Capital Angst

Es ist nicht nur so, dass es permanent an Geld fehlt. Es fehlt auch an Bindungsfähigkeit von Beziehungen. Gleichgültig ob im studentischen Milleu, der heimischen Familie oder im rationalisierten Berufsfeld: Die fehlende Garantie, dass irgendeine Geste, Handlung oder Aussage zur Stabilität führt ist allgegenwärtig. Die Garantie ist nie dagewesen. Es ist auf keinen Menschen, den man je getroffen hat, Verlaß. Niemand ist sicher. Die fortschreitende gesellschaftliche Verwandlung durch Umwälzung ist Zerstörung und diese Vernichtung entleert, zerstreut und definiert Zwischenunmenschlichkeit.

Auf Fragen folgt Stille, auf Ideen folgt Stille, auf Hoffnungen folgt Stille, auf Zärtlichkeit folgt Stille. Jahre vergehen voll mit Stille. Ist das die Stille nach, vor oder mitten im Krieg? Unsere Gesellschaft ist auf der Grundlage des Nationalsozialismus enstanden. Es ist Ausdruck der Demokratie Menschen durch Arbeit zu vernichten. Wir sind ihre Apologeten und Produzenten. Die rationalisierten mystischen Riten unseres Alltags werden hingenommen, ertragen, mitgetragen, weiterentwickelt, obwohl Menschen bereits jetzt kaum mehr als Stümpfe sind. Das Nebulöse des Lebens lässt sich nicht mit wilden Handbewegungen vertreiben. Es gibt keine Strategie aus diesem asozialen Labyrinth, sofern die Lage nicht erkannt wird.

Erst wenn der Eindruck entsteht, dass die eigene Anspassungsleistung derart erwachsen ist, dass andere davon profitieren könnten, wird aus der Stille eine ominöse, verdächtige Lärmigkeit. Die Gewissheit über einen Menschen lässt sich vornehmlich nur dann klären, wenn es um Fragen von Geld geht. Die Beziehungen sind durch das Kapitalverhältnis in permanenter Umwälzung geprägt, sortiert, demgemäß ist es nur logisch, dass Prestige sich ausschliesslich über Macht, Gewalt oder Kapital ausdrückt. Etwas riskieren, organisieren, entwickeln, konsumieren können nur jene, die es sich leisten können. Jenen, denen es an solcherlei Prestige mangelt, werden außenvor gelassen, vergessen, abgelehnt, denunziert, indirekt oder direkt ermordet.

Die ganze Wertigkeit eines Menschen wird also von kapitalgesteuerten Konkurrenzbeziehungen vornehmlich definiert. Erst das Geld erlaubt Souveränität und lässt Angst im Alltag durchstreichen. Fehlen die monetären Mittel, ist Existenzangst vorprogrammiert, genauso wie soziale Ächtung und der totale Niedergang. In einer Gesellschaft von Mitmachern und Mitläufern, die die strukturellen Ursachen vergangener Katastrophen von Weltkriegen bis Holocaust in der jetzigen Gesellschaft verdrängen, ignorieren und mit ihrer Tätigkeit aufrechterhalten, ist keine Solidarität, Empathie, Unterstützung, Freundschaft oder auch nur ein längeres, vertrauensvolles, reflektiertes Gespräch zu erwarten.

Blickt man herum, im Nebel des Alltags, so ist da niemand außer man selbst. Greift man nach anderen, greift man ins Leere, egal ob man sie nun umarmt oder ihre helfende Hand benötigt, um nicht zu ertrinken. Und umarmt man sich überraschender Weise doch, ertrinkt man un­ver­se­hens zusammen. Die Alltagsroutine sämtlicher Milleus ist von einer gespenstischen und barbarischen Egalität gegenüber bzw. unter allen Konkurrenzsubjekten geprägt. Wichtige Informationen, um den Alltag zu bewältigen oder gar monetäre Mittel zu erlangen, die überlebenswichtig sind, erlangen nur elitäre, rücksichtslose Minoritäten, Interessengruppen, die sich unter die sowie um die Kapitalakkumulation herum formieren und gegen andere Banden verteidigen. Cliquen simulieren Nähe und Intimität, die objektiv überhaupt nicht gegeben ist. Da alles kalt, tot und irre ist, haben sie permanent Krise und Hochkonjunktur zugleich.

Ohne permanente Demonstrationen der Macht, Stärke, Fleiss und Konformität droht das Individuum unterzugehen und vernichtet zu werden. Alles unter dem Banner der Freiheit und Demokratie. Zugleich ist die Individualität von Geburt an als konformes Bandenmitglied festgestellt. Niemand ist frei, wenn er dem Diktat von Kapital folgen muss und etwas Kapital nur erlangt, wenn er einer Interessensgruppe folgt, die vom Kapital geprägt und abhängig ist. Der Arbeitsplatz in einer Abteilung eines Unternehmens, der einem den Alltagsinhalt maßgeblich auferlegt und sämtliche Emotionen oder Gedanken gewaltsam strukturiert, schliesslich ist Lohnarbeit kein Wunschkonzert, ist Ausdruck dieses Machtverhältnisses. Die Lehrpläne an den Schulen und Universitäten, die auf die Studenten nonchalant als Gewalt- und Machtverhältnis einwirken, denn ohne Gehorsam ist kein Abschluss zu machen, strukturieren indirekt das, was das Kapitalverhältnis wünscht. Darüber sind alle erschrocken und geschockt, lenken sich dann aber aufgrund der Geschlossenheit dieser Totalität mit irrwitziger Betriebsamkeit von dieser Erfahrung ab.

Das Streben nach einem normalen Leben innerhalb dieser Umstände bedeutet automatisch die Sortierung der Menschen nach Zwecken, Interessen, Nützlichkeit, Anpassungsgrad gegenüber dem Kapital. Diese Sortierung ist Zerstörung. Sie bedeutet Verdinglichung und Negation aller Manigfaltigkeit. Prestige, Beziehung, Individualität, Schönheitsideale oder Werte oder Charakter sind demnach direkter Ausdruck der Kapitalakkumulation. Diese Monokausalität changiert dialektisch innerhalb und über unzähligen Vermittlungsformen. Der Habitus einer Charaktermaske funktioniert unter Zuckerbrot und Peitsche des Kapitals. Die Hoffnungslosigkeit  niemanden zu finden, der vertrauenswürdig ist, ist schon zutiefst im Menschen über das gesellschaftliche Verhältnis angelegt. Darin liegt die Trost- und Ausweglosigkeit unserer Moderne.

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