Bruchstück

Mein ganzes Leben lang habe ich versucht mich vor dem Verhängnis des Alltags zu schützen. Aber ich war von Anfang an chancenlos gegen die Entmündigung, Erniedrigung, Entwürdigung, Ohnmacht, Genussunfähigkeit, Interesselosigkeit, Freudlosigkeit, die autistisches Dahinsiechen und wunschloses Unglücklichsein auslöste. Die ermüdende Leere ist sowohl im Privat- wie auch Berufsleben allgegenwärtig. Mein Leben ist ein ein einziger Friedhof gescheiterter Pläne. Meine Sprache, meine Mimik, meine Vernunft, alles ist zerfallen und hemmungslos gewöhnlich. Es wäre alles halb so schlimm, wenn ich allein so ein Bruchstück wäre.

„Wir gehen einer Zeit entgegen, wo alles dürftiger werden wird, da ja die Gleichmacherei auch den Besitz ergriffen hat. Man wird billige Wäsche und billige Bücher verlangen, wie man ja bereits kleine Bilder verlangt, da der Platz für die großen fehlt. Hemden und Bücher werden nicht mehr dauerhaft sein, das Solide verschwindet allmählich.“
(Balzac, Verlorene Illusionen, 1839)

Man ist dem Leben, der Gesellschaft, der Umgebung, dem Beruf und dem Kapital ausgeliefert. Die erlittene Wirklichkeit, wie auch die individuelle Wirklichkeit, die sich in Zerfall und Verfall ausdrückt und obszön als Persönlichkeit verklärt wird. Die einzigen wirklich funktionierenden Schutzmittel und Waffen gegen die Wirklichkeit sind in Geldformen zu finden. Ausschliesslich ein Koffer voll Geld, würde mich vor der Welt retten, würde die Hölle in ein Paradies verwandeln. Wo vorher nur Unmöglichkeiten waren, wären plötzlich lauter Möglichkeiten vorhanden. Ich hätte unendlich Zeit und Raum mich zu entfalten. Es gäbe keine Störfaktoren mehr. Niemand könnte irgendetwas diktieren, außer meine Fantasie und Muse, egal wie verkommen die nun wieder sein mögen. Der Tag und die Nacht wären frei. Unbelastet, unvoreingenommen und unvergiftet. Soweit das noch möglich ist.

Aber niemals findet man einen Koffer voll Geld und das Leben zerrinnt. Es verkommt unaufhaltsam und systematisch. Wenn ständig unter Existenzangst und Unvermögen improvisiert werden muss, um das erbärmliche Überleben sicher zu stellen und das ganze Leben nur noch ein widerlicher Kompromiss ist, eine Konsequenz von Entscheidungen darstellt, die niemals ganz die eigenen waren, dann bleibt nichts lebenswertes übrig. Zur Mängelexistenz kommt die Mangelallgemeinheit und umgekehrt. Es gibt nicht nur niemanden auf den man sich verlassen kann, worunter auch die eigene Persönlichkeit gehört, sondern überhaupt die gesamte Gesellschaft ist vollkommen haltlos geworden. Egal ob man nun Leistung bringt oder nicht: Jeder ist ersetzbar, aber auch zerstörbar. Die Vernichtung von Individuen und Individualität symbolisiert sich in Syrien oder im Mittelmeer. Auf die eigene Individualität kommt es genauso wenig an, wie die Individualität aller anderen. Was man geleistet hat, was man empfindet oder denkt, ist ähnlich irrelevant, wie der Wunsch nach einer anderen Welt oder Menschen, auf die man vertrauen kann. Unsere ganze Welt scheint mehr und mehr ohne Menschen auszukommen und es gibt immer weniger Menschen, die davon Notiz nehmen oder sich daran stören.

Erst hat man es satt, dann ist man übersättigt und schliesslich gibt es überhaupt keinen Ausdruck mehr für den Zustand. Dennoch soll der Tag begonnen und vollzogen werden, als wäre er voller Möglichkeiten und Entscheidungen, die man selbst treffen oder verwerfen kann. Aus Verzweiflung gerät man in chaotische Lagen, ist dauerhaft in Kränkung, Leistungs- und Konkurrenzdruck gefangen bis die ganzen alltäglichen Verletzungen nicht mehr der Rede wert sind und ihre Entzündung zur Tradition überhöht werden. Es ist als ob man ein leeres Papier in einem weißen Raum ohne Wasser, Licht oder Luft wäre. Hier und da kommt eine riesige Schere in den Raum und zerschneidet einen. Natürlich ohne Kommentar. Die Obdachlosigkeit ist nur die sichtbarste Form der allgemeinen Unsichtbarkeit aller Menschen. Der zerstörte, verdreckte, verwirrte und verarmte Mensch, der bettelnd und erniedrigt in den Einkaufsstraßen zerrissen herumliegt und wimmert, ist nur das deutlichste Erscheinungsbild, der inneren Konstitution des modernen Menschen. Viele haben Angst so ein Obdachloser zu sein, dabei merken sie nicht, dass sie es längst sind. Tatsächlich sind sie nur ein paar Mahnungen und Abmahungen davon entfernt.

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