Es wird ganz fürchterlich

Täglich wache ich im selben Alptraum auf. Was soll ich mit dem Leben noch anfangen? Alle bisherigen Versuche, sich eine neue Realität vorzustellen, sind kategorisch gescheitert. Egal, ob ich bescheiden oder größenwahnsinnig überlege: Es kann nicht funktionieren. Der Alltag ist nicht zu verarbeiten. Es reissen ständig neue Probleme, Gefahren und Ängste auf. Ich bemühe mich sehr, tapfer zu sein. Aber es gibt keinen Grund weiterzumachen. Andererseits scheint nur ein winziges Detail zu fehlen, was alles glücklich wenden könnte. Aber, wie soll das aussehen? Ist es tatsächlich so, dass ich mir selbst keine Chance geben will? Andererseits wache ich tatsächlich jeden Morgen auf und kann eine enorme Leere und Frustration spüren. Ist völlig klar, dass jeder neue Tag eben nicht neu ist. Es wird nicht nur alte Katastrophen geben, die sich wiederholen, sondern auch neue. Und nie, weiss man, wie man sie lösen soll. Es bleibt einfach liegen.

Die ganze Zeit improvisiere ich. Ich flüchte mich von einer Insel zur nächsten. Aber jede geht früher oder später unter. Wie soll ich mich da entwickeln? Das ganze Leben ist eine Flucht nach vorn. Gezwungen dies und jenes zu tun. Andererseits gibt es auch kein Ende, wenn man still steht. Wenn man sich einsperrt und auf das Ende wartet. Es kommt nämlich einfach nicht. Es gibt keine Gnade. Die Fahrt geht weiter. Ich weiss nicht wer die Kontrolle über meine Realität hat. Wahrscheinlich niemand. Irgendetwas hätte sich vor vielen Jahren günstig wenden müssen und es ist nicht passiert. Es ist klar, dass es tragisch enden wird. Glück wird nicht eintreten. Das hat die Erfahrung gezeigt. Ich habe tausende Seiten geschrieben und keine Idee entwickeln können, wie ich mich im Leben erfreulich wiederfinden könnte.

Die Erschöpfung vor dem wirtschaftlichen und politischen System, vor sich selbst, vor dem, was vor und hinter einem liegt, prägt mich. Ich finde mit diesem Zustand keinen Ort an dem ich sein darf. Ich bin immer ein Störfaktor geblieben. Ein teures Ärgernis, was scheinbar aus reiner Boshaftigkeit nicht produktiv sein kann. Aber wofür soll man auch produktiv sein? Für das eigene Überleben, ja, sicher. Aber wenn man überlebt, ist es auch nicht besser. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Je mehr man vergisst oder verdrängt, desto mehr verliert man sich selbst. Verlust ist allerdings auch notwendig. Es ist üblich. Es ist klar, dass das eigene Leben irgendwann komplett verloren geht. Daher die Frage:

Wofür lebt man? Für Momentaufnahmen? Die Momente ziehen allerdings sehr schnell vorbei. Sie können nicht ausgekostet werden. Man kann einen Kuss nicht festhalten. Oft wollte ich an einen bestimmten Moment zurück und ihn unendlich erweitern oder verändern. Jeder Moment ist so flüchtig. Die Konzentration ist mir abhanden gekommen. Ich kann die Momente nicht mehr auskosten. Viele Momente sind auch egal geworden, weil sie nichts besonderes darstellen. Der Alltag ist voll mit Elend, Gleichgültigkeit und Berechnungen anderer. Ich würde gerne flüchten. Aber wohin? Es gibt keinen Ort, der vollkommen ist. Und es gibt ohnehin keine Mittel sich auf die Suche danach zu machen. Am Ende schleppt man die Frustration sowieso überall mit hin.

Ich habe den Eindruck, dass es täglich schlimmer wird. Je älter man wird desto weniger kann man sich verteidigen. Man ist den Schrecken der Realität noch intensiver ausgeliefert. Wobei man immer ausgeliefert war, nur kann man als Jugendlicher leichter ignorant sein und darüber hinwegsehen als würde es einen gar nicht penetrieren. Durchsetzt von der grausamen Gesellschaftlichkeit bildet man im jungen Alter sich trotzdem ein, eine Differenz von dem darstellen zu können, was seinen ausmacht. Das ist eine Wahnvorstellung. Geboren als Soldat des Staates und des Kapitals wird man auch so leben und sterben. Da gibt es keine Spielräume. Die Vergesellschaftung hat sich total vollzogen. Kein Atom ist mehr frei. Es gibt nur noch in Zufällen oder Träumen etwas ähnliches wie Freiheit. Andererseits, wie soll Freiheit definiert sein, wenn man nie Freiheit erlebt hat?

Oft lebt man ohne Grund weiter. Tage werden ohne Berechtigung begonnen und vollendet. Es passiert einfach wie eine Katastrophe. Man kann sich irgendwas zusammenreimen. Aber letztlich ist es nicht logisch, vernünftig und rational zu rechtfertigen, was passiert, was man tut oder sich einbildet. Die ganze Lebensrealität fusst auf Irrtümern, Fälschungen und Wahnvorstellungen. Es gibt keine Korrektur. Niemand strebt diese Korrektur an, denn es wäre so als würde man den Planeten im Universum verschieben wollen. Deshalb erliegt jeder früher ganz offen und offiziell der Dummheit des Alltagslebens. Verfliegen die rebellischen Lebensgeister mit der Jugend, bleibt nur noch der Gehorsam und die Gefolgsamkeit bezüglich der stummen Kommandos aus dem Maschinenraum. Es ist zu tun, was immer schon getan wurde. Hintergründe und Sinngehalte interessieren uns nicht. Der Prozeß ist alles.

Ich schaue auf die Uhr. Der Zug, der mich endlich aus dieser Realität fahren soll, kommt einfach nicht. Ich bin immerzu traurig. Ich kann nichts neues anfangen. Ich habe immer die gleichen Gedanken. Seit Jahren bin ich gleichbleibend unfähig zu leben. Es erstaunt mich immer wieder, wie ich mich nicht weiterentwickle. Ich stagniere so stark, dass ich mich schon zurückentwickle. Ich schrumpfe. Die geringen Fähigkeiten gehen verloren. Das Stottern über die Realität wird zu Schweigen und auch das ist nicht genug. Die Sprache geht völlig verloren. Und die Fantasie ebenso. Alles wird weggesaugt. Ich werde bei lebendigen Leib abgetrieben. Ich werde von einem gigantischen Fluß hinab gezogen. Ich drehe mich um die eigene Achse. Die Realität stürzt sich in meine Lunge. Ich kann nicht sehen. Ich kann nicht denken. Und dabei soll ich noch einen Job finden und ausüben, weil das irgendwer am Ufer verlangt. Es soll wie immer meine Schuld sein, dass ich die Niagarafälle nicht einfrieren kann.

Und wenn dann mal besondere Momente da sind und man weiss, nun sollte man sie auskosten, dann kann man es nicht, weil man es nicht mehr gewohnt ist, etwas besonderes zu erfahren. Es ist durch die Alltäglichkeit, die Gewohnheit der Unfähigkeit aufgetreten. Plötzlich ist man zum Undenkbaren geworden. Eingerostet, behäbig, stumpf, flach und geistlos stehe ich dann vor der ungeahnten Schönheit und kann nichts mit ihr anfangen. Da merke ich, dass es zu spät ist. Ich kann mich nicht mehr öffnen. Alles ist verriegelt und endgültig verschweißt. Es ist unignorierbar. Es fällt nur nicht auf, weil kaum jemand aufmerksam ist, weil jeder Moment schnelllebig ist. Aber es ist die Wahrheit. Ich bin gestorben und laufe noch unter den Lebendigen herum. Ein Geist, der für einen Menschen gehalten wird. Gefangen zwischen Realitäten, die er nie bestimmen konnte. Tragisch, wenn das eigene Leben wie ein Disneyfilm klingt. Leben, was soll Leben überhaupt sein? Zeit totschlagen. Warten auf das Ende. Ignoranz gegenüber dem katastrophalen Alltag. Aushalten bis man platzt. Luft anhalten bis man erstickt.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Eine Antwort zu “Es wird ganz fürchterlich

  1. Vielleicht solltest du den Arzt wechseln? Es gibt da Bessere …

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