Wolkenbruch

Wenn ich mir überlege, was alles im Leben fehlt. Dann wären es Menschen, die zuhören, die sich Zeit nehmen, um sich tiefgehend auszudrücken. Echte Weggefährten, die einen auch mit all den eigenen Unzulänglichkeiten annehmen und die einen auch mal in Abenteuer mitnehmen. Es fehlt die Hoffnung, einerseits solche Menschen jemals zu treffen und andererseits fehlt die Hoffnung, dass das Leben jemals besser werden kann. Ich sehe mir Texte an, die ich vor 10 oder 15 Jahren geschrieben habe und sie drücken dieselbe Notlage aus in der ich heute stehe. Es hat sich tatsächlich nichts verändert, außer eben die Form der Not, Zurückweisung und Isolation. Meine letzte Weggefährtin, schrieb schon vor Jahren über die Sinnlosigkeit der Existenz. Da war sie 16 und das ist 14 Jahre her. Sie ist mittlerweile verschwunden. Aber bevor sie verschwand, hatte sie rasant jegliche Hoffnung, jeden Mut, jede Energie und jeden Verstand verloren. Die Welt hat sie und ihr Potential ruiniert. Ich habe das der Welt nie verziehen. Aber so passiert es millionenfach auf täglicher Basis. Da werde ich keine Ausnahme bilden. Mein Ruin greift immer wilder um sich. Als sie aus meinem Leben verschwand, ist mir auch die Gewissheit abhanden gekommen, dass es Hoffnung gibt. Ich habe angefangen, diese Qualität in ihr bei anderen Menschen zu suchen, aber niemand empfand in dieser Klarheit den Schmerz, den die Welt auf einen loszujagen vermag. Und keiner ging damit so offen und ehrlich um. Die meisten verdrängen gnadenlos ihre Überforderung mit der Welt und ihre individuelle Vernichtung durch die Welt. Man sagt immer, dass es noch nie so schön und modern in der Geschichte der Menschheit gewesen ist. Aber in Wahrheit kann man davon nichts genießen. Die moderne Technologie wird nur gegen uns alle eingesetzt, um aus uns noch mehr Leistung herauszupressen. Die Widerständigkeit dagegen hat im Prinzip nie existiert.

Es fehlt an Aufgeschlossenheit, bei mir und anderen. Es fehlt die Zeit über alles nachzudenken, zu diskutieren und Beschlüsse zu fassen. Es fehlt natürlich an Geld, um sich eine vernünftige Unterkunft zu bieten, sich schön zu kleiden und gesund zu bleiben. Es fehlen die Nerven weiterzuleben, weil kein Wort und keine Tat genug ist, um die permanente Bedrohung, die der Kapitalismus für einen individuell nunmal bedeutet, für ein paar Momente zu relativieren. Niemand kann permanent im Schlachtfeld leben. Früher oder später erwischt es einen und man verbrennt im Flammenwerfer oder stirbt im Kugelhagel oder der Typhus rafft einen dahin. Es fehlt eine generelle Lebensperspektive. Es ist zwar möglich, sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser zu halten. Aber keiner dieser Jobs bietet irgendeine Sicherheit oder inhaltliche Qualität, die tatsächlich fundiert ist. Es mag einige wenige Ausnahmen geben, die das Kapitalverhältnisse nicht völlig ruinieren konnte. Aber grundsätzlich sind die allermeisten Jobs einfach nur Drecksjobs voller Erniedrigung, Unterbezahlung, Langeweile, Depression und Tyrannei, dass man sich direkt aus dem Fenster werfen will, wenn man auch nur eine Stellenanzeige darüber liest. Es fehlt die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sowie Lust, dagegen etwas zu unternehmen oder auch nur darüber zu reden oder zu diskutieren. Generell gibt es kaum noch Lust in dieser Welt. Wenn, dann wird sie auf die Arbeit gerichtet. Es fehlt die Fähigkeit Lebenslust zu empfinden und auszuleben. Es fehlt die Fähigkeit, die Lebenslust in das Zentrum der Gesellschaftsgestaltung zu setzen. Es fehlt die Fantasie und das Vorstellungsvermögen, eine andere und bessere Welt zu erschaffen, die insbesondere den Menschen samt seiner Bedürfnisse ins Zentrum aller Anstrengungen stellt.

