Schneewechte

Unabänderlich. Unvermeidbar. Unendlich. Unentrinnbar. Unvernünftig. Unermüdlich. Untot. Ungemütlich. Unachtsam. Undeutlich. Ungeheuer. Unheilvoll. Unglücklich. Ursache Unbekannt.

Obdachlos mit Obdach und Oberflächlichkeit. Reaktionäre Düsternis im grauen, rauen Feld der unzerstörbaren Realität, am Durst gestorbenen Zeitalter. Es rückt die Uhr weit weg. Herabgesunken im Schatten der unerhörten Ahnungen. Undenkbare Unvernunft im ewigen Kreisel.

Ich bin in mir selbst gefangen. Düstere Wolken drücken ins Gehirn. Ich bin der Beifahrer meines dunklen Begleiters, der nie spricht, aber immer erstickt. Das Gewitter verzerrt die Wahrnehmung. Der Sturm verbrennt die Hirnwindung. Die Kälte führt zu Zittern, Angst und Starrsinn. Die Nässe rutscht in die Kleider. Beschwert sie. Und so liege ich am Boden und die Welt liegt auf mir. Ich habe alles verloren. Ich kippe am Abgrund auf einem Stuhl hin und her. Der Arzt sagt, dein Chi ist zu schwach, iss weniger Milchprodukte und geh mindestens 20 Minuten am Tag heraus. Ich finde keine Worte für die Dimension meines Scheiterns. Ich habe schon alles gesagt und getan. Alle Varianten durchgezockt. Die Karten sind ausgespielt.

Ich hätte schon sterben sollen. Aber aus Versehen lebte ich weiter. Darüber macht man keine Scherze. Aber alles ist eingefroren. Wirklich ausgeschaltet. Es ist das Warten geblieben auf eine klare Distanz. Oder einen Schlag, der das Ende besiegelt. Aber es ist offen. Das Leben ist offen wie eine Wunde. Ich blute aus mir heraus. Ich kann mir nichts vormachen. Im Spiegel sehe ich, wie die Verletzungen nicht mehr heilen. Doch keiner kann sie sehen. Sie sind so unsichtbar wie Geister. Wenn der Halt verloren geht und der Fall alles vom Rest des Lebens ist, dann gibt es nur noch Warten. Es gibt nicht einmal mehr die Überraschung, dass keine Reue existiert. Ich hätte erzählen sollen, was in mir vorgeht, als ich wütend war. Aber dann wäre die Blindheit der Wut offenkundig geworden. Ihre Ohnmacht hätte die Lächerlichkeit der eigenen Regungen unterstrichen. Emotionen und Gedanken, die keinem Geschäftszweck dienen, sind immer lächerlich. Ich bin dadurch verloren. Es ist kein Halt möglich und doch soll er gefunden werden, egal wie brutal die Gewitterwolken die Sicht und Bedingungen verunmöglichen. Obwohl mir bekannt ist, dass nicht für alle die Sonne scheint, so hilft es mir nicht weiter. Hineingeworfen in das blinde Zeitalter, muss einfach mitgemacht werden oder es geht nicht weiter. Das mangelnde Talent, die soziale Instabilität und die psychosomatischen Beschwerden häuften sich derart, dass der Protagonist sich im Labyrinth seines eigenen Lebens verirrte und nie wieder herausfand. Er hat auf seiner Suche nach dem außerhalb seiner Existenz andere Suchende getroffen. Mal waren sie schlimmer dran als er. Mal waren sie besser dran. Sie begleiteten ihn hier und dort. Bis sie nicht mehr konnten oder wollten. Doch niemand wusste den Weg. Manche gaben vor ihn u kennen. Andere waren fatalistisch unterwegs und gaben sich schnell den goldenen Schuss. Die Schäden, die sich die Suchenden sich selbst und anderen zufügten, erschwerten es dem Protagonisten klar zu denken. Er setzte sich absichtlich in eine Ecke und beobachtete nur noch die Szenerie, die an ihm vorbei zog. Die Zeit verging und er hatte schon ewig nicht mehr nach dem Ausweg aus dem Labyrinth heraus gesucht. Er hatte vergessen, dass es ein außerhalb gab. Die Abfindung hatte ganze Arbeit geleistet. Das stählerne Gehäuse der Hörigkeit war sein Leben geworden, so wie bei nahezu allen Generationen zuvor. Es war falsch zu beten, zu glauben, zu arbeiten, zu revoltieren, zu denken oder auch nur zu hoffen. Oder zumindest erwies sich eines nach dem anderen als wirkungslos. Atomisiert und doch gemeinsam waren sämtliche Zeitgenossen einer Realität ausgeliefert, die sie in irgendeiner Form erzeugt hatten, aber die sie nie verstanden. Alles was sich am sinnlosen Suchen änderte, war das Lebensalter. Aus Zufall, Langeweile oder einem Anfall von willkürlicher Zuneigung entstanden weitere Generationen. Alles fällt dem Vergessen anheim. Und es wiederholt sich. Aus unerfindlichen Gründen schlug das Labyrinth auf seine Insassen ein. Fallen schnellten aus dem Nichts hervor und trennten sie von ihren Gliedmaßen. Der Tod trat so unbarmherzig wie schnell ein. Niemand konnte irgendwas tun. Alle konnten nur festhalten, dass jeder der nächste sein könnte. Die Schwächsten werden als erstes geopfert, zumindest probiert man es immer wieder, um die eigene Haut zu retten. Aber es gibt keine Erfolgsstrategie. Alle werden früher oder später zerhackt und vernichtet. Die Realität erstickt sie alle. Geboren um zu ersticken, in einem Raumzeitkontinuum, das sie nie wollten. Die Sinnlosigkeit breitet sich irgendwann derart allgemein aus, dass es sinnlos wird sich eine Identität anzuschaffen oder zu fragen woher man kommt. Es war nie von Bedeutung. Die Unendlichkeit des Universums lacht über den Flecken Dreck auf dem man geboren wurde. Ich hätte jederzeit sterben können. Es hat bislang andere erwischt. Ich verstehe nicht wieso. Andererseits bin ich noch früh genug dran. Es gibt nichts über mich zu erzählen. Es gibt darüber keine Notiz oder Emotion festzuhalten. Erschrocken, erstaunt notiere ich, dass sich Institutionen der Ahnungslosigkeit gebildet haben, die einen herumschubsen, weil sie dadurch ihre eigene Sinnlosigkeit verdrängen können. Ich kann nichts trinken oder essen oder träumen oder lieben, was mich über alles hinweg tröstet. Jeder Tag ist graue Ernüchterung. Unumstößliche Untröstlichkeit. Versenkt in den Untiefen ungeheuerlicher Ungeziefer. Blind, taub, blutig geschlagen, verkrüppelt und verfettet, verblutet und verdorben, vergoren bis verbrannt ins Elend gebannt. Es stinkt mir. Der Ekel greift aus den Gedärmen in den Hals, spuckt pechschwarz das Leben voll. Der flüssige Beton ist die Atemluft. Leise sticheln die Millionen Nadeln Millionen Wunden in alle Körperregionen von innen heraus. Es brennt. Es schneidet. Es ertränkt. Sirenen zischen in der Nacht vorbei an Obdachlosen. Die Frittenbuden brutzeln das Fett. Die Flugratten taumeln in der städtischen Hitze. Ich bin die personifizierte Panik und ich brenne an allen Fingern. Ich bin verschluckt von meiner Angst und sie diktiert, was ich gar nicht kann. Ich zittere, obwohl ich in der Sonne verbrenne. Es war immer so. Und ich drehe mich immer schneller um meine eigene Achse. Das frei drehen ist die einzige reale Freiheit für mich. Der freie Fall ist verboten. Er endet mit dem Tod. Und der Tod droht noch schlimmer zu sein als das, was Leben heißt. Traurig und allein, verstummt der Kleine, der längst alt ist, neben denen, die noch leiden werden. Älter werden und die Gnade empfangen, dass das Leid nicht ewig so weiter gehen muss. Oder ist das ein Trugschluss? Wechselhaft treiben meine Emotionen und Gedanken sich durch die Fluten der Tyrannei. Ich schaue mich um, aber ich kann nicht sehen. Man kann es nicht lernen. Das Leid wird sich nie relativieren. Es wird sich zuspitzen. Der Junge mag überleben, aber im Alter wird er doch noch erwischt. Es ist gnadenlos. Die Tage schichten sich aufeinander wie einzelne Stühle. Ein Stuhl auf dem anderen. Ein Tag auf den anderen. Und es baut sich schief, aber es bricht nicht gleich zusammen. Oben kippelt das Bewusstsein und hält Balance. Fällt es, ist alles zu spät. Es kracht und bricht sich alle Knochen. Die blutigen Gedärme spritzen heraus und das war es. Ringsherum türmen andere Leben Stühle aufeinander und es wird balanciert. Es kommt zu Bombenanschlägen und Amokläufen. Es wird gezündelt und gespuckt. Niemand weiss, ob der Himmel eine Bürodecke ist. Die Tage stapeln sich immer höher aufeinander und drücken die Lebendigkeit empor. Hoch ins Nichts. Dort wo noch niemand gewesen ist. Ein paar lebendige Zellen rufen sich zu, wie es sein könnte und was getan werden sollte. Aber es wird schon nicht mehr so ganz klar und verstanden. Die Wolken ziehen auf. Bei manchen gibt es Gewitter. Bei anderen Sonnenschein. Es ist nie gerecht. Manchmal krachen die Stuhltürme ineinander und die Leute ziehen sich gegenseitig aus dem Leben. Nun steht das alles wohl auch noch im Labyrinth. Was das wohl bringt? Es juckt den in den Gehörgängen. Es gibt keine Möglichkeit sich zu kratzen und das bis an den Rest ihrer Tage. Schwarze Blätter. Schwarze Notizen. Schwarze Worte. Der Feinstaub brennt radioaktiv. Ich wüsste nicht, was darüber noch zu schreiben wäre. Worte helfen nicht. Es braucht einen goldenen Schlüssel. Einen ultimativen Betrug an der Realität. Einen unerwarteten Riss in der Gesellschaft, den man nur erweitern muss, damit alles anders sein kann. Ein winziges Detail an irgendeiner Ecke des Labyrinth muss die Antwort liegen. 42.

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