Monatsarchiv: September 2018

Restlos

Man kann sich seine Kollegen nicht aussuchen, seine Nachbarn nicht aussuchen, seine Eltern nicht aussuchen, seine Nation nicht aussuchen, seinen Tod kann man sich nicht aussuchen, seine Sprache auch nicht, den Körper oder Fähigkeiten auch nicht, die Lebensdauer auch nicht. Die eigenen Wege sind allesamt derart stark vorgezeichnet, dass es verrückt ist von einem freien Willen oder offen Möglichkeiten zu sprechen. Das eigene Leben ist nur ein Augenblick und voller missratener Vorstellungen. Die Plattitüden stimmen alle.

Ich habe keine Hoffnungen, Träume oder Erwartungen mehr. Ich habe nichts wofür ich noch leben könnte. Übrig bleibt nur noch der Verfall. Umsonst wurde gelitten, gekämpft und gelebt. Es gibt keine Trauer darüber. Alles ist stets gleich aussichtslos geblieben. Nie hat sich jemand ernsthaft für mich interessiert. Und mein Interesse ware ähnlich beschränkt geblieben. Es drängt sich der Abschied auf. Aber es ist unklar, wie er formuliert werden soll. Es gibt keine neuen Ziele. Es verzögert sich daher die Verabschiedung. Wohin soll die Reise gehen, wenn es keine Perspektive mehr gibt? Ich bin umnachtet von Müdigkeit und Schwindelgefühl. Das ist die einzige Konstante in meinem Leben, neben den Depressionen. Ich hatte nie geplant lange zu leben. Älter zu werden als ein Teenager, das war nicht vorgesehen, denn ich wusste nie wofür ich leben sollte. Und es ist mir bis heute nicht eingefallen. Es war immer klar, dass ich nicht zu dem gehöre, was sich Leben nennt. Über ein Jahrzehnt ohne irgendwelche bedeutenden, relevanten, tiefergehenden Bindungen zu verleben: Das ist etwas, was sonst nur Häftlinge erleben. Aber ich tat es mühelos im freien Alltag, dabei hatte ich stets das Gegenteil versucht. Unfähigkeit zu Existieren. Nichts ist daran komisch.

Hatte ich je eine Chance? Geboren in Westeuropa hätten die Chancen kaum günstiger sein müssen. Ich habe unzählige Menschen überlebt. Viele von ihnen waren talentierter, glücklicher und geselliger als ich. Die wenigstens hatten es verdient vor mir zu sterben. Aber sie starben doch, weil alles egal ist. Gibt es überhaupt die Möglichkeit das Leben ohne Suizid zu beenden? Vielleicht, wenn man vergisst wie grauenvoll man selbst und alles andere ist. Heute sind andere jung. Aber mit denen hatte man nie etwas zutun. Als man selbst jung gewesen war, hatte man gleichermaßen wenig mit den Alten zutun. So oder so hatte man niemanden etwas wirklich zutun. Wobei zutun, nicht mit bloßer Tätigkeit verwechselt werden sollte. Zutun, indem Sinne, dass man einander verstand und Halt gab. Man hätte sich insofern auch 10 Jahre früher aufhängen können, während andere schon zu ihrer Pubertät Gipfelstürmer sind.

Es ist klar, dass alles, was in den letzten 10-15 Jahren von mir kam, völlig unzureichend gewesen ist. Ich hatte unüberlegte Aussagen getroffen und auf deren Basis Entscheidungen für meinen weiteren Lebensweg getroffen, die mich nur tiefer ins Unglück und die Verzweiflung stürzen mussten. Unter glatter Absehung aller gesellschaften Bedingungen und mir innewohnenden Fähigkeiten, unterschätzte ich die Problemlage und überschätzte mich selbst. Nun ist es plötzlich eine Perspektive geworden, alles wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen und dem Vergessen zu überlassen. Ich habe mich auf die Suche begeben, brachte Mut auf, woandere längst aufgegeben hatten oder längst wussten, dass es aussichtslos ist und nur ein Irrer dem nachgehen würde. Ich fand in der Suche nur den Schein der Illusion, gesellschaftlich wie für mich persönlich. Ich habe mir Härten abverlangt, die völlig unnötig waren. Hätte ich nur ein Wort verstanden, von den Büchern, die ich andauernd zitierte. Über Jahre habe ich mir selbst vorgemacht, dass ich irgendeine Form von sinnvollen Einfluß auf die gesellschaftlichen Missstände nehmen könnte. Doch die Zeiten der Illusionen sind vorbei, zumindest für mich persönlich. Es bleibt kein Traum mehr übrig. Es hat sich ausgeträumt. Es geht zurück in die Maschinenfabrik. Ich muss mich meinem Schicksal fügen und genau das werden, was ich niemals sein wollte. Es hat nie eine Wahl gegeben. Wer hier zögert oder zaudert, verliert nur an Raum und Zeit im Konkurrenzkampf. Wer weiss, vielleicht bringt mich die Langeweile noch rechtzeitig um.

