Archiv der Kategorie: Emotionales

Emotionale Verbindung zu einem kotzenden Haufen Gedärme..

Blümerant

Jederzeit stürzen Fluten herein. Die anderen überleben kaum. Aber ich permanent. Aus irgendeinem Grund glückt bislang die Flucht vor dem Hereinbrechen des Grauens. Modriger Stein. Verschüttete Häuser und Leute. Schlaglöcher und Verlust der Schwerkraft. Alle wollten irgendetwas unternehmen. Aber sie konnten aus irgendwelchen Gründen nicht. Es war zu spät. Oder zu früh. Etwas stimmte nie. An anderen Tag bemerkt man, wie ein Vogel im eigenen Zimmer sitzt. Ein kleiner Spatz. Dann bewegt man sich zur Tischlampe und macht das Licht an, und er ist weg. Es ist nie klar, ob er jemals existierte. Gleichzeitig, diese Empfindungen Überlebender zu sein. Die Kindheit überlebt. Die Familie überlebt. Jobs überlebt. Das Jobcenter überlebt. Staat und Kapital überlebt. Bis jetzt. All die wechselnden Ortschaften und Bekanntschaften, überlebt. Aber nichts hat getragen oder gefruchtet oder geerdet. Es war immer bestimmt vom Zerfall und Ruin. Von den Fehlern, Mäkeln und dem Ende. Es ist immer ein Ende abzusehen. Aber das Grauen wird nie vorbeigehen. Ohne finanzielle Unendlichkeit ist jeder Moment belastet und vergiftet, denn er kann nicht mehr ausgeweitet werden. Es ist nur Zufall, wenn ein Moment genossen wird. In gewisser Weise sitzt man als Passagier in einem Zug und sieht das glückliche Leben an einem vorbeiziehen, wie die Landschaft. Und niemand steuert diesen Zug. Aber es gibt tausende Abteile mit Leuten, die genauso gefangen sind, wie man selbst. Alle klagen ihr unlösbares Leid, welches nur durch den traumlosen Schlaf kurz unterbrochen wird. Bricht das Sonnenlicht die Nacht, werden die Passagiere erneut von der Gesellschaft gequält, weil das der Antrieb des Zuges ist. Und alles zieht vorbei. Die Zeit gerinnt und es ist so, als hätte man niemals gelebt. Urlaub ist für die meisten Menschen nur der deutlichste Beweis, dass sie den Rest des Jahres nicht vollständig auskosten. Sie wissen es insgeheim, wenn sie noch etwas empfinden. Aber in dieser falschen Welt, wird die Staublunge gegenüber dem Sandstrand vorgezogen. Es heisst, es ist unmöglich das Leben zu geniessen. Alles ist Schmerz und Qual. Es muss so sein, weil es immer so gewesen ist. Eine Tautologie, sowas zu behaupten, freilich, ohne irgendwelche Substanz. Völlig grundloses Leiden führt dazu, dass nur die Reichen in den Genuss jahrelanger Reisen an die Filetstücke der Welt unternehmen können. Sie essen von den besten Speisen, liegen in den größten Betten, liegen am längsten in der Sonne und lieben soviele Menschen, wie der Tag Sekunden hat. Sie können Beziehungen pflegen, zu sich selbst, zu allen und allem anderen. Sie können schreiben, musizieren, denken, dösen und flanieren. Sich neu einkleiden oder kochen oder diskutieren oder schwimmen oder singen und tanzen. Ausschlafen, herumalbern, spielen und essen. Sich Geschichten ausdenken, die sie verfilmen. Alles gehört ihnen. Es gibt keine Befehle mehr. Der Zwang ist verloren gegangen für sie. Für immer und ewig. Soweit eben das Bankkonto reicht. Diesen seltenen Kreaturen ist das volle Glück der Welt zuteil geworden. Ihr rätselhafter Aufstieg scheint für alle Passagiere im Zug unmöglich, weil der Zug zu schnell fährt und ein Ausstieg nur unter Lebensgefahr möglich ist. Gefangener zu sein bedeutet, die Gitterstäbe zu lieben. Es ist nichts möglich als Passagier. Es ist zu eng, zu klein, zu stickig, grau, rau und mau. Das permanente Unwohlsein kulminiert in Angst und Perspektivlosigkeit. Die einzigen Änderungen sind Wechsel zwischen den Abteilen im Zug. Aber der Zustand ist gleich. Alles zieht vorbei. Zieht weg. Nichts lässt sich halten oder vertiefen. Es gibt keine Ruhe. Es ist alles unterwegs und in Bewegung. Es gibt das Kommando des Personals. Und im besten Fall wird man selbst strafendes, bellendes Personal. Bezahlt. Aber nie genug. Eher zum Preis der letzten Reste Menschlichkeit. Und überspielt wird diese Grobheit mit allerlei bunten Schrott. Süßem Gift. Leise zieht das Gas in die Atemluft ein. Die Realität ist eine Unverschämtheit. Die Reichen sind die realen Superhelden. Man selbst liegt im Dreck. Kann kaum atmen oder denken. Es ändert sich nie was. Egal, ob man arbeitet oder nicht. Das alles ist Betrug. Und er setzt sich täglich erneut durch, weil jeder den Betrug für normal und vernünftig hält. Wer daran rüttelt, ist verrückt. Und tatsächlich, jeder wird verrückt gemacht. Es bleibt gar nichts anderes übrig. All das hat man nie gewollt. Man ist hineingeboren in Elend und wird dann davon mitgeschliffen. Der Zufall verteilt den Wohlstand und der Zufall nimmt Wohlstand. Der Zufall gebährt und erwürgt das Leben. Und nichts ergibt irgendeinen Sinn.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Unglück

Ich räume die Wohnung auf. Es ist eigentlich ein Wohnklo. Ich stosse auf Erinnerungen. Bemerke welche Niederlagen ich schon hinter mir habe. Ich wünschte, ich hätte eine große Wohnung mitten in der Natur. An einem See oder einer Küste. Und ich könnte in den Tag hinein leben. Etwas lesen und schreiben. Gut essen. Hin und wieder interessante und leichte Gespräche führen. Ausschlafen. Keine Ängste irgendeiner ernsthaften Art haben. Einfach nur leben.

Aber es ist zuviel verlangt. Es ist zu teuer. Es gibt keinen Weg dorthin. Es ist zugestellt. Ich bin seit Ewigkeiten traurig darüber. Ich habe soviel probiert über all die Jahre. Nichts hat funktioniert. Blankes Scheitern. Ich sehe beim Aufräumen der Wohnung, was ich alles schon probiert habe. Welche Härten ich hinnahm, weil mir Leute dieses und jenes rieten. Und auch als ich mich selbst beriet, geriet ich wie immer von einer Illusion in die nächste. Es hört nie auf. Und gleichzeitig wäre das alles nicht weiter schlimm, wäre man finanziell unabhängig.

Doch diese Unabhängigkeit tritt nie ein. Ich muss nun wahrscheinlich meine letzte Hoffnung beerdigen. Meine letzte Idee für mich, wie ich hätte glücklich werden können. Einfach, weil sie nicht funktioniert. Ich habe es lange vor mir hergeschoben. Ich konnte das tun, weil mich niemand gestellt hat. Und das war nicht gut. Ich hätte mindestens vor 18 Monaten die Reissleine ziehen müssen. Ich war dort bereits erledigt. Aber aufgeben gilt nicht. Es musste ja weitergehen. Als ob das Studium noch irgendetwas bedeuten könnte.

Ich habe in dieser Wohnung keine Erinnerungen angesammelt. Eher Schmutz und Ruinen. Und es kann alles noch schlimmer kommen als es ohnehin schon ist. Es sieht gut danach aus, dass es schlechter wird. Es gibt keine erdenkliche Perspektive mehr. Keine Stadt, keinen Beruf, keine Menschen und kein Geld mehr. Ich stehe vor dem absoluten Nichts. Und gleichzeitig habe ich immer in diesem Nichts gelebt. Ich war erfüllt davon. Man kann sagen, ich war nie etwas anderes. Keine Talente, keine Interessen, keine Gedanken, keine Gefühle, nicht einmal die Fähigkeit zu kochen ist da. Es klingt banal und ist doch so tragisch.

Man kann es lernen, man kann es ändern, es gibt Hoffnung, heisst es dann immer wieder. Aber das heisst nicht, dass es jemals passiert. Illusionen und Wunschvorstellungen fühlen sich gut an, haben aber keine Realität. Außer vielleicht, dass man sich etwas vormacht. In Wahrheit ist man vom guten Leben soweit entfernt wie der Planet Saturn von der Erde. Und es gibt keine Möglichkeit diese Distanz zu reduzieren. Es gibt einfach nichts. Und das hält keiner aus. Also muss wie verrückt gearbeitet, Sport getrieben, gefeiert, gehetzt, geleugnet und gelogen werden.

Als ich früher Brücken abriß, glaubte ich zu wissen, dass es für etwas Bedeutendes ist. Ich dachte, ich wäre fähig, mir etwas aufzubauen, was in sich absolut gütig, vernünftig, schön, herrlich und glücklich wäre. Aber ich kann meinem Schicksal genauso wenig eine günstige Wendung geben, wie dem Leben anderer. Ich bin allem hoffnungslos wehrlos ausgeliefert. Der Zufall spielt einem hin und wieder Gelegenheiten zu, aber dann ist man nicht vorbereitet oder fähig. Also läuft es doch auf dieselbe Ohnmächtigkeit hinaus. Endlos kann man darüber diskutieren, aber es ändert sich nichts.

Es ist wie ein Mantra, aber gleichzeitig die faktische Realität: Es bleibt alles wie es ist und gleichzeitig verändert sich alles. Ich möchte nicht mehr zurück in das klassische Berufsleben. Aber ich wüsste nicht, wo ich sonst arbeiten sollte. Ich finde es falsch zu arbeiten. Aber so wie ich in dieser jetzigen kleinen Wohnung hause, kann man das nicht mehr Leben nennen. Es hat keinen Stil. Und gleichzeitig wäre es stillos der Lohnarbeit nachzugehen, schliesslich ist sie prinzipiell falsch. Diese ausweglose Lage vertieft und erweitert sich, je länger meine Entscheidung in einer Erstarrung liegt.

Ich wüsste nicht, wie ich mich refinanzieren sollte. Meine Existenz ist bedroht. Sie wird immer bedroht sein. An die Drohungen kann man sich selbst als gequälter Leib nicht gewöhnen. Wenn auf Narbengewebe herumgestochen wird. Schmerzt das doppelt. Es ist schrecklich, dass auf Verletzungen immer weitere Verletzungen folgen. Ich muss wie durch ein Wunder aus dem Nichts neue Kräfte gewinnen. Ich muss Ideen gewinnen, die ich nie hatte. Aber wie soll das gehen? Es gibt keine Quelle dafür. Jetzt wo ich meine Berufung verloren habe, wird es kein Licht mehr geben.

Ich muss mich die ganze Zeit verstellen und auf den Kopf stellen, um mich zu refinanzieren. So wird es laufen. Andernfalls werden staatliche und familiäre Institutionen über Jahre auf mich einprügeln. Entweder ich lasse mich vom Berufsleben verprügeln oder eben von Familie und Staat. Prügel wird es immer geben. Man kann sich nicht entziehen. Es gibt nur den Lottogewinn, der das könnte. Und den gewinnt man nie auf Befehl und auch sonst nicht. Ich habe verloren. Ich habe vermutlich so gut ich konnte gekämpft. Aber ich habe verloren. Ich hatte es einfach nicht drauf. Es steckte nicht genug in mir, um das alles auszuhalten und zu bewältigen.

