Archiv der Kategorie: Fremde Texte

Ausführliche Zitate

Freiheit hat einen Namen: Anarchie

FREIHEIT – das ist ein viel benutztes und mißbrauchtes Wort. Alle nehmen es in Anspruch, sogar Nazis und StalinistInnen. Wirkliche Freiheit kann es aber nur da geben, wo es keine Herrschaft von Menschen über Menschen gibt. Das bedeutet also auch die Abwesenheit von Staat, Kapital, Geschlechterherrschaft (Patriarchat), Rassismus und Imperialismus in jeder Form. Frei ist nur, wer über sich selbst: sein Leben, seinen Körper und Denken, unbevormundet selber entscheiden kann. Dazu bedarf es des Wohlstands für alle: guter Kleidung, menschenwürdiger Wohnverhältnisse, ausreichend gesunder Nahrung, und des Endes des Zwangs zur Arbeit. Heute stehen wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit an der Schwelle eines Zeitalters, das diesen alten Traum möglich machen könnte. Ja schon heute bräuchte es keine Hungerkatastrophen und kein individuelles Elend auf Grund von Mangel mehr zu geben. Statt dessen leben wir in einer Welt, die schamlos von den Herrschenden aller Couleur ausgebeutet, zerstört und der Vernichtung anheimgegeben wird. Große Probleme unserer Zeit wie Umweltzerstörung, Hochrüstung und Kriegsgefahr, (Aus-)Bildungsnotstand, Arbeitslosigkeit und Hungersnöte, immer perfektere soziale Kontrolle, neuer nationaler Größenwahn allenthalben und rabiate Machtausübung, Frauenunterdrückung, Sexismus, Vergewaltigung und Massenmord, sprechen eine beredte Sprache.

Die „Freiheit der Menschen“ ist nicht zu verwechseln mit „der Freiheit der Männer“, als die auch manche Anarchisten ihre Lehre einseitig verstanden zu haben scheinen. Wir leben nach wie vor in einer patriarchalisch organisierten und beHERRschten Gesellschaft und Welt, in der die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen (und andersgesinnten Männern) die Regel darstellt.
Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, daß Anarchist(Inn)en sich an vorderster Stelle gegen die patriarchale Hierarchie auflehnen, die das stärkste und über die ganze Welt verbreitete System der Herrschaft ist. Wir alle haben es tief verinnerlicht. Männer und Frauen stehen ihren „Mann“ in der hierarchischen Pyramide und bewahren sie vor dem Einsturz. In den reichen Ländern, in denen wir leben, profitieren Männer und Frauen (in dieser Reihenfolge) vom Patriarchat. Viele Frauen ziehen jedoch auch in dieser Gesellschaft in der Regel den kürzeren, und werden zur ökonomischen Ausbeutung zusätzlich sexuell ausgebeutet und mißhandelt. Das trifft in doppelter Hinsicht auf ausländische Frauen zu, die darüber hinaus noch Opfer des allgegenwärtigen AusländerInnenhasses und Rassismus sind. Eine Reihe Berührungspunkte zwischen Feminismus und Anarchismus liegen somit auf der Hand. Es kann aber auch nicht der Sinn von befreiender Gleichberechtigung sein, wenn (Alibi)Frauen vom Typ Thatcher, Merkel, Breuel, Ciller etc. die Plätze der Macht einnehmen, die Geschlechterrollen einfach umgetauscht werden. Wir AnarchistInnen wollen den gänzlich freien Menschen, ohne Wenn und Aber, gleichberechtigt in jeder Beziehung, und das hört nicht beim sog. „Privaten“ auf, sondern gilt gerade und insbesondere da.

ANARCHIE IST OHNE DIE FREIHEIT DER FRAUEN
NICHT DENKBAR, schon gar nicht „machbar“, (Herr Nachbar …) !

