Depression

Ich beende offiziell Stück für Stück was mich in den letzten Jahren ausgemacht hat. Die Ernüchterung ist so deutlich eingetreten, dass sich kein Punkt in meiner Argumentation wiederfindet, den man hinsichtlich alter Positionen aufrechterhalten könnte. Es wird keine Überlegungen mehr geben, wie sich irgendetwas verändern ließe. Offenkundig waren all die vorherigen Jahre induziert von einem generellen Unglücklichsein. Die Scherben müssen nun aufgeräumt werden. Es hat sich ausgeträumt. Die Jugend ist vorbei. Rechnungen müssen bezahlt werden. Ab sofort gibt es nur noch Einfügung. Das eigene Scheitern musste eingesehen werden, weil die Unfähigkeit schlicht und ergreifend überall war. Nichts konnte zu Ende gedacht werden. Kaum etwas, war vernünftig gedacht. Und zugehört hat auch keiner. Der Rest ist Schweigen. Ich bedaure, dass es zu mehr nicht gereicht hat.

Niemals wird es wieder gesund für mich sein an allem zu zweifeln. Ich kann froh sein, wenn ich überlebe. Die schiere Bedeutungslosigkeit meiner Existenz erschlägt mich unermüdlich und jederzeit. Wer weiß, ob das jemals behandlungsfähig ist. Es ist mir widerfahren, dass ich lebensmüde bin. Nichts daran ist neu. Einzig, dass ich es nun als unvermeidliche Tatsache anerkenne, die professioneller Behandlung bedarf. Es ist nicht mehr normal, sich sinnlos für gar nichts zu quälen. Es muss nicht immer nur alles schrecklich sein, weil die Gesellschaft falsch ist. Es muss einen Weg geben, Frieden mit dem Falschen zu schliessen. Ansonsten gibt es kein Leben.

Mich frisst die Angst auf, dass es nicht mehr reichen wird. Ich sehe keine Perspektiven. Absolut gar keine. Es gibt keine Ideen mehr, wie es weitergehen soll. Nichts hat funktioniert. Absolut nichts. Völliges Versagertum. Ich habe alles verloren, weil ich radikale Veränderungen anstrebte. Von meinen Gewissheiten kann ich mir nur Bitterkeit kaufen. Ich bin eine grauenhafte Kreatur geworden. Ich kann nur von Verlust und Dummheit erzählen. Ich bin traurig, wütend und gleichgültig. Letzteres dominiert die meiste Zeit. Ich bin nicht der erste, der irgendetwas verliert. Man kann immer noch tiefer sinken. Ich befürchte, dass es von nun an immer schlimmer wird. Das alles jetzt ist nur ein Vorgeschmack. Hat man erst seine Träume und Hoffnungen verloren, gibt es überhaupt nichts mehr. Was bin ich noch, ohne sie? Aber es lässt sich kein Glück denken oder fühlen. Man kann es nicht erfinden, es muss immer schon da sein, damit man es finden kann. Aber ich finde nichts.

Ich habe seit Jahren nicht mehr intensiv mit jemanden gesprochen. Es lohnt sich nicht, weil meine Worte versagen. Das Interesse, sich zu äußern sinkt immer weiter ab. Es kümmert sich niemand darum, was ich sage oder denke. Es war schon immer so. Und damit bin ich nicht allein. Und gleichzeitig bin ich allein. Immer schon gewesen. Gleichgültig, ob ich bei einer Party war oder sonstwo unter Leuten oder tatsächlich allein. Es hat nie irgendetwas geholfen, – was Menschen sagten oder taten. Es war immer völlig beliebig. Menschenleben können von einer Sekunde auf die andere aus einem Zufall heraus untergehen oder aufblühen. Nichts hat mit irgendeiner Fähigkeit oder einem starken Willen zutun. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie der eigene Charakter ist. Nichts ist sicher. Und nichts ist gerecht. Und es wird immer so sein, weil es immer schon so gewesen ist.

Wenn ich daran denke, woher ich komme, war im Vorfeld schon klar, dass aus mir nichts werden konnte. Trotz aller Widerstände, konnte ich mich kurzfristig in andere gesellschaftliche Stände verirren. Aber die Außenseiter verscheucht man schnell wieder. Die eigene Herkunft lässt sich nicht abschütteln. Je verzweifelter man sie versucht zu vertreiben, desto stärker wird die eigene Vertuschungsanstrengung den anderen bewusst, die ganz selbstverständlich sich einem bestimmten gesellschaftlichen Feld zugehörig fühlen. Ich habe nie dazugehört. Nirgendwo. Immer zwischen den Stühlen. Schon vor der eigenen Geburt. Das ist eingeschrieben in die Familiengeschichte. Wie der Vater, so der Sohn. Und die ganze Familie ist voller zerbrochener Menschen und Geschichten über die keiner spricht und die keiner hören will.

Anstatt über all das Leid zu erzählen, muss wieder geschwiegen werden, am besten immer stärker, denn sonst schreit man bis die Verrücktheit und der Wahnsinn alles einnimmt. Man darf nicht mehr zulassen, alles zu hinterfragen, weil es keine Antworten geben wird. Zumindest, keine ausreichenden Antworten, um tatsächlich etwas zu verändern. Ich habe mich beinahe totgebissen an den Verhältnissen. Es fehlt nicht mehr viel, dann fehlt die Kraft für alles weitere. Ich wollte den Erdball heben und einen Milimeter verschieben, aber es war so unvernünftig wie bei jedem Größenwahnsinnigen. Es fehlt nicht viel, für eine bessere Welt. Aber ich bin nicht mehr derjenige, der sie erstreiten kann.

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