Es ist so grauenhaft, dass man sein ganzes Leben eine jämmerliche Kreatur bleiben wird. Egal, was man unternimmt. Ohne absolutes Glück, wird man immer im Sumpf der dumpfen, stumpfen, dummen, schädigenden Lohnarbeit stecken bleiben. Es gibt einfach keinen Raum mehr für das Denken, Lernen, Schreiben, für die Kunst und die Freiheit. Es ist vorbei. Endgültig. Es schnürrt einem die Luft zum Atmen zu. Es gibt kein Entrinnen. Das scheinen die Menschen generell zu spüren, also lassen sie es lieber gleich. Es ist unheimlich obszön aus Gründen gegen die Realität der sozialen Verhältnisse zu sein. Das größte Tabu aller Zeiten bleibt daher unangetastet. Mir verschlägt es immer wieder die Sprache.

Es ist zu überdimensional, zu dynamisch, zu bösartig und gefährlich, dieses gesellschaftliche Monster in das wir alle involviert sind. Es zermalmt uns in Sekunden, wenn wir nicht konform gehen. Das ist die Drohung des Sozialen Abstiegs. Es wird sovieles aus blanker Angst getan. Aber das macht alles nur noch schlimmer. Und das Grauen wächst. Es zertrümmert doch immer mehr. Ich sehe keinen Ausweg. Die gesellschaftlichen Interessen werden stets triumphieren und sie sind längst von den Menschen internalisiert worden, sodass die gesamte Rezeption der Realität als harmlos oder vernünftig eingeschätzt wird. Die täglichen Katastrophen werden dann zu Fußnoten der Fortschrittsgeschichte erklärt.

Aber es gibt überhaupt keine glaubwürdige und beweisbare Sicherheit, dass der Fortschritt überhaupt existiert und auch im Sinne von uns allen das Leben verbessert. Fortschritt heisst heute vornehmlich, dass die Bedingungen für die Kapitalverwertung verbessert werden, während die Lebensbedingungen des Menschen sich immer weiter eingeschränkt werden. Dadurch wachsen Umweltkatastrophen genauso wie Zukunfts- und Existenzängste. Die psychischen und physischen Erkrankungen aufgrund von Lohnarbeit wachsen genauso wie die Überstunden, die in den Betrieben zu leisten sind. Gleichzeitig wächst die Schere zwischen armen Menschen und reichen Menschen.

Es gibt keine einzige Partei oder politische Organisation weltweit, die den Kapitalismus als ganze fundiert kritisiert und abschaffen will. Alles was sich in dieser Richtung bewegt ist in der Regel völlig vulgär, antiintellektuell und scheitert schon daran, den Kapitalismus überhaupt korrekt zu beschreiben. Der Forschungsstand ist aber auch nicht sehr einfach zu rezipieren. Selbst Marx hat unzählige Fehler gemacht und bis heute streitet man sich darüber, was der Wert überhaupt sein soll. Die ungeklärten Fragen machen es extrem schwierig, überhaupt eine andere Welt zu erreichen. Wenn man nicht weiss, wo das Problem genau liegt, kann man es auch nicht lösen. So einfach ist das.

Das Verhängnis reproduziert sich also auf globalen wie lokalen, auf gesellschaftlichen wie individuellen Ebenen immer weiter. Und ich spüre diesen Riss der durch die gesamte Welt geht sehr genau. Ich spüre ihn so sehr, dass ich es kaum noch ertragen kann. Ich spüre ihn so sehr, dass ich nicht mehr weiss, was ich denken oder tun soll. Ich habe nicht die nötige Ruhe diese ganzen Probleme anzugehen. Es ist einfach zuviel. Die blanke Überforderung übermannt die meisten Menschen, die auf ähnlichen Pfaden wie ich wandeln. Depressionen sind da nicht selten. Viele hören nach dem Studium oder Anfang 30 mit diesen Überlegungen auf. Denn sie bringen nichts mehr als Verluste, Niederlagen und Schmerzen ein.

Gleichzeitig macht diese Überforderung vorallem aus, dass ich permanent an meine Leistungsgrenze komme. Ich bin nicht in der Lage die theoretische Komplexität zu realisieren, die der Kapitalismus bedeutet. Es gibt ein paar Wissensinseln. Aber sie laden eher zu Missverständnissen und Irrtümern ein. Mit diesem lückenhaften Wissen werde ich niemals irgendwas erreichen. Und ich habe soviel investiert wie ich konnte. Aber ich bin offenkundig einfach zu dumm, um einen entscheidenden Unterschied machen zu können. Ich kann nicht in bahnbrechender Form die Brutalität der Normalität auf den Punkt bringen. Aber das ist notwendig, um dem Alltagsbewusstsein zu einer Reflexion zu verhelfen.

Ich weiss nicht woher ich dieses geistige Vermögen bekommen soll. Und ich weiss auch nicht, woher ich das finanzielle Vermögen bekommen soll, um daran zu arbeiten. Die einzige Möglichkeit ist, sich in das Sozialhilfesystem zu begeben und die Prügel von Staat und Familie in Kauf zu nehmen, um dann im Rahmen dieser relativen Armut hoffentlich den maximal verfügbaren Zeit- und Arbeitsaufwand in dieser Richtung betreiben zu können. Aber es ist unheimlich leicht von der Fahrbahn bzw. dem Ziel abzukommen. Ich verzettele mich. Und Irrtümer fallen oft erst viel zu spät auf. Es gibt kaum Leute mit denen man darüber sprechen könnte. Es kann gleichzeitig auch keine vernünftige Perspektive sein, sich absichtlich in Zukunftsängste hineinzustürzen. Aber was bleibt übrig?

Der akademische Betrieb ist hoffnungslos vom Kapital unterminiert. Forschungen werden im Prinzip vom Zahlungsgeber ad absurdum getrieben. Man beisst schliesslich auch nicht in der Wissenschaft die Hand von der man gefüttert wird. Also muss das Schwerste unter größten persönlichen Opfern vorangetrieben werden, mit dem Risiko, dass nichts dabei herauskommt. Wer kann das wollen? Warum sollte ich das machen? Es gibt nichtmal den leisesten Beleg oder die kleinste Ahnung, dass ich etwas besser könnte, was andere, wesentlich Begabtere nicht längst schon geleistet haben. Gleichzeitig ist es mir ein Rätsel, wie das, was bereits über diese Probleme geschildert wurde, den Leuten nicht bereits genügte, um das politische und wirtschaftliche System zu überwinden.

Es ist die nächste große Schelle der Gesellschaft an mich, dass es bereits genug bedeutende Bücher gibt, die es auf den Punkt brachten. Und trotzdem hat sich nichts geändert. Weder absolute Katastrophen wie Tschernobyl, Fukushima oder Deepwater Horizon änderten etwas an den Verhaltensweisen der Menschen. Es gab ein kurzes Aufschrecken und dann ging es weiter. Verantwortlich soll immer irgendjemand anderes sein. Aber den Preis zahlen wir alle, obwohl er zu hoch ist. Wer weiss wie hoch die Dunkelziffer der Gesamtschäden an Menschen, Tieren und Umwelt durch unser Wirtschaftssystem tatsächlich ist. Ich bin so hoffnungslos, weil weder Worte noch Katastrophen die Menschen zu einem Umdenken bewegen.

Die Ignoranz ist so gewaltig geworden, dass man nicht einmal mehr inmitten dieser Menschen leben und arbeiten kann. Die Menschen haben dem Kapital eine derartige Macht verliehen, dass keine Nische mehr übrig geblieben ist. Ich weiss nicht, was man darüber noch sagen soll. Spricht man das an, wird es oft relativiert. Aber es ist offensichtlich, dass die Gesellschaft nicht immer freier wird. Insbesondere wenn man sich global umsieht. Gleichzeitig macht Europa eine Menge Rückschritte. Sogar Frankreich bekämpft mittlerweile durch Macron Gewerkschaften. Es gibt keine nennenswerte Gruppierung an Menschen, die dem Einhalt gebietet. Es gibt keine nennenswerte Kritik auf der Höhe der Zeit mehr. Und alles ist Schweigen und Vergessen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales, Gesellschaft

Witjastiefe

Es gab mal einen Jungen, der sich im Alter von 14 Jahren den Messerstichen seines gewalttätigen Vaters und Säufers entgegen warf, um der eigenen Mutter das Leben zu retten. Die Mutter starb. Der Junge überlebte lebensgefährlich verletzt mit Stichen in die Lunge und das Herz. Der Vater begeht Selbstmord im Gefängnis. Der Junge war ein Überlebender. Aber verloren. Er lehnte jede Hilfe ab. Er bevorzugte die Nähe der Bäume. Sie stehen im Freien. In ihnen sah er sich selbst. Er sagte, dass die Bäume so einsam sind wie er selbst. Sie stehen für sich allein. Und niemand beachtet sie. Also schlief er dicht unter dem Himmel auf Baumkronen. Der Junge wurde nur 17 Jahre alt. Er erfrohr eines Nachts auf einem dieser Bäume, die inmitten seiner Nachbarschaft standen. Zwischen Grundschule, Kindergarten und Sportanlage hing er dort wochenlang verstorben fest. Als man ihn fand, hielt man ihn zunächst für eine Puppe. Die Mumifizierung hatte längst eingesetzt. Doch der Tag geht weiter. Die Fußball-WM wird gefeiert und die Boshaftigkeit des Alltagslebens zelebriert. Die kollektive Verdrängung läuft auf Hochtouren heiss. Der Sommer ist heiss. Man ist heiss auf die nächste Runde im Kapitalbetrieb, egal wieviele Menschen dadurch verheizt werden.

Es gibt unzählige solcher Lebensgeschichten, wie die des Jungen, und die Brutalität des Soziallebens scheint sich nur sehr relativ zurückzuziehen. Es scheint eher, dass sie nur abstrakter und damit noch giftiger wird. Niemanden fällt ein Gegenmittel ein. Es ist wie es ist. Unter Experten gibt es endlose Diskussionen. Die Krankenkassen bauen ihre psychotherapeutischen Möglichkeiten nicht so massiv aus wie es nötig wäre. Der Junge hätte gerettet werden können. Die instabilen sozialen Bedingungen führten über Jahre zu einer immer spitzer werdenden Abwärtsspirale. Kein Mensch wollte oder konnte diese Dynamik unterbrechen, weil es sich finanziell nicht lohnt Menschen zu helfen.