Anarchie heißt auch nicht „Freiheit der Erwachsenen“. Kinder sind in dieser Gesellschaft als schwächstes Glied der Willkürherrschaft der Familien und ErzieherInnen ausgesetzt. Weltweit sind Kinder als Spielball ihrer Eltern und als Opfer verfehlter Erwachsenenmachtpolitik die Leidtragenden einer autoritären und ausbeuterischen Gesellschaft. Das gipfelt in Sklaverei, Vergewaltigung, Folter und Mord. Anarchie verwirklichen bedeutet vor allem, eine Zukunft für Kinder zu schaffen, die befreit ist von autoritärer Unterdrückung und Manipulation. Kinder sollen frei von Angst und Benachteiligung als kleine, ernstzunehmende Menschen aufwachsen und sich entfalten können. Für sie haben wir zwar Sorge zu tragen und ihnen auf Grund unserer größeren Erfahrung, Körperkraft und unserer materiellen Möglichkeiten unsere Förderung, Schutz und Hilfe zukommen zu lassen. Aber deshalb gibt es keinerlei „Besitzrechte“ an ihnen. Es sind nicht unsere Kinder, sondern zu allererst frei geborene und gleichberechtigte Menschenwesen, die ein Recht auf persönliche Freiheit, Unversehrtheit und das Erbe einer intakten (Um)Welt haben.

Unserem Selbstverständnis gemäß sind wir natürliche GegnerInnen jedes Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. FREIHEIT HAT KEIN VATERLAND und niemand ist berechtigt, sich wegen seiner Herkunft oder Abstammung über andere zu stellen.
Von Religionen halten wir ebenfalls herzlich wenig, auch wenn wir sie als Privatangelegenheit tolerieren. Sie vernebeln die Hirne und machen die Menschen in Erwartung eines „besseren Jenseits“ regierbar. Autoritäre Pfaffenbonzokratien jeder Art „Religion“, mit ihrer in der politischen Machtentfaltung nur allzu sehr „weltlichen“ Geistlichkeit, bekämpfen wir ebenso wie jeden Staat. Kapital und Staat versklaven den Körper, „Kirchen“ – wie immer sie sich auch nennen – den Geist. Und wie wir sehen, gehen beide in Form der „Gottesstaaten“ die verderblichste Symbiose ein (Herrschaft „von Gottes Gnaden“, , Inquisition, „heilige“ Kriege, Scharia).

Wir setzen gegen Herrschaft und Unterdrückung uns selbst, das Individuum (das unteilbare Selbst) mit dem revolutionären Bewußt-Sein, die Welt ändern zu wollen und zu müssen. Wir setzen dagegen die Selbstorganisation aller freiheitlich denkenden Menschen und unser Eintreten für unsere eigenen Belange und Bedürfnisse, ohne sie auf Kosten anderer Menschen durchsetzen zu wollen. Wir setzen dagegen die alltägliche DIREKTE AKTION als subjektive und objektive Veränderung unseres Lebens im Großen und Kleinen, ohne institutionelle Umwege. Wir tun das Machbare. Wir versuchen das „Unmögliche“. Wir setzen gegen das verherrschte Jetzt den Willen jedes einzelnen Menschen zur größtmöglichen FREIHEIT.

WIR BRAUCHEN KEINE ANDEREN HERREN,
SONDERN KEINE ! (Bert Brecht)

Es gibt keine Patentrezepte, deshalb kann es bei uns auch keine perfekten Programme, keine FührerInnen, Dogmen und VorbeterInnen geben. Die Selbstorganisation ist nur möglich durch die weitestgehende Entfaltung, Mitarbeit und Selbstverantwortlichkeit der Einzelnen zusammen mit anderen, und ihren Willen, zu handeln.

Parlamentarismus in jeder Form ist im geringsten Fall die ständige Unterdrückung von Minderheiten durch die etablierte (teils äußerst geringe) Mehrheit. Darum lehnen wir auch diese Form der Oberherrschaft ab. Es gibt kaum ein Verbrechen, das noch nicht von sogenannten demokratischen Regierungen im Namen von „Demokratie“ und „Freiheit“ begangen worden wäre. Mensch denke nur an die „Vorzeigedemokratie“ USA. Sogar Hitlers NSDAP (nur ca. 30% WählerInnen 1933) ist von den (konservativen) Weimarer Demokraten 1933 ohne Not die Macht übergeben worden !!!
Wir wollen die Kompetenzen für uns behalten, die andere allzu bereitwillig weggeben und in die Hände derer legen, die sie schändlichst mißbrauchen. Ein ausgeklügeltes System von Gesetzen und Verordnungen sorgt dafür, daß hierzulande und anderswo die ehrlich revolutionärste Partei innerhalb kürzester Zeit zum Polster wird, auf dem die Mächtigen komfortabel ruhen. Selbstbestimmung jedoch gibt der Korruption keine Chance, denn wer bescheißt schon sich selbst ?!

