Restlos

Man kann sich seine Kollegen nicht aussuchen, seine Nachbarn nicht aussuchen, seine Eltern nicht aussuchen, seine Nation nicht aussuchen, seinen Tod kann man sich nicht aussuchen, seine Sprache auch nicht, den Körper oder Fähigkeiten auch nicht, die Lebensdauer auch nicht. Die eigenen Wege sind allesamt derart stark vorgezeichnet, dass es verrückt ist von einem freien Willen oder offen Möglichkeiten zu sprechen. Das eigene Leben ist nur ein Augenblick und voller missratener Vorstellungen. Die Plattitüden stimmen alle.

Ich habe keine Hoffnungen, Träume oder Erwartungen mehr. Ich habe nichts wofür ich noch leben könnte. Übrig bleibt nur noch der Verfall. Umsonst wurde gelitten, gekämpft und gelebt. Es gibt keine Trauer darüber. Alles ist stets gleich aussichtslos geblieben. Nie hat sich jemand ernsthaft für mich interessiert. Und mein Interesse ware ähnlich beschränkt geblieben. Es drängt sich der Abschied auf. Aber es ist unklar, wie er formuliert werden soll. Es gibt keine neuen Ziele. Es verzögert sich daher die Verabschiedung. Wohin soll die Reise gehen, wenn es keine Perspektive mehr gibt? Ich bin umnachtet von Müdigkeit und Schwindelgefühl. Das ist die einzige Konstante in meinem Leben, neben den Depressionen. Ich hatte nie geplant lange zu leben. Älter zu werden als ein Teenager, das war nicht vorgesehen, denn ich wusste nie wofür ich leben sollte. Und es ist mir bis heute nicht eingefallen. Es war immer klar, dass ich nicht zu dem gehöre, was sich Leben nennt. Über ein Jahrzehnt ohne irgendwelche bedeutenden, relevanten, tiefergehenden Bindungen zu verleben: Das ist etwas, was sonst nur Häftlinge erleben. Aber ich tat es mühelos im freien Alltag, dabei hatte ich stets das Gegenteil versucht. Unfähigkeit zu Existieren. Nichts ist daran komisch.

Hatte ich je eine Chance? Geboren in Westeuropa hätten die Chancen kaum günstiger sein müssen. Ich habe unzählige Menschen überlebt. Viele von ihnen waren talentierter, glücklicher und geselliger als ich. Die wenigstens hatten es verdient vor mir zu sterben. Aber sie starben doch, weil alles egal ist. Gibt es überhaupt die Möglichkeit das Leben ohne Suizid zu beenden? Vielleicht, wenn man vergisst wie grauenvoll man selbst und alles andere ist. Heute sind andere jung. Aber mit denen hatte man nie etwas zutun. Als man selbst jung gewesen war, hatte man gleichermaßen wenig mit den Alten zutun. So oder so hatte man niemanden etwas wirklich zutun. Wobei zutun, nicht mit bloßer Tätigkeit verwechselt werden sollte. Zutun, indem Sinne, dass man einander verstand und Halt gab. Man hätte sich insofern auch 10 Jahre früher aufhängen können, während andere schon zu ihrer Pubertät Gipfelstürmer sind.

Es ist klar, dass alles, was in den letzten 10-15 Jahren von mir kam, völlig unzureichend gewesen ist. Ich hatte unüberlegte Aussagen getroffen und auf deren Basis Entscheidungen für meinen weiteren Lebensweg getroffen, die mich nur tiefer ins Unglück und die Verzweiflung stürzen mussten. Unter glatter Absehung aller gesellschaften Bedingungen und mir innewohnenden Fähigkeiten, unterschätzte ich die Problemlage und überschätzte mich selbst. Nun ist es plötzlich eine Perspektive geworden, alles wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen und dem Vergessen zu überlassen. Ich habe mich auf die Suche begeben, brachte Mut auf, woandere längst aufgegeben hatten oder längst wussten, dass es aussichtslos ist und nur ein Irrer dem nachgehen würde. Ich fand in der Suche nur den Schein der Illusion, gesellschaftlich wie für mich persönlich. Ich habe mir Härten abverlangt, die völlig unnötig waren. Hätte ich nur ein Wort verstanden, von den Büchern, die ich andauernd zitierte. Über Jahre habe ich mir selbst vorgemacht, dass ich irgendeine Form von sinnvollen Einfluß auf die gesellschaftlichen Missstände nehmen könnte. Doch die Zeiten der Illusionen sind vorbei, zumindest für mich persönlich. Es bleibt kein Traum mehr übrig. Es hat sich ausgeträumt. Es geht zurück in die Maschinenfabrik. Ich muss mich meinem Schicksal fügen und genau das werden, was ich niemals sein wollte. Es hat nie eine Wahl gegeben. Wer hier zögert oder zaudert, verliert nur an Raum und Zeit im Konkurrenzkampf. Wer weiss, vielleicht bringt mich die Langeweile noch rechtzeitig um.

Ich hätte es dringend unterlassen müssen, überhaupt irgendetwas zu verlangen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales, Nicht kategorisiert

Eine Antwort zu “Restlos

  1. Die Plattitüden stimmen alle. NICHT!
    Es ist eine ganz verzweifelte Sicht, aber wir können durchaus unser Leben und Sterben gestalten, wenn wir es nicht anderen überlassen wollen.

    Eine wichtige Frage ist, das jeweilige Scheitern nicht nur mit Klage, sondern auch mit kritischer Rück-Sicht anzusehen: war ich wirklich entschieden?

    Ich erlebe so viele Halbherzigkeit, weil die Sorgen und Zweifel, weil das Versagen uns schon so eingetrieben wurde … oft von klein auf.
    Der Blick auf unsere früheren genialen erfolge und Zeiten kann die Art des betrachtens ändern, ohne etwas beschönigen zu wollen.

    Im Auf und Ab des Lebens hat die Achterbahn durchaus rasanten Kitzel …

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