Erbarmungslos

Das Alter treibt seine Krallen in mich hinein und hinterlässt immer größere Verwüstungen. Es ist mir völlig ungebreiflich, wieso man überhaupt das Leben im Alter aushalten will. Man gerät in Zerfall. Es hängt, es drückt, es schmerzt, es knackt und zieht. Es wird unscharf, unschön, unerträglich. Niemand hält den Anblick des Alters aus. Nur eine große Geldsumme kann das Schlimmste hinauszögern. Aber der normale Verbraucher verbraucht sich mit jedem weiteren Tag schneller. Unaufhörlich reisst die Sonne, der Herzschlag, die Bewegung neue Schäden an und erinnert an die eigene Überflüssigkeit. Die Jugend war schon immer der eigentliche Platz des Lebens. Die anderen sind nur zuviel. Im Alter wird man garstig, dumm, senil, ängstlich, rassistisch und wütend. Die Welt wächst im Alter noch stärker in einen hinaus und über einen hinweg, wie in allen anderen Lebensphasen. Die Leute interessieren sich noch weniger für einen als es ohnehin schon immer gewesen ist. Der Alte hat nur noch den Gedanken an früher. Die Zweifel werden größer. Der Zorn macht zynisch und verbittert. Man stinkt den ganzen Tag aus allen Löchern und merkt es nichtmal mehr. Gelb, grau, als personifizierter Eiter auf zwei Beinen ekelt man die Jugend nur noch an. Alle warten, dass man endlich ausstirbt, weil es längst überfällig ist. Alle, die fanden, dass man etwas liebenswertes ansich hatte, sind gestorben oder haben die eigene Existenz vergessen. Es gab nur eine handvoll Momente, die lebenswert waren. Millionen Momente wurden sinnlos und grundlos zusammen und totgeschlagen. Schwindel, Übelkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz münden in einer Weigerung, das alles noch ertragen zu müssen. Es ist schwierig, diesen Moment zu finden, wenn man schon längst darüber hinaus ist. Trotz des Alters und all seiner Zerstörungen, ist man in das Leben weiterhin verwickelt und allem ausgesetzt, was es enthält. Sich durch das Gestrüpp auf die offene Wiese zu schlagen, ist nicht leicht. Das Leben ist ein endloses Labyrinth mit voller schrecklicher, unvorhersehbarer Fallen, wovon eine schlimmer als die andere ist. Es ist unklar, ob ein langes Leben überhaupt wünschenswert ist, eröffnet es doch vornehmlich weitere Jahre voller Schmerz, Enttäuschung und Zurückweisung. Das alternde Leben erklärt den Alternden zu einem Witz, weil er den Moment verpasst hat, zu sterben. Alle Menschen jenseits der Jugend werden lächerlich gemacht, von der Jugend. Weisheit, Erfahrung, alles Krücken, um vor dem offensichtlichen Mangel davon zu laufen. Lebenswert ist nur der schmale Korridor, der Jugend heisst, wo das Leben erblüht und auf seinem höchsten Reifegrad pulsiert. Sobald die Regression eintritt, wird es Zeit den Abschluß zu finden. Aber aus irgendeinem Grund muss man verweilen. Nicht wegen dem Leben, sondern als Widerstand gegenüber der gesellschaftlichen Form, die einen längst für überflüssig hält, weil die Leistungsgrenze um ein paar Prozente immer weiter nach lässt. Aber was wäre das für ein Leben? Widerstand ist nur ein Überleben und kein Leben. Man weiss davon als alternder Mensch mehr als irgendein Jugendlicher. Allerdings, hilft das auch nicht weiter. Man wächst dennoch weiter in das Elend hinein ohne es in irgendeiner Weise beeinflussen zu können. Der einzige Einfluß, den man wirklich hat, ist die Leidensqualität für einen selbst zu verringern. Das ist wohl der letzte mögliche Begriff von Widerstand.

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