Es wird Menschen in dieser Welt nur insoweit geholfen, wie es dem Kapital nützlich scheint. Diese Schicksäler zeigen, dass wir alle nur aus purem Zufall nicht genauso unter dem aktiven Wegsehen der Zivilisation traumatisiert, zerstört und ruiniert wurden. Andererseits erhalten wir freilich Subformen dieser Qualen und was noch nicht ist, kann zu größeren Grauen werden. Da könnte man sofort mit dem Schicksal der Flüchtlinge weitermachen. Jeder kann Flüchtling werden. Es braucht nur einen Krieg oder Verlust der Lebensqualität im Geburtsland. Krisen hat es immer gegeben und sie brechen über uns hinein wie Unwetter, obwohl wir sie augelöst haben müssen. In Deutschland ruft man diesbezüglich: „Absaufen! Absaufen!“ Das wird nicht nur aus blankem Rassismus gerufen, sondern auch, weil man keine weiteren Konkurrenten am Arbeitsmarkt oder Arbeitsamt ertragen möchte. Es wird nicht an die eigene Verantwortung für den gesellschaftlichen Irrationalismus erinnert oder gar gerüttelt, sondern das gesellschaftliche Elend in den Schicksälern der Ärmsten und Schwächsten unter der Sonne personalisiert und delegiert. Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, die Genese der Gesellschaft zu begreifen und bereiten genüßlich neue Schandtaten gegen Minderheiten vor. Und das unter den Augen der Opfer der letzten Schandtaten. Die Überlebenden des Holocaust erleben, wie die Deutschen regressiver und aggressiver werden. Europa rückt nach rechts. Es graut einen davor. Insbesondere, weil niemand dagegen ernsthafte Ideen hat.

Der Amokschütze von Las Vegas hatte wahrscheinlich um sich geschossen, weil er wie ein Verrückter um seinen Lebensstandard fürchtete und alles in Kasinos verspielte. Er begann plötzlich generell zu hassen, was ihn über Jahre vermögend und scheinbar unabhängig machte. Aber er war nie frei. Er hatte das Grauen der Welt in sich aufgenommen und sein braver Konformismus schlug in jene Destruktion um, die generell von der Gesellschaft u.a. mit irrationalen Produktivitätszwängen gegenüber allen Individuen ausgeht. Jeder kann jederzeit vernichtet werden, wenn er nicht genug arbeitet. Und ohne Geld ist das Leben inexistent. Die Dummheit und psychischen Erkrankungen vom Las Vegas Schützen mussten unzählige Opfer mit ihrem Leben bezahlen. Niemand hat das kommen sehen. Das Grauen bricht über uns alle hinein. Immer und immer wieder. Die Menschen tun sich und gegenseitig bewusst eine Menge grauenhafter Dinge an. Aber was ist mit den Tauschakten, die unbewusst die Karten im Sinne des Wertgesetzes neu mischen und unkalkulierbare Konsequenzen für das Bewusstsein und das Leben der Menschen hat? Die Tauschabstraktion ist heute gleichbedeutend mit der Denkabstraktion. Denke ich, so bin ich Kapital.

Jeder ist nur Mensch auf Probezeit. Die psychosozialen Zerstörungen sind längst und global Volkssport und Volkskrankheit. Der Missbrauch, die Vernachlässigung und Marginalisierung der Unschuldigen, Jüngsten und Schwächsten passiert einfach mit endlosen Wiederholungen und einer fast institutionellen Eigengesetzlichkeit. Dagegen ist man offenkundig unlängst abgestumpft, sonst würde ja irgendwer dagegen mobilisieren. Aber es ist egal geworden. Alles ist egal geworden. Alle scheinen nur noch mit letzter Kraft den Anschein von Interesse und Empathie bewahren zu wollen. Nach dem Motto: „Seht her, ich bin eventuell unzufrieden.“ Aber das ist freilich nicht zwingend oder stichhaltig oder überzeugend genug. Es gibt also einfach keine politische oder soziale Bewegung, die die tiefgreifende Verwüstung erfasst, die die Gesellschaft in uns anrichtet. Es sind nicht nur Einzelschicksäler, Amokläufe und Attentate, die problematisch sind. Es sind die Millionen, die an Hunger und Elend starben. Es sind die Millionen, die aufgrund von Lohnarbeit starben. Es sind die Millionen, die keinen Zugang zu sauberen Wasser, gesunden Lebensmitteln und liberaler Bildung haben. Es sind die Millionen, die unter dem Klimawandel leiden. Es sind unzählige Leidensformen, die von unserer Gesellschaft ausgehen. Die allerdings in ihrer Dimension unausgesprochen sich in immer neuen Kleidern weiterentwickeln.

Aber was soll ich sagen? Ich blicke in mich hinein und sehe auch nichts weiter als Elend, Unvollständiges, Verkommenes und sogar diese unerträgliche Gleichgültigkeit. Ich will nicht so sein, aber das ist aus mir geworden in all den Jahren. Stets denke ich, dass ich soviele Prüfungen und Berufsjahre hinter mich gebracht habe. Es müsste auf dieser Grundlage völlig natürlich sein, dass ich wüsste, wo es lang geht. Ich müsste soviel gelernt haben. Ich müsste ein echter Bescheidwisser sein. Dabei waren all diese Jahre nur blinder Gehorsam. Erst gehorchte ich nur den familären Befehlen, widerwillig. Dann den schulischen, dann den beruflichen. Immer widerwillig. Widerwilligkeit bedeutet aber nicht, dass man irgendeine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Widerwille ist einfach nur destruktives Dagegensein und entwickelt sich dann später etwas begründeter mit einer Kritik an den Verhältnissen. Aber es ist immer nur eine negative Bestimmtheit. Es ist nie autonom vom Problemzusammenhang. Die eigene Zerrissenheit speist sich jeden Tag über die Verbindung zur Gesellschaft neu ein.

Über die Jahre spielt sich die Routine ein und es wird Normalität zu gehorchen, ohne, dass irgendein Befehl ertönt. Die Befehlsstruktur der Gesellschaft wurde internalisiert. Aber gleichzeitig produziere ich in mir selbst unklare Imperative. Was soll ich beruflich eigentlich ausüben, wenn alle Optionen schon gescheitert sind? Ich habe tausende Inserate von Firmen durchforstet. Eine handvoll Inserate klangen zumindest so, dass ich nicht schon vor dem ersten Arbeitstag bereits Depressionen bekam. Aber ich entspreche nicht den notwendigen Qualifikationen. Ich bin dadurch sowieso unerwünscht. Ich bin unnützes Human Kapital. Ein reines Verlustgeschäft für diese Gesellschaft. Und ich bin dementsprechend himmelweit entfernt von irgendeiner beruflichen Perspektive, die mich nicht ruiniert. Ich kann nur überleben, wenn ich mich in einem Beruf ruiniere, der mir nichts bedeutet. Dementsprechend verzweifelt sieht die Lage nach einer beruflichen Perspektive aus.

Verzweiflung ist niemals ein guter Ratgeber. Aber in all den jüngeren Jahren hat es nie eine andere Ausgangssituation gegeben. Es war immer eine Angstentscheidung für oder gegen einen bestimmten Weg. Bestimmte berufliche Träume erscheinen aufgrund meiner Herkunft oder meinen ökonomischen und kulturellen Möglichkeiten viel zu kühn. So kühn, dass ich nicht einmal hineinwachsen kann. Der Vorsprung der Anderen ist uneinholbar. Und der Vorsprung ist auch berechtigt. Sie konnten sich mit Freude zu Maschinen abrichten, ohne komplett verrückt zu werden. Oder verstecken sie das alles nur in einer gewissen sozialen Verträglichkeit? Mir ist diese ungeheure Leistungsfähigkeit und -willigkeit unerklärlich und gleichzeitig unheimlich. Diese Gewissheit mit der sich diese Menschen als Leistungsroboter einem irrationalen Prinzip opfern, gründet sich auf keiner vernünftigen Aussage. Aber sie sind sich so sicher, dass sich ihr Opfer am Arbeitsplatz lohnt. Völlig unabhängig davon, ob sie oder ihr Kollege am nächsten Tag entlassen wird. Es geht einfach auf zum nächsten Stepstone in der Karriere. Merken sie nicht, dass diese Verausgabung an diesem Punkt der Geschichte längst obsolet geworden ist? Sie rennen auf einem Laufband, treten auf der Stelle und die Energie, die sie produzieren, verpufft.

Es gibt also leider nur Chancen für das Spitzenfeld. Die Durchschnittlichen müssen sich mit der Massenware an Berufen begnügen und müssen für diese unendlich lange und täglich bluten. Der Schrecken liegt hier in der enormen Langeweile, die in tausenden Facetten überraschend auftritt. Die Herausforderung nicht an einem Burnout zugrunde zu gehen und dabei auch noch zu lächeln, teamfähig, flexibel und belastbar zu bleiben, wird zum Lebensinhalt. Alles was als Lebenswert gelten kann, wird dann in kleine Raucher- und Mittagspausen verlegt. Man schimpft ein bisschen über den Chef und die Politiker, und glaubt, dass man selbst den Überblick und die Kontrolle hat. Aber in Wahrheit wird man den ganzen Tag vom wertverwertenden Prinzip über den Tisch gezogen, was man selbst und Milliarden andere Menschen bewusst-bewusstlos in Kraft gesetzt haben. Bei all den Überstunden und intensiven Arbeitssituationen bleibt keine Kraft, Lust oder Geist für Hobbys übrig. Demnach gibt es keine tiefgreifenden Beziehungen mehr. Alles ist oberflächlich, austauschbar, beliebig, haltlos, stumpf, emotionslos, gedankenlos und es gibt keinen Ausweg. Das Leben entgleitet einem und ehe man sich versieht ist man zu alt, um zu rebellieren.

Ich bin heute an einem Punkt an dem ich schon vor 10 Jahren gewesen bin. Die Zeit hat überhaupt nichts verändert. Ich bin nur schwächer und älter geworden. Ab sofort wird es von Jahr zu Jahr schlimmer. Es gibt keinen Grund etwas anderes zu behaupten. Es ist purer Realismus. Ich betrachte das ganz nüchtern. Egal wie mies die Gedanken sind, ich blicke direkt in den Abgrund. Ich habe alles gesehen, was soll mir noch passieren? Auch wenn die Ängste irrational sind und einen immer wieder überlisten. Am Ende entscheide ich. Und es gilt für mich zu beobachten, wie das alles zugrunde geht. Was für idiotische Aussichten.

Ich habe mir genau angesehen, wer sich die letzten Jahre selbst umgebracht hat und wie die Reaktionen waren. Es waren viele schöne und talentierte Menschen darunter. Sie hatten teilweise enorme finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie waren äußerst beliebt. Hatten Familie und Kinder. Sie konnten alle erdenklichen Projekte realisieren. Sie hatten in vielen Fällen also alles, was ich nicht hatte. Es wird bei Depressionen davon ausgegangen, dass die Neurotransmitter ihre Funktion vermindern und damit auch die gedanklichen Fähigkeiten sich reduzieren. Wenn mich etwas ausgezeichnet hat, dann, dass ich unermüdlich Grüble. Ich denke nie etwas großartiges, aber ich muss ständig über alles nachdenken. Ich bin äußerst traurig darüber, dass diese Menschen sich umgebracht haben. Sie hatten alle einen Lebenslauf, der Hoffnung, Zuversicht und Glück vermittelte.

Ich komme zu dem Eindruck, dass die Gesellschaft über kurz oder lang die Mehrheit der Menschheit bricht. Manchmal ist der Bruch so tief, dass kein Gedanke mehr ausreicht, um das damit verbundene Leiden zu erfassen. Ich habe immer die Befürchtung, dass mir das passiert. Aber wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe, halte ich es für wahrscheinlich, dass das Nachleben noch schlimmer ist. Es gibt keinen Ausweg. Das muss man aushalten. Es ist die eigene Verwicklung, die mit der Geburt initiert wird. Manche haben Glück und können stabil aufwachsen. Aber das ist ein seltenes Glück. Und auch Kinder von reichen Eltern sind mit Belastungen und Erwartungen konfrontiert, die schlicht unbegründet sind. Gleichzeitig rettet einen es einen sehr oft, dass die Gleichgültigkeit auftritt. Es ist dann nicht so heroisch, dass man tapfer dem Elend der Welt entgegentritt, sondern, zynische, verachtende und dumme Gleichgültigkeit. Das Ignorieren sämtlicher Brutalitäten soweit es nur irgendwie geht. Das ist aus meiner Sicht der Anfang von Verdrängungsprozessen, die wiederum das Grauen der Gesellschaft verewigen.

