedürfnisse als auch Spezialbedürfnisse werden sowohl aufgrund ihrer Notwendigkeit als auch aufgrund ihres Lustgewinns Geltung erhalten. Dies ist das Geschenk der Produktivitätskraft, die Millionen von Menschen über Generationen hinweg hervorgebracht haben. Ihnen verdanken wir die Gelegenheit zur Realisierung des Pardieses. Ohne gelebte Empathie wird dieses System nicht möglich sein und es stellt sich die Frage, wie mit Mängeln, Gewalt und dergleichen umgegangen werden kann. Die Räte, die sowohl in Produktionsstätten, Gemeinden usw. existieren, müssten einerseits jederzeit abwählbar sein und andererseits eine Kontrollfunktion darstellen. Sie müssen sicherstellen, dass die Macht auf alle Individuen geteilt wird, sodass alle Individuen die Verantwortung übernehmen können, die ihnen von Geburt an zuteil wurde. Jeder Mensch hat sein Leben ganz zu leben. Kein Mensch darf über den anderen stehen. Es kann nur eine kurzfristige Autorität geben, die z.B. aufgrund von Qualifikation über dem anderen steht und in bestimmter Funktion eine Weisungsbefugnis hat. Ein Kind kann in der Regel nicht darüber befinden wie der Bau eines Wasserkraftwerkes modernisiert werden kann. Die Räte müssten sich also permanent selbst reflektieren, so wie die Menschen auch, sie müssten permanent überprüfen, ob der Aufbau und die Realität dem Wunsch entspricht, dass alle frei sind.  Die Menschen, die arbeiten, müssen die Gewissheit haben, die auch der Realität entspricht, dass sie andere Menschen mit ihrer Arbeit befriedigen und das diese Menschen ihrerseits wiederum daran arbeiten, sie zu befriedigen. Das klingt nach einer Orgie und so soll es auch sein. Natürlich hat jeder die Gelegenheit frei zu wählen, wo, wann, wie, was geschieht.

Es kommt darauf an den Gebrauchswerten und Bedürfnissen gerecht zu werden. Der Zeitaufwand zur Herstellung bestimmter Produkte dürfte eines der wichtigsten Kriterien werden, um die Gesellschaft sinnvoll zu strukturieren. Die Wachsamkeit der konkreten Produzenten wird dafür sorgen, dass die notwendige Arbeit verrichtet wird, damit die Gesellschaft sich derart reproduzieren kann, dass ihr Reichtum an Bedürfnisbefriedigung nicht geringer wird. Das Diktat der notwendigen Arbeit ist der wirkliche Ernst des Lebens vor dem wir uns alle beugen müssen. Das wäre sozusagen etwas für die neuen Schulen, sie sollen lehren, was logisch ist: Wir müssen bestimmte Strukturen aufbauen und pflegen, damit wir geniessen können. Die gute Nachricht ist, dass der Ernst des Lebens sehr viel geringer gehalten werden kann, wie gegenwärtig, denn die Produktion orientiert sich an uns und nicht an einem unersättlichen blinden Prinzip, an dem nur eine Minderheit profitiert. Die Bindungskraft an der neuen Produktionsweise wird von Generation zu Generation stärker sein und das noch Frische, Unvertraute zur Normalität machen. D.h. für uns wird es am schwierigsten die neue Zeit zu etablieren, weil wir die Verwerfungen der alten in uns tragen, und so stellen wir entsprechende Ruinen der Vergangenheit dar, die bald von den neuen Generationen mit saftigen Grün überwuchert werden. Möge unser grässliches Zeitalter in diesem neuen Licht in Vergessenheit geraten und sich nie wieder wiederholen.

Ergänzung – 10.07.16: Die Verdinglichung muss für die Menschen arbeiten. Es müssen Verwertungsschlüssel gefunden werden, die Zweckrationalität und materialistische Rationalität als Nervenpunkte inne haben. Dem gegenwärtigen kaufmännischen Minimal-Maximal-Prinzip müsste anstelle der reinen Zweckrationalität nach Profitmaximierung eine Neudefinition erfolgen, und zwar, dass das Handeln und Streben ausschliesslich zur Bedürfnisproduktion eingesetzt wird. D.h. Es wird nach dem minimalsten Aufwand in der Produktionssphäre gesucht, um maximal den eigenen Bedürfnissen bzw. der Befriedigung der Bedürfnisse nachgehen zu können. Um die Bedürfnisse also stärker befriedigen zu können, muss die Gesellschaft von einer Rationalität durchzogen werden, die diesen Zweck assoziativ unterstützt, fordert und belohnt. Die Menschen müssten über die operative Reproduktionsarbeit zwischen erster und zweiter Natur darauf hinarbeiten, dass sie immer weniger arbeiten müssen, um mehr Reichtum zu geniessen. Entscheidend ist der Verteilungsschlüssel. Er muss den Anteil eines Individuums an der Produktion enthalten, die aktuelle Produktivkraft der Gattung und die gegenwärtigen Bedürfnisse der Individuen transparent kommunizieren und operationalisieren.

