Unglück

Ich räume die Wohnung auf. Es ist eigentlich ein Wohnklo. Ich stosse auf Erinnerungen. Bemerke welche Niederlagen ich schon hinter mir habe. Ich wünschte, ich hätte eine große Wohnung mitten in der Natur. An einem See oder einer Küste. Und ich könnte in den Tag hinein leben. Etwas lesen und schreiben. Gut essen. Hin und wieder interessante und leichte Gespräche führen. Ausschlafen. Keine Ängste irgendeiner ernsthaften Art haben. Einfach nur leben.

Aber es ist zuviel verlangt. Es ist zu teuer. Es gibt keinen Weg dorthin. Es ist zugestellt. Ich bin seit Ewigkeiten traurig darüber. Ich habe soviel probiert über all die Jahre. Nichts hat funktioniert. Blankes Scheitern. Ich sehe beim Aufräumen der Wohnung, was ich alles schon probiert habe. Welche Härten ich hinnahm, weil mir Leute dieses und jenes rieten. Und auch als ich mich selbst beriet, geriet ich wie immer von einer Illusion in die nächste. Es hört nie auf. Und gleichzeitig wäre das alles nicht weiter schlimm, wäre man finanziell unabhängig.

Doch diese Unabhängigkeit tritt nie ein. Ich muss nun wahrscheinlich meine letzte Hoffnung beerdigen. Meine letzte Idee für mich, wie ich hätte glücklich werden können. Einfach, weil sie nicht funktioniert. Ich habe es lange vor mir hergeschoben. Ich konnte das tun, weil mich niemand gestellt hat. Und das war nicht gut. Ich hätte mindestens vor 18 Monaten die Reissleine ziehen müssen. Ich war dort bereits erledigt. Aber aufgeben gilt nicht. Es musste ja weitergehen. Als ob das Studium noch irgendetwas bedeuten könnte.

Ich habe in dieser Wohnung keine Erinnerungen angesammelt. Eher Schmutz und Ruinen. Und es kann alles noch schlimmer kommen als es ohnehin schon ist. Es sieht gut danach aus, dass es schlechter wird. Es gibt keine erdenkliche Perspektive mehr. Keine Stadt, keinen Beruf, keine Menschen und kein Geld mehr. Ich stehe vor dem absoluten Nichts. Und gleichzeitig habe ich immer in diesem Nichts gelebt. Ich war erfüllt davon. Man kann sagen, ich war nie etwas anderes. Keine Talente, keine Interessen, keine Gedanken, keine Gefühle, nicht einmal die Fähigkeit zu kochen ist da. Es klingt banal und ist doch so tragisch.

Man kann es lernen, man kann es ändern, es gibt Hoffnung, heisst es dann immer wieder. Aber das heisst nicht, dass es jemals passiert. Illusionen und Wunschvorstellungen fühlen sich gut an, haben aber keine Realität. Außer vielleicht, dass man sich etwas vormacht. In Wahrheit ist man vom guten Leben soweit entfernt wie der Planet Saturn von der Erde. Und es gibt keine Möglichkeit diese Distanz zu reduzieren. Es gibt einfach nichts. Und das hält keiner aus. Also muss wie verrückt gearbeitet, Sport getrieben, gefeiert, gehetzt, geleugnet und gelogen werden.

Als ich früher Brücken abriß, glaubte ich zu wissen, dass es für etwas Bedeutendes ist. Ich dachte, ich wäre fähig, mir etwas aufzubauen, was in sich absolut gütig, vernünftig, schön, herrlich und glücklich wäre. Aber ich kann meinem Schicksal genauso wenig eine günstige Wendung geben, wie dem Leben anderer. Ich bin allem hoffnungslos wehrlos ausgeliefert. Der Zufall spielt einem hin und wieder Gelegenheiten zu, aber dann ist man nicht vorbereitet oder fähig. Also läuft es doch auf dieselbe Ohnmächtigkeit hinaus. Endlos kann man darüber diskutieren, aber es ändert sich nichts.

Es ist wie ein Mantra, aber gleichzeitig die faktische Realität: Es bleibt alles wie es ist und gleichzeitig verändert sich alles. Ich möchte nicht mehr zurück in das klassische Berufsleben. Aber ich wüsste nicht, wo ich sonst arbeiten sollte. Ich finde es falsch zu arbeiten. Aber so wie ich in dieser jetzigen kleinen Wohnung hause, kann man das nicht mehr Leben nennen. Es hat keinen Stil. Und gleichzeitig wäre es stillos der Lohnarbeit nachzugehen, schliesslich ist sie prinzipiell falsch. Diese ausweglose Lage vertieft und erweitert sich, je länger meine Entscheidung in einer Erstarrung liegt.