Es fehlt die Sicherheit, das Vertrauen, der Mut, sich all den Katastrophen und Problemen zu stellen, die im Alltagsleben üblich sind. Es fehlt die Courage sich zu widersetzen und die Intelligenz sich entsprechend zu artikulieren. Es fehlt der Ort, solche Auseinandersetzungen zu führen. Niemand wird aufgefangen, wenn er fällt und gleichzeitig wird permanent das Gegenteil behauptet. Es fehlen die Bindungen zwischen den Menschen. Es fehlen die gemeinsamen Erfahrungen. Die Zertrümmerung wird durch die Gemeinschaft der Staatsbürger und Konkurrenzsubjekte im Kapitalismus derart brutal vorangetrieben, dass schon lange nichts mehr von uns übrig ist. Es fehlt jede Qualität von Menschlichkeit. Die permanente Betriebsamkeit hat auch dazu geführt, dass Ruhe und Muse fehlt. Es werden immer weniger Bücher gelesen, besprochen und diskutiert. Mir fehlt die Plausibilität von Staat, Kapital, Nation, Geld, Lohnarbeit und dem Leben insgesamt. Man könnte ein Leben aushalten, das irrational ist, wenn es zumindest Freude bereitet. Aber es gibt keine Freude mehr. Wo soll sie stattfinden? Sie muss irgendwo derart versteckt, verschüttet sein, dass man sie nur findet, wenn man völlig enthoben ist von der gewöhnlichen Welt. Vermutlich ist die Freude nur noch bei den Ahnungslosen und jenen, die es geschafft haben, sich mit der falschen Welt zu identifizieren. Nur Menschen, die völlig falsch geworden sind, haben die Möglichkeit, in dieser Welt etwas zu werden. Alle anderen sind als Versager denunziert und ruiniert, während die Erfolgreichen die Denunziation und den Ruin ihrer Nächsten über polit-ökonomische Abstraktionen betreiben.

Ich vermisse es, mich auf etwas verlassen zu können. Auf Menschen, auf mich oder generell irgendetwas. Aber alles ist voller Enttäuschungen und Verlust. Es lässt sich nichts festhalten, weil alles im Werden und Vergehen ist. Ohne, dass ich es je wollte, wurde der Zerfall zu einem zentralen Lebensmotiv. Nichts hatte irgendeinen Bestand. Alles hat sich früher oder später selbst zerstört. Egal, wieviel Energie, Hoffnung, Liebe, Intelligenz, Aufrichtigkeit, Offenheit man hineingelegt hat. Die Ablehnung, Irritation, Vergeblichkeit und Lächerlichkeit folgte wie ein Schatten stets auf dem Fuße. Mittlerweile fehlen auch die Emotionen und nicht mehr nur die Gedanken. Was soll noch empfunden werden, wenn nichts Bedeutung hatte? Umsonst gelebt zu haben, das ist die Höchststrafe und zugleich Massenphänomen. Es gibt keine Besonderheit in dem, was ich erlebt habe. Es ist provinziell, gewöhnlich und natürlich unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen. Es fehlte immer ein positiver Einfluß in meinem Leben. Es gab niemanden, der im entscheidenden Moment da war, und die Prägung günstig verschob. Es war schon in der Kindheit völlig egal, was aus mir wird. Ich sollte eine Maschine werden und das bin ich nun. Keiner dachte daran, dass aus mir ein Mensch werden sollte, denn man war ja selbst kein Mensch geworden. Die Vergangenheit der eigenen Familie ruinierte meine Zukunft. Es fehlte ein generelles Verständnis davon, was das Leben sein könnte. Alles, was ich erzählt habe in den letzten Jahren, war nur eine Übertragungsleistung aus dem Elternhaus. Meine eigene Individualität, ist derart bescheiden, übersichtlich und pseudohaft, dass man eigentlich gar nicht mehr von einer solchen sprechen kann.

Wenn einem erstmal bewusst ist, dass die eigene Persönlichkeit ein Zufallsprodukt ist und die ganzen Verletzungen sowie Prägungen schlicht Ausdruck von gesellschaftlichen und individuellen Irrationalismus sind, bleibt einem nicht mehr viel an Eigenständigkeit und Individualität übrig. Was macht einen dann noch aus? Und woraus soll man überhaupt schöpfen? Und vorallem: Warum sollte man das alles noch unternehmen wollen? Man hat schon verloren bevor man geboren wurde. Es fehlt ein souveräner, kluger Umgang voller Stärke mit dieser katastrophalen Lage. Ich bin zu befangen, um mich noch äußern zu können. Ich bin so Teil des Verhängnisses, dass ich es nicht beenden kann. Mitgehangen, mitgefangen. Ich mehre es mit jeder Regung. Nie zuvor haben sich die letzten Tage, wie die allerletzten angefühlt. Es scheinen weitere Tage zu fehlen. Ich trete in purer Dunkelheit nach vorn. Auf einer Hängebrücke ohne Geländer, gespannt über einen tausend Kilometer langen Abgrund. Sie schwingt sehr stark, durch Wind und Regen. Sie hat brüchige Bretter auf denen ich herumtrete. Oft wäre ich beinahe gefallen. Oft brach ich durch und konnte mich noch in letzter Sekunde halten. Aber stets war die Frage, wohin soll diese Brücke überhaupt führen? Und was liegt im Abgrund? Und andere überrundeten mich auf dieser Brücke, während sie geschickt komplizierte Sisyphosaufgaben jonglierten. Es interessierte sie nicht, ob sie blind waren oder fallen konnten. Sie hatten jenes Urvertrauen in der allgemeinen Sinnlosigkeit, was mir immer fehlte.

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