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Eingeordnet unter Aktivismus

Sprengt die Lohnarbeit!

Arbeiten bedeutet Gewalt erfahren. Die Zurichtung der eigenen Persönlichkeit geschieht über den Inhalt der Tätigkeit. Der Diebstahl von Lebenszeit, die Entfernung jeglicher Kontrolle über das eigene Leben, die Verewigung der Abhängigkeit von einem Prinzip, dass man automatisch und blind bestätigt, wohnt jeder Arbeitsstelle inne. Was getan werden soll bestimmt der Chef und was der denkt bestimmt der Markt und was der denkt ist die Kapitalverwertung und die hat nur sich selbst im Sinn, aber nicht die Menschen samt ihrer Bedürfnisse. Das Skandalöse an unserer Wirtschaftsform besteht also in der Abgabe von Leben für ein selbstreferentielles, anonymes und abstraktes Herrschaftsystem, welches niemand steuert. Lediglich die wenigen Eigentümer von hohen Mengen von Kapital oder Firmen können in die Nähe von Nutznießern dieser prekären Lage gerückt werden, aber auch sie müssen sich permanent der Profitabilität gewahr sein, sofern sie mit ihren Vermögen nicht in Frührente gegangen sind.

Die Lohnarbeit übt eine strukturelle Gewalt auf jeden Menschen aus. Sie zerstört die Fantasie, sie macht krank, sie raubt einem die Zeit, die Nerven, die Gesundheit und sie hört niemals auf. Sie ragt in alle Lebensphären hinein und katalogisiert, kategorisiert, verwertet alles. Die Schönheitsideale rühren daher genauso wie die vollen Fitnesscenter oder Universitäten. Die arbeitsgeile Welt vergisst sich selbst im Schweisse ihres Angesichts. Dass die Menschen sich mit ihrer täglichen Lohnarbeit ins eigene Fleisch schneiden, verdrängen sie mit größter Hingabe. Das Hangeln von einer zur anderen Freizeitbeschäftigung, soll die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft sichern, sodass es für ein weiteres Quartal reichen möge. Die apathischer Warterei auf den großen Knall, dass man sich vor der Massenvernichtung vielleicht noch hinwegducken kann, macht die totale Teilnahmslosigkeit gegenüber das eigene Leben, aber auch das der anderen aus. Der Lebensinhalt wird bestimmt von der Verwertbarkeit der eigenen Tätigkeiten und Gedanken. Die Menschen sind nicht geboren. Sie sind nur Zuchtmeister, Arbeitskraftbehälter, zerrissene, zerschlissene, erstarrte Drohnen deren Programmierung das Kapital vorgenommen hat.

Die gesamte Gesellschaft ist trotz ihres betriebsamen Lärms von einer Friedhofstille eingenommen, die nach Tod riecht. Unsere Weltordnung beruht auf Leichenschmaus und Kannibalismus, der Konkurrenzkampf und Leistungsdruck ist der direkte Ausdruck davon. Wer nicht arbeitet stirbt. Wer arbeitet stirbt, – aber etwas später. Und die Angst, dass es sie früher erwischen wird, wenn sie Widerstand leisten, lässt die Menschen mitmachen. Das ist kein Ausdruck einer lebendigen Welt, die sich ihren Ängsten, Verdrängungen und Verwerfungen stellt. Es ist eine verlogene Welt, die dringend zugrunde gehen will bevor irgendjemand ihr den Spiegel vorhält. Und jener, der versucht diesen Spiegel zu halten wird eilig bestürmt und zunichte gemacht. Die Feldherren des Kapitals werfen schnell ihr Napalm auf Dich, damit ihre Autorität nicht untergraben wird. Die Maschinen müssen laufen, die Menschen müssen darin zugrunde gehen, etwas anderes hat diese Gesellschaft nicht als Substanz.