Ich wüsste nicht, wie ich mich refinanzieren sollte. Meine Existenz ist bedroht. Sie wird immer bedroht sein. An die Drohungen kann man sich selbst als gequälter Leib nicht gewöhnen. Wenn auf Narbengewebe herumgestochen wird. Schmerzt das doppelt. Es ist schrecklich, dass auf Verletzungen immer weitere Verletzungen folgen. Ich muss wie durch ein Wunder aus dem Nichts neue Kräfte gewinnen. Ich muss Ideen gewinnen, die ich nie hatte. Aber wie soll das gehen? Es gibt keine Quelle dafür. Jetzt wo ich meine Berufung verloren habe, wird es kein Licht mehr geben.

Ich muss mich die ganze Zeit verstellen und auf den Kopf stellen, um mich zu refinanzieren. So wird es laufen. Andernfalls werden staatliche und familiäre Institutionen über Jahre auf mich einprügeln. Entweder ich lasse mich vom Berufsleben verprügeln oder eben von Familie und Staat. Prügel wird es immer geben. Man kann sich nicht entziehen. Es gibt nur den Lottogewinn, der das könnte. Und den gewinnt man nie auf Befehl und auch sonst nicht. Ich habe verloren. Ich habe vermutlich so gut ich konnte gekämpft. Aber ich habe verloren. Ich hatte es einfach nicht drauf. Es steckte nicht genug in mir, um das alles auszuhalten und zu bewältigen.

Es ist so grauenhaft, dass man sein ganzes Leben eine jämmerliche Kreatur bleiben wird. Egal, was man unternimmt. Ohne absolutes Glück, wird man immer im Sumpf der dumpfen, stumpfen, dummen, schädigenden Lohnarbeit stecken bleiben. Es gibt einfach keinen Raum mehr für das Denken, Lernen, Schreiben, für die Kunst und die Freiheit. Es ist vorbei. Endgültig. Es schnürrt einem die Luft zum Atmen zu. Es gibt kein Entrinnen. Das scheinen die Menschen generell zu spüren, also lassen sie es lieber gleich. Es ist unheimlich obszön aus Gründen gegen die Realität der sozialen Verhältnisse zu sein. Das größte Tabu aller Zeiten bleibt daher unangetastet. Mir verschlägt es immer wieder die Sprache.

Es ist zu überdimensional, zu dynamisch, zu bösartig und gefährlich, dieses gesellschaftliche Monster in das wir alle involviert sind. Es zermalmt uns in Sekunden, wenn wir nicht konform gehen. Das ist die Drohung des Sozialen Abstiegs. Es wird sovieles aus blanker Angst getan. Aber das macht alles nur noch schlimmer. Und das Grauen wächst. Es zertrümmert doch immer mehr. Ich sehe keinen Ausweg. Die gesellschaftlichen Interessen werden stets triumphieren und sie sind längst von den Menschen internalisiert worden, sodass die gesamte Rezeption der Realität als harmlos oder vernünftig eingeschätzt wird. Die täglichen Katastrophen werden dann zu Fußnoten der Fortschrittsgeschichte erklärt.

Aber es gibt überhaupt keine glaubwürdige und beweisbare Sicherheit, dass der Fortschritt überhaupt existiert und auch im Sinne von uns allen das Leben verbessert. Fortschritt heisst heute vornehmlich, dass die Bedingungen für die Kapitalverwertung verbessert werden, während die Lebensbedingungen des Menschen sich immer weiter eingeschränkt werden. Dadurch wachsen Umweltkatastrophen genauso wie Zukunfts- und Existenzängste. Die psychischen und physischen Erkrankungen aufgrund von Lohnarbeit wachsen genauso wie die Überstunden, die in den Betrieben zu leisten sind. Gleichzeitig wächst die Schere zwischen armen Menschen und reichen Menschen.

Es gibt keine einzige Partei oder politische Organisation weltweit, die den Kapitalismus als ganze fundiert kritisiert und abschaffen will. Alles was sich in dieser Richtung bewegt ist in der Regel völlig vulgär, antiintellektuell und scheitert schon daran, den Kapitalismus überhaupt korrekt zu beschreiben. Der Forschungsstand ist aber auch nicht sehr einfach zu rezipieren. Selbst Marx hat unzählige Fehler gemacht und bis heute streitet man sich darüber, was der Wert überhaupt sein soll. Die ungeklärten Fragen machen es extrem schwierig, überhaupt eine andere Welt zu erreichen. Wenn man nicht weiss, wo das Problem genau liegt, kann man es auch nicht lösen. So einfach ist das.