Ich hätte es dringend unterlassen müssen, überhaupt irgendetwas zu verlangen.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales, Nicht kategorisiert

Verschollen

Der ganze Stress führt nirgendwohin. Das Gerenne am Arbeitsplatz, an der Universität, an den Schulen. All das Geschrei im Parlament. Die Jagd um Profite. All das ist völlig umsonst. Im endgültigen Resultat geht alles ohnehin verloren. Nichts davon ist beständig. Irgendwelche Erwartungshaltungen haben dazu geführt, dass das Leben nur noch leer ist. Es dreht sich alles um nichts. Und dann ist es auch noch verkehrt. Man läuft beständig allem hinterher und probiert es zu korrigieren, aber es wird sowieso nie stimmen. All die Opfer, die gebracht wurden. Sie blieben unerhört. Der eigene Schmerz, das eigene Lachen, alles völlig unbedeutend. Milliarden Lebensformen nur Schatten im Universum. Angesichts der unermesslichen Sinnlosigkeit der Existenz, fragt sich nur, warum sich überhaupt noch jemand Ernst nimmt. Alles was man vermeintlich erkämpft, verliert man sowieso. Alte Erfolge sind blasse Erinnerungen, die genauso verschwinden, wie man selbst. Neue Erfolge werden bald genauso untergehen. Die Beliebigkeit in all dem, wer überlebt und später stirbt, wer sofort drauf geht oder nie geboren wird, zeigt einem, dass alles komplettes Chaos ist. Die singuläre Erscheinung von Leben, die man persönlich verkörpert, ist nur ein Punkt unter Milliarden, die völlig orientierungslos herumvibrieren. Was sollte man noch wollen? Es ist nichts unter Kontrolle. Alles kann sofort vorbei sein. In der Regel gehört einem nichtmal der Moment. Sobald man über ihn redet, ist er schon verflogen und ein nächster drängt sich auf, der völlig anders ist. Und gleichzeitig bleibt in der eigenen Rezeptionsfähigkeit der Eindruck, das alles ist immer gleich geblieben. Nur man selbst ist alt geworden. Es ist fürchterlich, dass die Zivilisation sich selbst etwas vormacht und darüber die Individuen quält. Wieso verlangt man uns ab nützlich zu sein, wenn es ohnehin unmöglich ist? Ist das Leben so unerträglich, dass man es mit sinnlosen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen befüllen muss? Ablenkungsmaßnahmen dieser Art werden ohnehin nicht wirken. Jedes Jahr bringt sich eine ganze Stadt von der Größe Frankfurt am Main um. Mehr sogar. Aber gleichzeitig kommen 135 Millionen Kinder auf die Welt. Es steht 135 000 000 zu 800 000 für das Leben. Aber die Statistik ist ungenau, weil voller Dunkelziffern. Manch einer stürzt sich von einem Kreuzfahrtschiff auf dem Weg nach New York, der Stadt der Städte, in das Weltmeer. Kurz vor dem Sonnenaufgang und gleichzeitig noch mitten in der Nacht. Viele Meter flog er vom fünften Deck. Ich frage mich, ob er es beim Aufprall in das eiskalte Wasser bereute. Jedenfalls entschwand der Mensch einfach so, als wäre er nie zuvor auf dieser Erde gewesen. Und was war das dann? Jahrelange Versuche in dieser Welt anzukommen. Aber die Welt wollte wohl nicht. Die Existenz ist durch die Gesellschaft lebensfeindlich gemacht worden und zugleich kann das eigene Überleben nicht ohne sie realisiert werden. Und so ist alles Leben zerstört und festgekettet an eine in der Regel unvollkommene Existenz. Meist würde man am liebsten ewig schlafen, aber auch das wäre frei von Glück. Es gibt keine Träume mehr.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Nicht kategorisiert