Noch etwas zum guten Schluß: Wir haben keine Lobby und kochen auch nur mit Wasser. Freiheit ist auch nicht bequem und ungefährlich. Es liegt in der Natur der Sache, daß du dich schon selber aufraffen mußt, etwas zu tun, etwas in Bewegung zu bringen. Du kannst es! Wenn du also von jemand etwas erwartest, dann erwarte es am besten erstmal von dir selbst. Das ist ein guter Weg zu gemeinsamer Stärke und Vielfalt.

(Quelle: http://www.a-laden.org/anarchie.htm)

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Was ist Anarchie? – Erich Mühsam

Anarchie bedeutet Herrschaftslosigkeit. Wer den Begriff mit keinem Gedanken verbinden kann, ehe er ihn nicht zur Zügellosigkeit umgedeutet hat, beweist damit, daß er mit den Empfindungsnerven eines Pferdes ausgerüstet ist.

Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.

Aber die Menschen verlangen nach Herrschaft, weil sie in sich selbst keine Beherrschtheit haben. Sie küssen die Talare der Priester und die Stiefel der Fürsten, weil sie keine Selbstachtung haben und ihren Verehrungssinn nach außen produzieren müssen. Sie schreien nach Polizei, weil sie allein sich nicht schützen können gegen die Bestialität ihrer Instinkte. Wo ihr Zusammenleben gemeinsame Entschlüsse verlangt, da lassen sie sich vertreten (die deutsche Sprache ist sehr feinfühlig), weil sie den eigenen Entschlüssen zu trauen nicht den Mut haben. Das politische Leben der zivilisierten Völker erschöpft sich – um den Pferdevergleich wieder aufzunehmen – im Ersinnen immer vollkommener Zügel, Sättel, Deichsel, Kandaren und Peitschen. Nur darin unterscheidet sich der arbeitende Mensch vom arbeitenden Pferd, daß er selbst hilft, verbesserte Systeme seiner Fesselung zu erfinden und sich anzulegen. Doch gleichen sich beide im Zutrauen zu ihrem starken Eisenbeschlag und in der Verhinderung seiner Anwendung durch Scheuklappen.

Wissenschaftliche Läuterung hat die arbeitenden Menschen darüber aufgeklärt, daß die kapitalistische Verfassung sie des Ertrages ihrer Arbeit beraubt. Sie werden ausgebeutet und wissen das. Sie kennen auch den Weg, der zum Sozialismus leitet: die Überführung des Landes mithin aller Arbeitsmittel aus den Händen Privilegierter in den Besitz des Volkes. Sie kennen den Weg seit einem halben Jahrhundert, aber sie haben ihn bis heute mit keinem Fuße betreten. Das Mittel zur Abänderung als schlecht erkannter Zustände heißt immer Aktion. Aber die Menschen unserer Zeit sind aktionsfaul. Um nichts tun zu müssen, haben sie die Theorie aufgestellt, daß sich die Geschichte nach materialistischen Notwendigkeiten entwickelt. Die Zeit funktioniert automatisch; die arbeitenden Menschen aber warten ab, bis es der Zeit gefällig sein wird. Inzwischen flicken und putzen sie ihr Geschirr, schimpfen und wählen. Diese Interimsbeschäftigung ist ihnen zur Gewohnheit geworden, zum Bedürfnis, zum Lebenszweck. Daß sie auf etwas warten, haben sie darüber vergessen. Weh dem, der sie erinnert!…

Anarchie ist die Gesellschaft brüderlicher Menschen, deren Wirtschaftsbund Sozialismus heißt. Brüderliche Menschen gibt es. Wo sie beieinander sind, lebt Anarchie; denn einer Herrschaft bedürfen sie nicht. Was ihnen zu schaffen bleibt, ist Sozialismus. Die Aktion, die zum Sozialismus führt, heißt Arbeit. Wer nicht mitschaffen will, in brüderlicher Gemeinschaft sozialistische Arbeit zu verrichten, wer abwarten will, wie sich die Verhältnisse ohne sein Zutun entwickeln, der flicke und putze immerhin sein Geschirr, der schimpfe und wähle. Aber er nenne sich nicht Sozialist. Vor allem urteile er nicht über Anarchie. Denn die ist eine Angelegenheit der Herzen, und davon versteht er nichts.