Das Verhängnis reproduziert sich also auf globalen wie lokalen, auf gesellschaftlichen wie individuellen Ebenen immer weiter. Und ich spüre diesen Riss der durch die gesamte Welt geht sehr genau. Ich spüre ihn so sehr, dass ich es kaum noch ertragen kann. Ich spüre ihn so sehr, dass ich nicht mehr weiss, was ich denken oder tun soll. Ich habe nicht die nötige Ruhe diese ganzen Probleme anzugehen. Es ist einfach zuviel. Die blanke Überforderung übermannt die meisten Menschen, die auf ähnlichen Pfaden wie ich wandeln. Depressionen sind da nicht selten. Viele hören nach dem Studium oder Anfang 30 mit diesen Überlegungen auf. Denn sie bringen nichts mehr als Verluste, Niederlagen und Schmerzen ein.

Gleichzeitig macht diese Überforderung vorallem aus, dass ich permanent an meine Leistungsgrenze komme. Ich bin nicht in der Lage die theoretische Komplexität zu realisieren, die der Kapitalismus bedeutet. Es gibt ein paar Wissensinseln. Aber sie laden eher zu Missverständnissen und Irrtümern ein. Mit diesem lückenhaften Wissen werde ich niemals irgendwas erreichen. Und ich habe soviel investiert wie ich konnte. Aber ich bin offenkundig einfach zu dumm, um einen entscheidenden Unterschied machen zu können. Ich kann nicht in bahnbrechender Form die Brutalität der Normalität auf den Punkt bringen. Aber das ist notwendig, um dem Alltagsbewusstsein zu einer Reflexion zu verhelfen.

Ich weiss nicht woher ich dieses geistige Vermögen bekommen soll. Und ich weiss auch nicht, woher ich das finanzielle Vermögen bekommen soll, um daran zu arbeiten. Die einzige Möglichkeit ist, sich in das Sozialhilfesystem zu begeben und die Prügel von Staat und Familie in Kauf zu nehmen, um dann im Rahmen dieser relativen Armut hoffentlich den maximal verfügbaren Zeit- und Arbeitsaufwand in dieser Richtung betreiben zu können. Aber es ist unheimlich leicht von der Fahrbahn bzw. dem Ziel abzukommen. Ich verzettele mich. Und Irrtümer fallen oft erst viel zu spät auf. Es gibt kaum Leute mit denen man darüber sprechen könnte. Es kann gleichzeitig auch keine vernünftige Perspektive sein, sich absichtlich in Zukunftsängste hineinzustürzen. Aber was bleibt übrig?

Der akademische Betrieb ist hoffnungslos vom Kapital unterminiert. Forschungen werden im Prinzip vom Zahlungsgeber ad absurdum getrieben. Man beisst schliesslich auch nicht in der Wissenschaft die Hand von der man gefüttert wird. Also muss das Schwerste unter größten persönlichen Opfern vorangetrieben werden, mit dem Risiko, dass nichts dabei herauskommt. Wer kann das wollen? Warum sollte ich das machen? Es gibt nichtmal den leisesten Beleg oder die kleinste Ahnung, dass ich etwas besser könnte, was andere, wesentlich Begabtere nicht längst schon geleistet haben. Gleichzeitig ist es mir ein Rätsel, wie das, was bereits über diese Probleme geschildert wurde, den Leuten nicht bereits genügte, um das politische und wirtschaftliche System zu überwinden.

Es ist die nächste große Schelle der Gesellschaft an mich, dass es bereits genug bedeutende Bücher gibt, die es auf den Punkt brachten. Und trotzdem hat sich nichts geändert. Weder absolute Katastrophen wie Tschernobyl, Fukushima oder Deepwater Horizon änderten etwas an den Verhaltensweisen der Menschen. Es gab ein kurzes Aufschrecken und dann ging es weiter. Verantwortlich soll immer irgendjemand anderes sein. Aber den Preis zahlen wir alle, obwohl er zu hoch ist. Wer weiss wie hoch die Dunkelziffer der Gesamtschäden an Menschen, Tieren und Umwelt durch unser Wirtschaftssystem tatsächlich ist. Ich bin so hoffnungslos, weil weder Worte noch Katastrophen die Menschen zu einem Umdenken bewegen.

Die Ignoranz ist so gewaltig geworden, dass man nicht einmal mehr inmitten dieser Menschen leben und arbeiten kann. Die Menschen haben dem Kapital eine derartige Macht verliehen, dass keine Nische mehr übrig geblieben ist. Ich weiss nicht, was man darüber noch sagen soll. Spricht man das an, wird es oft relativiert. Aber es ist offensichtlich, dass die Gesellschaft nicht immer freier wird. Insbesondere wenn man sich global umsieht. Gleichzeitig macht Europa eine Menge Rückschritte. Sogar Frankreich bekämpft mittlerweile durch Macron Gewerkschaften. Es gibt keine nennenswerte Gruppierung an Menschen, die dem Einhalt gebietet. Es gibt keine nennenswerte Kritik auf der Höhe der Zeit mehr. Und alles ist Schweigen und Vergessen.

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Eingeordnet unter Emotionales, Gesellschaft

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