Endlos

Die Zwischenmenschlichkeit funktioniert nicht mehr. Sie ist oft nur ein Zufallsprodukt. Wenn sich zwei Menschen lieben, dann ist das so, als würden sich zwei Regentropfen im freien Fall zufällig treffen. Es sind Millisekunden, die idealisiert werden. Worin soll der Zusammenhalt auch bestehen? Es gibt nur ein paar Momente, die einen zueinander getrieben haben. Und die Gezeiten zerren das Ganze wieder auseinander, noch bevor Überlegungen darüber stattfinden können, was das eigentlich alles sollte.

Die Hoffnung und das Vertrauen verloren zu haben, dürfte eines der größten Katastrophen sein, die einem Individuum zustoßen kann. Andererseits gehört es zum alltäglichen Regelfall, diesen Verlust zu erleiden. Wo kann man sich noch sicher sein? Wo liegen die Gewissheiten? Im Grunde ist alles permanenter Umwälzung untergeordnet. Wenn Glücksmomente auftauchten, dann nicht nur als Form von Zufall, sondern auch als eine Art Momentum: Situativer Vorsprung vor dem ganzen Elend, was direkt darauf folgen wird.

Es bleiben Erinnerungen zurück, die genauso idealisiert werden, wie die scheinbar glückliche Zweisamkeit. Bitterkeit träufelt sich zwar trotzdem hinein. Aber das ist es dann, woran man sich wärmt. Aber die Wärme reicht hier nicht aus. Es ist nie genug, um die soziale Kälte der Gesellschaft wirklich vollständig zurückzudrängen. Die partnerschaftliche Zweisamkeit ist dafür viel zu schwach. Ähnliches gilt für die Familie, die völlig ausgebrannt ist. Die Rückkehr zur Familie bedeutet häufig nur die Aktualisierung von Vorwürfen, Misstrauen, Schmerz und Unverständnis. Umso größer wirkt dagegen das Glück einer funktionierenden Partnerschaft.

Aber es stellt sich tatsächlich die Frage: Wo soll jemand noch Halt finden? Der Partner kann sich einen neuen suchen. Die Familie kann einen enterben. Der Vermieter kann einen mit dem Gerichtsvollzieher rausjagen. Der Arbeitgeber kann einen jederzeit kündigen. Und niemand verkauft Dir irgendwas, wenn Du kein Geld hast. Am Ende ist man an allem selbst schuld und muss auch noch auf Knien darum bitten, weiter gedemütigt zu werden. Die Entfaltung der eigenen Individualität ist in keiner Stelle vorgesehen. Man muss sich in einer derart unheimlichen, konsequenten Art und Weise an unerträgliche gesellschaftliche Zustände anpassen und modifizieren, dass darüber völlig vergessen wird, was man einst wollte.

Die Verwirrung, Erinnerungslosigkeit erzeugt einen komatösen Zustand, der allerdings die Merkwürdigkeit besitzt, dass man super aktiv konkurrenz- und wettbewerbsfähig in irgendwelchen Branchen und Berufen agiert. Die Verklärung reicht soweit, dass die Mehrheit sogar glaubt, dass sie diese Selbstleugnung selbst schon immer gewollt haben und identifizieren sich mit etwas, was sie systematisch ruiniert. Ist die Unvernunft erstmal als Vernunft gedeutet, gibt es überhaupt keinen Grund mehr an irgendwas anderem zu zweifeln, als an sich und die anderen, wenn die Konformität zum Ganzen nicht akkurat genug ist.

Es lohnt sich nicht mehr irgendetwas zu empfinden, weil die Emotionen für niemanden eine Bedeutung haben. Ähnliches gilt für Worte und Taten. Wenn ich mich demnächst aufhänge, ist mir das auch egal. Die Realität stört sich an nichts mehr außer den Überresten jener Menschlichkeit, die sie einst aus Unvermögen hervorbrachte. Es ist einzusehen, dass man verloren hat. Aber diese Einsicht rettet auch nichts. Es ist gleichgültig, wie man sich als Individuum verhält, weil die Masse diktiert, wie es laufen wird. Das Individuum als Massenform ist derart gefährlich verblödet, es ruiniert alles noch bevor irgendeiner qualifizierten Einspruch erheben könnte.

Tatsächlich sehne ich mich in eine Zeit zurück, in der ich aus irgendeiner Irrationalität heraus glaubte, dass der morgige Tag etwas Gutes verspricht. Ich wünsche mich in jene Momente zurück, die Zärtlichkeit, Hoffnung und Vertrauen zu enthalten schienen. Und das obwohl ich weiss, dass nichts davon letztlich eintrat oder sich großartig entwickelte, hatten mir diese Funken genug Antrieb gegeben, um weiterzumachen, damit diese Funken zu einem großen Feuer des Lebens werden. Aber diese Funken reichen nicht mehr aus. Sie sind weiter weg als die Sterne. Und sie kommen nicht wieder, egal was ich unternehme. Ich bin verdorren, verdorben, veraltet, verkommen und verändert. Wahrscheinlich sogar vernichtet.

Ich wüsste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich bin noch nie irgendwo angekommen. War ich jemals wichtig für irgendjemand? Dieser Jemand muss längst verloren gegangen sein. Unendliche Angst und Trauer dominieren jede Regung. Und der Wunsch aller anderen ist bloß, dass man funktionieren soll, ohne sich anzustellen. Die eigene Funktionsfähigkeit unter Beweis zu stellen ist gleichzeitig die einzige Möglichkeit, sich eine Partnerschaft, Familie und ein Zuhause aufzubauen und all jene zurückzudrängen, die einen bei Insolvenz und Inkompetenz sofort in der Luft zerreißen. Man soll permanent so kämpfen, als könnte man gewinnen, obwohl man längst verloren hat. Die eigene Existenz könnte kaum größere Lächerlichkeit aufbieten. Die Dramatik ist, dass man sich an niemanden festhalten kann, weil alle im selben Verhängnis stecken.

Das Leben ist zu einer Episode geworden, die es hinter sich zu bringen gilt. Die Ironie daran ist, dass ausgerechnet das, was dafür verantwortlich ist, gleichzeitig für einen persönlich auch die größte Rettung darstellen kann, wenn auch nicht für die gesamte Gesellschaft. Alle streben nach Geld, obwohl es als gesamtgesellschaftliche Kategorie den Ruin und Ausschluß der Einzelnen begründet und erzwingt. Wenn über einen Lottogewinn allerdings der Ausschluß und Ruin nahezu unmöglich wird, blüht plötzlich das eigene Leben auf. Man kann seine gesamte Lebenszeit so stark wie möglich dazu verwenden, um das Leben auszuschöpfen und zwar nicht nur im materiellen Sinne, sondern vorallem sozial, kulturell und künstlerisch. Alle Regeln, die die allermeisten Mensche niederhalten, werden plötzlich zur Freikarte ins Paradies auf Erden. So können sich potentiell im Prinzip nur die Vermögenden verwirklichen, während die anderen fremden Dingen und Verhältnissen dienen müssen, die sie komplett entleeren.

Es gibt darauf keine Lösung.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Eine Antwort zu “Endlos

  1. wohliges gefühl, wenn man sich in anderen wiedererkennt

    schon mal von gehört? https://en.wikipedia.org/wiki/No_Longer_Human oder auf deutsch „Gezeichnet“

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