Witjastiefe

Es gab mal einen Jungen, der sich im Alter von 14 Jahren den Messerstichen seines gewalttätigen Vaters und Säufers entgegen warf, um der eigenen Mutter das Leben zu retten. Die Mutter starb. Der Junge überlebte lebensgefährlich verletzt mit Stichen in die Lunge und das Herz. Der Vater begeht Selbstmord im Gefängnis. Der Junge war ein Überlebender. Aber verloren. Er lehnte jede Hilfe ab. Er bevorzugte die Nähe der Bäume. Sie stehen im Freien. In ihnen sah er sich selbst. Er sagte, dass die Bäume so einsam sind wie er selbst. Sie stehen für sich allein. Und niemand beachtet sie. Also schlief er dicht unter dem Himmel auf Baumkronen. Der Junge wurde nur 17 Jahre alt. Er erfrohr eines Nachts auf einem dieser Bäume, die inmitten seiner Nachbarschaft standen. Zwischen Grundschule, Kindergarten und Sportanlage hing er dort wochenlang verstorben fest. Als man ihn fand, hielt man ihn zunächst für eine Puppe. Die Mumifizierung hatte längst eingesetzt. Doch der Tag geht weiter. Die Fußball-WM wird gefeiert und die Boshaftigkeit des Alltagslebens zelebriert. Die kollektive Verdrängung läuft auf Hochtouren heiss. Der Sommer ist heiss. Man ist heiss auf die nächste Runde im Kapitalbetrieb, egal wieviele Menschen dadurch verheizt werden.

Es gibt unzählige solcher Lebensgeschichten, wie die des Jungen, und die Brutalität des Soziallebens scheint sich nur sehr relativ zurückzuziehen. Es scheint eher, dass sie nur abstrakter und damit noch giftiger wird. Niemanden fällt ein Gegenmittel ein. Es ist wie es ist. Unter Experten gibt es endlose Diskussionen. Die Krankenkassen bauen ihre psychotherapeutischen Möglichkeiten nicht so massiv aus wie es nötig wäre. Der Junge hätte gerettet werden können. Die instabilen sozialen Bedingungen führten über Jahre zu einer immer spitzer werdenden Abwärtsspirale. Kein Mensch wollte oder konnte diese Dynamik unterbrechen, weil es sich finanziell nicht lohnt Menschen zu helfen.

Es wird Menschen in dieser Welt nur insoweit geholfen, wie es dem Kapital nützlich scheint. Diese Schicksäler zeigen, dass wir alle nur aus purem Zufall nicht genauso unter dem aktiven Wegsehen der Zivilisation traumatisiert, zerstört und ruiniert wurden. Andererseits erhalten wir freilich Subformen dieser Qualen und was noch nicht ist, kann zu größeren Grauen werden. Da könnte man sofort mit dem Schicksal der Flüchtlinge weitermachen. Jeder kann Flüchtling werden. Es braucht nur einen Krieg oder Verlust der Lebensqualität im Geburtsland. Krisen hat es immer gegeben und sie brechen über uns hinein wie Unwetter, obwohl wir sie augelöst haben müssen. In Deutschland ruft man diesbezüglich: „Absaufen! Absaufen!“ Das wird nicht nur aus blankem Rassismus gerufen, sondern auch, weil man keine weiteren Konkurrenten am Arbeitsmarkt oder Arbeitsamt ertragen möchte. Es wird nicht an die eigene Verantwortung für den gesellschaftlichen Irrationalismus erinnert oder gar gerüttelt, sondern das gesellschaftliche Elend in den Schicksälern der Ärmsten und Schwächsten unter der Sonne personalisiert und delegiert. Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, die Genese der Gesellschaft zu begreifen und bereiten genüßlich neue Schandtaten gegen Minderheiten vor. Und das unter den Augen der Opfer der letzten Schandtaten. Die Überlebenden des Holocaust erleben, wie die Deutschen regressiver und aggressiver werden. Europa rückt nach rechts. Es graut einen davor. Insbesondere, weil niemand dagegen ernsthafte Ideen hat.