Wenn man nur überleben kann indem man nur noch egoistisch auf sich schaut, dann ist man vollständig von den gesellschaftlichen Verhältnissen aufgesaugt. Die Transformation zum menschlichen Monster ist dann abgeschlossen. Ich habe Angst, dass die Gleichgültigkeit in mir zu diesem Abschluß heranwächst. Aber mir fällt kein Mittel dagegen ein. Außer eben, sich von klassischen Berufen fernzuhalten, weil sie diesen unmenschlichen Prozeß beschleunigen. Es ist in all den Jahren nie ein Wunder aufgetreten, dass alles zum Positiven geändert hat. Ich habe im Spiel, was man Leben nennt, verloren. Immer wieder. Jeden Tag. Jahrelang. Man kann sagen, dass das alles Selbstmitleid ist. Ein bisschen ist da sicher dran. Ich habe schon als Baby stundenlang geschrien. Keiner wusste warum. Ich habe noch nicht den Gipfel des Grauens erreicht. Es fehlen noch ernste körperliche und seelische Erkrankungen, Überschuldungen, Pfändungen, der Verlust letzter zwischenmenschlicher Kontakte und die Obdachlosigkeit.

Aber soweit weg ist das nun alles nicht mehr, weil sich keine berufliche Perspektive denken lässt. Es ist einfach unmöglich geworden. Das kann ich auch niemanden verständlich machen. Es ist so als wäre ich von der Welt ausgesperrt worden und gleichzeitig erscheint es so, als hätte ich das selbst ausgelöst. Ich habe mich von der Welt ausgesperrt, weil ich es wollte und weil die Welt es konnte. Jeden Tag verenden Menschen in diesen Extremsituationen. Es ist dramatisch und gefährlich. Aber es gibt keine sicheren Rezepte dafür. Es ist eben auch eine Ausnahmesituation, nur, dass sie bei mir schon mehr als mein halbes Leben anhält. Meine Texte zeugen davon.

Es lässt sich gegen den Negativtrend nur bedingt gegensteuern. Die gesamte Prägung meiner Persönlichkeit geht von einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft aus, die den Menschen zu einem funktionellen Anhängsel degradiert. Ich bin im unklaren darüber, warum ausgerechnet ich das persönlich nehmen musste und dagegen vorgehen wollte. Es muss an einem sinnlosen Gerechtigkeitsanspruch liegen, den niemand relativieren wollte. Es war von vornherein ein Irrtum, dass ich etwas ändern könnte. Ich konnte nicht einmal dafür sorgen, dass ich eine Perspektive in dieser Gesellschaft habe. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Selbst wenn ich mich komplett ergebe und dem alten Beruf nachgehen würde, wüsste ich, dass ich es keinen Tag aushalte. Ich wäre auch kein nützlicher Mitarbeiter mehr, denn ich bin von Zweifeln zerfressen. Ich bin wütend. Ich weiss, wie falsch das Prinzip der Lohnarbeit ist. Aber es verschlägt mir die Sprache darüber zu reden. Es ist zu gewaltig. Nichts von dem ergibt einen Sinn, weil ich nicht verstehe, wie die Menschheit dorthinein geraten konnte. Wie soll sie jemals dort wieder herausgelangen? Und alle anderen scheinen davon keine Notiz zu nehmen oder sind einfach nur glückliche Verdränger. Es ist mir ein Rätsel.

Bin ich oder sind die anderen verrückt geworden? Ich habe die Nase voll mir diese Frage zu stellen. Aber der Alltag stellt diese Frage immer wieder von neuem und wirft sie mir vor die Füße. Ich kann die Blamage nicht mehr verbergen. Es wird zu harten Brüchen kommen und dann gibt es nur noch die Weite des Abstiegs. Es gibt keine Rettung. Niemand schenkt einem was. Das wird es dann gewesen sein. Ich möchte nichts mehr sagen und nichts mehr hören. Ich möchte nicht verwickelt sein in dieses Verhängnis. Es ist mir nie gelungen daraus zu kommen oder mich zu arrangieren. Das Leiden war immer da und oft unerträglich. Es gibt keine Möglichkeit das weiter zu konkretisieren. Es würde nur in endlosen Erklärungen ablaufen. Es müssten tausende Bücher verfasst werden und doch wäre es nicht genug. Meine Sprache genügt nicht mehr, um es auf den Punkt zu bringen.

Ich dachte, ich würde mich zum positiven entwickeln. Aber es gibt mit wachsenden Lebensalter keine gleichzeitige wachsende Glückseligkeit. Und Weisheit genausowenig. Es gibt Unmengen an Ablenkungen, Zerstreuungen und Trash. Aber nichts essentielles, substanzielles, worauf man bauen könnte. Nichts bietet Sicherheit. Ich bin der Welt hoffnungslos und wehrlos ausgeliefert. Ich fürchte mich vor den neuen Schlägen, Schikanen und Erniedrigungen. Ich werde nicht mehr die Kraft haben, sie auszuhalten. Ich würde mich gerne davon abwenden und davonlaufen. Aber es gibt keinen Ort, wo ich sicher wäre. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre es anderswo sogar noch teurer, schmerzhafter, schwieriger und gefährlicher. Ich kann mir kaum vorstellen wie hoch das Leid bei Menschen sein muss, denen es noch schlechter als mir ergeht. Ich weiss nicht, ob sie der Tragweite der Ursachen ihres Leidens nachspüren können. Ab einem bestimmten Punkt schliesst sich der Verstand wahrscheinlich ab. Dann treibt man nur noch wie ein Stück Holz im Ozean ab.

Es gibt Millionen Deutsche um einen herum, aber es fallen einem kaum 100 Deutsche ein mit denen man gerne zusammenarbeiten möchte. Sicher, vielleicht kennt man sie nicht alle. Aber wer tut sich denn mit bemerkenswerten hervor? Wo ist eine besondere Individualität am Werk, die sich durch ein emphatisches Interesse an den Menschen und der Gesellschaft auszeichnet? Intellektuelle oder Kreative sind so selten in der deutschen Öffentlichkeit. Und wenn, dann sind es biedere Schwätzer, eitle Fatzken, gierige Proleten mit einem dünnen Kleitchen von angelesenen Halbwissen. Oder es sind ausgemachte Faschisten, Rassisten, Sexisten, Antisemiten, kurz eine Bagage an autoritären Charakteren. Warum? Warum ist das alles so unglaublich langweilig und schrecklich? Ich mache mir riesige Sorgen darüber. Diese Verkümmerung der Debatten und Diskussionen. Dieses endlose schreiende Schweigen überdröhnt alles. Es blutet mir aus den Augen und Ohren raus. Unerträglich. Und dann soll man sich dem ergeben, weil es sowieso immer schon entschieden ist. Muss man denn ein Genie, ein Wunderkind, ein Wahnsinniger sein, um der Welt ein Quentchen Lebensfreude abringen zu können?

Ich denke, dass ich eine Überdosis Gesellschaft abbekommen habe. Es gab keine Pausen von der Gesellschaft. Sie schlug rücksichtslos auf mich ein. Sie übertrug mir mit der Sprache falsche Ideen und wollte mich damit zu einem gefügigen Ding machen. Sie manipulierte, bezirzte, belohnte und bestrafte mich und überlies mir gleichzeitig die Illusion eines freien Willen. Das ganze Leben in Käfighaltung, sollte die Ecke in diesem Käfig von mir frei gewählt sein. Diese Entdeckung ist auch schon über 10 Jahre alt. Sie hat zu nichts geführt, weil es keine Fluchtmöglichkeiten gibt. Die Gedanken laufen im Kreis. Als ob sie immer schon dazu bestimmt waren.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Es wird ganz fürchterlich

Täglich wache ich im selben Alptraum auf. Was soll ich mit dem Leben noch anfangen? Alle bisherigen Versuche, sich eine neue Realität vorzustellen, sind kategorisch gescheitert. Egal, ob ich bescheiden oder größenwahnsinnig überlege: Es kann nicht funktionieren. Der Alltag ist nicht zu verarbeiten. Es reissen ständig neue Probleme, Gefahren und Ängste auf. Ich bemühe mich sehr, tapfer zu sein. Aber es gibt keinen Grund weiterzumachen. Andererseits scheint nur ein winziges Detail zu fehlen, was alles glücklich wenden könnte. Aber, wie soll das aussehen? Ist es tatsächlich so, dass ich mir selbst keine Chance geben will? Andererseits wache ich tatsächlich jeden Morgen auf und kann eine enorme Leere und Frustration spüren. Ist völlig klar, dass jeder neue Tag eben nicht neu ist. Es wird nicht nur alte Katastrophen geben, die sich wiederholen, sondern auch neue. Und nie, weiss man, wie man sie lösen soll. Es bleibt einfach liegen.

Die ganze Zeit improvisiere ich. Ich flüchte mich von einer Insel zur nächsten. Aber jede geht früher oder später unter. Wie soll ich mich da entwickeln? Das ganze Leben ist eine Flucht nach vorn. Gezwungen dies und jenes zu tun. Andererseits gibt es auch kein Ende, wenn man still steht. Wenn man sich einsperrt und auf das Ende wartet. Es kommt nämlich einfach nicht. Es gibt keine Gnade. Die Fahrt geht weiter. Ich weiss nicht wer die Kontrolle über meine Realität hat. Wahrscheinlich niemand. Irgendetwas hätte sich vor vielen Jahren günstig wenden müssen und es ist nicht passiert. Es ist klar, dass es tragisch enden wird. Glück wird nicht eintreten. Das hat die Erfahrung gezeigt. Ich habe tausende Seiten geschrieben und keine Idee entwickeln können, wie ich mich im Leben erfreulich wiederfinden könnte.

Die Erschöpfung vor dem wirtschaftlichen und politischen System, vor sich selbst, vor dem, was vor und hinter einem liegt, prägt mich. Ich finde mit diesem Zustand keinen Ort an dem ich sein darf. Ich bin immer ein Störfaktor geblieben. Ein teures Ärgernis, was scheinbar aus reiner Boshaftigkeit nicht produktiv sein kann. Aber wofür soll man auch produktiv sein? Für das eigene Überleben, ja, sicher. Aber wenn man überlebt, ist es auch nicht besser. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Je mehr man vergisst oder verdrängt, desto mehr verliert man sich selbst. Verlust ist allerdings auch notwendig. Es ist üblich. Es ist klar, dass das eigene Leben irgendwann komplett verloren geht. Daher die Frage:

Wofür lebt man? Für Momentaufnahmen? Die Momente ziehen allerdings sehr schnell vorbei. Sie können nicht ausgekostet werden. Man kann einen Kuss nicht festhalten. Oft wollte ich an einen bestimmten Moment zurück und ihn unendlich erweitern oder verändern. Jeder Moment ist so flüchtig. Die Konzentration ist mir abhanden gekommen. Ich kann die Momente nicht mehr auskosten. Viele Momente sind auch egal geworden, weil sie nichts besonderes darstellen. Der Alltag ist voll mit Elend, Gleichgültigkeit und Berechnungen anderer. Ich würde gerne flüchten. Aber wohin? Es gibt keinen Ort, der vollkommen ist. Und es gibt ohnehin keine Mittel sich auf die Suche danach zu machen. Am Ende schleppt man die Frustration sowieso überall mit hin.