Und doch bringt sie das Potential mit, was ihre Produktivität angeht, dass sie die Grundlage für eine bessere Gesellschaft bietet, in der der Mensch angstfrei verschieden sein kann und dem Müßiggang nach gehen kann. Dieses gilt es zu betonen, auch wenn das bedeutet, dass die Lohnarbeit zu meiden ist, um die eigene Fantasie und Intellektualität zu bewahren, Armut und sozialen Abstieg, Peinigung, Ausgrenzung, Einsamkeit et cetera zur größeren Alltagserfahrung werden als ohnehin schon. Die Unerträglichkeit der Welt muss zu einer unerträglichen Kritik führen, die diejenigen, die diese Welt unerträglich machen, ihrer eigenen Unerträglichkeit überdrüssig werden lässt. Die Selbstreflexion muss gegenüber der Resignation angespornt werden. Die Menschen müssen verstehen, dass sie die Welt bereits aktiv gestalten nur eben nicht so wie sie sie gerne hätten. Die Bewusstlosigkeit gegenüber den konstitutiven Momenten der Gesellschaft, muss der bewussten Gestaltung der Gesellschaft weichen. Ein erster Schritt wäre die Einsicht, dass die Lohnarbeit eine Katastrophe gegen die Menschheit ist, die sie sich selbst angetan hat.

Es wird unerbittliche Kämpfe gegen die Interessenten an diesen Zuständen geben müssen. Das Interesse der Lohnarbeiter liegt unbestritten in der Abschaffung der Lohnarbeit, weil sie ihrer Entfaltung im Wege steht. Die Kapitalverwertung zerstört uns alle. Sie zerstört die Umwelt und die Tierwelt. Sie fördert nur Kapitalverwertung und sonst nichts. Aber wir müssen uns selbst fördern, wir müssen uns entfalten können und uns selbst genügen. Wenn jeder gegen den anderen konkurriert, wird jeder blockiert und das Recht des Stärken und der Gewalt herrscht. Daher ist dieser Zwangszusammenhang zu durchbrechen zugunsten einer möglichst geteilten Machtstruktur, die die Verantwortung allen Menschen in individueller Form zukommen lässt. Die einzige Perspektive liegt in einer selbstorganisierten polit-ökonomischen Bedürfnisstruktur, die sich auf Gebrauchswerte und die Menschen konzentriert. Das oberste Diktat ist also die Befriedigung von Bedürfnissen und nichts anderes. Das Ziel muss die Reduktion von notwendiger Arbeit sein, damit maximal gelebt werden kann.

Hierzu müssen wir radikale Räte bilden, die die Lohnarbeiter entsprechend auf die Umstände ihrer Unfreiheit solange hinweisen bis sie die Lage verstehen. Der Generalstreik vollzieht dann das endgültige Ende der bisherigen Eigentumsverhältnisse. Der Staat wird etwas dagegen haben, aber auch der kann schnell aufgelöst werden, wenn jeder einsieht, dass dieser nur eine Clique aus Schlägertrupps enthält, die das Falsche stützt. Eine besondere Frage wird sein, wie die Gewaltenteilung fortgesetzt werden kann, wie gegenwärtige sinnvolle Rechte bewahrt und durchgesetzt werden können, obwohl die Angst vor der staatlichen Autorität fehlt. Bevor also praktisch etwas bewältigt wird, muss die Gewaltfrage simultan zur Eigentumsfrage gestellt werden. Außerdem: Wie können die Güter fair, effizient ohne den Zwang der Kapitalverwertung an jene gelangen, die ihrer am dringensten bedürfen?

Ungeachtet dieser schwierigen Fragen, die unbedingt vorher genau diskutiert werden müssen, ist es unabdingbar, dass die Menschen sich ihren Ängsten stellen. Nur wenn sie die Ursachen der Angst kennen, können sie die Angst loswerden und endlich das Leben angehen, ohne stets eingeschränkgt, gehemmt, geängstigt, niedergehalten, zerstört zu werden. Wer die Lohnarbeit nicht bekämpft verewigt sein Elend, versteinert überhaupt jeden Wahnsinn, der momentan für absolute Normalität und Notwendigkeit gehalten wird, obwohl sich dieser nur durchhält, weil die Menschen sich aus Angst und Identifikation mit dem Aggressor, dem Falschen nicht um die Ursachen ihres Leidens kümmern.

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Zum Tode von Sascha Lewandowski

Heute geht die Meldung herum, dass ein äußerst talentierter und leidenschaftlicher Mensch vermutlich im Zusammenhang mit einer Burn-Out-Erkrankung verstorben ist. An dieser Stelle mein aufrichtiges Beileid an die Verbliebenen. Ich will dieses dramatische Ende eines Menschenlebens nutzen, um erneut auf die enormen Probleme unserer Gesellschaft hinzuweisen: Jeden Tag sterben viel zu viele Menschen an diesem verdammten Burnout-Syndrom, welches nicht selten mit depressiven Schüben einher geht. Immer noch wäre es dringend erforderlich mehr Therapie- und Auffangsangebote ggf. in anonymisierter Form anzubieten. Man wartet Monate auf einen vernünftigen Therapieplatz und wird oft mit einigen Tabletten ruhig gestellt, was natürlich überhaupt keine tiefgreifende Hilfe sein kann. Zugleich gibt es viel zu wenig Förderungen eine psychoanalytische Ausbildung zu absolvieren, die oft sehr lange dauert und kostenintensiv ist.

Da das kapitalistische Produktionsverhältnis die Individuen permanent überfordert sind psychische und physische Erkrankungen vorprogrammiert. Seit über 15 Jahren stehe ich im Berufsleben und ich kann sagen, dass ich nicht einen einzigen Arbeitstag genossen habe und das obwohl ich mich reichlich bemüht habe, was diverse Branchenwechsel und Weiterbildungsmaßnahmen bezeugen. Lohnarbeit ist aus meiner Sicht strukturell falsch: Einerseits wird immer mehr Leistung verlangt, andererseits immer schlechter bezahlt und zugleich profitieren lediglich die Eigentümer von Arbeitsplätzen, weil sie den höheren Profit einstreichen und uns Angestellte mit einem geringen Anteil abspeisen, von dem wir auch noch die Produkte kaufen müssen, die wir selbst produziert haben. Und solange man an dieses Problem nicht rangeht werden wir alle wohl noch länger leiden müssen, was Erkrankungen permanent provoziert.

Wenn man in der permanenten Ausweglosigkeit steckt seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, dann fällt unter diesem Zwang alles andere. Alles wird unter der Maßgabe der Einträglichkeit bewertet und entscheidet sich daran. Die Reduktion des gesamten Lebens auf diesen Aspekt ist entscheidend in unserer Zeit. Dieser Umstand wird großzügig verharmlost, vergessen, relativiert, ignoriert oder sogar bejubelt. Dabei schränkt es die eigenen Lebensmöglichkeiten ein. Dinge können nicht mehr für sich selbst existieren, sie müssen nützlich und verwertbar sein. Sie müssen klar und deutlich kategorisierbar und vergleichbar sein. Permanent hängt eine Art oberster Gerichtshof über allem was getan und gedacht wird. Sich dem zu entziehen ist unmöglich geworden, wenn man nicht gerade eine enorme Erbschaft erhalten hat. Dass das Leben einen Selbstwert darstellt, obwohl es uns oft nicht so erscheint und wahrscheinlich völlig sinnlos ist, macht den Widerstand gegen eine Totalität notwendig, die stets betont, das Leben werde erst durch Leistung- und Konkurrenzkampf veredelt oder lebenswert. Und hier liegt direkt die Problematik der Machbarkeit oder Denkbarkeit dieses Widerstandes, wenn die ganze Sozialisation im Falschen stattgefunden hat. Das treibt einem die Verzweiflung ganz automatisch in den Alltag. Es ist kein außerhalb oder anderes denkbar und zugleich sollen Rechnungen bezahlt werden. Die scheiternde Überforderung wird zur eigenen Identität, was zumindest den Vorteil hat nicht arrogant zu werden, aber den gewaltigen Nachteil quasi eine Personifizierung des Falschen zu sein, was uns alles kaputt macht.

Aus meiner Sicht müssten wir alle streiken nicht nur aus Solidarität mit Sascha Lewandowski, der nun offenbar an einem Burn-Out-Syndrom verstorben ist, sondern auch um unserer Selbst willen. Es kann nicht sein, dass die Priorität in dieser Ökonomie, zu der der Profifußball mit seinen Millionengehältern und -forderungen nunmal zählt, der Mensch nicht im Vordergrund steht, sondern bloss Leistung und Profitabilität. Ich hoffe Manuel Neuer und Co. würden sich diesem Streik anschliessen, mit ihren Vermögen die Streikkasse erweitern, auch wenn in Deutschland alle arbeitsgeil sind und die Gewerkschaften sich völlig einer idiotischen Produktionsweise ergeben haben. Nur möglichst großangelegte Streiks können den verdeckten Konflikt der Struktur von Lohnarbeitn nach außen kehren, Öffentlichkeit schaffen, Debatten anregen und hoffentlich dann auch zu einem Wandel führen. Ohne eine offene Problematisierung der Thematik werden weitere Generationen für ein Prinzip verheizt, welches Menschen vernichtet.

Update 11.06.16: Offenbar ist der Hintergrund nicht ausschliesslich eine Burn-Out-Erkrankung.

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