Ungeglaubter Glaube

Auf der einen Ebene wird Ordnung und Gehorsam verlangt.
Auf der anderen Ebene ist Chaos und Anarchie notwendig, um die gesamte Systematik am Leben zu erhalten. Beruflich wird also die Konformität verlangt, die erforderlich ist, um angestellt zu bleiben. Auf höherer Ebene im Rahmen des Unternehmens kalkuliert man mit dieser Angestelltenkonformität Gewinne, die allerdings selbst keine Rationalität besitzen, weil sie auf dem Glaubensmodell der Vernünftigkeit von Geld beruhen. Geld ist nichts weiter als ein Totem. Die gesamtgesellschaftliche Gläubigkeit gegenüber diesem modernen Totem führt dazu, dass die individuelle Existenz streng an die Versatzstücke dieser irrationalen Logiken gekoppelt ist. Doch über die Generationen hinweg, wurden immer wieder Purzelbäume geschlagen, um die Unvernunft doch irgendwie zu rationalisieren. Im Endpunkt realisiert jedes Individuum mit einem gewissen Widerwillen, wovon es ohnehin weiss, dass es Verlustrisiken in enormen Dimensionen garantiert.

Diese Rationalisierung, der gesamtgesellschaftlichen Irrationalität, hat sich zum Beispiel in der Form des Rechts einen der stärksten Ausdrücke überhaupt verschafft. Wer kann dagegen argumentieren? Es gilt als der Inbegriff der Vernunft, obwohl es erzwungenermaßen auf dem Staat beruhen muss, der wiederum auf Gewalt und Kapital. Kapital wiederum ist nicht möglich, ohne den Ausschluß aller Menschen von den Reichtümern, die sie selbst produziert haben, ohne die Spaltung der gesamten menschlichen Gattung, in Zahlungsfähige und Zahlungsunfähige. Lebensqualität bestimmt sich durch die Verwertbarkeit des Lebens insgesamt und nicht nach irgendwelchen Bedürfnissen des Individuums. Das Individuum ist nur als Subjektfunktion für Staat und Kapital gesellschaftsfähig. Die Mündigkeit beginnt und endet mit der Geschäftsfähigkeit. Das ist die einzige Art und Weise, wie das menschliche Leben im Kapitalismus überhaupt existieren darf.

Es wird permanent von der Familie, über die Schule, Universität bishin zum Berufsleben eine radikale Anpassung des Individuums an die gesellschaflichen Attribute befohlen. Wird nicht gefolgt, ist der soziale Abstieg sicher. Wird gefolgt, ist der Abstieg insofern sicher, alsdass man sich als Individuum nicht mehr entfalten kann. Die Entfaltung ist nur im Sinn der Kapitalakkumulation möglich. Der Untergang und die Krise ist also vom ersten Tag der Geburt an vorhanden. Es mag Ausnahmen geben, wo sich die Individualität trotz dieser Zustände entwickeln und entfalten kann, weil ein außergewöhnliches Talent für ein Instrument vorliegt oder die Familie sehr musikalisch ist oder dergleichen. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel: Es gibt keine Fluchtmöglichkeiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Wir sind mehr – vom selben Elend

Das ist besinnungsloser Betroffenheitskitsch, der den Musikern und dem Publikum ein gutes Gewissen einreden soll, obwohl sie überhaupt nichts gegen den postnazistischen Normalbetrieb unternehmen. Den Beweis bringen die Toten Hosen selbst, weil sie heute wie damals vor 25 Jahren nichts anderes betrieben haben als Ergriffenheitsprosa, welche ausschliesslich ergriffen sein will, aber nirgends jemals irgendwo eingreift. Das tut absolut keinem Weh, sondern im Gegenteil, es ist ein anfeuerndes Weiterso an die deutsche Volksgemeinschaft, die sich seit Jahrzehnten mit durchsichtigen juristischen Kniffen weigert Reparationszahlungen an die NS-Opfer zu zahlen. Es ging nur um Gefühle und keine Gedanken.