Ich habe den Eindruck, dass es täglich schlimmer wird. Je älter man wird desto weniger kann man sich verteidigen. Man ist den Schrecken der Realität noch intensiver ausgeliefert. Wobei man immer ausgeliefert war, nur kann man als Jugendlicher leichter ignorant sein und darüber hinwegsehen als würde es einen gar nicht penetrieren. Durchsetzt von der grausamen Gesellschaftlichkeit bildet man im jungen Alter sich trotzdem ein, eine Differenz von dem darstellen zu können, was seinen ausmacht. Das ist eine Wahnvorstellung. Geboren als Soldat des Staates und des Kapitals wird man auch so leben und sterben. Da gibt es keine Spielräume. Die Vergesellschaftung hat sich total vollzogen. Kein Atom ist mehr frei. Es gibt nur noch in Zufällen oder Träumen etwas ähnliches wie Freiheit. Andererseits, wie soll Freiheit definiert sein, wenn man nie Freiheit erlebt hat?

Oft lebt man ohne Grund weiter. Tage werden ohne Berechtigung begonnen und vollendet. Es passiert einfach wie eine Katastrophe. Man kann sich irgendwas zusammenreimen. Aber letztlich ist es nicht logisch, vernünftig und rational zu rechtfertigen, was passiert, was man tut oder sich einbildet. Die ganze Lebensrealität fusst auf Irrtümern, Fälschungen und Wahnvorstellungen. Es gibt keine Korrektur. Niemand strebt diese Korrektur an, denn es wäre so als würde man den Planeten im Universum verschieben wollen. Deshalb erliegt jeder früher ganz offen und offiziell der Dummheit des Alltagslebens. Verfliegen die rebellischen Lebensgeister mit der Jugend, bleibt nur noch der Gehorsam und die Gefolgsamkeit bezüglich der stummen Kommandos aus dem Maschinenraum. Es ist zu tun, was immer schon getan wurde. Hintergründe und Sinngehalte interessieren uns nicht. Der Prozeß ist alles.

Ich schaue auf die Uhr. Der Zug, der mich endlich aus dieser Realität fahren soll, kommt einfach nicht. Ich bin immerzu traurig. Ich kann nichts neues anfangen. Ich habe immer die gleichen Gedanken. Seit Jahren bin ich gleichbleibend unfähig zu leben. Es erstaunt mich immer wieder, wie ich mich nicht weiterentwickle. Ich stagniere so stark, dass ich mich schon zurückentwickle. Ich schrumpfe. Die geringen Fähigkeiten gehen verloren. Das Stottern über die Realität wird zu Schweigen und auch das ist nicht genug. Die Sprache geht völlig verloren. Und die Fantasie ebenso. Alles wird weggesaugt. Ich werde bei lebendigen Leib abgetrieben. Ich werde von einem gigantischen Fluß hinab gezogen. Ich drehe mich um die eigene Achse. Die Realität stürzt sich in meine Lunge. Ich kann nicht sehen. Ich kann nicht denken. Und dabei soll ich noch einen Job finden und ausüben, weil das irgendwer am Ufer verlangt. Es soll wie immer meine Schuld sein, dass ich die Niagarafälle nicht einfrieren kann.

Und wenn dann mal besondere Momente da sind und man weiss, nun sollte man sie auskosten, dann kann man es nicht, weil man es nicht mehr gewohnt ist, etwas besonderes zu erfahren. Es ist durch die Alltäglichkeit, die Gewohnheit der Unfähigkeit aufgetreten. Plötzlich ist man zum Undenkbaren geworden. Eingerostet, behäbig, stumpf, flach und geistlos stehe ich dann vor der ungeahnten Schönheit und kann nichts mit ihr anfangen. Da merke ich, dass es zu spät ist. Ich kann mich nicht mehr öffnen. Alles ist verriegelt und endgültig verschweißt. Es ist unignorierbar. Es fällt nur nicht auf, weil kaum jemand aufmerksam ist, weil jeder Moment schnelllebig ist. Aber es ist die Wahrheit. Ich bin gestorben und laufe noch unter den Lebendigen herum. Ein Geist, der für einen Menschen gehalten wird. Gefangen zwischen Realitäten, die er nie bestimmen konnte. Tragisch, wenn das eigene Leben wie ein Disneyfilm klingt. Leben, was soll Leben überhaupt sein? Zeit totschlagen. Warten auf das Ende. Ignoranz gegenüber dem katastrophalen Alltag. Aushalten bis man platzt. Luft anhalten bis man erstickt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Running in circles

Das Leben in einer Sackgasse mag sicher auch in meiner persönlichen Verantwortung liegen. Ich war stets unfähig. Es gab kein herausragendes Talent. Keine Disziplin. Kein enormes Interesse in Irgendetwas. Die Gewöhnlichkeit erstickte mich und war zugleich die größte Konstante. Das ist nicht dramatisch. Durchschnittlich zu sein bedeutet vornehmlich auch gesund zu sein. Man kann unerkannt in der Masse mitschwimmen und den geringsten Widerstand suchen.

Vielleicht ist die Frustration darüber kein erfülltes Leben zu führen, vornehmlich in der eigenen Unfähigkeit zu finden, dass man es nicht vermochte, dem Leben etwas abzugewinnen. Diese Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem war immer da. Und die legte sich nur kurzfristig beiseite, wenn die Gesellschaft mit irgendetwas drohte. Wahrscheinlich hätte irgendwann an einem bestimmten Wegpunkt im Leben nur ein einziges Detail geändert gehört und alles wäre ideal verlaufen.

Allergisch zu sein gegen sich selbst und das Leben insgesamt hat nur Nachteile. Man kann nicht zurück und nicht vorwärts. Steckengeblieben in irgendeiner ungewollten Situation wird der Alltag bewältigt. Oder eher: Man lässt sich vom Alltag überwältigen. Die Realität gibt einem keine Wahl. In der Medizin wurden Jahrhunderte Menschen falsch behandelt. Sie nahmen das hin, starben oder litten Jahrzehnte. In der Gesellschaft insgesamt ist es auch so. Nur halten sich die Innovationen im Gegensatz zur Medizin in Grenzen.

Menschen leiden sehr häufig völlig sinnlos. Wenn Menschen aus Schlampigkeit oder genereller Unfähigkeit nicht zuhören oder bestimmte Informationen einfach nicht weitergeben, dann kann dadurch Leid entstehen. Die falsche Medikation. Die falsche Ideologie. Schon stirbt oder leidet ein Mensch. Fast zufällig entscheidet sich also, ob jemand ruiniert wird oder ob er erfolgreich ist. Das gilt nicht nur im sozialen Milleu, sondern auch körperlich. Fehlt ein bestimmtes Vitamin oder wird es schlecht verarbeitet, verändert sich der ganze Hormonhaushalt, Stoffwechsel, die Sauerstoffzufuhr und schliesslich die Art und Weise, wie ein Mensch denkt und empfindet. Depressive Menschen haben durch inaktivere Neurotransmitter auch eine reduzierte gedankliche Leistungskraft. Ihre fehlenden Gedanken führen zu fehlender Vorstellungskraft und damit auch die Fantasie, um ihrer Depression zu entkommen. Wird zuviel vom legalen Koffein konsumiert, werden die Organe erschöpft und Müdigkeit tritt auf. Und die Müdigkeit und Organerschöpfung können bei fortgesetzten Koffeinkonsum zu einem völligen Zusammenbruch des Organismus führen.

Ich frage mich, wieviele Gewalttaten durch solche winzigen Details begünstigt wurden. Das falsche Essen, ein schlechter Zuhörer, ein mieser Ratgeber, eine geliebte Illusion, eine falsches Argument und schon geht das Leben den Bach runter. Es geht so schnell. Und es gibt keinen Schutz davor. Das Leben wächst einem über den Kopf. Sobald die Jugend nachlässt erscheint das Leben wie eine konstante Bedrohung. In meinem Fall war das Leben immer eine Bedrohung. Aber heute kann ich mir absolut keine Illusionen mehr darüber machen, wie früher. Es kann jede Sekunde vorbei sein. Gleichzeitig hat man kaum eine Möglichkeit diese geringe personfizierte Lebendigkeit, die man darstellt, in irgendeiner Form zu bewahren. Es gibt klägliche Versuche von der gesunden Ernährung bishin zum Ausschlafen. Aber gestorben wird immer.

Die eigne Vergänglichkeit betont unüberhörbar, dass jede Entscheidung, die man trifft, womöglich die letzte sein könnte. Es kann im wachsenden Lebensalter immer weniger korrigiert, relativiert oder neu begonnen werden. Alles türmt sich auf, wie ungewaschenes Geschirr. Es bleibt keine Zeit den Gedanken nachzuhängen und neue Tätigkeiten genau abzuwägen. Die Gesellschaft bedroht einen ständig. Sei fordert Aktion im Sinne des Kapitals. Früher deuteten die alten Griechen das Gewitter als den Zorn der Götter. Heute fürchtet man sich vor dem Zorn des Kapitals, ohne näher bestimmen zu können, wie diese Irrationalität überhaupt in das Leben gekommen ist. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit wird immer deutlicher. Und man kann so wenig dagegen tun. Man ist dem Leben ausgeliefert.

Ich weiss nicht wie ich weitermachen soll. Es ist ein Satz und eine Haltung, die schon mein ganzes Leben erfüllt. Es gibt diese enorme Ratlosigkeit gegenüber dem, was sich vor mir und in mir abspielt. Was soll das alles? Ich bin so irritiert vom Leben. Ich kann dem keinen Sinn abringen. Würden nicht soviele Menschen leiden, könnte man darüber lachen. Es wird keine Änderung geben. Es wird nur der bohrende Zweifel bleiben. Das Leiden zeugt die Brüchigkeit und Unvollkommenheit des Lebens. Ich könnte es aushalten, dass ich unvollkommen bin, dass ich nichts mit mir anzufangen weiss. Aber, dass der Rest der Welt genauso unvollkommen ist zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Sie wissen alle nicht, was sie tun. Sie tun einfach nur so als ob. Völlig gleichgültig, ob dies das Chaos und Leid noch vergrößert. Was in der Medizin grundsätzlich undenkbar ist, ist im Sozialen völlig normal und sogar gefeiert.

Über allem trohnt immer die Arbeit und das Geld. Das muss stimmen, dem muss man nachlaufen und wenn dabei alle Menschen und Tiere verbrennen. So ist das halt. So war es schon immer. Seit meiner Kindheit wird der Regenwald gerodet. Hat dagegen wirklich jemals effektiv etwas unternommen? Nobody cares, life goes on. Die Gleichgültigkeit in mir kam von der sozialen Umwelt um mich herum. Sie sagt immer das Gleiche: Egal ob Flüchtlinge ertrinken, Amokläufe passieren oder Menschen verhungern. Nobody cares, life goes on. Augen zu und durch, das wird schon irgendwie. Aber nein, es wird nichts. Es wird schlimmer. Anschläge folgen auf Anschläge. Armutsberichte folgen auf Armutsberichte. Die Angst vor der nächsten Rechnung folgt auf die Angst vor der Existenz, worauf die Angst vor dem eigenen Scheitern folgt. Es gibt keine Hilfe und keine Rettung und keine Hoffnung. Niemand drückt das aus. Niemand leistet diese Hilfe, Rettung und Hoffnung. Aber noch viel mehr wäre nötig als das, denn es fehlt auch an Verstand. Das ist das grauenhafteste Moment daran. Die ganze Intelligenz der Gesellschaft opfert sich irrationalen Motiven. Wie konnte das nur soweit kommen?