Der Amokschütze von Las Vegas hatte wahrscheinlich um sich geschossen, weil er wie ein Verrückter um seinen Lebensstandard fürchtete und alles in Kasinos verspielte. Er begann plötzlich generell zu hassen, was ihn über Jahre vermögend und scheinbar unabhängig machte. Aber er war nie frei. Er hatte das Grauen der Welt in sich aufgenommen und sein braver Konformismus schlug in jene Destruktion um, die generell von der Gesellschaft u.a. mit irrationalen Produktivitätszwängen gegenüber allen Individuen ausgeht. Jeder kann jederzeit vernichtet werden, wenn er nicht genug arbeitet. Und ohne Geld ist das Leben inexistent. Die Dummheit und psychischen Erkrankungen vom Las Vegas Schützen mussten unzählige Opfer mit ihrem Leben bezahlen. Niemand hat das kommen sehen. Das Grauen bricht über uns alle hinein. Immer und immer wieder. Die Menschen tun sich und gegenseitig bewusst eine Menge grauenhafter Dinge an. Aber was ist mit den Tauschakten, die unbewusst die Karten im Sinne des Wertgesetzes neu mischen und unkalkulierbare Konsequenzen für das Bewusstsein und das Leben der Menschen hat? Die Tauschabstraktion ist heute gleichbedeutend mit der Denkabstraktion. Denke ich, so bin ich Kapital.

Jeder ist nur Mensch auf Probezeit. Die psychosozialen Zerstörungen sind längst und global Volkssport und Volkskrankheit. Der Missbrauch, die Vernachlässigung und Marginalisierung der Unschuldigen, Jüngsten und Schwächsten passiert einfach mit endlosen Wiederholungen und einer fast institutionellen Eigengesetzlichkeit. Dagegen ist man offenkundig unlängst abgestumpft, sonst würde ja irgendwer dagegen mobilisieren. Aber es ist egal geworden. Alles ist egal geworden. Alle scheinen nur noch mit letzter Kraft den Anschein von Interesse und Empathie bewahren zu wollen. Nach dem Motto: „Seht her, ich bin eventuell unzufrieden.“ Aber das ist freilich nicht zwingend oder stichhaltig oder überzeugend genug. Es gibt also einfach keine politische oder soziale Bewegung, die die tiefgreifende Verwüstung erfasst, die die Gesellschaft in uns anrichtet. Es sind nicht nur Einzelschicksäler, Amokläufe und Attentate, die problematisch sind. Es sind die Millionen, die an Hunger und Elend starben. Es sind die Millionen, die aufgrund von Lohnarbeit starben. Es sind die Millionen, die keinen Zugang zu sauberen Wasser, gesunden Lebensmitteln und liberaler Bildung haben. Es sind die Millionen, die unter dem Klimawandel leiden. Es sind unzählige Leidensformen, die von unserer Gesellschaft ausgehen. Die allerdings in ihrer Dimension unausgesprochen sich in immer neuen Kleidern weiterentwickeln.

Aber was soll ich sagen? Ich blicke in mich hinein und sehe auch nichts weiter als Elend, Unvollständiges, Verkommenes und sogar diese unerträgliche Gleichgültigkeit. Ich will nicht so sein, aber das ist aus mir geworden in all den Jahren. Stets denke ich, dass ich soviele Prüfungen und Berufsjahre hinter mich gebracht habe. Es müsste auf dieser Grundlage völlig natürlich sein, dass ich wüsste, wo es lang geht. Ich müsste soviel gelernt haben. Ich müsste ein echter Bescheidwisser sein. Dabei waren all diese Jahre nur blinder Gehorsam. Erst gehorchte ich nur den familären Befehlen, widerwillig. Dann den schulischen, dann den beruflichen. Immer widerwillig. Widerwilligkeit bedeutet aber nicht, dass man irgendeine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Widerwille ist einfach nur destruktives Dagegensein und entwickelt sich dann später etwas begründeter mit einer Kritik an den Verhältnissen. Aber es ist immer nur eine negative Bestimmtheit. Es ist nie autonom vom Problemzusammenhang. Die eigene Zerrissenheit speist sich jeden Tag über die Verbindung zur Gesellschaft neu ein.

Über die Jahre spielt sich die Routine ein und es wird Normalität zu gehorchen, ohne, dass irgendein Befehl ertönt. Die Befehlsstruktur der Gesellschaft wurde internalisiert. Aber gleichzeitig produziere ich in mir selbst unklare Imperative. Was soll ich beruflich eigentlich ausüben, wenn alle Optionen schon gescheitert sind? Ich habe tausende Inserate von Firmen durchforstet. Eine handvoll Inserate klangen zumindest so, dass ich nicht schon vor dem ersten Arbeitstag bereits Depressionen bekam. Aber ich entspreche nicht den notwendigen Qualifikationen. Ich bin dadurch sowieso unerwünscht. Ich bin unnützes Human Kapital. Ein reines Verlustgeschäft für diese Gesellschaft. Und ich bin dementsprechend himmelweit entfernt von irgendeiner beruflichen Perspektive, die mich nicht ruiniert. Ich kann nur überleben, wenn ich mich in einem Beruf ruiniere, der mir nichts bedeutet. Dementsprechend verzweifelt sieht die Lage nach einer beruflichen Perspektive aus.