(Aus „Kain-Kalender für das Jahr 1912“, S. 21)

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Leben ohne Technik: Was Deutschland hat ist kein Fortschritt

In endlos langen Schuljahren hatten sie mir beigebracht, Dinge groß und Tätigkeiten klein zu schreiben, Wurzeln zu ziehen, ein blütenweißes Kissen mit gewaschenen Händen zu besticken und eine Sonatine auf der Geige zu spielen. Machte sich Unlust breit, so hieß es: Non scholae sed vitae discimus! – obwohl schon Seneca beklagt hatte, dass genau das Gegenteil der Fall sei“ beschreibt Anne Donath ihr Leben vor rund 40 Jahren.

Im Sommer 1969 hatte ich endlich das Abitur in der Tasche und keine Ahnung, wie man Feuer macht, wenn man friert, welche Kräuter essbar sind, wenn man hungert, und wo man Wasser suchen muss, wenn man Durst hat. All das konnte mir ein Hirtenkind in der Sahara schon mit zehn Jahren zeigen, ohne je in die Schule gegangen zu sein. So nahm ich Nachhilfe in Nordafrika, wo man das Leben einfach noch am Alltag lernen kann.
Dadurch bin ich manche Krücke losgeworden, mit der ich aufgewachsen war, ohne krank zu sein: Seit ein paar Jahren lebe ich nun schon ohne Strom, Telefon und Auto und bin, manchen Voraussagen zum Trotz, weder eingegangen noch vereinsamt.

Anne Donath wohnt in einer kleinen Holzhütte, mitten in Steinhausen, einem Dorf im Oberschwaben. Und sie hat alles, was sie braucht. Mehr nicht. Alles, was sie braucht eben: einen kleinen Ofen, ein Fell, das als Schlafplatz dient und ein kleines Gärtchen, in dem sie ihr Essen anbaut.

Wenn man die Schnecken jetzt nicht erwischt, sind sie nächstes Jahr eine ungeheure Plage“ sagt sie. Sie kommt gerade aus dem Garten und sitzt nun im Schein einer Bienenwachskerze in ihrer Hütte und spinnt Wolle. Ganz einfach, mit einem kleinem Stöckchen – als Spindel.

Ja, aufgewachsen sei sie „wie es sich gehört“: In einer bürgerlichen Familie. Später hatte sie selber einen solchen Haushalt: In einer Großstadt lebte sie, mit allem was man so hat. Zwei Autos, Wäschetrockner und Essen aus der Konservendose. Doch Anne Donath war schon immer neugierig und ausprobierfreudig. So reiste sie einige Male nach Algerien. Einmal saß sie dort eine Woche lang in einem Dorf fest, das gar keine Technik hatte, keinen Telefonanschluss, keine Wasserpumpe und auch keinen Dieselgenerator. Die Menschen im Dorf träumten zwar vom Fernseher, vom Dieselgenerator. „Ja, der Traum war schon da, von einem Leben mit all diesen technischen Geräten. Aber besser wird das Leben dadurch nicht. Nur anders“ erklärt Donath. Für Anne Donath war das Leben dort ein Traum. Es gab eine richtig gute Dorfgemeinschaft, Geschichten wurden erzählt und wenn jemand in die weit entfernte Stadt musste, wartete er eben, bis ein Laster vorbei kommt. Das dauerte dann eben manchmal drei Tage. Man nahm sich einfach die Zeit.
Die haben es dort zwar nicht total besser“, sagt Donath, „aber was wir haben, ist kein Fortschritt.

Bereichert um diese Erfahrung kehrte Anne Donath heim nach Deutschland. Ganz langsam entwickelte sich ihr Leben hin zu weniger Schnickschnack: Der Wäschetrockner gab den Geist auf und wurde nicht ersetzt, die Spülmaschine durchlief ihren letzten Waschgang. So wurde alles, was überflüssig war, einfach entfernt. „Ich bin kein Aussteiger von heute auf morgen. Es war eine langsame Entwicklung.“ sagt Donath. Sie habe einfach festgestellt, was sie alles hat und gar nicht braucht. Und schlechter lebt Anne Donath nicht. Die Freunde sind ihr geblieben, ja, sie hat sogar öfter Besuch als sonst. Und in einem Jahr, wenn ihr kleines Häuschen abbezahlt ist, muss sie nicht mehr arbeiten gehen: Sie hat ja kein Auto, kein Telefon und keinen Rasenmäher. Ihre Nahrung bekommt sie aus ihrem Garten: Kartoffeln wachsen hier. Und Zwiebeln, ein Apfelbaum.  Alles was ein Garten so her gibt.

Anne Donath braucht sich nicht zu erholen vom Arbeitsstress: Urlaub macht sie auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Knapp eine Stunde ist sie zu Fuß unterwegs. Durch Wäler und über Felder. Eine wunderschöne Gegend. Manchmal nimmt sie auch das Rad. Trotzdem reist Anne Donath gerne. Erst letztes Jahr ist sie mit ihrem BMX über die Alpen geradelt. Aber sie haust auch gerne. In ihrer Holzhütte. Mitten in Steinhausen. Wenn man hereinkommt, vermisst man etwas: vier Schritte in der Tiefe, vier Schritte in der Breite misst das Haus. Ein Holzofen steht rechts neben der Tür. Sonst scheint es recht leer: kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett. Ganz zu schweigen von Computer und Fernseher. Ein weiteres Zimmer gibt es auch nicht. Nur noch den Dachboden, zu dem keine Treppe sondern nur ein paar Eisen als Steighilfe führen. Zum Keller muss man das Fell zu Seite rollen und eine Bodenluke öffnen. Und das alles in einem Haus, das vier auf vier Meter misst. Das Fell dient als Schlafplatz. Der Ofen kann vom „Bett“ aus angemacht werden.

Anne Donath hat ein Paradox überwunden: Sie arbeitet nicht für das Auto, das sie braucht, um zur Arbeit zu fahren. Sie hat kein Auto. Und bald auch keine Arbeit mehr. Das bisschen Geld, das sie später noch braucht – Krankenversicherung ist hier der größte Teil – kann sie sich auch anders verdienen. Sie lebt dann nicht von Sozialhilfe, nimmt niemandem die Arbeit weg. Sie haust einfach in Steinhausen. Und: Seit sie keine technischen Geräte, kein Telefon mehr hat, ist es ruhiger geworden in ihrem Leben. Sie hat mehr Zeit. Und sie läuft wieder mehr, fährt Fahrrad. „Auf Dauer ist das Knöpfchendrücken doch langweilig“ mein sie. „Derzeit leben wir in einem Wettlauf: Wir versuchen, die anderen Dinge immer um eins zu überlisten.“ Das will Anne Donath auf Dauer nicht. So hat sie beispielsweise gemerkt, dass die Bauern in Afrika, die oft nur Primitive oder gar keine Hilfen haben, gleich lang arbeiten, wie die Landwirte in Deutschland mit ihren High-Tech-Geräten. „Das ist doch ein Arbeiten für die Maschinen“ erklärt Donath.

Auch der anderen High-Tech, von der sich gerade die gesamte Industriewelt abhängig macht, räumt Anne Donath keine große Überlebenschance ein: „Das Internet, die Handys und all das sind vergleichbar mit einem Garten: Wenn ein großer Frost kommt, gehen alle feinen Spezialisierungen kaputt. In einem strengen Winter etwa frieren die feinen Verästelungen ab, sowie bei einer schweren (Wirtschafts-)Krise die spezialisierte Technik nicht gefragt ist, wenn die Menschen erst einmal für ihre Grundbedürfnisse sorgen müssen.“ Anne Donath ist nicht technikfeindlich. Sie braucht sie nur nicht. Und das probiert sie zuweilen mal aus. Letztes Jahr hatte sie eine Zeit lang einen solarstrombetriebenen Laptop. Doch es dauerte nicht lange, bis er ihr zu lästig wurde, der Reiz des Neuen war verflogen. Es folgte ein Handy, mit dem sie einem zu bestimmten Zeiten die Möglichkeit gab, telefonisch erreichbar zu sein. „Ich habe es meinem Bruder geschenkt“ erzählt Donath über das kleine Gerät.
Ob Anne Donath sich ein solches Leben für die gesamte Menschheit vorstellen kann? Das sei deren Entscheidung. Ich wollte so leben und ich wollte nicht, dass mir das jemand verbietet. Jetzt will sie den Menschen auch nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Dass bei ihrer Lebensform noch ein ganzer Haufen ökologisch sinnvoller Beispiele herauskommen, ist Glück, es war aber nicht der Auslöser, so leben zu wollen.
Es kann sein, dass die Menschen die Welt verändern, dass sie die Welt zerstören,“ denkt Donath, „aber das gehört dann auch zur Evolution, das ist dann so. Es wird sich dann alles neu organisieren.

