Monatsarchiv: November 2017

Die Situation des Revolutionärs

Wenn die Revolution nur über die Überwindung der Berufe zu ermöglichen ist, dann wird dafür schon jemand gebraucht, der bereit ist, alles zu risikieren. Mal abgesehen von dem Problem, dass so ein Mensch kaum noch existiert: Aber wofür riskiert der Revolutionär sein Leben? Woher soll er wissen, dass das Opfer, sich für eine andere Welt zu interessieren, sich lohnt? Er investiert die Zeit, Energie und sein ganzes Leben in eine andere Welt, die womöglich nie kommen mag. Im Grunde riskiert er sein Leben. Er könnte seine Zeit und Energie auch in den Beruf stecken und schauen, was er konkret für sich kriegen kann, anstatt hochspekulativen Ideen und Kritiken anzuhängen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Gosse enden. Die globale Konkurrenz ist immer besser ausgebildet, zugleich gibt es immer weniger Innovationen, die neue Märkte schaffen. Die gesättigten Märkte lassen die Profitrate fallen und damit intensiviert sich der Wettbewerb um die verbleibenden Marktanteile. Zeit ist Geld. Wer hier nicht jeden Tag in sein profitables Berufsleben investiert, verliert Geld und damit Lebensqualität. Der Kritiker verliert also automatisch Geld und Lebensqualität, wenn er inkommensurable Kritik leistet, obwohl sie die wichtigste Arbeit überhaupt ist. Aber nur über das höchste Risiko, also die Ablehnung der kapitaltypischen Berufsinhalte, wäre die Chance eines besonders kritischen Bewusstseins auszuprägen und am wahrscheinlichsten. Weil aber so gut wie niemand auf der Welt seinen Beruf aufgibt, um mittelloser Berufsrevolutionär zu sein, schon allein weil der Genuss und die Lebensqualität darunter leidet, bleibt die Rechnung wie sie bei den meisten Individuen ist: Der Beruf, der sich der Kapitalakkumulation unterordnet, erhält die höchste zeitliche Priorität und wird mit dem größten Ausmaß an Energie und Intellekt bedacht. Das Ergebnis ist, dass die Subversion gegen den Kapitalismus schwindet. Die materiellen Ängste, die durchaus real sind, prägen den Verstand und die Möglichkeiten des Verstandes.

Nicht nur, dass der Revolutionär arm sein muss und arm bleiben wird, wenn er sich nicht vom durchschnittlichen Beruf korrumpieren lassen will: Die Komplexität der gesellschaftlichen und individuellen Realität ist derart ausgeprägt und im permanenten Wechsel, dass kein einziger Mensch mehr in der Lage ist, ihr vollständig beizukommen. Das heisst zwar nicht, dass man nicht ihre grundsätzlichen Bewegungsgesetze erkennen könnte. Aber um allein diese Bewegungsgesetze korrekt zu erfassen, bedarf es eines jahrelangen intensiven Studiums, welches einem Fulltimejob gleichkommt. Zugleich bewegt man sich innerhalb dieses Fulltimejobs der Erkenntnis in nahezu vollständiger Einsamkeit. Die Situation vor dem Buch ist allein. Und auch jene des Denkens und Kritisierens ist so, weil die Distanzierung notwendiges Moment ist. Das halten immer weniger aus. Ohne eine komplette Erfassung der gesellschaftlichen und individuellen Erscheinungs- und Wesensformen, der Waren- und Denkformen, unterbleibt die Erkenntnis dessen, was ist. Weiss man nicht, was ist, weiss man auch nicht, womit man es zutun hat und wie man es nachhaltig überwinden kann, ohne es noch schlimmer zu reproduzieren. Die Gefahr in politische Strategien zu verfallen und es sich damit zu leicht zu machen, um es anderen noch schwerer zu machen, obwohl man das vorgeblich nicht intendiert hatte, ist daher für jeden Revolutionär eine andauernde Gefahr.

Da die kapitalistische Komplexität hoch ist, und schwer zu denken ist, ihre Kritik häufig unbezahlt abläuft, diese Kritik gesellschaftlich kaum anerkannt ist, mangelt es an herausragenden Persönlichkeiten, die die Unmündigkeit der Komplexität auf den Punkt bringen. Die pointierte Darstellung ist aber notwendiges Kriterium für revolutionäre Bedingungen: Wer nicht verständlich machen kann, warum Menschen falsch leben, der wird nicht gehört. Den wenigsten Kritikern ist es möglich, der gesellschaftlichen Komplexität gerecht zu werden, die Kritik auf den Punkt zu bringen und auch noch sämtliche eigenen Rechnungen bezahlen zu können. Die allermeisten scheitern schon an letzterem und müssen in letzter Konsequenz ihre Invesition in die Reflexion weg von der Kritik und hin zu den affirmativen Denkoperationen der Lohnarbeit investieren. Der Preis ist hoch, das Kapital verschlingt die Kritiker tendenziell mehr als umgekehrt. Es mangelt den Kritikern der Verhältniss zudem maßgeblich an einem kollegialen Umgang. Die Atomisierung macht auch hier nicht vor dem Kritiker halt und sie setzt sich fort: Es gibt kaum etablierte Strukturen in denen Wissen ausgetauscht und diskutiert wird. Es ist im Alltag häufig einfach so, dass jedes kluge Buch per Zufall gefunden werden muss. Jahre vergehen mit unausgegorenen Ansichten, obwohl es unlängst uralte, aber stichhaltigere Argumente gibt, die aber nicht zur Kenntnis gelangen, weil sie niemand mehr kennt oder deren Wichtigkeit in Erinnerung ruft. Zugleich erreicht die Kritik häufig das immergleiche Publikum, welches schon im Vorfeld angeödet abwinkt, weil es jedes Argument bereits auswendig kennt. Zumal die wachsenden Optionen zur Zerstreuung über Unterhaltungsmedien dadurch noch attraktiver werden. All das verschlimmert sich sogar noch, wenn eine internationale Perspektive eingenommen wird.

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Die Gründe für das Ausbleiben von revolutionären Bedingungen

Alles Denken und Empfinden wird bestimmt von der Warenform, die in der Kapitalakkumulation steckt. Sämtliche Berufsgruppen sind vom Kapitalverhältnis eingesogen, aber auch sämtliche Denkformen. Vollzogen wird das über die Berufsausbildung und -tätigkeit, die eine permanente Internalisierung der zum jeweiligen Stand der Produktivität erforderlichen Denkoperationen erzwingt. Die zeitliche, geistige und körperliche Investition nimmt die Mehrheit des Alltags ein und erhält das höchste Gewicht im Leben aller Menschen. Die Lohnarbeit ist der Mensch und umgekehrt. Die Lohnarbeit ist Vehikel der Mehrwertproduktion und wird als solche über die Verausgabung von Hirn, Kraft oder schlichter Lebenszeit und Lebensenergie betrieben und permanent intensiviert. Lebenslanges Lernen ist hier eine Drohung und Forderung sich gefälligst dem eigentlichen Subjekt der Gesellschaft anzupassen, was eben nicht der Mensch, sondern die höchste Zahl ist. Dieser Umstand ist auch libidinös besetzt, der Mensch geniesst geschunden zu werden, sich selbst oder andere zu schinden. Der Mensch fühlt sich in den Warenköper anstelle seines eigenen Körpers ein.

Das Leiden der Welt entspringt aus dem automatischen Subjekt, welches alle Kategorien und Dimensionen des Lebens formalisiert, instrumentalisiert, rationalisiert und ausbeutet. Die Strukturen der Warengesellschaft wiegen durch die Konstitution der gesellschaftlichen Reproduktionsweise schwerer als jedes Individuum. Das Denken hinkt der Realität immer hinterher, aber im Kapitalismus hängt das Denken auch noch etwas an, was es selbst erzeugt, aber nicht begriffen hat: Der Warenform. Die Leute lieben die Lohnarbeit, den Staat, das Geld und dem opfern sie sich selbst, die Natur, die Tiere, einfach alles. Jede Wahl, jede Kaufentscheidung, jeder Arbeitstag zeigt das. Je mehr Lohnarbeit betrieben wird desto dümmer und empathieloser der Mensch. Die lebendigen Anteile des Menschen werden zugunsten der abstrakten, gesellschaftlichen Arbeit geopfert, die wiederum nur dem Profit dient. Die ganze Welt dient einer Wahnvorstellung, die gesellschaftlich als vernünftig anerkannt ist und sogar als Wissenschaft an den Universitäten gelehrt oder als politische Agenda in den Parlamenten in Gesetze gegossen oder als betriebswirtschaftliche Vernunft in allen Konzernen umgesetzt wird. Die Wertverwertung hat das Denken maßgeblich verwildert, die instrumentelle Vernunft hat auf erhöhter Stufenleiter triumphiert: Die Prekarisierung ganzer Berufszweige, die Perspektivlosigkeit des Intellektuellen an der Akademie, des Lohnarbeiters in allen Branchen, der Antiintellektualismus in Forschung und Lehre, überhaupt in der ganzen Welt, der totale Mangel an Intellektuellen in Politik oder Ökonomie oder Akademie, dann der Klimawandel, die Altersarmut, Armut von Kindern sowie Familien, der Pflegenotstand, das Aussterben von Tierarten und Insekten, die wachsenden (radioaktiven) Müllberge, psychischen Erkrankungen, das alles und noch viel mehr zeugt vom Zerfall der Menschheit, der sich in einem blinden Gesellschaftsprinzip verliert.

Warum sollte ein Lohnarbeiter auf die Idee kommen, dass sein Leid nicht sein muss? Gerade dadurch, dass das Elend der Lohnarbeit so allgemein ist, erscheint es natürlich und notwendig. Millionen leiden unter den Verhältnissen, sie alle sind überzeugt, dass sie durchhalten und kämpfen, weil es nicht anders geht. Es wird sie alle kränken, wenn behauptet wird, dass ihr Leiden vollkommen sinnlos war. Sie haben nur gelitten, weil sie einem unverstandenen Prinzip anhingen, welches sie selbst geschaffen haben. Ihnen nun zu erzählen, dass sie gelitten haben, weil sie sich über ihre eigene gesellschaftliche und inviduelle Tätigkeit selbst verletzt haben, wird immer Ablehnung hervorbringen. Plötzlich ist nicht der Bankier, der Manager, der Ausländer oder Jude an allem schuld, sondern die eigene Bürgerlichkeit. Das ganze Leben ist falsch gelebt worden. Es kostet viel Courage, Empathie und Scharfsinn, angesichts dieser Erkenntnis, das Leben komplett umzustellen. Zumal Umstellung bedeutet, nicht nur die Lohnarbeit aufzugeben und den darin enthaltenen Arbeitsfetischismus, sondern auch diverse andere Kategorien, die die Warenform von Staat bis Geld ausprägt. Zumal zugleich kaum bekannt ist, wofür das gesamte Leben auf den Kopf gestellt wird. Warum sollte man ein Leben wegwerfen, das zwar Schmerzen bereitet, aber doch zumindest ein Mindestmaß an vermeintlichen Komfort bietet? Die Egalität ist soweit vorangeschritten, dass das eigene Elend genausowenig klar ist, wie das der anderen.

Die Verantwortung für die Überwindung der falschen Verhältnisse teilt sich unter der globalen Weltbevölkerung auf. Niemand fühlt sich daher verantwortlich für das Schicksal der Menschheit, auch wenn das eigene individuelle Schicksal streng damit verbunden ist. Die Atomisierung der Konkurrenzsubjekte führte zu einem unternehmerischen Selbst, zum homo oeconomicus, das die Optimierung der eigenen Belange hinsichtlich des Fortkommens im Unternehmen oder generell in der kapitalistischen Gesellschaft als höchste Priorität im Alltag für unausweichlich und absolut notwendig hält. Es handelt sich hier um ein Verhalten, was einerseits menschlich, andererseits erlernter Irrationalismus ist. Wer hiergegen argumentiert, argumentiert häufig gegen Jahrzehnte von Lebenserfahrung und erlernten, praktizierten Wissen, welches in die Identität und Triebökonomie des Individuums eingegangen ist. Da müsste ein Argument, ein einziger Satz so einleuchtend und so plausibel dargelegt werden, dass es das Leben des Individuums vollständig auf den Kopf stellt. Dieses Kunststück ist noch keinem gelungen und auch daran krankt die Revolution.

Wie kann man so ein Bewusstsein, welches sich offenbar nahezu völlig jeglicher wahrheitsgetreuen Erkenntnis verschlossen hat, weil es so sehr dem Kapitalverhältnis angedient wurde, überhaupt noch mit Kritik in die Krise stürzen? Man muss fragen, wieso es die Leute nicht zur Kritik treibt, wenn Hunger kein Anlaß zur Produktion ist, wie es in unserer Gesellschaftsform nunmal ist. Wann und wie soll man denn jemals zu einer Kritik der Verhältnisse kommen, wenn man sich andauernd nur diesen Verhältnissen andient und unterordnet? Wie lauten die Bedingungen der Revolution im Jahr 2017? Und woher will der Revolutionär wissen, dass er revolutionär ist? All diese Fragen streifen die Möglichkeiten oder Unmöglichkeit der Bedingungen von transzendentaler Kritik. Die einzige Differenz zwischen Waren- und Denkform scheint in der Trägheit, im Leiden und in dem Unvermögen des Menschen selbst zu liegen.

Unvermögen ist Hoffnung: Der Mensch ist keine Maschine und so kann er nicht den Arbeitstag endlos erweitern und intensivieren. Auch die 24 Stunden eines Tages setzen der Wertverwertung Grenzen. Da der Mensch sowieso nicht kann, wie das Wertverwertungsprinzip will, wird sie niemals endgültig siegen. Sie kann nicht den gesamten Menschen aufsaugen, selbst wenn er wie heute ihr nahezu total anhängig ist. Die Fehlerhaftigkeit des Menschen ist Trumpf und Freude. Im Unvermögen Kapitalist zu sein, steckt die Fähigkeit zum Kommunismus.

Leiden ist Index des Negativen: Das Leiden, eine Maschine sein zu müssen, die am Arbeitsplatz wie eine Reiz-Reaktionsapparatur Leistung konkurrenzfähig abruft, erscheint als stärkstes Mittel gegen diese Produktionsweise, weil sie schon über die Potenz des gegenwärtigen Produktivitätsstandes den Hinweis liefert, dass diese Intensität des Arbeitslebens nicht sein muss. Niemand will leiden. Schon gar nicht an Bedingungen, die er selbst ändern könnte, die er überhaupt nur hat, weil er sie nicht selbst bewusst bestimmt. Die Bedingung transzendentaler Kritik ist also die normative Wertung, dass irrationales Leiden abzuschaffen ist. Und irrational ist hier etwas, was vom Menschen unbewusst betrieben wird, demnach also der Kapitalismus. Eine aufgeklärte Zivilisation, kann nicht die unsichtbare Hand des Marktes als Hauptkategorie aller gesellschaftlichen Reproduktion gestatten, denn das wäre gelebte Mythologie, Rationalisierung von Irrrationalismus und ein empörender Persilschein zur Menschenvernichtung. Die Kränkung, dass der Mensch nicht sein Leben bestimmt, muss zur Emanzipation von eben diesem Zustand führen. Insoweit zeigt das Elend aus seinem Wesen heraus die Möglichkeit seiner Abschaffung auf und bietet somit den Maßstab aller Kritik sowie des Kommunismus.

Trägheit ist Glück: Die Trägheit speist sich aus dem Zeitfaktor, dem Puls der Warenproduktion, der sowohl von der Produktionszeit, aber auch dem Tauschprozess oder der Reproduktion der Arbeitskraft abhängt. Nichts im Kapitalismus kann unendlich schnell gleichzeitig geschehen. Es dauert Menschen auszubeuten, es dauert bis sie sich erholen, ihr Bier getrunken, neue Arbeitskräfte gezeugt, die Waren produziert, auf den Markte getragen, verkauft und gekauft haben. An all diesen und vielen weiteren Punkten gibt es notwendigen Widerstand in der Kapitalverwertung, denn die Welt ist keine Maschine. Trägheit heisst auch Müßiggang. Heisst Sandkorn im Getrieb sein. Heisst Schwermut, Schwerkraft und Schwervermittelbarkeit. Wendet man letzteres als soziale Unverträglichkeit, ist Arbeitsverweigerung ein wichtiges Mittel, das arbeitsfetischistische Bewusstsein sämtlicher Leute in der Umgebung in die Krise zu stürzen. Dem Arbeitgeber auf die Hand spucken anstatt sie zu schütteln, bedeutet auch Trägheit im besten Sinne und zugleich harte Arbeitslosigkeit, aber auch glückliche Distanz von Lohnarbeit, Schinderei und Dummheit. Revolutionär ist, was träge ist, was sich nicht dem Prinzip der Wertverwertung andient. Außerhalb des kapitalistischen Höllenfeuers atmet der Mensch.

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