Verzweiflung ist niemals ein guter Ratgeber. Aber in all den jüngeren Jahren hat es nie eine andere Ausgangssituation gegeben. Es war immer eine Angstentscheidung für oder gegen einen bestimmten Weg. Bestimmte berufliche Träume erscheinen aufgrund meiner Herkunft oder meinen ökonomischen und kulturellen Möglichkeiten viel zu kühn. So kühn, dass ich nicht einmal hineinwachsen kann. Der Vorsprung der Anderen ist uneinholbar. Und der Vorsprung ist auch berechtigt. Sie konnten sich mit Freude zu Maschinen abrichten, ohne komplett verrückt zu werden. Oder verstecken sie das alles nur in einer gewissen sozialen Verträglichkeit? Mir ist diese ungeheure Leistungsfähigkeit und -willigkeit unerklärlich und gleichzeitig unheimlich. Diese Gewissheit mit der sich diese Menschen als Leistungsroboter einem irrationalen Prinzip opfern, gründet sich auf keiner vernünftigen Aussage. Aber sie sind sich so sicher, dass sich ihr Opfer am Arbeitsplatz lohnt. Völlig unabhängig davon, ob sie oder ihr Kollege am nächsten Tag entlassen wird. Es geht einfach auf zum nächsten Stepstone in der Karriere. Merken sie nicht, dass diese Verausgabung an diesem Punkt der Geschichte längst obsolet geworden ist? Sie rennen auf einem Laufband, treten auf der Stelle und die Energie, die sie produzieren, verpufft.

Es gibt also leider nur Chancen für das Spitzenfeld. Die Durchschnittlichen müssen sich mit der Massenware an Berufen begnügen und müssen für diese unendlich lange und täglich bluten. Der Schrecken liegt hier in der enormen Langeweile, die in tausenden Facetten überraschend auftritt. Die Herausforderung nicht an einem Burnout zugrunde zu gehen und dabei auch noch zu lächeln, teamfähig, flexibel und belastbar zu bleiben, wird zum Lebensinhalt. Alles was als Lebenswert gelten kann, wird dann in kleine Raucher- und Mittagspausen verlegt. Man schimpft ein bisschen über den Chef und die Politiker, und glaubt, dass man selbst den Überblick und die Kontrolle hat. Aber in Wahrheit wird man den ganzen Tag vom wertverwertenden Prinzip über den Tisch gezogen, was man selbst und Milliarden andere Menschen bewusst-bewusstlos in Kraft gesetzt haben. Bei all den Überstunden und intensiven Arbeitssituationen bleibt keine Kraft, Lust oder Geist für Hobbys übrig. Demnach gibt es keine tiefgreifenden Beziehungen mehr. Alles ist oberflächlich, austauschbar, beliebig, haltlos, stumpf, emotionslos, gedankenlos und es gibt keinen Ausweg. Das Leben entgleitet einem und ehe man sich versieht ist man zu alt, um zu rebellieren.

Ich bin heute an einem Punkt an dem ich schon vor 10 Jahren gewesen bin. Die Zeit hat überhaupt nichts verändert. Ich bin nur schwächer und älter geworden. Ab sofort wird es von Jahr zu Jahr schlimmer. Es gibt keinen Grund etwas anderes zu behaupten. Es ist purer Realismus. Ich betrachte das ganz nüchtern. Egal wie mies die Gedanken sind, ich blicke direkt in den Abgrund. Ich habe alles gesehen, was soll mir noch passieren? Auch wenn die Ängste irrational sind und einen immer wieder überlisten. Am Ende entscheide ich. Und es gilt für mich zu beobachten, wie das alles zugrunde geht. Was für idiotische Aussichten.

Ich habe mir genau angesehen, wer sich die letzten Jahre selbst umgebracht hat und wie die Reaktionen waren. Es waren viele schöne und talentierte Menschen darunter. Sie hatten teilweise enorme finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie waren äußerst beliebt. Hatten Familie und Kinder. Sie konnten alle erdenklichen Projekte realisieren. Sie hatten in vielen Fällen also alles, was ich nicht hatte. Es wird bei Depressionen davon ausgegangen, dass die Neurotransmitter ihre Funktion vermindern und damit auch die gedanklichen Fähigkeiten sich reduzieren. Wenn mich etwas ausgezeichnet hat, dann, dass ich unermüdlich Grüble. Ich denke nie etwas großartiges, aber ich muss ständig über alles nachdenken. Ich bin äußerst traurig darüber, dass diese Menschen sich umgebracht haben. Sie hatten alle einen Lebenslauf, der Hoffnung, Zuversicht und Glück vermittelte.

