Running out

Running out of money. Running out of ideas. Running out of youth. Running out of perspectives. Der Griff lässt nach. Es ist eindeutig, dass sich die eigenen Ideen ohne bestimmte monetäre Mittel nicht realisieren lassen. Es fehlen gesellschaftliche Strukturen, um diese Mittel zu erlangen und sich selbst eine Perspektive zu erarbeiten. Gleichzeitig belächelt jeder die Ideen, die bohrende Fragen stellen und aufzeigen wollen, wie alles anders sein könnte. Ist es das falsche Land oder die falsche Zeit oder bin ich falsch? Ist wirklich alles zu begraben, was hervorgehoben gehört? Die soziale Realität besteht aus irgendeinem ideologischen Molekül, welches das leise und langsame Ersticken aller an ihr rüttelnden Gedanken und Taten vollzieht. Wer etwas in dieser revolutonären Absicht wagt, verliert. Gleichzeitig gibt es unter den Wagemutigen kaum Solidarität. Sie beäugen sich misstrauisch und werfen sich beim leisesten Verdacht sofort gegenseitig aus dem Bekanntenkreis. Der informelle Austausch kommt auf die eine oder andere Art immer zum Erliegen. Das Vergessen greift um sich, keiner nährt die Erinnerung, deutet auf spannende Gedanken hin. Es wird still. Bedrohlich still. Jeder Fußtritt und jedes Husten wird zur Bombe. Wenn keiner spricht, kann keiner zuhören. Wenn keiner zuhört, wird keiner mehr sprechen.

Das gesamtgesellschaftliche Schweigen über die blinden Flecken der Realität zu brechen, muss da größte Tabu aller Zeiten sein. Wenn Menschen sich schon nicht dafür interessieren lassen, dass die Umwelt systematisch durch sie zerstört wird, wie soll es dann erst mit ihrer Beteiligung der gesellschaftlichen Selbstzerstörung der Menschen stehen? Die Heilung von Krebs ist gar nichts gegen die Abschaffung des Kapitalismus. Der Kapitalismus ist der Vater aller Probleme. Es ist die größte Lüge in der Geschichte der Menschheit und sie wird von den meisten willig geglaubt oder hingenommen. Es muss so sein, weil es immer so gewesen ist.

Meine Rat- und Perspektivlosigkeit existiert, weil die Gesellschaft rat- und perspektivlos ist. Es gibt keine politischen oder ökonomischen Visionen mehr. Alles was erzählt wird ist erzreaktionär. Es löst keine sachlichen oder inhaltichen Probleme. Es verlagert sie in die Zukunft und dadurch werden sie größer. Deshalb ist das Schweigen der Gesellschaft zu ihren Problemen eine Art kollektives Verdrängen, welches ohrenbetäubend ist. Aber es betäubt auch die Fantasie. Wie soll sich das ändern? Keiner wagt sich eine Vorstellung zu machen. Es gibt auch kein Interesse, die Funktionsweise der Gesellschaft zu betrachten. Nicht einmal unter den sogenannten Experten. Das ist schon eine Seltenheit, wenn letztere sich damit beschäftigen. Es gilt bereits als mutig, die Genese der Probleme zu betrachten und zu äußern.

Die Zeit läuft nicht nur für mich ab. Sondern für uns alle. Der Klimawandel lässt sich offenbar nicht mehr aufhalten. Täglich entstehen neue irreparable Schäden. Es lohnt sich bald nicht mehr eine Familie zu gründen. Eine Familie ist schon jetzt ökonomisch sehr teuer. Man konnte kaum sich selbst zu einem Menschen herausbilden, weil soviel gearbeitet werden musste. Kaum ein Klassiker der Weltliteratur wurde gelesen oder begriffen. Wer spielt noch Instrumente? Wer beherrscht Tanzschritte? Wer schreibt wirklich gute Bücher? Man fragt sich wo die Freude in der Öffentlichkeit entschwunden ist? Gab es sie jemals? Ich kann mich nicht erinnern. Die Realität scheint nur noch mit verschiedenen Fetischen aushaltbar zu sein. Fixierungen auf Geld, Arbeit, Drogen und dergleichen geben den Leuten Halt in einer haltlosen Gesellschaft. Aber sie sind verloren. Sie wissen nicht was sie tun.

Wenn kein einziger Unternehmer sagen kann, was aus seinen Waren wird, dann spekuliert er nur und seine Spekulation kostet Menschenleben. Er produziert ins Blaue hinein. Die Ungewissheit über die Dynamiken der Tauschgesellschaft, deuten darauf hin, dass wir keine aufgeklärte Gesellschaft sind. Das ist so als würde jemand Dinge essen, ohne ihren Inhalt zu kennen. Die Konsequenzen sind unabsehbar. Es wird nicht vernünftig darüber gesprochen, was die Mängel unserer Zeit ausmachen. Und es ist so tragisch, dass sich diese Mängel wiederholen, ausweiten und Menschen ruinieren und umbringen. Tag für Tag. Man sieht sich das an und ist geschockt. Ich bin seit über 15 Jahren nur noch geschockt. Diese Schockstarre ist vergleichbar mit einer Totenstarre. Ich bin demnach nicht wehrhaft. Ich bin leicht von A nach B zu verfrachten. Ich kann in einen Sumpf geworfen werden und würde untergehen, ohne zu zucken. Die Erstarrung aller Lebensregungen, die nicht profitabel sind, macht aber auch einen Teil dieser Starre aus.

