Blümerant

Jederzeit stürzen Fluten herein. Die anderen überleben kaum. Aber ich permanent. Aus irgendeinem Grund glückt bislang die Flucht vor dem Hereinbrechen des Grauens. Modriger Stein. Verschüttete Häuser und Leute. Schlaglöcher und Verlust der Schwerkraft. Alle wollten irgendetwas unternehmen. Aber sie konnten aus irgendwelchen Gründen nicht. Es war zu spät. Oder zu früh. Etwas stimmte nie. An anderen Tag bemerkt man, wie ein Vogel im eigenen Zimmer sitzt. Ein kleiner Spatz. Dann bewegt man sich zur Tischlampe und macht das Licht an, und er ist weg. Es ist nie klar, ob er jemals existierte. Gleichzeitig, diese Empfindungen Überlebender zu sein. Die Kindheit überlebt. Die Familie überlebt. Jobs überlebt. Das Jobcenter überlebt. Staat und Kapital überlebt. Bis jetzt. All die wechselnden Ortschaften und Bekanntschaften, überlebt. Aber nichts hat getragen oder gefruchtet oder geerdet. Es war immer bestimmt vom Zerfall und Ruin. Von den Fehlern, Mäkeln und dem Ende. Es ist immer ein Ende abzusehen. Aber das Grauen wird nie vorbeigehen. Ohne finanzielle Unendlichkeit ist jeder Moment belastet und vergiftet, denn er kann nicht mehr ausgeweitet werden. Es ist nur Zufall, wenn ein Moment genossen wird. In gewisser Weise sitzt man als Passagier in einem Zug und sieht das glückliche Leben an einem vorbeiziehen, wie die Landschaft. Und niemand steuert diesen Zug. Aber es gibt tausende Abteile mit Leuten, die genauso gefangen sind, wie man selbst. Alle klagen ihr unlösbares Leid, welches nur durch den traumlosen Schlaf kurz unterbrochen wird. Bricht das Sonnenlicht die Nacht, werden die Passagiere erneut von der Gesellschaft gequält, weil das der Antrieb des Zuges ist. Und alles zieht vorbei. Die Zeit gerinnt und es ist so, als hätte man niemals gelebt. Urlaub ist für die meisten Menschen nur der deutlichste Beweis, dass sie den Rest des Jahres nicht vollständig auskosten. Sie wissen es insgeheim, wenn sie noch etwas empfinden. Aber in dieser falschen Welt, wird die Staublunge gegenüber dem Sandstrand vorgezogen. Es heisst, es ist unmöglich das Leben zu geniessen. Alles ist Schmerz und Qual. Es muss so sein, weil es immer so gewesen ist. Eine Tautologie, sowas zu behaupten, freilich, ohne irgendwelche Substanz. Völlig grundloses Leiden führt dazu, dass nur die Reichen in den Genuss jahrelanger Reisen an die Filetstücke der Welt unternehmen können. Sie essen von den besten Speisen, liegen in den größten Betten, liegen am längsten in der Sonne und lieben soviele Menschen, wie der Tag Sekunden hat. Sie können Beziehungen pflegen, zu sich selbst, zu allen und allem anderen. Sie können schreiben, musizieren, denken, dösen und flanieren. Sich neu einkleiden oder kochen oder diskutieren oder schwimmen oder singen und tanzen. Ausschlafen, herumalbern, spielen und essen. Sich Geschichten ausdenken, die sie verfilmen. Alles gehört ihnen. Es gibt keine Befehle mehr. Der Zwang ist verloren gegangen für sie. Für immer und ewig. Soweit eben das Bankkonto reicht. Diesen seltenen Kreaturen ist das volle Glück der Welt zuteil geworden. Ihr rätselhafter Aufstieg scheint für alle Passagiere im Zug unmöglich, weil der Zug zu schnell fährt und ein Ausstieg nur unter Lebensgefahr möglich ist. Gefangener zu sein bedeutet, die Gitterstäbe zu lieben. Es ist nichts möglich als Passagier. Es ist zu eng, zu klein, zu stickig, grau, rau und mau. Das permanente Unwohlsein kulminiert in Angst und Perspektivlosigkeit. Die einzigen Änderungen sind Wechsel zwischen den Abteilen im Zug. Aber der Zustand ist gleich. Alles zieht vorbei. Zieht weg. Nichts lässt sich halten oder vertiefen. Es gibt keine Ruhe. Es ist alles unterwegs und in Bewegung. Es gibt das Kommando des Personals. Und im besten Fall wird man selbst strafendes, bellendes Personal. Bezahlt. Aber nie genug. Eher zum Preis der letzten Reste Menschlichkeit. Und überspielt wird diese Grobheit mit allerlei bunten Schrott. Süßem Gift. Leise zieht das Gas in die Atemluft ein. Die Realität ist eine Unverschämtheit. Die Reichen sind die realen Superhelden. Man selbst liegt im Dreck. Kann kaum atmen oder denken. Es ändert sich nie was. Egal, ob man arbeitet oder nicht. Das alles ist Betrug. Und er setzt sich täglich erneut durch, weil jeder den Betrug für normal und vernünftig hält. Wer daran rüttelt, ist verrückt. Und tatsächlich, jeder wird verrückt gemacht. Es bleibt gar nichts anderes übrig. All das hat man nie gewollt. Man ist hineingeboren in Elend und wird dann davon mitgeschliffen. Der Zufall verteilt den Wohlstand und der Zufall nimmt Wohlstand. Der Zufall gebährt und erwürgt das Leben. Und nichts ergibt irgendeinen Sinn.

 

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