Der nächste Tag

Jeden Morgen kommt das böse Erwachen. Wieder im selben Grauen aufgewacht. Das Leben ist stets verhängnisvoll geblieben, egal was probiert wurde. Es hat sich nicht gelohnt, sich anzustrengen oder tapfer zu sein. Es hat nie etwas bedeutet auf der Welt zu sein. Immer, wenn man glaubt, es könnte nicht aussichtsloser werden, beginnt ein neuer Tag. Wie die anderen Menschen ihre offenkundig entleerte und entleerende Tätigkeit aushalten können, bleibt rätselhaft. Offenkundig wird Genuss daran gefunden, überhaupt nichts zu sein. Es sieht nicht danach aus, dass ich mir das noch lange ansehen kann. Schwer zu sagen, warum mein Leben immer wieder in einer Sackgasse enden muss. All die Jahre voller Opfer, Entbehrungen und harter Arbeit für immer neue Enttäuschungen, Verletzungen und Verluste. Wann ist es genug? Nie. Das Leben funktioniert so. Man verausgabt sich bis auf die Knochen und dann stirbt man. Niemand hat gesagt, das es fair oder gerecht zugehen wird, soll der muss. Es ist allen völlig egal, ob es gerecht oder fair zugeht oder zugehen wird. Hauptsache man selbst kommt irgendwie durch. Das grauenhafte der Welt liegt in den Gedanken und Taten jedes Einzelnen. Keiner ist unschuldig. Die Verantwortungslosigkeit gehört zum Alltagsleben wie die Sprache. Ich hätte mir an irgendeinem Punkt verbieten müssen, weiter über all das nachzudenken. Aber ich war unfähig zur Ignoranz. Das wird nur noch von der Unfähigkeit übertroffen, etwas an diesen Zuständen zu ändern. Ich bin nicht einmal in der Lage mich selbst zu ändern. Ich spüre mich kaum noch selbst. Ich konnte keinen Halt finden in dieser Gesellschaft. Es gibt keinen Platz, keinen Ort und keine Perspektive. Es ist alles abgesucht, soweit das eigene Auge und Budget reichte. Die Ausgangsbedingungen waren nie günstig und dann kamen noch eigene Fehler und Unzulänglichkeiten dazu. Da reicht es eben nicht mehr. Es hat schon Bessere vor mir erwischt. Warum sollte ich eine Ausnahme bilden? Vor den Abgründen ist niemand sicher. Niemand kann einem da heraushelfen. Ich wüsste nicht, wie ich die Zeit noch totschlagen soll. Ich habe Schulabschlüsse und Berufsabschlüsse gemacht. Hatte Jahre in Schule, Beruf und Universität verbracht, nur um festzustellen, dass es mich nicht erfüllte. Nur, um festzustellen, dass nichts davon eine Bedeutung hatte oder Schutz gewährleistet vor der krisenhaften Welt. Egal, was man unternommen hat, es war nie genug. Und es wird immer so weiter gehen. Man bittet, hofft und argumentiert, plant, arbeitet und kämpft, nur um wieder zu verlieren. Keine Leistung, die man jemals erbracht hat, hat einen davor bewahrt, wieder ums Überleben kämpfen zu müssen. Die eigene Existenz darf offenkundig nicht sich selbst genügen, sie muss sich permanent rechtfertigen für ihre Bedürfnisse. Keiner erinnert sich daran, was man schon alles geleistet hat, wem man das Leben gerettet hat oder wie vielen Leuten man half. Es wird endlos erwartet, dass es unendlich immer intensiver im Berufsleben agiert wird, obwohl es keine rationale Begründung dafür gibt. Permanent muss man sich unmöglichen Behauptungen stellen und ihre Geltung akzeptieren, obwohl sie verrückt sind. Man richtet das ganze Leben nach Idealen, die einen selbst zugrunde richten. Und wer sich darüber beschwert, der wird noch mehr gepeinigt. Man kann nur verlieren. Es ist bloß immer die Frage wie viel man verliert. Verliert man sein Vermögen oder seinen Verstand? Verliert man Bekannte, Freunde und Familie oder sich selbst? Oder verliert man alles zusammen? Man kann ohne Weiteres den Beruf, die Wohnung, die Perspektive, das Vertrauen verlieren. Es gibt keine Garantie für irgendwas und dann merkt man: Bisher hatte man vielleicht sogar noch Glück. Vermutlich kommt der echte Abstieg jetzt erst. Jetzt wo die Jugend vergeht, kommt der eigentliche Niederschlag erst. Und ich warte auf diesen Schlag. Ich warte auf Dinge, Personen, Gespräche, Berufe und Situationen, die niemals eintreten werden. Ich habe nicht nur gewartet, sondern auch angestrebt. Aber nie ist irgendwas eingetreten, was Rettung erbrachte. Ich habe diverse Schläge hingenommen, in Erwartung, dass der Schmerz sich noch auszahlen wird. Aber nichts hat sich ausgezahlt. Das Leid ging immer nur weiter. Auf Schlag folgte Schlag folgte Schlag. Und ich hatte nur die Verwunderung und Überraschung, dass es Ewigkeitscharakter annahm, obwohl es so offenkundig irrational gewesen war. Man wird nur älter, das ist alles was sich ändert. Niemand hat die Kontrolle. Wir alle treiben völlig orientierungslos umher. Aber irgendwie scheinen die anderen das besser ausblenden zu können als ich. Meist weiß ich nicht, wie ich den Tag überstehen soll. Und dann fällt auf, dass die Lebenserwartung wohl noch einige Jahrzehnte von dieser Zumutung parat hält. Ich bin in etwas verwickelt mit dem ich absolut nichts zu tun haben will. Das Leben ist ein Verhängniszusammenhang, aus dem man nicht ohne neuerliches Grauen heraustreten kann. Egal wie man es dreht und wendet, es wird nicht besser. Es ist ein unlösbares Problem. Warum setzt sich das Leben fort? Es scheint einfach nur zu geschehen, wie ein Unfall oder eine Katastrophe. Und es ist auch völlig egal, ob es früher oder später zu Ende geht, denn es gibt Millionen von Lebensformen. Das individuelle Leben ist nur ein Bruchteil des Gesamtlebens und gewissermaßen leicht zu übersehen und zu vergessen. Ich möchte nicht jeden Morgen aufwachen und wissen, dass alles umsonst gewesen ist und sein wird. Aber es gibt keine Idee, keine Perspektive und nichts und niemanden, wodurch daran etwas geändert werden könnte. Es geht seit Jahren so und es ist gewissermaßen natürlich geworden in Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ambitionslosigkeit vor sich hinzu dümpeln und vor sich hinzu jammern. Das Elend der anderen Menschen ist wahrscheinlich größer als das eigene, aber es relativiert nichts von dem, was einem selbst zugestoßen ist. Das Leben widerfährt mir, denn ich sitze nicht am Steuer. Das Leben hat mich als Geisel genommen. Und wohin es mich auch trägt, ich habe zu folgen. Es gibt dafür keine Identifikationsgrundlage. Ich kann es nicht gutheißen oder schönreden. Mein Bewusstsein muss eine Art Irrtum darstellen. Ich hätte mich gedanklich nie in diese Richtung entwickeln dürfen. Jetzt bin ich so, wie ich nie hätte werden dürfen. Und ich fühle mich schuldig, obwohl ich nie bewusst ein Verbrechen begangen habe. Aber Unkenntnis schützt vor Strafe nicht. Aber welche Strafe soll man dafür schon bekommen?

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