Ich zähle die Jahre, die ich in dieser Wüste überlebt habe. Und ich habe viel vergessen von dem Leid, was ich mir und was mir andere zugefügt haben. Anders war und ist es wohl nicht auszuhalten. Aber das Vergessen macht dumm, es lindert die Wut und reizt den Verstand nicht dazu an, etwas dagegen zu unternehmen. Den geringsten Widerstand zu gehen, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Und warum sollte man daher nicht das höchste Risiko eingehen, wenn man sowieso jederzeit sterben kann? Der reine Zufall hat einen auf die Sonnenseite des Weltballs geworfen. Die erste Welt ist Europa. Hier herrscht ein Wohlstand wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Und doch ist es nicht genug. Und doch halten sich die Menschen kaum selbst aus. Ich bin darüber zutiefst irritiert. Ich bin völlig erschüttert. Ich kann nicht klar darüber nachdenken. Mir scheint, dass all die Jahre in der Gesellschaft irgendeine Art von Trauma ausgelöst haben. Die Gesellschaft prügelt jeden Tag auf einen ein, ob man will oder nicht. Das hat nicht nur Kopfschmerzen zur Folge. Man gewöhnt sich dran. Andererseits auch nicht, es prägt einen, es verzehrt einen, es beschmutzt einen. Ich fühle mich wie ein Boxer in der letzten Runde. Mehrfach zu Boden gegangen, kurz vor dem K.O. Aber es war schon immer so. Der letzte Schlag kam noch nie.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Emotionales

Schneewechte

Unabänderlich. Unvermeidbar. Unendlich. Unentrinnbar. Unvernünftig. Unermüdlich. Untot. Ungemütlich. Unachtsam. Undeutlich. Ungeheuer. Unheilvoll. Unglücklich. Ursache Unbekannt.

Obdachlos mit Obdach und Oberflächlichkeit. Reaktionäre Düsternis im grauen, rauen Feld der unzerstörbaren Realität, am Durst gestorbenen Zeitalter. Es rückt die Uhr weit weg. Herabgesunken im Schatten der unerhörten Ahnungen. Undenkbare Unvernunft im ewigen Kreisel.

Ich bin in mir selbst gefangen. Düstere Wolken drücken ins Gehirn. Ich bin der Beifahrer meines dunklen Begleiters, der nie spricht, aber immer erstickt. Das Gewitter verzerrt die Wahrnehmung. Der Sturm verbrennt die Hirnwindung. Die Kälte führt zu Zittern, Angst und Starrsinn. Die Nässe rutscht in die Kleider. Beschwert sie. Und so liege ich am Boden und die Welt liegt auf mir. Ich habe alles verloren. Ich kippe am Abgrund auf einem Stuhl hin und her. Der Arzt sagt, dein Chi ist zu schwach, iss weniger Milchprodukte und geh mindestens 20 Minuten am Tag heraus. Ich finde keine Worte für die Dimension meines Scheiterns. Ich habe schon alles gesagt und getan. Alle Varianten durchgezockt. Die Karten sind ausgespielt.

Ich hätte schon sterben sollen. Aber aus Versehen lebte ich weiter. Darüber macht man keine Scherze. Aber alles ist eingefroren. Wirklich ausgeschaltet. Es ist das Warten geblieben auf eine klare Distanz. Oder einen Schlag, der das Ende besiegelt. Aber es ist offen. Das Leben ist offen wie eine Wunde. Ich blute aus mir heraus. Ich kann mir nichts vormachen. Im Spiegel sehe ich, wie die Verletzungen nicht mehr heilen. Doch keiner kann sie sehen. Sie sind so unsichtbar wie Geister. Wenn der Halt verloren geht und der Fall alles vom Rest des Lebens ist, dann gibt es nur noch Warten. Es gibt nicht einmal mehr die Überraschung, dass keine Reue existiert. Ich hätte erzählen sollen, was in mir vorgeht, als ich wütend war. Aber dann wäre die Blindheit der Wut offenkundig geworden. Ihre Ohnmacht hätte die Lächerlichkeit der eigenen Regungen unterstrichen. Emotionen und Gedanken, die keinem Geschäftszweck dienen, sind immer lächerlich. Ich bin dadurch verloren. Es ist kein Halt möglich und doch soll er gefunden werden, egal wie brutal die Gewitterwolken die Sicht und Bedingungen verunmöglichen. Obwohl mir bekannt ist, dass nicht für alle die Sonne scheint, so hilft es mir nicht weiter. Hineingeworfen in das blinde Zeitalter, muss einfach mitgemacht werden oder es geht nicht weiter. Das mangelnde Talent, die soziale Instabilität und die psychosomatischen Beschwerden häuften sich derart, dass der Protagonist sich im Labyrinth seines eigenen Lebens verirrte und nie wieder herausfand. Er hat auf seiner Suche nach dem außerhalb seiner Existenz andere Suchende getroffen. Mal waren sie schlimmer dran als er. Mal waren sie besser dran. Sie begleiteten ihn hier und dort. Bis sie nicht mehr konnten oder wollten. Doch niemand wusste den Weg. Manche gaben vor ihn u kennen. Andere waren fatalistisch unterwegs und gaben sich schnell den goldenen Schuss. Die Schäden, die sich die Suchenden sich selbst und anderen zufügten, erschwerten es dem Protagonisten klar zu denken. Er setzte sich absichtlich in eine Ecke und beobachtete nur noch die Szenerie, die an ihm vorbei zog. Die Zeit verging und er hatte schon ewig nicht mehr nach dem Ausweg aus dem Labyrinth heraus gesucht. Er hatte vergessen, dass es ein außerhalb gab. Die Abfindung hatte ganze Arbeit geleistet. Das stählerne Gehäuse der Hörigkeit war sein Leben geworden, so wie bei nahezu allen Generationen zuvor. Es war falsch zu beten, zu glauben, zu arbeiten, zu revoltieren, zu denken oder auch nur zu hoffen. Oder zumindest erwies sich eines nach dem anderen als wirkungslos. Atomisiert und doch gemeinsam waren sämtliche Zeitgenossen einer Realität ausgeliefert, die sie in irgendeiner Form erzeugt hatten, aber die sie nie verstanden. Alles was sich am sinnlosen Suchen änderte, war das Lebensalter. Aus Zufall, Langeweile oder einem Anfall von willkürlicher Zuneigung entstanden weitere Generationen. Alles fällt dem Vergessen anheim. Und es wiederholt sich. Aus unerfindlichen Gründen schlug das Labyrinth auf seine Insassen ein. Fallen schnellten aus dem Nichts hervor und trennten sie von ihren Gliedmaßen. Der Tod trat so unbarmherzig wie schnell ein. Niemand konnte irgendwas tun. Alle konnten nur festhalten, dass jeder der nächste sein könnte. Die Schwächsten werden als erstes geopfert, zumindest probiert man es immer wieder, um die eigene Haut zu retten. Aber es gibt keine Erfolgsstrategie. Alle werden früher oder später zerhackt und vernichtet. Die Realität erstickt sie alle. Geboren um zu ersticken, in einem Raumzeitkontinuum, das sie nie wollten. Die Sinnlosigkeit breitet sich irgendwann derart allgemein aus, dass es sinnlos wird sich eine Identität anzuschaffen oder zu fragen woher man kommt. Es war nie von Bedeutung. Die Unendlichkeit des Universums lacht über den Flecken Dreck auf dem man geboren wurde. Ich hätte jederzeit sterben können. Es hat bislang andere erwischt. Ich verstehe nicht wieso. Andererseits bin ich noch früh genug dran. Es gibt nichts über mich zu erzählen. Es gibt darüber keine Notiz oder Emotion festzuhalten. Erschrocken, erstaunt notiere ich, dass sich Institutionen der Ahnungslosigkeit gebildet haben, die einen herumschubsen, weil sie dadurch ihre eigene Sinnlosigkeit verdrängen können. Ich kann nichts trinken oder essen oder träumen oder lieben, was mich über alles hinweg tröstet. Jeder Tag ist graue Ernüchterung. Unumstößliche Untröstlichkeit. Versenkt in den Untiefen ungeheuerlicher Ungeziefer. Blind, taub, blutig geschlagen, verkrüppelt und verfettet, verblutet und verdorben, vergoren bis verbrannt ins Elend gebannt. Es stinkt mir. Der Ekel greift aus den Gedärmen in den Hals, spuckt pechschwarz das Leben voll. Der flüssige Beton ist die Atemluft. Leise sticheln die Millionen Nadeln Millionen Wunden in alle Körperregionen von innen heraus. Es brennt. Es schneidet. Es ertränkt. Sirenen zischen in der Nacht vorbei an Obdachlosen. Die Frittenbuden brutzeln das Fett. Die Flugratten taumeln in der städtischen Hitze. Ich bin die personifizierte Panik und ich brenne an allen Fingern. Ich bin verschluckt von meiner Angst und sie diktiert, was ich gar nicht kann. Ich zittere, obwohl ich in der Sonne verbrenne. Es war immer so. Und ich drehe mich immer schneller um meine eigene Achse. Das frei drehen ist die einzige reale Freiheit für mich. Der freie Fall ist verboten. Er endet mit dem Tod. Und der Tod droht noch schlimmer zu sein als das, was Leben heißt. Traurig und allein, verstummt der Kleine, der längst alt ist, neben denen, die noch leiden werden. Älter werden und die Gnade empfangen, dass das Leid nicht ewig so weiter gehen muss. Oder ist das ein Trugschluss? Wechselhaft treiben meine Emotionen und Gedanken sich durch die Fluten der Tyrannei. Ich schaue mich um, aber ich kann nicht sehen. Man kann es nicht lernen. Das Leid wird sich nie relativieren. Es wird sich zuspitzen. Der Junge mag überleben, aber im Alter wird er doch noch erwischt. Es ist gnadenlos. Die Tage schichten sich aufeinander wie einzelne Stühle. Ein Stuhl auf dem anderen. Ein Tag auf den anderen. Und es baut sich schief, aber es bricht nicht gleich zusammen. Oben kippelt das Bewusstsein und hält Balance. Fällt es, ist alles zu spät. Es kracht und bricht sich alle Knochen. Die blutigen Gedärme spritzen heraus und das war es. Ringsherum türmen andere Leben Stühle aufeinander und es wird balanciert. Es kommt zu Bombenanschlägen und Amokläufen. Es wird gezündelt und gespuckt. Niemand weiss, ob der Himmel eine Bürodecke ist. Die Tage stapeln sich immer höher aufeinander und drücken die Lebendigkeit empor. Hoch ins Nichts. Dort wo noch niemand gewesen ist. Ein paar lebendige Zellen rufen sich zu, wie es sein könnte und was getan werden sollte. Aber es wird schon nicht mehr so ganz klar und verstanden. Die Wolken ziehen auf. Bei manchen gibt es Gewitter. Bei anderen Sonnenschein. Es ist nie gerecht. Manchmal krachen die Stuhltürme ineinander und die Leute ziehen sich gegenseitig aus dem Leben. Nun steht das alles wohl auch noch im Labyrinth. Was das wohl bringt? Es juckt den in den Gehörgängen. Es gibt keine Möglichkeit sich zu kratzen und das bis an den Rest ihrer Tage. Schwarze Blätter. Schwarze Notizen. Schwarze Worte. Der Feinstaub brennt radioaktiv. Ich wüsste nicht, was darüber noch zu schreiben wäre. Worte helfen nicht. Es braucht einen goldenen Schlüssel. Einen ultimativen Betrug an der Realität. Einen unerwarteten Riss in der Gesellschaft, den man nur erweitern muss, damit alles anders sein kann. Ein winziges Detail an irgendeiner Ecke des Labyrinth muss die Antwort liegen. 42.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Zerstreuung & Zerstörung