Bei tausenden Abschiebungen, tausenden Angriffen gegen Flüchtlingsheime, die Abschaffung des Asylrechts, die Abschaffung Menschenrechte der Migranten sowie Flüchtlinge, sowie Abschottung der Bundesrepublik und EU sagte keine Stadt, keine Band, kein Bürger nein! Und als der NSU aufflog war genauso Totenstille im Land! Fast so als würde man heimlich zustimmen.

Und jetzt plötzlich, als das Ansehen der Wohlfühlbürger in der nationalstaatlichen Zwangsgemeinschaft bedroht zu sein schien, entbrannte ein „lauter“ Aufschrei totaler Symbolpolitik, die mit inhaltsloser Quantität ihre antiintellektuellen Phrasen drischt: „Wir sind mehr!“ Mehr wovon? Mehr von der gesamtgesellschaftlich anerkannten deutschen Volksgemeinschaft, die in ganz rechtsstaatlicher Manier Menschen in Todeszonen abschiebt und dem sicheren, stillen, kostengünstigen, und effizienten Ableben überlässt. Frei.wild hat übrigens einen Song namens „Wir sind viele“.

Daher betont der deutsche Pilz vom Dienst, Campino, es gehe nicht um einen „Kampf links gegen rechts“. Vielmehr ginge es darum, „dass man nicht allein ist“, wie Kraftclub Brummer anmerkt. So als wäre der Staat und das Kapital nicht genauso dafür verantwortlich wie das unmündige Individuum, dass Menschen unter Drohung der sozialen Vernichtung als atomisierte Subjekte allein im Konkurrenz- und Leistungskampf am jeweiligen Wirtschaftsstandort bestehen müssen. Ministerpräsident Kretschmer dankt den beiden Nationalmusikanten daraufhin jedenfalls eilig für ihr Engagement. Frank-Walter Steinmeier, der gerne glücklich mit antisemitischen Hinrichtungsweltmeistern wie Hassan Ruhani in den Armen liegt, segnete folgerichtig mit sozialdemokratischer Mythenbildung die öffentliche Onanie der Zwangsgemeinschaftsinsassen ab.

„Wir stehen hier für Einigkeit, Recht und Freiheit“, brachte es ein Hofberichterstatter am Ende des Livestreams von #Wirsindmehr Chemnitz auf den Punkt. Das „Zeichen für Toleranz“ ist ein Zeichen für Deutschland. Es ist ein stolzes Zeichen im Sinne einer Ergebenheitsgeste für das deutsche Vaterland, welches notwendig Rassismus, Faschismus und Antisemitismus hervorbringen muss.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Blümerant

