Monatsarchiv: Januar 2017

A simple mind

Die Möglichkeiten eines Menschen sind ähnlich eingeschränkt wie dessen Autonomie. Die Gewöhnlichkeit und Durchschnittlichkeit kann ich bei mir andauernd feststellen. Es gab Entscheidungen, die förderlich waren, keinen Erfolg zu haben. Die eigene Dummheit hat  eine missliche Lage dramatisiert. Das Hadern mit diesem Unvermögen wird ein lebenslanger, schmerzhafter Zustand bleiben. Schutzlos und verletzbar ist man nicht nur außerhalb der Welt, sondern auch in sich, innerhalb der eigenen vier Wände. Erwartungen, Hoffnungen, Gedanken und Ideen stellen sich erst nach Monaten und Jahren als völlig wahnwitzig und grauenvoller Zusammenhang von Verlust sowie Missverständnissen heraus. Wieder wurde Geld, Zeit und Kraft für Luftschlösser verbraten. Ein Schlag ins Wasser. Immer wieder. Einer nach dem anderen. Ein erwachsenes Kind, dass sich ständig beim Spielen blutig schlägt, und nicht merkt, dass der Ernst des Lebens ihm den Boden für diese Experimente enzieht.

Die Enge wächst mit den Lebensjahren. Die Komplexität von Erinnerungen und Erfahrungen bleibt weitgehend unartikuliert. Niemand interessiert sich für irgendetwas aufrichtig und vollständig. Es gilt gerade zu als Stigma, sich in etwas hineinzustürzen, ohne darin einen Profit erhoffen zu können. Zugleich bedrohen diese Träumereien die Reproduktion. Man wächst in die Welt hinein, damit wächst auch der Abgrund in einen selbst hinein. So zugestellt die Welt für Klarheit, Empathie oder Humanität ist, so gilt das auch für die eigene Identität. Dass nichts aus einem werden wird, wird mit den Jahren deutlicher. Alles bleibt undefinierbar. Das schwammige Nichts als Nebelwüste einer grauen Monotonie ohne Raum und Zeit oder Halt. Die uferlose Untröstlichkeit schwankt zwischen wütender Raserei und zynischer Apathie. Ich will mir nicht fatalistisch die Welt über und in den Kopf wachsen lassen, weil ich mich immer noch an die Hoffnung erinnere, sie bewusst zu beleben, aber doch wächst sie überall hin und zementiert, limitiert mich. Vielleicht ist diese Erinnerung auch stets nur eine Wahnvorstellung gewesen. Wer ihr nachgeht, zertrümmert die letzten mageren Ankerpunkte.

Die blinde Sprachlosigkeit mündet immer in Stottern, Phrasen oder unzulänglichen, peinlichen Situationen. Es sind klägliche Versuche verfolgt von Depression und Angst. Die Perspektivlosigkeit wuchert in allen Sekunden. Unterwerfung und Selbstunterwerfung werden zur produktiven, konstruktiven Macht, die alles permanent unterminiert, umdeutet, verschachtelt, bis zur Unerkennbarkeit abstrakt werden lässt. Menschen und ich, das sind stumpfe Rümpfe, kaputtgewordene Herausgefallene, entgrenzte Eingegrenzte, verzweifelte Monolithen, die nur noch mit einem Zittern, einem Bündel aus erstickten Funken, durch die Trümmerwelten ihrer Schattenexistenz irren. Das jämmerliche, verwirrende Gewirr im Getöse der Maschinerie, verkleidet die routinisierte Dauermobilisierung im Dienste der Gesamtvernichtung von allem und aller durch allem und aller. Virtuelle Simulationen dynamisieren unerkannte Abstraktionen, prügeln auf die Restbestände der Subjekte ein und gewinnen Kraft aus den geringen Aktionen und Reaktionen eben dieser. Mythen mystifizieren die schmerzhafte Realität und wer versucht daran zu rütteln, verbrennt, verrennt und verliert sich.

In Zeiten der Not wiegt nicht nur Armut, Hunger, Angst und Wut sehr schwer, sondern auch die fehlende Fähigkeit, jene Kreativität zu entwickeln, sich aus dieser Mangellage herauszuarbeiten. Alle Handgriffe nach Rettung kosten Kraft, die man eigentlich benötigt, um die Schieflage nicht noch schlimmer auszuprägen. Aber greifen muss man doch? Sich nur anzusehen wie Wahnsinn, Tyrannei und Vernichtung sich gesetzmäßig produziert, verteilt, zirkuliert und wirkt, käme einer ewigen höllenhaften Folter gleich. Diese permanente Nicht-Existenz auszuhalten, obwohl es keine revolutionäre Subjektivität zu geben scheint, und die sich laufend steigernde Wirkungskraft der brutalen Apparaturen an sich und anderen arbeiten zu sehen, ist eindeutig unerträglich. Aber es folgt dennoch Tag auf Tag, es geht weiter, die Geschichte zieht einen durch, wie der eigene Körper es laufend tut. Die Wartestellung auf das Ende enthält außerdem noch pestschwarze Langeweile. Darauf zu warten, dass der Himmel Risse bekommt und durch diesen Riss eine riesige Hand nach einem greift, ist dann wohl der Gipfel aller Wahnideen. Allerdings sind die Wahnideen das einzige worauf sich bauen lässt, wenn sonst nichts anderes als abstrakte Herrschaft möglich ist. So, ist die Verbreitung von Religionen schon im eigenen Unvermögen angelegt und daher nachvollziehbar. Das eigene Scheitern ist Teil eines Scheitern der Menschheit zu Bewusstsein zu gelangen und das Leben vernünftig zu leben.

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Don’t be afraid. We are all gonna die anyway.

Keine Sekunde darf ein Gedanken darüber verschwendet werden, was andere Menschen über einen denken könnten, wenn man bestimmte Dinge tut oder sagt. Grundsätzlich ist es daher gefragt, möglichst radikal den eigenen Impulsen nachzugehen und ihnen bestmöglichen Ausdruck zu verleihen. Die Angst vor Ablehnung oder Respektlosigkeit ist wie jede Angst letztlich irrational, auch wenn in Gefangenschaft dieser Angst, das nicht direkt auffällig wird. Wir leben in einer Abfolge von Generationen, die den Zerfall und Verfall erleben, leben und reproduzieren. Davon ist niemand frei.

Es ist entscheidend, die Kritik hieran zu maximieren, um sich nicht mit diesem Falschen gemein zu machen. Der Preis ist mit aller Wahrscheinlichkeit, dass das blanke Unverständnis von tausenden Leuten einem entgegenschlägt, schliesslich ist es normal den Alltag hinzunehmen, die Lohnarbeit zu absolvieren, sich einzurichten in den Katastrophen. Freilich gibt es gar keine andere Möglichkeit als sich zu arrangieren, um nicht direkt den Suizid zu vollziehen. Als Konkurrenz- und Rechtssubjekte sind wir ohnehin funktionalisierte, funktionalisierende Objekte, die eingerichtet sind in die Kapitalverwertung und richten diese zugleich aus. Daraus entflieht keiner, egal ob jemand nun in Bangladesh Fußbälle für ein paar Cent zusammen näht, Milliarden auf den Bahamas-Inseln zählt oder in einem besetzten Haus kiffend Fußball guckt. So divers wie die Erscheinungsformen des Lebens sind, so monoton ist ihr Wesen. Das scheinbar Intakte ist nur Ausdruck einer Trägheit von Krise, die sich noch nicht an diesen konkreten Punkt innerhalb einer Beziehung oder Identität durchgeschlagen hat. Allerdings ist nicht, wie es im Titel dieses Textes scheinbar anklingt, von Fatalismus auszugehen, wenn man die Gewissheit hat, dass alles tödlich enden wird, sondern vielmehr für die Zeit und Momente zu streiten, die bis zum Tode möglich sind. Insbesondere geht es um die Potenz nachfolgender Generationen, die sich mit den katastrophalen Folgen der jetzigen Katastrophen herumschlagen werden müssen. Insofern ist die Verantwortung für die Radikalität der Kritik stark intersubjektiv und abstrakt. Konkret dankt einem keiner, wenn man Kategorien und Sozialverhältnisse wie Wert, Gender, Staat, Kapital, Nation, Religion, Lohnarbeit als irrsinnigen Unsinn kritisiert und zurückweist. Es ist allerdings historische Pflicht auf deren Überwindung zu zielen und hinzuarbeiten.

Der Preis für diese Haltung darf nicht unterschätzt werden. Die Folgen können jahrzehntelange Einsamkeit, Armut und kräftezehrende Kämpfe ohne Aussicht auf Erfolg sein. Es gehört zur Historie der Linken grundsätzlich zu Scheitern. Die Auseinandersetzung mit komplexer Theorie verschlingt Jahre bis irgendeine halbwegs gesicherte Erkenntnis möglich ist und selbst dann ist sie womöglich schon wieder veraltet. Auch hier liegt erneut ein Grund vor möglichst radikal vorzugehen und schon beim Einteilen des Alltags keine Kompromisse mehr zu machen. Wer die Theoriearbeit vernachlässigt, vernachlässigt die Menschwerdung der Zivilisation. Die Menschheit befindet sich in der Pubertät und dementsprechend sind die Vorwürfe ihrer einzelnen Exemplare in den meisten Fällen nicht dringlich wahrzunehmen. Die ganze psychische, kognitive bzw. intellektuelle Konstitution des Subjekts wohnt im Zerfall und Verfall, denn die Fähigkeit eines vernünftigen Realitätssinn kann nicht auf der Grundlage von permanenter Mobilmachung für die Kapitalakkumulation gedeihen, auch wenn der produzierte Überfluss eine Dynamik der Möglichkeit zur radikalen Veränderung dieser unmündigen Verhältnisse enthält.

Fehler werden andauernd gemacht. Keiner ist frei von Mängeln. Perfektion wäre Ausdruck von Unmenschlichkeit. Daher darf man sich die eigene Mangelexistenz zugestehen, aber sollte sie zugleich nicht idealisieren. Also keine Angst vor Fehlern, sie sind vielmehr Wegweiser zur wünschenswerten Realität. Die Menschen vergessen einen ohnehin laufend. Sie nehmen häufig nicht einmal Notiz von sich selbst. Alle sind sich fremdgeworden und bluten aus sich heraus. Die Unzuverlässigkeit und Oberflächlichkeit menschlicher Beziehungen resultiert vornehmlich daraus, dass sie dem Kapitalprozess anhängen. Der Zerfall von Empathie und Intellekt kommt daher, weil dieses Vermögen ausschliesslich auf einen monotonen Zweck zugerichtet wird. Generation für Generation war das Wirtschaftswachstum der größte und einzige Imperativ. Alles andere zog sich dem nach. Häufig werden technologische Faktoren wie Smartphones für die Unfähigkeit zur Zwischenmenschlichkeit angeführt, aber das verkennt den inneren Gehalt unserer Gesellschaft. Die sich permanent überschlagende und umwälzende Politökonomie geht von den Individuen aus, die sich damit zugleich ebenso permanent zerstören und für neue Anforderungen der Wertverwertung modernisieren. Dass der Mensch sich permanent selbst verdinglicht und damit die ganze Identität auf eine Maschine reduziert, erzeugt u.a. permanent psychische Gebrechen. Depressionen und Burn-Out gelten als Massenphänomen, aber es gibt auch mildere Subformen davon, die man logischerweise als noch weiter verbreitet vermutet werden können. Auch hier ist wieder ein Argument zu finden, warum man sich nicht von anderen Menschen nicht abhängig machen kann. Ihre Urteile und Verurteilungen beruhen nicht nur auf Antiintellektualismus und Zivilisationsfeindschaft, sondern auch auf Verzweiflung und Regression. Wer diesen Irrationalismus Ernst nimmt, ist selbst Teil davon und wird entsprechend nie wieder glücklich im Leben, obschon Glück ohnehin eine generelle Marginalität ist.

Ohne Distanzierung von der allgemeinen gesellschaftlichen Realität zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit, wird auch keine radikale Kritik an ihr möglich sein, weil die Lohnarbeit den Intellekt genauso korrumpiert wie das emotionale Gefüge. Lohnarbeit macht dumm und krank, raubt wertvolle Lebenszeit, wenn nicht gerade das seltene Glück getroffen wurde, von der Kritik monetär leben zu können. Und selbst dann besteht die Gefahr, dass aus Existenzängsten oder ökonomischen-politischen Krisen heraus eine Kündigung droht und daher eine Anpassung also Beschneidung der radikalen Kritik erfolgen muss. Niemand kann einem irgendetwas garantieren. Jeder ist austauschbar. Alle sind abhängig von der Kapitalakkumulation. Es gibt keine Autonomie davon. Permanent ist mit einer enormen Unreife des Geistes und der Tat zu rechnen, die von einem selbst aber auch anderen performativ mehr oder weniger streng und heftig realisiert wird. Selbsterkenntnis bedeutet auch Selbstzerstörung im Sinne von Vernichtung der persönlichen Illusionen, was harte, undankbare Arbeit bedeutet. Wer sich selbst der Illusionen beraubt, der steht ungefiltert einer grauenhaften Realität gegenüber, die allgemein stets verklärt wird. Die lohnende Qualität hierin liegt ausschliesslich darin, dass bei Fortsetzung dieser Tätigkeit eine aufklärende Erklärung ausgebreitet werden kann, die auch andere Menschen inspiriert, diesen Prozess bei sich anzugehen, was letztlich soziale Realität wandeln wird. Allerdings ist das eine sehr romantische Vorstellung, die selbst eingestehen muss, dass das Jahrzehnte andauert, keine Garantien enthält und zugleich permanent bedroht ist von der krisenhaften Alltäglichkeit von Identität bis Kapitalverwertungsprozess.

Der allgemeinen Unkenntnis, dem permanenten Vergessen wohnt auch das Glück inne, sich davon loszulösen und innerhalb von deren blinden Flecken eine Existenz zu fristen, die sich bei entsprechender Hingabe nahezu komplett davon distanziert. Es wird zwar immer ein Restbestand von ekelhafter Instrumentalität und Formalisierung in der eigenen Identität und Realität existieren, aber man kann diesen über Kritik unschädlicher machen, als wenn man sich ohnmächtig ergibt, wie es die breite Masse der Individuen in der Wirtschaft, Politik, Kultur, Kunst, Sport und diversen anderen Segmenten der Gesellschaft unternehmen. Der Konformität aller wohnt auch ein Zauber zur Revolution inne, den es zu erlernen und vollführen gilt.

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Gekränkte Charaktermasken

Es gibt eine unbewusste Angst vor der Erkenntnis, welche sich in dysfunktionalen Verhaltensmustern äußert. Die Zivilisationsfeindschaft zeigt sich in konkreten bis diffusen Antiintellektualismus. Das geringe Aufmerksamkeitsvermögen hilft ungemein dabei, nicht hinsehen zu müssen und davon abzusehen, die unbewussten Verhältnisse bewusst zu gestalten. Die grassierende Verantwortungslosigkeit von der direkten Nachbarschaft bis in die Spitzenpolitik zurück ins eigene Hirn, reguliert und definiert die alltägliche Verklärung, Ignoranz, Schiefheilungen und Fehlleistungen. Hieraus ergibt sich eine Denunziation der Erkenntnis sowie ihrer Möglichkeiten. Die Lust am Verdrängen, war historisch stets größer als die Lust zur Erkenntnis und Vernunft.

Die Individuen internalisieren den politökonomischen Verwertungszwang, bilden hieraus ihre Identität, machen sich gleich mit dem Falschen, verdinglichen, instrumentalisieren, formalisieren, entleeren sich, um die Reproduktion der Vernichtung der Zivilisation in modernisierter Form dynamisch zu entfalten. Nachdem also in jeder Kindheit die Individualität sich über Konformität, Gebote und Strafen erst zerbricht und dann zusammensetzt, erfolgt über Ängste, Projektionen, Zwangsgedanken, Gelüste, Obsessionen eine Zementierung und Zuspitzung der individuellen und allgemeinen Ohnmacht und Todessehnsucht. Weder in den persönlichen Beziehungen, im eigenen Körper noch im Unternehmen oder in den Parlamenten ist das Individuum sein eigener Herr. Das Individuum unterliegt als Verleiblichung der Wertverwertung dem Tauschwert gemäß Marx und den unbewussten Triebkräften des Es gemäß Freud. Das Ergebnis ist eine systematische Irrationalität, die laufend individuell internalisiert, interpretiert, aktualisiert und reproduziert wird. Ausdruck davon sind u.a. die destruktiven Befriedigungsformen, die sich politisch im Postnazismus bzw. Nazismus äußern.

Die Welt ist nur noch über den Rückzug in die Kunst und Theorie zu ertragen. Hierbei ist die Dosis möglichst hoch zu halten. Exzessive mehrstündige Sessions in der Theorie und in der Musik sind ein elementares Therapeutikum: Eine kurzfristige Notmaßnahme und Intervention gegen den eigenen und allgemeinen Zerfall. Wenn noch etwas intakt ist, dann die Klarheit des Arguments oder die Dopeness des Vibes. Aber das ist schon Verklärung, eine kitschige bis infantile Romantik, die einer näheren Prüfung nicht stand hält. Die einen stürzen sich in Schlager, die anderen in Vaportrap. Prekär ist die Anlage der Ästhetik von Kunst und der Erkenntniskraft von Literatur, werden sie doch gemeinsam aus dem Elend der Welt geboren. Der Rückzug ins Private ist gar keiner, denn ein Rückzug ist per se unmöglich geworden, weil die Totalität der politökonomischen Vernichtung aller Lebensformen im Sinne des Tauschprinzips alle Exklaven ausgerottet hat.

Die Herabsenkung des Reflexionsvermögens z.B. via Lohnarbeit führt zum Abschluss einer Barbarisierung. Stoisch bis fatalistisch wird das alltägliche Leiden als notwendig akzeptiert. Milliarden Menschen nehmen sich durch willentliche, findige und religiöse Vergötzung zerstörerischer Sozialstrukturen selbst in Geiselnahme eines dialektischen, übermächtigen Unvermögens, wodurch die Realität nicht so gesehen wird, wie sie ist, womit ihre Umgestaltung nach rationalen Kategorien so denkbar scheint wie fliegende Esel. Apathie, Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit, Rücksichtslosigkeit, Zerfall von Empathie und Intelligenz sind logische Ursachen und Wirkungen einer falschen Welt. Die Menschen sind nur noch wandelbare Abziehbilder und Erfüllungsautomaten der blinden, giftigen Politökonomie, zertrümmerte Wüsten in potentiellen Oasen. Ihnen scheint das Zermalmen Engelsgesang und Teufelsgeschrei zugleich. Die Religiosität der Alltagskultur unterscheidet sich nicht von einem Indianerstamm, obwohl dieser wenigstens noch Ursache und Wirkung in einer Verbindung sehen wollte. Zivilisation bedeutet heute Irrationalität zu rationalisieren, Wahnsinn als Notwendigkeit zu legitimieren, was Hungertote bei gleichzeitigen Wegwerfen von Millionen Tonnen frischer Lebensmittel zum Naturgesetz erklärt. Das Leiden der Menschen ist für die Menschen kein Anlass es abzuschaffen, sondern ist Ansporn, sich noch stärker an die Ursache des Leidens anzuschmiegen.

Ein Ausweg aus der Unmündigkeit kann nur die Potenzierung der Aufklärung bedeuten. Kurzfristige, mittelfristige und langfristige Interventionen gegen die aktuellen Regressionen sowie ihre Ursachen sind das höchste Mittel zur Überwindung des Autoritarismus und Irrationalismus in seinen Millionen Formen und Facetten. Dementsprechend stringent ist die Argumentation auf Psychoanalyse bzw. Erkenntnisse von Freud, Marx, Adorno und vielen anderen zu konzentrieren und auszubilden.

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Das Leben ist zu kurz

Man hinkt immer hinterher. Niemals ist man der Zeit voraus. Stets versucht man vergangene Fehler zu korrigieren, aber es ist unmöglich sie endgültig zu lösen, denn niemals reicht die Zeit. Das Leben ist zu kurz, um alle Sprachen zu lernen, alle Länder zu erkunden. Gleichgültig, ob man nun das Universum oder die eigene Identität verstehen will, am Ende reicht ein Leben nicht dafür. Es ist auch nicht möglich mit allen Menschen zu sprechen. Und wenn man schon Schwierigkeiten hat in einem Leben sich selbst zu kennen, wie soll man dann überhaupt irgendeine andere Person richtig kennenlernen? Wieviele Chancen wird man wohl haben sein Leben völlig anders zu leben als es die Eltern und die direkte Umgebung für einen vorgesehen haben? Wieviele Lebensweisen sind ausprobierbar? Wieviele Karrieren sind denkbar? Vielen fällt bereits mit 30 das Haar aus. Das ist das erste Signal für das Ende. Eine Runde noch vor dem Kollaps. Die Zeit reicht nicht um alle Pflanzen und Tiere zu betrachten. Sämtliche Sportarten können genausowenig erprobt werden wie sämtliche Bücher gelesen, Filme gesehen und Bands gehört werden können. Wie oft kann man verliebt sein? Reicht das Leben überhaupt für eine einzige Liebschaft? Wieviele Entscheidungen kann man treffen bevor es zu spät ist? Wieviele Fehler kann man erkennen und korrigieren bevor es zu spät ist?

Die Kindheit rauscht an einem vorbei, die Pubertät ist ein Schluckauf, erst in den Zwanzigern rührt sich was: Man ist ja lebendig, aber eigentlich ist es schon vorbei, denn wieviel kann man vom Leben noch erwarten? Es gibt diese kurze Party der Jugend und dann verrinnt das Leben ohne Ankündigung sogartig ins Nichts oder zu den Jüngeren. Und es gibt immer Jüngere. Generation zu Generation vererbt sich der Verlust von Zeit, Jugend und Möglichkeit. Im Alter senken sich alles ab. Alles was hart war, wird härter. Alles was brüchig war, bricht. Alles vergeht mit einem selbst, ob man sich nun lebendig fühlte oder nicht. Das ist wohl auch nicht dramatisch, denn vergessen wird man bereits zu Lebzeiten. Der Tod war schon in der Kindheit ein düsterer Begleiter. Ich hätte als Kind sterben können. Als Teenager. Es wäre ein Akt der Rebellion gewesen. Aber je älter man wird desto eher wird es zur Normalität. Je mehr Lebenszeit man angehäuft hat, desto eher findet man die Zeit für das Absterben, ob man will oder nicht. Die Lebensroutine konzentriert sich dann immer weniger auf das Leben und dessen Potenz, sondern auf Zahnersatzversicherungen, Altersvorsorge und künstlichen Darmausgang. Die Zeit läuft einem davon. Je älter man wird desto eher wird das deutlich. Alles wird komplizierter und unübersichtlicher.

Ich wollte sovielen Dingen gerecht werden, aber rückblickend ist nie etwas gelungen. Wo ist das Wesentliche abgeblieben? Am Schwersten wiegt, dass man das Glück nicht festhalten konnte oder wollte, als es einem in der Wüste von Glücklosigkeit unverhofft in die Arme lief. Seither versuche ich die Erinnerungen daran lebendig zu halten. Wie sah die Situation aus? Wonach roch, schmeckte alles und wie fühlte es sich an? Was hätte ich tun oder unterlassen sollen? Warum konnte ich das nicht stabilisieren und fortsetzen? Wieso kann man die Zeit nicht zurückdrehen? Alles vergeht und das wars. Es ist hart. Nichts kommt zurück. Alles verändert sich unerbittlich. Man verwelkt wie eine Blume und ist genauso wie sie gebunden-zementiert auf die eigene Herkunft und Möglichkeiten. Immer gibt es dieses Warten auf eine entscheidende Idee, die die Reduktion zerstört und endlich Entfaltung walten lässt. Aber die Einfallslosigkeit ist fester Teil meiner Identität. Es gibt daher keine Rettung. Es wird immer so sein bis es schlimmer wird. Die wiederkehrenden Gedanken sind Ausdruck der inneren und äußeren Monotonie. Seit Jahren wiederhole ich wie eine Maschine die gleichen Abläufe mit einigen wenigen Varianten. Die Varianten scheinen mir als hohes Risiko und mutig, aber substantiell werfen sie nichts ab. Was bleibt sind eine enorme Menge von bitteren Erfahrungen, die ohne großartige Erkenntnisse in einem verglühen. Das Leben wächst einem über den Kopf.

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Der freie Fall

Immer noch lebendig. Ich bin nicht tot zu kriegen. Hatte es auch nie angestrebt. Die Grenze der Leidensfähigkeit bestimmt sich durch die depressive Gleichgültigkeit. Ironischerweise hält gerade die Depression das Leiden in Grenzen. Wie schwarze Watte stemmt sich das innere Elend gegen das äußere Elend, obwohl oder gerade weil es sich gegenseitig bedingt. Im rücksichtslosen Herumlungern und Verkommen, dem dramatischen Dauerscheitern und Verwahrlosen hängt ein letzter Hauch von Weigerung und Lebenslust. Wahrscheinlich sollte ich das nicht glorifizieren, denn diese Flamme taugt sowieso zu nichts und erstickt mit Sicherheit von selbst, wenn man sie nur zu lange betrachtet. Die Frage ist, ob der Abgrund sich nicht auch relativiert, wenn man in ihn nur lange genug hineinblickt? Wenn der Abgrund in einen hineinblickt und man sich selbst zu eben diesen dadurch macht, so ist er doch auch gebannt. Man steuert den Abgrund als abgründige menschenartige Ruine und Gewissheit über das allgemeine Grauen sollte zumindest einen Überblick über das Schlachtfeld erlauben.

Es wird keine Rettung geben. Das ganze Leben wird eine Katastrophe bleiben. Die Trostlosigkeit ist eine viel größere Konstante geworden und geblieben als alles andere in meinem Leben. Egal was die Fantasie hergibt, die ohnehin stumpf- und rumpfartig ein absolutes Schattendasein führt, von der Flucht in andere Länder, Branchen, Sprachen, Milleus mit Drogen, Arbeit oder Sexualität: Überhaupt nichts überzeugt, um zu stabilisieren, weil die Realität von mir, anderen und allem immer Krise, Angst und Terror gewesen ist. Man steigt als alternder Kapitän ohne Mannschaft auf einen immer brüchiger werdenden Kutter und hofft wenigstens etwas bessere Sicht als zuletzt zu haben, obwohl man ja doch wie die Jahre zuvor nur im Packeis der Arktis festgefroren ist. Millionen Kilometer ist da einfach nichts. Kein Weg, keine Straße, keine Schilder, kein Ton, keine Gesichter. Rufen ist genauso nutzlos wie Suizid oder Weiterleben. Man beginnt Schwierigkeiten zu haben sich selbst zu erkennen und verliert sich mit dem Alterungsprozess immer mehr. Wahrscheinlich war sowieso nie etwas erkennbares vorhanden.

Dieses Zwischenreich bringt die eigene Existenz in eine merkwürdige Metamorphose. Bedingungen von Denken und Fühlen höhlen beides aus bis nur noch eine Nulllinie übrig bleibt. Man isst zwar, aber satt wird man nie. Man schläft, aber ausgeruht ist man nie. Man spricht zwar, aber gesagt wird nie etwas. Man trifft Menschen, aber man begegnet ihnen nie. Ständig passiert etwas, aber erfahren tut man es nie. Das Fernglas zerbricht unter der gefrorenen sozialen Dimension. Man steht auf der Brücke, der Eissturm brennt auf der Haut, die Schneestürme wirbeln um die Insel auf die man sich verständigt und zurückgezogen hat. Alles scheisse. Schon wieder. Immer noch. Andauernd. Überall tauchen Risse auf und Eiswasser rinnt in den Kutter. Man kann nur hoffen nicht zu schnell hinabzusinken oder zu erfrieren. Aber diese Hoffnung ist unlängst von der Gewissheit getrübt, dass man ohnehin nie Glück haben wird. Selbst wenn man überlebt, wird man nie ein Mensch sein. Es hat doch nie etwas anderes als Eiswüsten gegeben, an denen man sich blutig schlug. Warum sollten üppige Reserven gefunden werden, die das Hungern beenden? Warum sollte auch nur ein einziger verlässlicher Mensch gefunden werden, wenn er schon in der Vorstellung undenkbar ist? Warum sollte eine Idee gefunden werden, die aus der Hölle hinausführt? Wieso sollte auch nur irgendein Wort, dass einem einfällt, auch nur irgendwie helfen?

Gewiss ist nur, dass man müde und älter wird. Der Zerfall, die Zerstörung, die Trauer, das ist sicher. Schmerz, Wahnsinn und Ohnmacht darauf kann man seine Existenz bauen. Wenn der Körper dann seine verbissene Routine aufgibt und stirbt, kommt es zu einer ersten und letzten Ablöse der üblichen zentralen Gefährten von Existenzangst, Perspektivlosigkeit, sozialer Isolation, Antriebslosigkeit bis Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit, Sprachlosigkeit und Teilnahmslosigkeit. Die Verkrampfung löst sich dann endlich, aber nur um überhaupt alles noch gleichgültiger zu machen. Wenn die Finger schwarz werden und einem abfallen, ausgerechnet dann hat man es geschafft. Das Leben dient offenkundig nur noch als Überlebenskampf, als ein Leben, welches überwunden und ertragen werden muss. Soweit ist alles vergiftet. Alles wiederholt sich engstirnig, die geringen Variationen reduzieren, formalisieren sich laufend und täglich grüßt das Murmeltier.

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Schiefheilungen in der Konserve

Die Flucht vor der Gesellschaft ist gänzlich unmöglich geworden. Ausschliesslich im Absurden und Surrealen können Momente der unreglementierten Erfahrung kurz aufblitzen. Die wilden, metaphysischen Zerrbilder der traum- bis alptraumartigen Szenen von David Lynch bildeten in meiner Jugend, die einzige Option die Realität noch auszuhalten. Unausweichlich war jedoch das gesellschaftliche Greifen nach meinem Körper und meiner ganzen Identität. Alle Freizeit hatte ein allzu schnelles Ende und blieb die Kehrseite der Arbeitszeit, die mich von Jahr zu Jahr stärker zerstückelte und aufrieb. Die Trümmergestalt von heute, war damals noch ein stumpfer Rumpf, der hier und da in den Rissen der kapitalistischen Totalität an den letzten verrinnenden Quellen kostete, die das Leben noch ausspie. Mit der Zeit verlangsamte sich die wilde Dynamik meiner hysterischen Höhenflüge durch unzählige Stürze. Ich barbarisierte mich regressiv, da die unmenschliche Gesellschaft sich nur durch mich reproduzieren kann. Die Umwälzung der Welt wälzte mich um, entriss mich meiner, noch bevor ich reflektierend zu ihr verhalten konnte. Meine luziden, bruchstückartigen Träumereien zerfielen unter dem nationalen-ökonomischen Marschieren der Nachbarn, Kollegen und Bekannten. Alles infantilisierte, faschisierte und entmündigte sich unentwegt. Mit Schrecken und aus sogenannter Liebe wurde auf mich eingeprügelt, wenn in mir der Schmerz der falschen Welt aufzuckte. Es musste alles mit der Maschine identisch sein. Erwachsen werden bedeutet vergessen lernen. Die Fantasie wird schwarz. Übelriechende Fäulnis im sumpfartigen, tauben Nichts voller unsagbarer Katastrophen. Die jetzigen Unzeiten sind Urgewalten mit unendlicher Brutalität und Tragik, die sich als unerkannte Ungetüme in alle Gemüter und Gedanken beissen. Ich war erst traurig geworden, dann untröstlich, schliesslich stumm. Alles verschlug die Sprache und Empfindlichkeit. Es gab keinen Halt und es gibt ihn immer noch nicht. Die Schatten der Vergangenheit, die ich als meine Jugend versuche zu identifizieren, sind lauwarme Schleier, die sich beständig auflösen. Die letzten Momente voll üppiger Zärtlichkeit, sind wie Erinnerungen eines Anderen längst Verstorbenen. Dieser allgemeine Verlust, der nicht nur ein individueller, sondern kollektiver ist, stellt ein offenbar unüberwindbares Trauma dar, welches sich zunehmend intensiviert. Die Abdichtung und Absperrung korreliert mit einer totalen Mechanisierung. Ich weiss nicht, ob jemals noch etwas anderes als Grauen und Schaudern blühen wird. Es ist nicht nur leicht blind zu sein, sondern leichter. Denken, Schreiben und Diskutieren sind ein Tasten, das schmerzt, weil immer Wunden berührt werden, die das Leben als ausdruckslose, wütende Maschine generell produzieren muss. Die Geschichte ist wie ein unendlicher Polizeigriff, der mit Schmerz die Kooperation mit den mystischen Monstern von Staat bis Kapital erzwingt. Alle kennen die Drohung, halten still in Raserei und Schinderei. Terror bläst sich in jede Kindheit und richtet das Trümmersubjekt auf, damit es in neuen Kleidern das Alte vollzieht, was immer schon gesetzt und ausgehandelt wart.

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