Nacht

Die Gewohnheit in der Hölle zu leben war immer ein ungewolltes Geschenk, dass sich wie Sisyphos zu seinem Felsblock verhielt, den er auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss, nur damit dieser Felsblock am Gipfel wieder hinunter rollt. Doch nun wächst der Fels, das Geschenk, weil die Erfahrungswelt in Bitterkeit ertrinkt. Von Geburt an in das Grauen geworfen, war es immer schon üblich Erkenntnis über bittere Erfahrungen zu erlangen. Aber sie wiegen schwer und verhüten gar nichts. Es ist nicht so, dass nach einem Schlag nie wieder ein weiterer erfolgt. Im Gegenteil, nimmt das Alter zu desto mehr Schläge hat man mitgenommen. Die Schwäche nimmt genauso zu wie das Alter und die Anzahl der eingesteckten Schläge. Und wie immer ist auf niemanden Verlass. Es ist höchstens Verlass darauf, von allen verlassen zu sein. Auch von sich selbst ist man verlassen, schliesslich konnten nie verlässliche Leute gefunden werden. Es gibt nur seltene Andeutungen, die unverbindlich geblieben sind. Ich erheische vom Leben stets nur ein beiläufiges Zwinkern, was man selten gleich als solches erkennt. Ein abstrakter Fingerzeig deutet an, wie es hätte sein können. Ich hätte ein Mensch sein können. Mit Freunden, Familie, Frau, Kindern, Perspektiven, Wohlstand, Glück und Gesundheit. Aber es wird nie so sein. Alles ist verkommen. Alles muss in den Träumen passieren. Und bis dato waren meine Träume immer besser als die Wirklichkeit. Aber auch sie sind vom höllenhaften Alltag reduziert worden. Fantasie wird in der toten Welt nicht gebraucht. Wer sie doch anwendet, gilt als Anarchist und Terrorist. Das Unvermögen der Menschen dem Elend die Stirn zu bieten hat mich ruiniert. Und die Schwangerschaft dieses Ruins begann schon in meiner Kindheit. Es gab Chancen, aber nutzen konnte ich sie nie. Mal wollte ich nicht, mal sah ich sie nicht, mal waren andere oder irgendetwas Schuld. Das Scheitern als Routine hat mich nun vom Anfang des Abgrunds zu seinem Ende geführt. Und jetzt, wo alles Schatten ist, ist meine Ratlosigkeit größer dennje. In allen gesellschaftlichen Kreisen war ich Fremdkörper geblieben. Ich wurde toleriert, aber nur in der Hoffnung, endlich zu gehen. Aus meiner Gewöhnlichkeit habe ich nie einen Hehl gemacht. Das Leben ist absurd, sinnlos und grausam. Ich habe es immer satt gehabt. Ich habe es nicht verstanden. Es hat mich nicht verstanden. Das Leben und ich: Ein einziges Missverständnis. Ich war nicht fähig das Leben zu leben. Anderen scheint es mühelos zu gelingen. Ihr Selbstvertrauen und ihre Stabilität ist mir ein unlösbares Rätsel. Im Bombenhagel zwischen Obdachlosen Melange trinken und das Leben geniessen. Ein Triumph des Irrsinns. Ich bin nie damit fertig geworden. Stecken geblieben. Inkonsequent. Voller Selbstmitleid und Plattheiten habe ich mit wachsenden Lebensalter meinen Ruin schuldhaft selbst vorangetrieben. Je älter man wird desto mehr Schuld hat man auf sich geladen. Erst prägen einen die anderen, schliesslich prägt man sich selbst. Und wenn die große Weigerung nicht gelingt, dann ist man kein Mensch. Die Erwartungen plagen mich, obwohl sie hoffnungslos und einfallslos sind. Ohne Ernsthaftigkeit blicke ich grimmig allem entgegen. Die ganze Existenz ist nur noch lächerlich. Jedes Wort und jedes Gespräch ein neuer Gipfelpunkt der Überflüssigkeit. Aber da sowieso nie jemand zugehört hat und nie irgendjemand aufrichtiges Interesse gezeigt hat, ist die Überflüssigkeit auch noch belanglos. Nichts ändert sich, das Grauen findet nur immer neue Kleider. Wenn man eine Änderung feststellt, dann vorallem an sich selbst. Es schwindet die Jugend und damit der Biss. Starrsinn wird üblich. Gleichgültigkeit und Trostlosigkeit werden nur noch von Bitterkeit und Vergesslichkeit übertroffen. Am Ende sollte Cioran doch Recht behalten, es ist ein Nachteil geboren zu sein.

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