Jederzeit stürzen Fluten herein. Die anderen überleben kaum. Aber ich permanent. Aus irgendeinem Grund glückt bislang die Flucht vor dem Hereinbrechen des Grauens. Modriger Stein. Verschüttete Häuser und Leute. Schlaglöcher und Verlust der Schwerkraft. Alle wollten irgendetwas unternehmen. Aber sie konnten aus irgendwelchen Gründen nicht. Es war zu spät. Oder zu früh. Etwas stimmte nie. An anderen Tag bemerkt man, wie ein Vogel im eigenen Zimmer sitzt. Ein kleiner Spatz. Dann bewegt man sich zur Tischlampe und macht das Licht an, und er ist weg. Es ist nie klar, ob er jemals existierte. Gleichzeitig, diese Empfindungen Überlebender zu sein. Die Kindheit überlebt. Die Familie überlebt. Jobs überlebt. Das Jobcenter überlebt. Staat und Kapital überlebt. Bis jetzt. All die wechselnden Ortschaften und Bekanntschaften, überlebt. Aber nichts hat getragen oder gefruchtet oder geerdet. Es war immer bestimmt vom Zerfall und Ruin. Von den Fehlern, Mäkeln und dem Ende. Es ist immer ein Ende abzusehen. Aber das Grauen wird nie vorbeigehen. Ohne finanzielle Unendlichkeit ist jeder Moment belastet und vergiftet, denn er kann nicht mehr ausgeweitet werden. Es ist nur Zufall, wenn ein Moment genossen wird. In gewisser Weise sitzt man als Passagier in einem Zug und sieht das glückliche Leben an einem vorbeiziehen, wie die Landschaft. Und niemand steuert diesen Zug. Aber es gibt tausende Abteile mit Leuten, die genauso gefangen sind, wie man selbst. Alle klagen ihr unlösbares Leid, welches nur durch den traumlosen Schlaf kurz unterbrochen wird. Bricht das Sonnenlicht die Nacht, werden die Passagiere erneut von der Gesellschaft gequält, weil das der Antrieb des Zuges ist. Und alles zieht vorbei. Die Zeit gerinnt und es ist so, als hätte man niemals gelebt. Urlaub ist für die meisten Menschen nur der deutlichste Beweis, dass sie den Rest des Jahres nicht vollständig auskosten. Sie wissen es insgeheim, wenn sie noch etwas empfinden. Aber in dieser falschen Welt, wird die Staublunge gegenüber dem Sandstrand vorgezogen. Es heisst, es ist unmöglich das Leben zu geniessen. Alles ist Schmerz und Qual. Es muss so sein, weil es immer so gewesen ist. Eine Tautologie, sowas zu behaupten, freilich, ohne irgendwelche Substanz. Völlig grundloses Leiden führt dazu, dass nur die Reichen in den Genuss jahrelanger Reisen an die Filetstücke der Welt unternehmen können. Sie essen von den besten Speisen, liegen in den größten Betten, liegen am längsten in der Sonne und lieben soviele Menschen, wie der Tag Sekunden hat. Sie können Beziehungen pflegen, zu sich selbst, zu allen und allem anderen. Sie können schreiben, musizieren, denken, dösen und flanieren. Sich neu einkleiden oder kochen oder diskutieren oder schwimmen oder singen und tanzen. Ausschlafen, herumalbern, spielen und essen. Sich Geschichten ausdenken, die sie verfilmen. Alles gehört ihnen. Es gibt keine Befehle mehr. Der Zwang ist verloren gegangen für sie. Für immer und ewig. Soweit eben das Bankkonto reicht. Diesen seltenen Kreaturen ist das volle Glück der Welt zuteil geworden. Ihr rätselhafter Aufstieg scheint für alle Passagiere im Zug unmöglich, weil der Zug zu schnell fährt und ein Ausstieg nur unter Lebensgefahr möglich ist. Gefangener zu sein bedeutet, die Gitterstäbe zu lieben. Es ist nichts möglich als Passagier. Es ist zu eng, zu klein, zu stickig, grau, rau und mau. Das permanente Unwohlsein kulminiert in Angst und Perspektivlosigkeit. Die einzigen Änderungen sind Wechsel zwischen den Abteilen im Zug. Aber der Zustand ist gleich. Alles zieht vorbei. Zieht weg. Nichts lässt sich halten oder vertiefen. Es gibt keine Ruhe. Es ist alles unterwegs und in Bewegung. Es gibt das Kommando des Personals. Und im besten Fall wird man selbst strafendes, bellendes Personal. Bezahlt. Aber nie genug. Eher zum Preis der letzten Reste Menschlichkeit. Und überspielt wird diese Grobheit mit allerlei bunten Schrott. Süßem Gift. Leise zieht das Gas in die Atemluft ein. Die Realität ist eine Unverschämtheit. Die Reichen sind die realen Superhelden. Man selbst liegt im Dreck. Kann kaum atmen oder denken. Es ändert sich nie was. Egal, ob man arbeitet oder nicht. Das alles ist Betrug. Und er setzt sich täglich erneut durch, weil jeder den Betrug für normal und vernünftig hält. Wer daran rüttelt, ist verrückt. Und tatsächlich, jeder wird verrückt gemacht. Es bleibt gar nichts anderes übrig. All das hat man nie gewollt. Man ist hineingeboren in Elend und wird dann davon mitgeschliffen. Der Zufall verteilt den Wohlstand und der Zufall nimmt Wohlstand. Der Zufall gebährt und erwürgt das Leben. Und nichts ergibt irgendeinen Sinn.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales