Schiefheilungen in der Konserve

Die Flucht vor der Gesellschaft ist gänzlich unmöglich geworden. Ausschliesslich im Absurden und Surrealen können Momente der unreglementierten Erfahrung kurz aufblitzen. Die wilden, metaphysischen Zerrbilder der traum- bis alptraumartigen Szenen von David Lynch bildeten in meiner Jugend, die einzige Option die Realität noch auszuhalten. Unausweichlich war jedoch das gesellschaftliche Greifen nach meinem Körper und meiner ganzen Identität. Alle Freizeit hatte ein allzu schnelles Ende und blieb die Kehrseite der Arbeitszeit, die mich von Jahr zu Jahr stärker zerstückelte und aufrieb. Die Trümmergestalt von heute, war damals noch ein stumpfer Rumpf, der hier und da in den Rissen der kapitalistischen Totalität an den letzten verrinnenden Quellen kostete, die das Leben noch ausspie. Mit der Zeit verlangsamte sich die wilde Dynamik meiner hysterischen Höhenflüge durch unzählige Stürze. Ich barbarisierte mich regressiv, da die unmenschliche Gesellschaft sich nur durch mich reproduzieren kann. Die Umwälzung der Welt wälzte mich um, entriss mich meiner, noch bevor ich reflektierend zu ihr verhalten konnte. Meine luziden, bruchstückartigen Träumereien zerfielen unter dem nationalen-ökonomischen Marschieren der Nachbarn, Kollegen und Bekannten. Alles infantilisierte, faschisierte und entmündigte sich unentwegt. Mit Schrecken und aus sogenannter Liebe wurde auf mich eingeprügelt, wenn in mir der Schmerz der falschen Welt aufzuckte. Es musste alles mit der Maschine identisch sein. Erwachsen werden bedeutet vergessen lernen. Die Fantasie wird schwarz. Übelriechende Fäulnis im sumpfartigen, tauben Nichts voller unsagbarer Katastrophen. Die jetzigen Unzeiten sind Urgewalten mit unendlicher Brutalität und Tragik, die sich als unerkannte Ungetüme in alle Gemüter und Gedanken beissen. Ich war erst traurig geworden, dann untröstlich, schliesslich stumm. Alles verschlug die Sprache und Empfindlichkeit. Es gab keinen Halt und es gibt ihn immer noch nicht. Die Schatten der Vergangenheit, die ich als meine Jugend versuche zu identifizieren, sind lauwarme Schleier, die sich beständig auflösen. Die letzten Momente voll üppiger Zärtlichkeit, sind wie Erinnerungen eines Anderen längst Verstorbenen. Dieser allgemeine Verlust, der nicht nur ein individueller, sondern kollektiver ist, stellt ein offenbar unüberwindbares Trauma dar, welches sich zunehmend intensiviert. Die Abdichtung und Absperrung korreliert mit einer totalen Mechanisierung. Ich weiss nicht, ob jemals noch etwas anderes als Grauen und Schaudern blühen wird. Es ist nicht nur leicht blind zu sein, sondern leichter. Denken, Schreiben und Diskutieren sind ein Tasten, das schmerzt, weil immer Wunden berührt werden, die das Leben als ausdruckslose, wütende Maschine generell produzieren muss. Die Geschichte ist wie ein unendlicher Polizeigriff, der mit Schmerz die Kooperation mit den mystischen Monstern von Staat bis Kapital erzwingt. Alle kennen die Drohung, halten still in Raserei und Schinderei. Terror bläst sich in jede Kindheit und richtet das Trümmersubjekt auf, damit es in neuen Kleidern das Alte vollzieht, was immer schon gesetzt und ausgehandelt wart.

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