Und ihre eigene Zukunft? Nachdem sie nicht mehr arbeiten muss, will sie vielleicht mal wieder eine große Reise machen. Aber vielleicht genießt sie es dann auch erst einmal so, daheim bleiben zu dürfen, dass sie das erste Jahr in ihrer Hütte verbringt. Bei ihrem Ofen, ihren Fellen und ihrer warmen Stimmung im Haus. Wenn man dort hinein kommt, fühlt man sich wohl, wieso also verreisen?

Einige Leute im Dorf verstehen Anne Donath allerdings nicht. Die Baugenehmigung hat sie fast nicht bekommen. Zu klein, hieß es. „Sie machen sich doch kaputt, ohne Strom und allem. So kann man heute doch nicht mehr leben.“ sagte man ihr. Anne Donath zeigt: Man kann es. Und das sogar bei sehr guter Lebensqualität. „Das ist ja nicht so, dass die dumm wäre oder sonstwas, das ist es, was einige hier im Dorf nicht verstehen können“, sagt ein Mann. Nein dumm ist Anne Donath wirklich nicht. Sie zeigt nur, dass möglich ist, was viele propagieren: weniger ist oft mehr.

Gut leben statt viel haben eben.

(Quelle)

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Dumm ist wer dummes tut

Hast Du den Film Forest Gump gesehen ? Wenn ja, erinnerst Du Dich bestimmt auch noch an die Frage die Forest immer zu hören bekam: „Forest bist Du dumm?“ Forest antwortete dann stets: Dumm ist wer dummes tut.

Ich weiß nicht, ob Du den Film gesehen hast, aber ich weiß, dass Forest Recht hat. Dumm ist wer dummes tut. Eine unbequeme und brutale Definition von Dummheit. – Denn es gilt für den Lungenarzt der eine Koryphäe seines Faches ist und selber raucht. – Es gilt für den Politiker der Veränderungen predigt aber Reformen blockiert. – Es gilt für den Unternehmer der halbherzig nach Märkten sucht aber die Ideen seiner Mitarbeiter übersieht. – Es gilt für Verkäufer die immer weniger umsetzten aber Verkaufsschulungen ablehnen weil sie schon alles wissen. – Und es gilt für Eltern die ihre Kinder klein halten um ihre Macht auszuleben sich aber noch heute über ihre eigenen Eltern beschweren, weil diese nie Verständnis für sie hatten. Alle diese Menschen sind unabhängig von ihrer Bildung, ihres IQ , ihrer sozialen Stellung gemäß der Gumpschen Definition dumm.

Ja, ich bin vollständig davon überzeugt, das Forest Gump mit seiner Definition recht hat. Ich bin aber auch sehr sicher, dass keiner der obengenannten Personen das Etikett Dummheit für sich akzeptieren würde. „Widersprüchliches Verhalten“ das vielleicht. Menschen sind nun einmal nicht logisch und ihr Verhalten steckt voller Widersprüche. Aber das hat doch nun wirklich nichts mit Dummheit zu tun. Ich sehe das anders. Mir gefällt der Begriff Dummheit an dieser Stelle, denn er löst genau die richtigen Gefühle aus. Wer möchte schließlich schon dumm sein. Wenn ich also an dieser Stelle von Dummheit spreche, so ist das sehr wohl Kalkül und genauso gewollt. Etymologisch betrachtet leitet sich das Wort dumm aus der gleichen Familie wie stumpf ab (mit stumpfen Sinnen) das seinen Ursprung wiederum aus der gleichen Wortgruppe wie Dunst bezieht. Sätze wie „jemanden blauen Dunst vormachen“ der erstmalig im 16ten Jahrhundert erscheint lassen diesen Zusammenhang noch erkennen. Falls Dir an dieser Stelle ein möglicher Zusammenhang mit dem Rauchen auffällt bist Du vermutlich Nichtraucher. Einem Raucher gegenüber solltest Du übrigens diesen Hinweis nur verwenden wenn er a) kleiner und schwächer ist als Du oder b) aufgrund seiner Nikotinleidenschaft nur noch langsam laufen kann.

Und genau an dieser Stelle erkennen wir eine der wesentlichen Besonderheit der Dummheit. Dummes Verhalten ist nämlich nur solange in Ordnung wie es nicht als solches von anderen erkannt wird.

Ein sicherlich klassisches Beispiel hierfür dürfte das Märchen mit des Kaisers neuen Kleidern sein. Zur Erinnerung: Der Kaiser gerät an einen gerissenen Schneider, der ihm weismacht, dass seine neuen Kleider von so hochwertiger Qualität seien das diese feinen Stoffe für dumme Betrachter überhaupt nicht sichtbar seien. (Mit stumpfen Sinnen nicht wahrnehmbar) Der Kaiser der natürlich großen Wert darauf legt vor allen Dingen selber nicht als dumm zu gelten lobt sodann die real gar nicht existenten Stoffe und geht sogar soweit sich seinem Volk gegenüber mit den anscheinend so wertvollen neuen Kleidern zu zeigen. Das Volk verhält sich zunächst ähnlich wie der Kaiser selbst. Alle loben die nicht vorhandenen Kleider, um somit eindeutig zu beweisen, dass sie natürlich ebenfalls nicht dumm sind. Erst später als ein Kind ruft: „Seht her der Kaiser ist ja völlig nackt“ erkennt das Volk die Dummheit des Monarchen „die eigene wird es wohl immer noch nicht erkannt haben“ und lacht den Kaiser aus. Es dürfte Dir an dieser Stelle nicht schwer fallen nachzuvollziehen, dass der Kaiser ziemlich sauer war als er merkte, dass er es selber war der sein dummes Verhalten so über deutlich zur Schau gestellt hatte. Das besondere und das tragische an dieser Geschichte ist jedoch das es üblicherweise so nicht funktioniert. Ein kleines Mädchen reicht in den seltensten Fällen aus um wahrlich dummes verhalten aus dem Dunst zu ziehen und für alle sichtbar zu machen. Üblicherweise funktionieren solche Prozesse dagegen anders: Denn erst wenn der überwiegende Teil einer Gruppe ein Verhalten als dumm erkennt (durchschaut) hat gelingt es nach und nach auch dem (durchschnittlichen) Einzelnen die eigene Dummheit zu erkennen und erst dann ist er auch bereit die Umstände neu zu bewerten. Von daher hätte man in der Realität wohl kaum gezögert das vorlaute Mädchen mit Hausarrest in sein Zimmer zu schicken, oder es zu foltern bis es die Wahrheit sagt. Man hätte es vielleicht ausgesetzt, oder es ganz einfach umgebracht. Schließlich sind solche Vorgehensweisen auch sehr viel angenehmer als sich mit der eigenen Dummheit zu beschäftigen.

Übrigens ist die vorangegangene Geschichte noch für mindestens eine weitere Erkenntnis gut: So hat es den König nie gestört, dass er die Kleider selber nicht sehen konnte, also gemäß der Erklärung des Schneiders anscheinend dumm war. Das ließ ihn kalt. (Was übrigens dafür spricht das er tatsächlich dumm war) Was ihn aber sehr beschäftigte, war etwas anderes. Was, wenn die anderen seine Dummheit bemerken würden. Und so machte er sich ganz erhebliche Gedanken darüber, was er tun könnte, um nicht als dumm zu gelten bzw. wie er sich verhalten müsse um nicht als dumm erkannt zu werden. Gleiches gilt natürlich ebenfalls für die zunächst von den neuen Kleidern so begeisterten Bürger. Alles in allem ein treffendes und entlarvendes Verhalten. Dummheit die man hinter einer Maske des Intellekts versteckt wird dadurch nicht nur nicht unsichtbar, sondern schwebt stets in der Gefahr durchschaut zu werden. Was wiederum dazu führt einen wesentlichen Teil von Energie und Engagement damit zu verschwenden eine Illusion ständig beschützen und zu verteidigen zu müssen.

Wenn Du nicht weißt was ich meine beobachte einmal unsere Politiker und deren Verhalten; beispielsweise in Sachen des offensichtlich („für jeden offen zu sehen“ außer für die Politiker Höchstselbst) in Probleme geratene Rentensystem / der wirtschaftllichen Situation. Wie viele aufgeweckte Mädchen wird es hier wohl benötigen bis die Allgemeinheit aufwacht und erkennt das der Kaiser hier längst keine Kleider mehr anhat? In einem Interview mit dem deutsch-amerikanischen Bewusstseinsforscher John Hormann las ich den bemerkenswerten Satz: „Langsam merken die Leute von wie vielen geistigen Zwergen sie regiert und bevormundet werden.“ Und später weiter: „Aber noch setzten die Patriarchen ihrer schwindenden Macht immer mehr Reglementierungen entgegen um ihren Einfluss doch noch zu erhalten. Das Volk muss die Prinzipienreiter endlich zur Hölle jagen die ewig vorgestrigen Politiker, Unternehmer, Gewerkschafter. Mir gefällt Hormanns Botschaft. Insbesondere das mit der Hölle finde ich ziemlich cool. Aber ich bin davon überzeugt, dass es so nicht funktionieren wird.

Bevor das Volk irgendjemand entlarven kann muss es sich selber durchschauen. Oder anders gesagt zu aller erst müsste es sich mit dem eigenen Verhalten beschäftigen. Die stumpfen Sinne schärfen und eine Standortanalyse vornehmen. Wie ist das mit Dir, in welchen Bereichen verhältst Du Dich dumm obwohl Du es eigentlich besser wissen müsstest? Schärfe also Deine Sinne – werde Dir Deines Verhalten bewusst!

Herzlichst Alexander Wagandt

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Paradies? Gerne aber wie?

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Ich danke allen, die mich verletzt haben

Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben;
Sie haben meine Phantasie beflügelt.
Ich danke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten;
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.

Ich danke allen, die mich belogen haben;
Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.
Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben;
Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.
Ich danke allen, die mich abgeschrieben haben;
Sie haben meinen Mut geweckt.

Ich danke allen, die mich verlassen haben;
Sie haben mir Raum gegeben für Neues.
Ich danke allen, die mich verraten und missbraucht haben;
Sie haben mich wachsam werden lassen.
Ich danke allen, die mich verletzt haben;
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.
Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben;
Sie haben mich stark gemacht, dafür einzutreten.

Vor allem aber danke ich all jenen,
die mich lieben, so wie ich bin;
Sie geben mir die Kraft zum Leben!
Danke.

Paulo Coelho

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Die Müllkinder von Manila

Auf einer der riesigen Müllhalden der Stadt leben und überleben 15.000 Menschen (Manche Schätzungen gehen in die 100 000!). Die Hälfte davon sind Kinder. Und sie alle suchen nach recycelbarem Müll. Dosen, Plastik – alles, was Geld einbringt.

Die fehlende Hygiene, das Trinkwasserproblem, die Moskitos und natürlich viele gefährliche Gegenstände, die sich im Müll befinden, bilden die Voraussetzungen für Krankheiten und Verletzungen:

* Atemwegsprobleme durch bei der Müllverbrennung entstehenden Dämpfe und Gase
* Mangel- und Fehlernährung
* Diabetes
* Dengue-Fieber
* Pilzerkrankungen
* TBC (Tuberkulose)
* Blutvergiftungen und Abszesse, die durch offene Wunden hervorgerufen werden.
* HIV/Aids (meist durch Prostitution/herum liegende infizierte Spritzen)

Die 15.000 Müllmenschen, die auf den Philippinen leben, kommen hauptsächlich aus 3 Gebieten Manila, Quezon-Stadt und Cebu-Stadt. In Manila leben die Menschen auf den beiden Müllhalden Smokey Mountain und Payatas. Es handelt sich hierbei um riesige Müllberge (bis zu 40 Meter hoch), wobei der Smokey Mountain sogar als international bekanntes Wahrzeichen der Hafenstadt Manila gilt. In der Region rund um Cebu-City, werden die Müllmenschen auch noch „Scavengers“ genannt, was darauf zurückzuführen ist, dass sie mit Metallhaken („Scaves“) den Müll trennen, um Verwertbares zu finden. Der Verkauf von Müll findet in so genannten „Junkshops“ statt und bringt den „Scavengers“ im Schnitt täglich zwischen 50 und 65 Pesos (rund 0,75-1 €) ein.

Hunderte starben bereits, wenn einer der großen Müllberge meist in Folge eines anhaltenden Monsunregens in sich zusammen stürzte und viele Menschen unter sich begrub. Immer wieder wird den Müllmenschen staatliche Hilfe, saubere Unterkünfte, richtige Arbeit oder ähnliches versprochen, doch werden diese Versprechen kaum oder gar nicht von den Zuständigen eingehalten. Mittlerweile gibt es immer mehr Hilfe aus dem Ausland wie etwa Ärzte, Ordensleute und Vereine, die den „Scavengers“ aus ihrem Elend helfen möchten. (Quelle)

Manila ist nicht die einzige Stadt mit diesen riesigen Müllbergen. Es ergeht z.B. Mexiko-City, Nicaragua, und Ägypten sehr ähnlich.

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