Wer erlaubt sich schon den törrichten Gedanken, der nichts einbringt? Selbst jene, die hinter die Fassade der Gesellschaft blicken, können das nur beiläufig tun. Sie müssen in ihrer Freizeit tun, was nicht einmal in Vollzeit zu schaffen ist. Es gibt keine finanziellen Mittel für diese Überlegungen. Und untereinander ist man zerstritten oder missversteht sich. Keiner hat alles gelesen. Keiner liest genug. Keiner vermittelt, was in den Büchern steht. Und wenn doch, dann nur oberflächlich. Es ist unmöglich zu lösen. Es ist zu teuer, zu gefährlich, zu undankbar, zu deprimierend und zu einsam. Am Ende schreibt und liest und diskutiert man nur für sich selbst. Es ist eine Art Privatvergnügen sich mit den Plagen der Moderne herumzuschlagen. Am Ende ist man selbst schuld. Man hätte eine Karriere haben können, wenn man nicht an allem zweifeln würde. Man hätte ein normales Leben leben können, wenn man nicht soviel Zeit und Geld und Nerven damit verschwendet hätte, die Gesellschaft als irrationalen Zusammenhang zu kritisieren. Und so wird man auch geopfert oder so opfert man sich selbst.

Das Gefühl umsonst zu leben ist also ziemlich real. Nicht nur für die Kritiker, sondern vorallem für die Konformisten. Alles geschieht im Prinzip ohne ihre Einwilligung. Sie sind immer nur Anhängsel. Sie müssen nachvollziehen, was bereits geschehen ist. Wer diese Entwicklungen eigentlich auslöst, bleibt ungeklärt. Die soziale Realität geschieht und es ist den meisten völlig egal, warum oder ob sie vernünftig ist. Sie wird stumpf übernommen und sich irgendwie zurechtgelogen oder zusammengereimt. Es gibt sowieso niemanden, der den Leuten in ihrem Alltagsbewusstsein widerspricht. Wer sollte das auch tun? Sowas ist selten und außerdem unprofitabel. Also streut keiner Zweifel an der Vernünftigkeit dieser sozialen Realität. Und so kann jeder seine eigenen Zweifel leichter als obszönen Luxus oder übertriebenen Irrtum verwerfen. Und dann ist wieder eine Generation verheizt.

Wenn selbst das größte Opfer, was man bringen kann, nicht annährend groß genug ist, um eine sinnvolle Kritik zu leisten und zu transportieren, dann weiss man, was Verlorenheit bedeutet. Die Machtlosigkeit und Ohnmacht steigert sich von Jahr zu Jahr, je mehr verloren gegangen ist und geopfert wurde. Man wird zum Alien. Niemand kann mehr nachvollziehen, worum es eigentlich mal ging. Es wird immer komplizierter. Und die Vermittlung scheitert schon beim ersten Satz. Wo soll man auch anfangen, wenn alles falsch ist? Jeder Konzern, jeder Staat, jedes Kapital, jedes Geldstück, jedes Individuum ist Teil des Verhängnisses, des gesamtgesellschaftlichen Irrationalismus der Wertverwertung, die sich über die Summe der Handlungen aller Individuen in einem quasi automatischen Gesamtsubjekt auftürmt und darüber entscheidet, wie das alles sich entwickeln wird. Die Ohnmacht der Leute kommt über die Ermächtigung gesellschaftlicher Prinzipien ins Haus, die nicht von den Leuten nachhaltig auf Vernünftigkeit geprüft wurden.

Aber jetzt erklär mal den Menschen, dass ihr Leben verkehrt ist. Sie dürfen nicht einfach nur aufhören mit Zucker, Nikotin, Alkohol, was schwierig genug ist, um gesund zu sein, nein, sie müssten im Prinzip ihre gesamten Verstandeskategorien hinterfragen. Soetwas passiert im Normalfall nur, wenn man verrückt wird. Und das ist auch nicht gesund. Also ist es einfach unwahrscheinlich, dass jemals irgendwer irgendwen davon überzeugen kann denn Inhalt der Alltäglichkeit zu prüfen und zwar auf seine ökonomische und politische Irrationalität, weil die Komplexität irre hoch ist und sich permanent verändert, weil keiner die Zeit, die Nerven, das Geld hat, um sich das in allen Farben und Argumenten anzuhören. Es gibt schlicht keinen Grund einen Willen gegen die falschen Zustände zu entwickeln, außer natürlich, man lässt sie tatsächlich an sich herankommen und zeigt sich z.B. davon beeindruckt, dass täglich Menschen verhungern während Millionen Tonnen frischer Lebensmittel im Müll landen.

Dann erinnert man sich, dass es herausragende Glücksfälle in der Geschichte gab, wo es doch ein paar Individuen gab, die in der Lage waren, die Unmengen an Informationen zu vernehmen, zu reflektieren und zu vermitteln. Ihre Erscheinung war von einer derart unerhörten Seltenheit, dass man sie prompt missverstand, verriß und bekämpfte. Selbst dann also, wenn es Individuen gelingt, durch Zufall, Begabung und Glück, diese ganzen Problemlagen zu erfassen und zu bekämpfen, dann sind sie allein auf weiter Flur. Und selbst bei ihnen gibt es Mängel. Es ist auch nur allzu menschlich, sie zu haben. Aber sie führen auch wiederum zu endlosen Problemen. Nichts klärt sich endgültig. Das muss nicht tragisch sein, wenn das Wesentliche erfasst ist. Aber auch das, gelingt einfach nicht. Das Scheitern über die Erkenntnis der Realität, treibt also jede Sekunde neue grausame Blüten. Alles wird schlimmer und alle jammern. Außer, dass es immer wird, ändert sich nichts. Die Menschen sind der Gesellschaft ausgeliefert, obwohl sie sie selbst hervorbringen.

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