Running in circles

Das Leben in einer Sackgasse mag sicher auch in meiner persönlichen Verantwortung liegen. Ich war stets unfähig. Es gab kein herausragendes Talent. Keine Disziplin. Kein enormes Interesse in Irgendetwas. Die Gewöhnlichkeit erstickte mich und war zugleich die größte Konstante. Das ist nicht dramatisch. Durchschnittlich zu sein bedeutet vornehmlich auch gesund zu sein. Man kann unerkannt in der Masse mitschwimmen und den geringsten Widerstand suchen.

Vielleicht ist die Frustration darüber kein erfülltes Leben zu führen, vornehmlich in der eigenen Unfähigkeit zu finden, dass man es nicht vermochte, dem Leben etwas abzugewinnen. Diese Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem war immer da. Und die legte sich nur kurzfristig beiseite, wenn die Gesellschaft mit irgendetwas drohte. Wahrscheinlich hätte irgendwann an einem bestimmten Wegpunkt im Leben nur ein einziges Detail geändert gehört und alles wäre ideal verlaufen.

Allergisch zu sein gegen sich selbst und das Leben insgesamt hat nur Nachteile. Man kann nicht zurück und nicht vorwärts. Steckengeblieben in irgendeiner ungewollten Situation wird der Alltag bewältigt. Oder eher: Man lässt sich vom Alltag überwältigen. Die Realität gibt einem keine Wahl. In der Medizin wurden Jahrhunderte Menschen falsch behandelt. Sie nahmen das hin, starben oder litten Jahrzehnte. In der Gesellschaft insgesamt ist es auch so. Nur halten sich die Innovationen im Gegensatz zur Medizin in Grenzen.

Menschen leiden sehr häufig völlig sinnlos. Wenn Menschen aus Schlampigkeit oder genereller Unfähigkeit nicht zuhören oder bestimmte Informationen einfach nicht weitergeben, dann kann dadurch Leid entstehen. Die falsche Medikation. Die falsche Ideologie. Schon stirbt oder leidet ein Mensch. Fast zufällig entscheidet sich also, ob jemand ruiniert wird oder ob er erfolgreich ist. Das gilt nicht nur im sozialen Milleu, sondern auch körperlich. Fehlt ein bestimmtes Vitamin oder wird es schlecht verarbeitet, verändert sich der ganze Hormonhaushalt, Stoffwechsel, die Sauerstoffzufuhr und schliesslich die Art und Weise, wie ein Mensch denkt und empfindet. Depressive Menschen haben durch inaktivere Neurotransmitter auch eine reduzierte gedankliche Leistungskraft. Ihre fehlenden Gedanken führen zu fehlender Vorstellungskraft und damit auch die Fantasie, um ihrer Depression zu entkommen. Wird zuviel vom legalen Koffein konsumiert, werden die Organe erschöpft und Müdigkeit tritt auf. Und die Müdigkeit und Organerschöpfung können bei fortgesetzten Koffeinkonsum zu einem völligen Zusammenbruch des Organismus führen.

Ich frage mich, wieviele Gewalttaten durch solche winzigen Details begünstigt wurden. Das falsche Essen, ein schlechter Zuhörer, ein mieser Ratgeber, eine geliebte Illusion, eine falsches Argument und schon geht das Leben den Bach runter. Es geht so schnell. Und es gibt keinen Schutz davor. Das Leben wächst einem über den Kopf. Sobald die Jugend nachlässt erscheint das Leben wie eine konstante Bedrohung. In meinem Fall war das Leben immer eine Bedrohung. Aber heute kann ich mir absolut keine Illusionen mehr darüber machen, wie früher. Es kann jede Sekunde vorbei sein. Gleichzeitig hat man kaum eine Möglichkeit diese geringe personfizierte Lebendigkeit, die man darstellt, in irgendeiner Form zu bewahren. Es gibt klägliche Versuche von der gesunden Ernährung bishin zum Ausschlafen. Aber gestorben wird immer.

Die eigne Vergänglichkeit betont unüberhörbar, dass jede Entscheidung, die man trifft, womöglich die letzte sein könnte. Es kann im wachsenden Lebensalter immer weniger korrigiert, relativiert oder neu begonnen werden. Alles türmt sich auf, wie ungewaschenes Geschirr. Es bleibt keine Zeit den Gedanken nachzuhängen und neue Tätigkeiten genau abzuwägen. Die Gesellschaft bedroht einen ständig. Sei fordert Aktion im Sinne des Kapitals. Früher deuteten die alten Griechen das Gewitter als den Zorn der Götter. Heute fürchtet man sich vor dem Zorn des Kapitals, ohne näher bestimmen zu können, wie diese Irrationalität überhaupt in das Leben gekommen ist. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit wird immer deutlicher. Und man kann so wenig dagegen tun. Man ist dem Leben ausgeliefert.

Ich weiss nicht wie ich weitermachen soll. Es ist ein Satz und eine Haltung, die schon mein ganzes Leben erfüllt. Es gibt diese enorme Ratlosigkeit gegenüber dem, was sich vor mir und in mir abspielt. Was soll das alles? Ich bin so irritiert vom Leben. Ich kann dem keinen Sinn abringen. Würden nicht soviele Menschen leiden, könnte man darüber lachen. Es wird keine Änderung geben. Es wird nur der bohrende Zweifel bleiben. Das Leiden zeugt die Brüchigkeit und Unvollkommenheit des Lebens. Ich könnte es aushalten, dass ich unvollkommen bin, dass ich nichts mit mir anzufangen weiss. Aber, dass der Rest der Welt genauso unvollkommen ist zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Sie wissen alle nicht, was sie tun. Sie tun einfach nur so als ob. Völlig gleichgültig, ob dies das Chaos und Leid noch vergrößert. Was in der Medizin grundsätzlich undenkbar ist, ist im Sozialen völlig normal und sogar gefeiert.

Über allem trohnt immer die Arbeit und das Geld. Das muss stimmen, dem muss man nachlaufen und wenn dabei alle Menschen und Tiere verbrennen. So ist das halt. So war es schon immer. Seit meiner Kindheit wird der Regenwald gerodet. Hat dagegen wirklich jemals effektiv etwas unternommen? Nobody cares, life goes on. Die Gleichgültigkeit in mir kam von der sozialen Umwelt um mich herum. Sie sagt immer das Gleiche: Egal ob Flüchtlinge ertrinken, Amokläufe passieren oder Menschen verhungern. Nobody cares, life goes on. Augen zu und durch, das wird schon irgendwie. Aber nein, es wird nichts. Es wird schlimmer. Anschläge folgen auf Anschläge. Armutsberichte folgen auf Armutsberichte. Die Angst vor der nächsten Rechnung folgt auf die Angst vor der Existenz, worauf die Angst vor dem eigenen Scheitern folgt. Es gibt keine Hilfe und keine Rettung und keine Hoffnung. Niemand drückt das aus. Niemand leistet diese Hilfe, Rettung und Hoffnung. Aber noch viel mehr wäre nötig als das, denn es fehlt auch an Verstand. Das ist das grauenhafteste Moment daran. Die ganze Intelligenz der Gesellschaft opfert sich irrationalen Motiven. Wie konnte das nur soweit kommen?

Ich zähle die Jahre, die ich in dieser Wüste überlebt habe. Und ich habe viel vergessen von dem Leid, was ich mir und was mir andere zugefügt haben. Anders war und ist es wohl nicht auszuhalten. Aber das Vergessen macht dumm, es lindert die Wut und reizt den Verstand nicht dazu an, etwas dagegen zu unternehmen. Den geringsten Widerstand zu gehen, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Und warum sollte man daher nicht das höchste Risiko eingehen, wenn man sowieso jederzeit sterben kann? Der reine Zufall hat einen auf die Sonnenseite des Weltballs geworfen. Die erste Welt ist Europa. Hier herrscht ein Wohlstand wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Und doch ist es nicht genug. Und doch halten sich die Menschen kaum selbst aus. Ich bin darüber zutiefst irritiert. Ich bin völlig erschüttert. Ich kann nicht klar darüber nachdenken. Mir scheint, dass all die Jahre in der Gesellschaft irgendeine Art von Trauma ausgelöst haben. Die Gesellschaft prügelt jeden Tag auf einen ein, ob man will oder nicht. Das hat nicht nur Kopfschmerzen zur Folge. Man gewöhnt sich dran. Andererseits auch nicht, es prägt einen, es verzehrt einen, es beschmutzt einen. Ich fühle mich wie ein Boxer in der letzten Runde. Mehrfach zu Boden gegangen, kurz vor dem K.O. Aber es war schon immer so. Der letzte Schlag kam noch nie.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Emotionales

2 Antworten zu “Running in circles

  1. Danke für dein Schreiben, ich kann es grade sehr gut nachfühlen. Es geht im Augenblick sehr vielen Leuten so, und ich habe den Eindruck, es ist ein „Engpass“ für Viele, sich so kraftlos zu fühlen, wie im Moment vor der Geburt, wenn alles enger wurde und die Veränderung unvorstellbar.

    Und dann ist es egal, ob es Wut oder Liebe wird, die dich befreit, wenn du raus gehst … die „Anständigkeit“ der Angst in dieser Gesellschaft ist die größte Lähmung, die uns die Nazis hinterlassen haben. Und diffuse Angst wird sozial vererbt …

  2. Hat dies auf nachkriegskinder rebloggt und kommentierte:
    ein „Engpass“ für Viele, sich so kraftlos zu fühlen, wie im Moment vor der Geburt, wenn alles enger wurde und die Veränderung unvorstellbar.

    Und dann ist es egal, ob es Wut oder Liebe wird, die dich befreit, wenn du raus gehst … die „Anständigkeit“ der Angst in dieser Gesellschaft ist die größte Lähmung, die uns die Nazis hinterlassen haben. Und diffuse Angst wird sozial vererbt ….

    Die Angst und die Scham waren die wichtigsten Mittel, mit denen die Nazis regierten, und sie konnten auf den alten kaiserlichen Militarismus bauen: Gehorsam, Strafen … Strafen bis zum Exzess, Todesstrafe und Geiseln unter den WiderstandskämpferInnen.

    Der massivste widerstand in Griechenland wird heute noch verschwiegen: „UNSER“ Verhältnis zu Griechenland ist nach endlosem Ausplündern immer noch die Verweigerung der Anerkennung dieser Verbrechen und einer akzeptablen Wieder-Gut-Machung. Wie bei den Herero …

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