Ich komme zu dem Eindruck, dass die Gesellschaft über kurz oder lang die Mehrheit der Menschheit bricht. Manchmal ist der Bruch so tief, dass kein Gedanke mehr ausreicht, um das damit verbundene Leiden zu erfassen. Ich habe immer die Befürchtung, dass mir das passiert. Aber wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe, halte ich es für wahrscheinlich, dass das Nachleben noch schlimmer ist. Es gibt keinen Ausweg. Das muss man aushalten. Es ist die eigene Verwicklung, die mit der Geburt initiert wird. Manche haben Glück und können stabil aufwachsen. Aber das ist ein seltenes Glück. Und auch Kinder von reichen Eltern sind mit Belastungen und Erwartungen konfrontiert, die schlicht unbegründet sind. Gleichzeitig rettet einen es einen sehr oft, dass die Gleichgültigkeit auftritt. Es ist dann nicht so heroisch, dass man tapfer dem Elend der Welt entgegentritt, sondern, zynische, verachtende und dumme Gleichgültigkeit. Das Ignorieren sämtlicher Brutalitäten soweit es nur irgendwie geht. Das ist aus meiner Sicht der Anfang von Verdrängungsprozessen, die wiederum das Grauen der Gesellschaft verewigen.

Wenn man nur überleben kann indem man nur noch egoistisch auf sich schaut, dann ist man vollständig von den gesellschaftlichen Verhältnissen aufgesaugt. Die Transformation zum menschlichen Monster ist dann abgeschlossen. Ich habe Angst, dass die Gleichgültigkeit in mir zu diesem Abschluß heranwächst. Aber mir fällt kein Mittel dagegen ein. Außer eben, sich von klassischen Berufen fernzuhalten, weil sie diesen unmenschlichen Prozeß beschleunigen. Es ist in all den Jahren nie ein Wunder aufgetreten, dass alles zum Positiven geändert hat. Ich habe im Spiel, was man Leben nennt, verloren. Immer wieder. Jeden Tag. Jahrelang. Man kann sagen, dass das alles Selbstmitleid ist. Ein bisschen ist da sicher dran. Ich habe schon als Baby stundenlang geschrien. Keiner wusste warum. Ich habe noch nicht den Gipfel des Grauens erreicht. Es fehlen noch ernste körperliche und seelische Erkrankungen, Überschuldungen, Pfändungen, der Verlust letzter zwischenmenschlicher Kontakte und die Obdachlosigkeit.

Aber soweit weg ist das nun alles nicht mehr, weil sich keine berufliche Perspektive denken lässt. Es ist einfach unmöglich geworden. Das kann ich auch niemanden verständlich machen. Es ist so als wäre ich von der Welt ausgesperrt worden und gleichzeitig erscheint es so, als hätte ich das selbst ausgelöst. Ich habe mich von der Welt ausgesperrt, weil ich es wollte und weil die Welt es konnte. Jeden Tag verenden Menschen in diesen Extremsituationen. Es ist dramatisch und gefährlich. Aber es gibt keine sicheren Rezepte dafür. Es ist eben auch eine Ausnahmesituation, nur, dass sie bei mir schon mehr als mein halbes Leben anhält. Meine Texte zeugen davon.

Es lässt sich gegen den Negativtrend nur bedingt gegensteuern. Die gesamte Prägung meiner Persönlichkeit geht von einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft aus, die den Menschen zu einem funktionellen Anhängsel degradiert. Ich bin im unklaren darüber, warum ausgerechnet ich das persönlich nehmen musste und dagegen vorgehen wollte. Es muss an einem sinnlosen Gerechtigkeitsanspruch liegen, den niemand relativieren wollte. Es war von vornherein ein Irrtum, dass ich etwas ändern könnte. Ich konnte nicht einmal dafür sorgen, dass ich eine Perspektive in dieser Gesellschaft habe. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Selbst wenn ich mich komplett ergebe und dem alten Beruf nachgehen würde, wüsste ich, dass ich es keinen Tag aushalte. Ich wäre auch kein nützlicher Mitarbeiter mehr, denn ich bin von Zweifeln zerfressen. Ich bin wütend. Ich weiss, wie falsch das Prinzip der Lohnarbeit ist. Aber es verschlägt mir die Sprache darüber zu reden. Es ist zu gewaltig. Nichts von dem ergibt einen Sinn, weil ich nicht verstehe, wie die Menschheit dorthinein geraten konnte. Wie soll sie jemals dort wieder herausgelangen? Und alle anderen scheinen davon keine Notiz zu nehmen oder sind einfach nur glückliche Verdränger. Es ist mir ein Rätsel.

Bin ich oder sind die anderen verrückt geworden? Ich habe die Nase voll mir diese Frage zu stellen. Aber der Alltag stellt diese Frage immer wieder von neuem und wirft sie mir vor die Füße. Ich kann die Blamage nicht mehr verbergen. Es wird zu harten Brüchen kommen und dann gibt es nur noch die Weite des Abstiegs. Es gibt keine Rettung. Niemand schenkt einem was. Das wird es dann gewesen sein. Ich möchte nichts mehr sagen und nichts mehr hören. Ich möchte nicht verwickelt sein in dieses Verhängnis. Es ist mir nie gelungen daraus zu kommen oder mich zu arrangieren. Das Leiden war immer da und oft unerträglich. Es gibt keine Möglichkeit das weiter zu konkretisieren. Es würde nur in endlosen Erklärungen ablaufen. Es müssten tausende Bücher verfasst werden und doch wäre es nicht genug. Meine Sprache genügt nicht mehr, um es auf den Punkt zu bringen.

Ich dachte, ich würde mich zum positiven entwickeln. Aber es gibt mit wachsenden Lebensalter keine gleichzeitige wachsende Glückseligkeit. Und Weisheit genausowenig. Es gibt Unmengen an Ablenkungen, Zerstreuungen und Trash. Aber nichts essentielles, substanzielles, worauf man bauen könnte. Nichts bietet Sicherheit. Ich bin der Welt hoffnungslos und wehrlos ausgeliefert. Ich fürchte mich vor den neuen Schlägen, Schikanen und Erniedrigungen. Ich werde nicht mehr die Kraft haben, sie auszuhalten. Ich würde mich gerne davon abwenden und davonlaufen. Aber es gibt keinen Ort, wo ich sicher wäre. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre es anderswo sogar noch teurer, schmerzhafter, schwieriger und gefährlicher. Ich kann mir kaum vorstellen wie hoch das Leid bei Menschen sein muss, denen es noch schlechter als mir ergeht. Ich weiss nicht, ob sie der Tragweite der Ursachen ihres Leidens nachspüren können. Ab einem bestimmten Punkt schliesst sich der Verstand wahrscheinlich ab. Dann treibt man nur noch wie ein Stück Holz im Ozean ab.

Es gibt Millionen Deutsche um einen herum, aber es fallen einem kaum 100 Deutsche ein mit denen man gerne zusammenarbeiten möchte. Sicher, vielleicht kennt man sie nicht alle. Aber wer tut sich denn mit bemerkenswerten hervor? Wo ist eine besondere Individualität am Werk, die sich durch ein emphatisches Interesse an den Menschen und der Gesellschaft auszeichnet? Intellektuelle oder Kreative sind so selten in der deutschen Öffentlichkeit. Und wenn, dann sind es biedere Schwätzer, eitle Fatzken, gierige Proleten mit einem dünnen Kleitchen von angelesenen Halbwissen. Oder es sind ausgemachte Faschisten, Rassisten, Sexisten, Antisemiten, kurz eine Bagage an autoritären Charakteren. Warum? Warum ist das alles so unglaublich langweilig und schrecklich? Ich mache mir riesige Sorgen darüber. Diese Verkümmerung der Debatten und Diskussionen. Dieses endlose schreiende Schweigen überdröhnt alles. Es blutet mir aus den Augen und Ohren raus. Unerträglich. Und dann soll man sich dem ergeben, weil es sowieso immer schon entschieden ist. Muss man denn ein Genie, ein Wunderkind, ein Wahnsinniger sein, um der Welt ein Quentchen Lebensfreude abringen zu können?

Ich denke, dass ich eine Überdosis Gesellschaft abbekommen habe. Es gab keine Pausen von der Gesellschaft. Sie schlug rücksichtslos auf mich ein. Sie übertrug mir mit der Sprache falsche Ideen und wollte mich damit zu einem gefügigen Ding machen. Sie manipulierte, bezirzte, belohnte und bestrafte mich und überlies mir gleichzeitig die Illusion eines freien Willen. Das ganze Leben in Käfighaltung, sollte die Ecke in diesem Käfig von mir frei gewählt sein. Diese Entdeckung ist auch schon über 10 Jahre alt. Sie hat zu nichts geführt, weil es keine Fluchtmöglichkeiten gibt. Die Gedanken laufen im Kreis. Als ob sie immer schon dazu bestimmt waren.

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