Ich bin heute morgen aufgewacht und habe mich gefragt: Warum? Ich bin aus einem Traum aufgewacht. Ich habe geträumt, dass ich ein schmales Buch über die Flucht in eine andere Welt lese. Ich konnte die Sätze aber nicht entschlüsseln. Ich war in einer Bibliothek und sie wurde langsam und immer schneller von unbekannten Leuten, die ehemals Leser wie ich waren, aufgelöst und abgetragen. Sie tragen unzählige Bücher auf ihren Armen hinaus und mahnen mich, dass es jetzt keine Zeit mehr gibt, dieses Buch zu lesen. Ich versuche trotzdem die Sätze zu entschlüsseln, aber ich gerate in Panik und Aufregung, ich kann nur ahnen, worum es gehöen könnte. Irgendeine Stimmung von: „Es ist umsonst. Es war umsonst.“ Wie eine lang gezogene tiefe bassige Note. Am Ende ist der Raum so gut wie leer, nur noch ich stehe darin mit diesem schmalen Buch. Es ist leer. Ich werde wach.

Das Geklapper meines Nachbarn hat mich unbewusst geweckt. Er hat die tolle Idee gehabt, um 7 Uhr morgens sein Mittag- und Abendessen vorzukochen. Es dauert 1 Stunde bis er mit dem Geklapper aufhört. Ich frage mich wieder, was ich mich jede Stunde in meinem Leben frage: Wie soll ich weiterleben? Ich habe es irgendwie im Laufe meines Lebens geschafft, mich der Dringlichkeit dieser Frage zu entziehen. Aber sie stellt sich permanent. Und wenn meine Verdrängung nicht mehr funktioniert, ist die Frage so laut, dass ich nichts mehr anderes wahrnehme. In solchen Momenten weiss ich, dass ich nicht mehr weiterleben kann. Und doch vergehen diese Momente wieder. Ich fühle mich schuldig, dass ich das Leben nicht geniessen kann. Wie dumm muss man sein, wenn man nicht leben kann? Es ist doch das einfachste auf der Welt. Und erklären kann man es auch niemanden.

Die unendliche Geschichte, die von anderen Intellektuellen erzählt wird, von denen ich dachte, ich könnte mir von ihnen Hoffnung auf eine bessere Welt leihen, wird einfach nur aus als eine Art Hobby erzählt und nicht, um tatsächlich das Leben lebenswert zu machen. Ich bin enttäuscht, dass die Cleveren, die ich getroffen habe, im Grunde genommen nur mehr alle Bücher lesen wollen, aber sonst nichts mehr von der Welt erwarten. Ich kann nicht soviele Bücher lesen. Ich habe zuviel Angst vor dem nächsten Tag, weil ich nicht weiss, wie ich ihn bezahlen soll. Ich hoffe jeden Tag, dass das Schicksal endlich Gnade vor Recht walten lässt. Aber ich bekomme jeden Tag neue Befehle, denen ich folgen muss, deren Sinn ich aber nie verstehe. Aus irgendeinem Grund bin ich der einzige, der begriffsstutzig ist. Oder ich bin der einzige, der sich von dieser Begriffsstutzigkeit aufhalten und zerstören lässt anstatt daraus irgendetwas produktives zu machen. Wenn ich meinen Zweifel Ausdruck verleihen möchte, dann kommt nur unverständliches Gebrabbel heraus, wie bei einem Baby, das die Sprache noch nicht gelernt hat. Andere, die cleverer sind als ich, gelingt es die fantastischen Kritiken zu entwickeln. Ich liege dagegen auf dem Boden und versuche mich nicht von meiner Panik vor dem Kapital ersticken zu lassen.

Ich wünschte, ich wäre tot. Es ist jeden Tag so. Soweit, so normal. Aber ich fühle und denke so, weil ich mir kein Leben vorstellen kann. Ich weiss nicht, was das Leben sein soll und was es mir geben kann. Was habe ich denn zu geben? Gar nichts. Ich bin einfach nur erschreckend, öde, schwierig, leer, arm, weinerlich, unstoppbar idiotisch, beschränkt, unfähig, nutzlos, abgrundtief verkommen. Ich stehe mir im Weg. Ich stehe anderen im Weg. Ich rede Unsinn und habe nichts zu sagen. Ich bin so deplatziert und überflüssig, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Heute soll ich auf eine Feier gehen, aber ich weiss nicht wie man feiert. Ich finde keinen Grund zu Feierlichkeiten, obwohl es um den Jubel der Geburt einer Person geht, die durchaus viele vernünftige Sachen gesagt hat. Aber ich denke nur an die Toten, die jeden Tag aufgrund von gesellschaftlichen Mängeln sterben müssen. Und ich frage mich, wann ich an der Reihe bin. Ich hatte Glück, dass es mich nicht so früh, wie die anderen armen Teufel getroffen hat. Aber irgendwie auch Pech, weil ich so lange auf das Ableben warten muss. Es ist absolut uninteressant darüber nachzudenken. Es ist Selbstmitleid und Verkommenheit. Belangloses Nichts. Es gibt kein Ende. Ich muss mich mit der Warterei begnügen.

Erst bemerke ich die Geistlosigkeit der Welt, der Mitmenschen und dann bei mir selbst. Ich denke, dass alles zu spät ist. Der Moment, wo ich etwas hätte ändern können, muss vor Jahren gewesen sein. Aber vor Jahren hatte ich diesen Moment in die Zukunft verlegt. Wenn ich älter bin, dachte ich, wüsste ich, was zutun wäre. Ich müsste nur, ja, was? Die Zukunft hätte es zeigen sollen, aber sie hat mir nur den stummen Schmerz gezeigt. Wenn ich zugebe, dass ich aufgegeben habe, hat das viele Konsequenzen. Ich muss den Kontakt zu den wenigen Leuten abbrechen, mit denen ich überhaupt noch spreche und denen ich zuhöre. Ich muss sie vor mir schützen. Einerseits möchte ich nicht, dass sie von mir enttäuscht sind. Aber die Enttäuschung wäre sowieso gering und schnell vergessen. Andererseits möchte ich nicht, dass ich mit meinem Scheitern ein Thema bei ihnen werde. Ich möchte einfach verschwinden. Ansatz-, erinnerungs- und wortlos. Es ist das letzte echte Bedürfnis, was mir geblieben ist. Ich will keine Rolle mehr in irgendeiner Form spielen.

Man kann aber nicht spurlos verschwinden. Ich weiss nicht wohin ich gehen soll. Ich weiss nicht wie ich leben soll. Ich habe alles probiert, was ich denken konnte. Ich bin ratlos und rastlos. Ich kann nur noch mehr Schäden bei mir selbst anrichten. Eindeutig bin ich zu beschränkt mir etwas vernünftiges aufzubauen. Ich überlege, wenn die ersten Suizidgedanken am Morgen vergangen sind, zur Lebensberatung zu gehen. Aber dort wird man mich auch wieder nur anstarren und mit Plattheiten verjagen. Ich weiss, dass die sozialen Strukturen in dieser Gesellschaft alle unterfinanziert sind und das qualifizierte Personal extrem selten ist. Ich muss die Nadel im Heuhaufen finden und das unter enormen Zeit- und Kostendruck. Ich habe noch nie eine solche Nadel in der Vergangenheit gefunden. Wenn man einen guten Rat gebraucht hat, ist er nie gekommen.

Ich habe mir verboten, zu schreiben. Aber ich habe nie aufgehört dieselben nutzlosen Gedanken zu denken. Jetzt schreibe ich sie auf und vergleiche sie. Ich vergleiche, obwohl ich schon verglichen habe. Ich sehe, dass ich dasselbe denke und schreibe, wie ich das immer tue. Und dann merke ich wieder, dass da nichts Neues entsteht. Ich drehe mich um mich selbst bis mir schwindelig wird. Und wenn ich dann umfalle, ohnmächtig werde und später wieder aufwache, dann mit dem Wunsch, das diese ewigen Wiederholungen aufhören mögen. Es ist langweilig. Ich bin so langweilig. Mir fällt nichts ein. Ich habe keine Ideen, keine Wünsche, keine Hoffnungen mehr. Aber das klagen darüber ändert nichts. Wie bin ich nur in diese Sackgasse geraten? Womit habe ich das verdient? Ich bin wohl nur noch mit Medikamenten ruhig zu stellen. Eine erzwungene Ruhe von Außen muss mich im Leben halten, – was für eine Farce. Aber ich glaube nicht, dass es solche Wundermittel gibt.

Ich warte auf ein Wunder. Ich warte darauf, dass die Zeit vergeht. Am liebsten würde ich nur noch schlafen. Der Staat und das Kapital verbietet mir das aber. Wahrscheinlich könnte ich meinen Willen durchsetzen, wenn ich jegliche Höflichkeit verliere. Ich habe dieser Feier heute auch nur zugesagt, weil ich höflich sein wollte. Aber ich habe da nichts verloren. Ich werde wieder um Optimismus ringen, um die Leute nicht zu verschrecken. Ich bin den meisten nicht plausibel. Und ich gebe ihnen recht. Ich habe kein Plausibilität in mir. Ich bin verkorkst. Ruiniert. Verloren. Verstummt. Ich habe lange darüber nachgedacht. Aber ich finde keine Lösung. Ich kann mich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen. Und wenn man selber das nicht kann, dann kann es niemand. Niemand kennt einen besser als man selbst. Man muss schon auf Wunderheiler treffen, aber die sind in der Realität nur Scharlatane.

Ich selbst empfinde mich auch als Scharlatan. Ich habe immer so getan als würde ich leben wollen. Aber eigentlich wollte ich immer auf der Stelle tödlich zusammenbrechen. Ich habe betrogen und gelogen und zwar in dem Sinne, dass ich mir und anderen vorgemacht habe, dass ich genau so sein will, wie ich gerade bin. Ich will aber nicht. Ich will weder so noch anders sein. Ich will überhaupt nicht sein. Immer wenn man existiert, muss man etwas dafür tun. Es wird erwartet, dass für die Gesellschaft etwas getan wird. Es wird erwartet, dass für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, wie wohnen und essen, die man selbst ja wohl kaum per Geburt für sich hochheilig erzwungen hat, weil man so egoistisch ist, gearbeitet wird. Ich muss nutzlose, uninteressante Scheisse betreiben, die mich alles hassen lässt, weil ich existiere. Natürlicher Weise ensteht da der Wunsch nicht mehr zu leben, um die Unendlichkeit der Forderungen zu beenden.

Gleichzeitig arbeitet man nicht nur für die Bedürfnisse von sich selbst, die man nie wollte. Sondern auch für die Bedürfnisse der anderen, die man auch nie wollte. Und dann muss man noch am häufigsten zuviel arbeiten, weil man ständig über den Tisch gezogen wird. Aber niemanden scheint das ernsthaft zu interessieren. Stattdessen ist es allgemein anerkannt und wer dagegen die Stimme erhebt, der hat es eben nicht verstanden. Ich weiss nicht, da wäre ich schon ganz gern gestorben. Aber es passiert halt nicht. Am Ende werde ich 100 Jahre und vielleicht noch älter. Der älteste Mensch der Welt, in der Geschichte der Menschheit, der gleichzeitig so alt geworden ist, weil er jeden Tag sterben wollte, aber nie den Mut hatte, sich endlich aus dem Fenster zu werfen. Meine größte Angst ist, dass ich, wie die letzten Jahrzehnte, ständig denselben Tag erlebe. Jeden Tag die gleichen Gedanken, die gleichen Situationen, die gleichen Gespräche, die gleiche Hoffnungslosigkeit.

Und dann sieht man die anderen Menschen, die alle ihrer Routine nachgehen. Klar, einige sehen beschädigt aus. Aber andere sind regelrecht euphorisch und sprühen nur so vor Tatendrang in einer belanglosen Existenz inmitten eines unendlichen Universums, welches sich komplett gleichgültig gegenüber solchen Personen verhält. Sie bauen sich eine Karriere auf, ein Haus, eine Familie, einen Garten. Fliegen in den Urlaub. Musizieren. Lesen und schreiben. Alles wunderbar. Und ein paar Meter weiter bettelt einer, um eine handvoll Euro, die er von genau diesen Leuten nie bekommt. Es ist als ob die verkrachten Existenzen und die Erfolgreichen in völlig verschiedenen Welten leben. Aber tatsächlich leben sie in der gleichen. Die Bettler werden verjagt wie die Fliegen und die Erfolgreichen, die hier wohl der Scheisshaufen sind, tun so, als hätten sie nichts mit ihnen zutun. Ich habe das nie verstanden.

Alle sind immer so beschäftigt. Sie haben Projekte, Pläne und Arbeiten. Sie verdienen Geld. Aber wofür? Woher wissen sie, dass das irgendwas bringt? Ständig gibt es Krisen, Verschuldung und Hungertod. Also, das was Millionen Leute machen, funktioniert de fakto nicht. Das Problem der Gesellschaft wird immer nur vertagt. Wie die Klimakonferenzen. Jaja, es wird schon noch besser, keine Sorge. Und dann bleibt es doch so wie es ist oder ist eigentlich noch schlimmer. Viele Schwierigkeiten bestehen seit Jahrzehnten und es gibt keine große Menschenmenge, die das fundiert angeht. Es gibt nur Verzweiflung, Eitelkeit und Unfähigkeit. Die wenigen Talentierten, die nicht in diesem Sumpf untergehen, können trotz ihrer Fähigkeiten auch nichts daran ändern. Sie probieren ganz individuell Höhenflüge zu absolvieren, unabhängig vom Elend der Masse. So oder so, es bleibt wie es ist und doch ist alles viel schlimmer geworden. Ich beobachte das seit Jahren. Gleichgültigkeit produziert sich dadurch.

Selbst wenn man sich an den Nordpol in eine Blockhütte zurückziehen würde, um auf das Ende ohne ein Wort zu warten, wäre der Kostendruck und die Zukunftsangst normal. So weit ist es schon gekommen. Oder ich übersehe die Tricks und Betrügereien, die möglich sind. Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich weiss, was auf mich zukommt. Ich will nicht, dass es auf mich zukommt. Ich will es nicht erleben. Nicht schon wieder. Aber das flehen und betteln hat noch nie geholfen. Ich könnte mich radikal verweigern und jeglichen Respekt gegenüber der letzten Person verlieren, die ich aus irgendeinem Grund nicht enttäuschen will, obwohl ich kein vernünftiges Wort mit ihr wechseln kann. Ich weiss nicht, ob eine Verweigerungshaltung überhaupt durchhaltbar ist. Der Staat kann einem zu allen zwingen. Die finanziellen Mittel werden radikal zusammengestrichen bis man nur noch Essensmarken hat. Ich bin erschöpft. Ich habe keine Kraft mehr.

Ich denke an die Leute, denen es noch schlechter als mir ergeht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie stark sie leiden müssen. Man sieht sie. Und weiss nie, wie man ihnen wirklich entscheidend weiterhelfen kann. Es gibt nur kleine Gesten. Und das wars. Die Vernachlässigung ist so allgemein, dass sie mich erschlägt. Ich kann mir nichtmal selbst helfen. Wie konnte ich jemals glauben, dass ich etwas an dieser Welt ändern könnte? Wieso hatte ich jemals Hoffnung? Als Kind hatte ich schon ein paar Mal Suizidgedanken und habe sie verworfen, weil ich dachte, dass die Zukunft mir schon noch einen Grund zum Leben liefern wird. Ich wollte neugierig sein. Ich wollte dem Leben eine Chance geben, weil ich wusste, dass es noch zu früh ist, um es zu verwerfen. Ich hatte leise Ahnungen, wie das Leben sein könnte. Aber ich ahnte nicht, wie ich scheitern würde, wie sich alles krum und schief entwickeln würde. Wie alles zerstört wird, in sich zusammenfällt und wie darauf wiederum neue Trümmer entstehen, die dann das Leben ausmachen.

Die meisten halten sich auf Betriebstemperatur. Immer schön betriebsam sein. Pläne haben, reisen, arbeiten, feiern. Der Moment, wo man innehält, darf nicht eintreten. Wenn man das tut, so bin ich mir sicher, würde man in Selbstzweifeln ertrinken. Ich tue das gerade. Ich verstehe viel davon. Die Leute möchten sich in vielen Fällen nicht an ihre eigene Mangelhaftigkeit und Unfähigkeit erinnern. Die Sinnlosigkeit ihrer Alltäglichkeit wird von ihnen selbst in der Regel nicht ins Bewusstsein gerufen. Es wird permanent von Selbstverständlichkeiten ausgegangen, die auch tatsächlich existieren, aber nur, weil sie als solche von den Menschen selbst produziert werden. In Wahrheit gibt es keine Rationalität hinter dem Geld oder dem Staat oder dem Konzern. Es ist im Grunde eine allgemein anerkannte Lüge, die dadurch wie eine Wahrheit fungiert. Und weil das so ist, kommt das Grauen im Alltag ganz normal vor. Und es ist für die Leute auch normal, dass alles grauenhaft ist. Sie jammern und sterben ja auch den ganzen Tag. Und gelegentlich bricht Aktionismus los, der noch mehr Unsinn anrichtet.

Ab einem gewissen Punkt sehen wir alle weg. Ich sehe, dass man den Problem nicht mehr gerecht werden kann. Es ist nicht nur mein Leben, welches nur noch aus Problemen besteht. Sondern das gesamtgesellschaftliche Leben ist so. Da ist es ein Problem, wenn man nicht damit leben kann. Ich kann aus der Problematisierung dieser Lage aber auch keinen Beruf entwickeln. Ich habe es probiert. Ich habe nicht die Fähigkeiten dafür. Ich kann keine Höhenflüge vollziehen. Ich bin kein Vermittler von Lösungen und Ideen. Alles was ich beobachte, haben schon Millionen andere beobachtet. Es wurde schon von unzähligen Leuten auf den Punkt gebracht. Aber es hat nie etwas geändert. Ich denke, dass wir alle verloren sind. Manchen ist es bewusst, manche verkörpern es sogar. Ich glaube, dass Obdachlose die Verlorenheit der gesamten Welt personifizieren. Und genauso jedes verhungerte Kind. Lösungen gibt es keine. Es gibt nur die unendliche Geschichte der Jammerei und Sabbelei. Die einen kommen intellektuell, die anderen verzweifelt daher.

Ich bin unendlich müde, obwohl ich geschlafen habe. Ich werde den heutigen Tag wieder irgendwie überleben müssen. Es ist eigentlich noch einer der besseren. Ich habe mich von allem freigemacht. Abgesehen von dieser Feier. Aber der Tag ist getrübt, weil er einer der letzten seiner Art sein wird. Es sind nur noch wenige Momente bis das Geschrei wieder anfängt. Ich werde mich wieder sehr quälen müssen. Ich habe die Jobportale durchforstet und nur langweiligen und irren Schrott gefunden. Ich weiss nicht wohin mit mir. Ich kann niemanden anlügen. Ich zeige meine Verachtung und Unfähigkeit ganz offen. Ich finde mich auch nicht gut. Ich bin ekelhaft. Ich bin ohne Intension derart zugrunde gegangen. Ich hatte ein paar Chancen im Leben. Aber ich konnte sie nicht ergreifen. Sie erschienen mir nicht richtig. Aber hätte ich sie ergriffen, würde es mir wahrscheinlich jetzt besser gehen. Oder auch nicht. Vielleicht wäre ich schneller verbraucht gewesen. Ironischer Weise war das, was ich immer gehasst habe, was mich ruiniert hat, noch das beste, was ich je kriegen konnte. Man kann immer noch tiefer sinken im Leben, daran hatte ich nicht gedacht.

So gerne würde ich spurlos verschwinden. Aber es gibt immer einen Preis den man bezahlen muss. Und er ist zu hoch. Jetzt muss ich mich wieder mit Durchhalteparolen begnügen. Mir fallen keine ein. Ich überlebe wohl nur, weil ich so vieles vergesse. Ausblenden, verdrängen, verleugnen, vergessen. Es ist wirklich alles weg. Alles was ich mal sein wollte und was ich mal war. Alles was vielleicht mal liebenswert oder bemerkenswert war. Ist verschwunden. Unrettbar vergangen. Ich denke, wenn man irgendwann diese Zeilen jemals finden sollte, wovon nicht auszugehen ist, dann wird einen nicht wundern, warum ich verschwunden bin. Denn im Grunde war ich nie wirklich da. Ich hatte vielleicht Milisekunden. Momente, in denen ich jemanden was bedeutet habe und wo ich ähnlich empfand. Aber es hat sich sofort wieder relativiert und ist in Vergessenheit geraten. Es gibt ja immer andere, die mehr von allem bieten. Oder so glaubt man, oder so glauben andere. Was können Menschen schon einander geben? Ich habe nie einen Halt in ihnen gefunden.

Ich war so naiv zu glauben, dass ich in diesem Leben ankommen würde. Ich weiss gar nicht, ob ich wirklich daran gelaubt habe. Ich habe es mir wohl eingeredet und vorgemacht, um überleben zu können. Ich muss mich zurückziehen aus der Politik. Sie macht mich krank. Ich muss mich zurückziehen aus der Ökonomie. Sie macht mich krank. Aber wohin? Ich muss Rechnungen bezahlen, ob ich will oder nicht. Also möglichst alle Kosten reduzieren und dann..? Ich habe zuviele Kosten. Ich bin zu teuer. Es ist nicht zu glauben. Man kann sich nicht so klein machen, dass man überleben kann. Und trotzdem wird man ständig übersehen, wenn man Hilfe braucht. Andererseits, wenn man zahlen soll, dann sieht einen jeder. Jeder verlangt etwas, aber zurück kommt in der Regel nie etwas. Ich stecke in dieser Sackgasse fest, in die ich mich aus Verblendung selbst hineinbewegt habe. Die Verblendung hat immer noch eine gewisse Berechtigung, sie enthält schliesslich die Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber die Realität ist: Dieses bessere Leben wird nie eintreten.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales