Das Leben ist zu kurz

Man hinkt immer hinterher. Niemals ist man der Zeit voraus. Stets versucht man vergangene Fehler zu korrigieren, aber es ist unmöglich sie endgültig zu lösen, denn niemals reicht die Zeit. Das Leben ist zu kurz, um alle Sprachen zu lernen, alle Länder zu erkunden. Gleichgültig, ob man nun das Universum oder die eigene Identität verstehen will, am Ende reicht ein Leben nicht dafür. Es ist auch nicht möglich mit allen Menschen zu sprechen. Und wenn man schon Schwierigkeiten hat in einem Leben sich selbst zu kennen, wie soll man dann überhaupt irgendeine andere Person richtig kennenlernen? Wieviele Chancen wird man wohl haben sein Leben völlig anders zu leben als es die Eltern und die direkte Umgebung für einen vorgesehen haben? Wieviele Lebensweisen sind ausprobierbar? Wieviele Karrieren sind denkbar? Vielen fällt bereits mit 30 das Haar aus. Das ist das erste Signal für das Ende. Eine Runde noch vor dem Kollaps. Die Zeit reicht nicht um alle Pflanzen und Tiere zu betrachten. Sämtliche Sportarten können genausowenig erprobt werden wie sämtliche Bücher gelesen, Filme gesehen und Bands gehört werden können. Wie oft kann man verliebt sein? Reicht das Leben überhaupt für eine einzige Liebschaft? Wieviele Entscheidungen kann man treffen bevor es zu spät ist? Wieviele Fehler kann man erkennen und korrigieren bevor es zu spät ist?

Die Kindheit rauscht an einem vorbei, die Pubertät ist ein Schluckauf, erst in den Zwanzigern rührt sich was: Man ist ja lebendig, aber eigentlich ist es schon vorbei, denn wieviel kann man vom Leben noch erwarten? Es gibt diese kurze Party der Jugend und dann verrinnt das Leben ohne Ankündigung sogartig ins Nichts oder zu den Jüngeren. Und es gibt immer Jüngere. Generation zu Generation vererbt sich der Verlust von Zeit, Jugend und Möglichkeit. Im Alter senken sich alles ab. Alles was hart war, wird härter. Alles was brüchig war, bricht. Alles vergeht mit einem selbst, ob man sich nun lebendig fühlte oder nicht. Das ist wohl auch nicht dramatisch, denn vergessen wird man bereits zu Lebzeiten. Der Tod war schon in der Kindheit ein düsterer Begleiter. Ich hätte als Kind sterben können. Als Teenager. Es wäre ein Akt der Rebellion gewesen. Aber je älter man wird desto eher wird es zur Normalität. Je mehr Lebenszeit man angehäuft hat, desto eher findet man die Zeit für das Absterben, ob man will oder nicht. Die Lebensroutine konzentriert sich dann immer weniger auf das Leben und dessen Potenz, sondern auf Zahnersatzversicherungen, Altersvorsorge und künstlichen Darmausgang. Die Zeit läuft einem davon. Je älter man wird desto eher wird das deutlich. Alles wird komplizierter und unübersichtlicher.

Ich wollte sovielen Dingen gerecht werden, aber rückblickend ist nie etwas gelungen. Wo ist das Wesentliche abgeblieben? Am Schwersten wiegt, dass man das Glück nicht festhalten konnte oder wollte, als es einem in der Wüste von Glücklosigkeit unverhofft in die Arme lief. Seither versuche ich die Erinnerungen daran lebendig zu halten. Wie sah die Situation aus? Wonach roch, schmeckte alles und wie fühlte es sich an? Was hätte ich tun oder unterlassen sollen? Warum konnte ich das nicht stabilisieren und fortsetzen? Wieso kann man die Zeit nicht zurückdrehen? Alles vergeht und das wars. Es ist hart. Nichts kommt zurück. Alles verändert sich unerbittlich. Man verwelkt wie eine Blume und ist genauso wie sie gebunden-zementiert auf die eigene Herkunft und Möglichkeiten. Immer gibt es dieses Warten auf eine entscheidende Idee, die die Reduktion zerstört und endlich Entfaltung walten lässt. Aber die Einfallslosigkeit ist fester Teil meiner Identität. Es gibt daher keine Rettung. Es wird immer so sein bis es schlimmer wird. Die wiederkehrenden Gedanken sind Ausdruck der inneren und äußeren Monotonie. Seit Jahren wiederhole ich wie eine Maschine die gleichen Abläufe mit einigen wenigen Varianten. Die Varianten scheinen mir als hohes Risiko und mutig, aber substantiell werfen sie nichts ab. Was bleibt sind eine enorme Menge von bitteren Erfahrungen, die ohne großartige Erkenntnisse in einem verglühen. Das Leben wächst einem über den Kopf.

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