Archiv der Kategorie: Musikempfehlungen

Der Musik ist eine Kunstform.
Wertschätzung gewisser Musikproduktionen.
Genreunabhängig.
Konstruktiv.

Louder than life: Slipknot

1999 brachte Slipknot (engl. für Henkerknoten) ihr Debütalbum heraus. Es enthielt Aussagen die aggressiv waren und zugleich aggressiv vortragen wurden. Wut, Enttäuschung, Wahnsinn sind Themen, die diese Band über Jahre extrem populär machten und immer noch auf eine treue Fangemeinde (die Maden) zählen können. Interessant ist hier, dass sie sozusagen für ihre Generation die Verlorenheit aussprachen, die als Außenseiter nicht in der Leistungsgesellschaft bestehen konnten oder sich zumindest mit ihr abquälten. In dieser Zeit verging kaum ein Halbjahr ohne Amokläufe in Deutschland oder in den USA. Zugleich gab es die Terroranschläge auf die Twin Towers. Jeder einzelne Song wirkt wie ein komprimierter Tag in der modernen Welt. Die Welt wird als Kriegsplatz betrachtet. In der Musik kehrt das freudlose und schmerzhafte wieder, dient als Ventil aber auch als Wiederholung der leidvollen Erfahrung. Diese Songs enthalten eine Obzession zum Schmerz, die generell im Alltag gelebt wird, die gebraucht wird, um zu überleben. Die permanente Reduktion der eigenen Empathie ist ein schmerzhafter Prozess, der die Kälte in der Gesellschaft erzeugt und zugleich aufrechterhält.

„People = Shit“ ist so z.B. einer der Songs, der deutlich macht wie wenig Menschen in der Gesellschaft überhaupt eine Rolle spielen. Sie werden wie Abfall behandelt, tun das gegenüber sich selbst und anderen. Wenn gesagt wird, dass die Menschen scheisse sind, dann sagt man das auch zu sich selbst. Oft ist auch die Familie kein Hort der Sicherheit und unbegrenzten Solidarität, sondern je nach Einkommenssituation instabil und voll mit Angsterfahrungen. Aus den ersten Alben schreit es auch heraus, dass die eigene Unfähigkeit zu lieben oder Liebe zu empfangen eine weiter Dimension der Qual bedeutet. Die durchgetakteten, rasenden Song sind hochkomprimierte Geschosse gegen sich und andere, eine Art Kampfansage, die trotz aller Aggressivität auf der Stelle tritt. Insofern ist die Wut, die hier zum Ausdruck gebracht wird, auch eine Aussage über das Gefühl von Minderwertigkeit. Die Bandmitglieder haben sich maskiert und nach Nummern benannt, so wie die Ökonomie sie betrachtet: Charaktermasken, die unter Absehung ihrer individuellen Bedürfnisse als Arbeitskraftbehälter Surplusmacherei die größte Zahl erarbeiten. Insofern ist die Optik auch ein Symbol der eigenen Ohnmächtigkeit, eine Art Unterwerfungsgeste. So verbleibt das Getöse und Geschrei auch als reine Maskerade und Theater, schlichte Imitation von Revolte.

Die Band hat den Soundtrack einer ganzen Generation geprägt, die Hoffnungslosigkeit für Normalität hält. Letztlich verbliebt auch dieses musikalische Projekt konformistisch hinter der eigenen Irritation zurück, die aufzeigte, dass etwas strukturell mit dem Leben nicht stimmen kann, was allgemein gelebt wird. Gewonnen hat letztlich vorallem die Band, sie konnte ihre Aggressionen zu Geld machen. Die restlichen „Maden“ zerfielen weiter unter dem Diktat des allgemeinen Falschen. Ihre Regungslosigkeit zerstreute sich immer stärker. Die Anpassungsleistungen der Individuen hat sich weiter potenziert. Es ist erstaunlich, dass seit längerem Amokläufe innerhalb von Schulgebäuden sich einigermaßen in Grenzen halten, obwohl der gesellschaftliche Druck gestiegen ist. Es stellt sich die Frage, wo die Aggressionen der Einzelnen stattfinden, woran und an wen sie ausgelassen werden? Slipknot kann nicht lauter als eine Gesellschaft sein, die diese Band überhaupt erst möglich gemacht hat. Der Lärm der Gesellschaft spiegelt sich in den Maschinen der Fabriken, in den Büros an den Telefonen, den Geräuschen der Verkehrsträger, die Sprenungen auf der Suche nach Rohstoffen und den Rohdungen der letzten Regenwälder.

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Fäulnis – Letharg

Alleine die Aufmachung des Datenträgers liegt schwer und sinnlich in der Hand. Ich sehe nicht sofort alles. Erst muß ich das Werk vom Mantel enthüllen, um es in nackter Pracht glänzen zu sehen. Ein menschliches Antlitz mit gesenkten Kopf ist in diesem Glanz zu erkennen. Es wirkt auf mich traurig und unnahbar. Die Farbenspiele auf diesem Bild lassen mich schon ein wenig zweifeln, ob ich dieses Werk überhaupt wirklich zu verstehen weiß. Sehr durchdacht und konzentriert das Ganze.

Diese Zweifel wollen nicht abreissen. Eher noch werde ich darin bestärkt, durch das Lesen der sprachlichen Inhalte. Ich fühle mich bestätigt, auch wenn die Formulierungen völlig neu erscheinen. Die Wirkung ist berauschend und betäubt meine Sinne weiter. Die Darstellung der Texte ist konsequent und klar. Mein Taumel beginnt bereits vor dem Hören der eigentlichen Musik von Fäulnis. Kritik fällt mir immer schwerer. Vieles wirkt gekonnt und bewußt.

Fäulnis - Letharg

Mein subjektives Bild wird nach dem Konsum der ersten Minuten dieser unverbrauchten Musik nicht erschüttert. Ich werde sogar noch viel weiter verschleppt in die unendlichen Gänge und Höhlen der Versklavung. Man zersäbelt mir die Glieder mit den ersten Klängen, ich kauere nur noch wie ein kleines Kind auf dem Boden, und lasse mich von den Tönen und Melodien massieren und schütteln.

Gelegentlich schrecke ich auf; da ist doch wohl ein Ausschnitt aus dem Film Dark Water zu hören? Ich erinnere mich gerne an dieses asiatische Release, welches mit viel Regen und dunklem Schleier eine Geschichte zu erzählen wußte, die mich schnell nachdenklich stimmte. Die musikalische Untermalung hatte dabei keine untergeordnete Rolle. Umso stärker schwang ich mit den klumpenhaften Tritten in mein Seelenmeer, – die Fäulnis permanent arangierte.

Einzig die Orgel will mir anfänglich nicht so passen, sie stößt mich wieder in die Realität. Sicherlich hat sie durchaus Potential. Sicherlich ist sie nicht völlig fehl am Platze. Immerhin wurden aber meine Ansprüche durch die vorherigen Minuten viel höher geschraubt, und ich war mir meiner Sinne plötzlich wieder für Kritik bewußt. Unausgeglichen und unwohl fühle ich mich während diesem Alleingang der Orgel. Ich weiß nicht wohin mit mir und meinen Gedanken.

Ich betatschte die Hülle der CD wie eine Frau die ich niemals liebte. Die Fingerabdrücke zeichneten sich immer häufiger und aggressiver darauf ab. Mein Ekel stieg und ich dachte ich könnte nicht verstehen was mit mir vorgeht, als Haufen Fleisch und Knochen. Ein Funken Hoffnung lies mich weiteratmen und lauschen. Irgendwie hielt ich diese Durststrecke durch, obwohl ich in Zwiespalt mit mir selbst kam.

Ich wurde nicht enttäuscht, nein, – sogar belohnt und wieder nakotisiert mit der Vorlese eines der abgedruckten Texte durch einer saftigen, traurigen und jungen Stimme. Die Laute und Inhalte wußten mich schnell zu überzeugen. Die Wirkung lag auf demselben hohen Niveau.

Ein Fazit

Im Prinzip spricht für sich; was publiziert wird, ich brauche nichts erklären und kann auch nichts dazu erklären. Ich hoffe sehr, dass Fäulnis weiterhin so beständig eine Funktion im Sein ausübt, die viele Menschen krampfhaft ignorieren und verdrängen. Ich spüre ganz entfernt, was Fäulnis versucht auszudrücken. Zumindest entwickle ich eine Intuition, was gemeint sein könnte. Genau deswegen fühle ich mich mit diesem Tonträger verbunden.

Man kann sich von der Existenz nicht trennen, gleich was man in seiner Verzweiflung versucht. Ein Verständnis für die Verzweiflung zu entwickeln, um mit ihr umgehen zu können ist eine Leistung die man gar nicht genug begrüßen kann. Ich sehe in Fäulnis daher etwas sehr positives und halte es bspw. für unangebracht dieses Werk so wie Christhuntproductions zu beschreiben („Ein krankes, schwarzes und emotionales Werk„), gerade weil es eben nicht in diesen Ansprüchen gedeihen wird.

Wer Fäulnis verstanden hat, wird sich so dafür begeistern können wie ich es bereits tue. Ich empfehle jeden sich mit allem was Fäulnis produziert ernsthaft auseinanderzusetzen.

(Geschrieben am 20.12.2005 – Mit freundlicher Genehmigung von Fäulnis)

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