Monatsarchiv: November 2016

We are Trump

Um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen herzustellen ist die Reflexion der eigenen Sozialisation, Familie, des persönlichen Umfelds, der Werte, Normen, Persönlichkeit notwendig. Dies alleine ist eine eklatante Selbstreflexion bzw. Reflexionsleistung, die von unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht gefordert wird. Sie fordert lediglich Akzeptanz, Gehorsam und Übernahme all dessen, was ein Individuum seit Geburt vorfindet. Und weil die Gesellschaft unangepasstes Verhalten bestraft, ist das wichtigste, nämlich die Erkenntnis, nebenbei zu machen, wenn nicht gerade das Glück existiert, dass Freunde oder Familie einen unterstützen. Zu einem gewissen Grade ist es in jeder Gesellschaftsform üblich, dass nachkommenden Generationen etwas aufoktroyiert wird. Allerdings schiebt sich in unserer spezifischen Gesellschaftsform noch eine Dimension hinein, nämlich der irrationale Charakter der jetzigen Epoche. Dieser drückt sich im Zwang aus Profite zu maximieren. Dieser Zwang ist total geworden und damit als zweite Natur unwidersprochen anerkannt worden, sodass er permanent unhinterfragt reproduziert wird. Zugleich wurde nach zwei Weltkriegen die tatsächliche Konstitution der Gesellschaft verleugnet, die u.a. die Shoa überhaupt erst ermöglichte. Die Verhältnisse wurden nie insoweit verändert, dass die Shoa unmöglich wieder stattfinden kann. Mehr noch: Man hat den Faschismus demokratisiert. Ausdruck dessen lässt sich u.a. in allen Rechtsbewegungen weltweit in jüngerer Zeit erkennen.

Somit kämpft das Individuum also nicht nur gegen die eigene Regressionen, Verhärtungen und ringt um Selbstreflexion, sondern es kämpft auch gegen die nähere sowie fernere Regressionsleistung der sozialen Umwelt, die zugleich Erwartungen stellt, die über Lebensqualität und Reflexionsfähigkeit entscheiden. Wer arbeitet wird in diesem Zusammenhang dümmer, weil er einem Prinzip nachgeht, welches Reflexion nur im Sinne der Kapitalakkumulation benötigt und demnach jegliche Gedankenprozesse bestraft, die davon ablenken oder sogar auf eine Abschaffung zielen. Zugleich lässt sich die Erkenntnis über die Unwahrheit unserer Gesellschaft nur auf der individuellen Ebene leisten, da die Totalität sich tief in die Menschen eingegraben hat. Die Gesellschaft droht permanent in Banden zu zerfallen bzw. organisiert sich über Banden, d.h. auch Wissen wird nur innerhalb von Banden geteilt oder verhandelt. Ohne eine Bezugsgruppe, die spezifische Reflexionsgrade erreicht haben, um die Gesellschaft auf eine sinnvolle Weise zu hinterfragen, wird die Reflexionsleistung des Individuums ohne geniale Disziplin oder Kreativität schwach bleiben. Zugleich lässt die Auffindbarkeit von reflektierten Gruppen oder Individuen mit dem fortschreiten der instrumentellen Vernunft systematisch nach, weil traditionell, wie gesagt, nur systemimmanentes Wissen belohnt wird.

Die Fähigkeiten des gesamten Bewusstsein oder der gesamten menschlichen Intelligenz sind fest an den Produktionsverhältnissen verankert. Sie tradieren, manipulieren, segregieren, vernichten, wühlen im Menschen und durch den Menschen, reproduzieren die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die Menschen verhalten sich zu Menschen wie Dinge zu Dingen und der Mensch behandelt sich  selbst wie ein Ding, welches zu bearbeiten ist wie ein Bergwerk. Je länger er in sich wühlt und optimiert, desto leerer ist er im Verlauf des Lebens. Die permanente Mobilmachung im Sinne der kapitalverwertenden Nützlichkeit hält die Individuen derart in Atem, dass nur leere Wissensformen, die im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas abgespuhlt werden, angewendet werden. Diese Logik arbeitet ins uns allen und der Kampf dagegen ist das Interesse der Menschheit. Trump ist eine Persönlichkeit, die für eine postnazistische Ideologie steht, die sich gerade durch eine opportunistische Anpassungsleistung an diese zerstörerischen und irrationalen Verhältnisse auszeichnet. Wahllos prügelte er auf Minderheiten ein, schliesslich gelten sie auch in der Kapitalakkumulation als wenig profitabel. Zugleich wohnt in seinem Größenwahn auch der Wahn, der stumme Schrei der narzistischen Kränkung, die der Kapitalismus jedem Individuum in jeder Kindheit mehr oder minder stark antut. Die Popularität des neuen US-Präsidenten zeigt den weiten Verbreitungsgrad der autoritären Persönlichkeit, die jegliche Reflexion über sich und die anderen ausschliesslich im Sinne des Profits unternimmt.

Das Wissen, welches zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer Abschaffung von Hunger, Krieg, Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus, Antiziganismus, Homophobie uvm. nötig wäre, setzt sich nicht durch, weil es keine Profite abwirft, weil es der systemimannenten Logik widerspricht, weil keine kapitalkräftigen Banden für sie kämpfen. Die Atomisierung, Entpolitisierung und Entleerung der Individuen lässt sich akut in allen sozialen Beziehungen deutlich erkennen. Die Profitmaximierung hat die Individuen so stark erschüttert, so häufig ins Gesicht geschlagen, dass sie immer stärker in ihrer Regression, Verantwortungslosigkeit aufgehen und ein postfaktisches Zeitalter mit faschistoiden, islamistischen, nationalboschewistischen bis technokratischen Führerfiguren wie Trump, Petry, Hofer, Putin, Erdogan, Gabriel, Wagenknecht und Co. begründen. All hope is gone, denn es gibt keinen Ort außer der immer schwächer werdenden Reflexionsleistung des Individuums, welches sich auf unzähligen Fronten und Ebenen zu behaupten hat, während es zugleich das so wichtige revolutionäre Potential erfassen, denken und ergreifen muss. Panik, Angst, Wut und Trauer sind keine guten Ratgeber, aber sie sind alles was neben all den Erschütterungen, Katastrophen und Umwälzungen in den letzten Jahrzehnten übrig geblieben ist.

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Eingeordnet unter Gesellschaft

Capital Angst

Es ist nicht nur so, dass es permanent an Geld fehlt. Es fehlt auch an Bindungsfähigkeit von Beziehungen. Gleichgültig ob im studentischen Milleu, der heimischen Familie oder im rationalisierten Berufsfeld: Die fehlende Garantie, dass irgendeine Geste, Handlung oder Aussage zur Stabilität führt ist allgegenwärtig. Die Garantie ist nie dagewesen. Es ist auf keinen Menschen, den man je getroffen hat, Verlaß. Niemand ist sicher. Die fortschreitende gesellschaftliche Verwandlung durch Umwälzung ist Zerstörung und diese Vernichtung entleert, zerstreut und definiert Zwischenunmenschlichkeit.

Auf Fragen folgt Stille, auf Ideen folgt Stille, auf Hoffnungen folgt Stille, auf Zärtlichkeit folgt Stille. Jahre vergehen voll mit Stille. Ist das die Stille nach, vor oder mitten im Krieg? Unsere Gesellschaft ist auf der Grundlage des Nationalsozialismus enstanden. Es ist Ausdruck der Demokratie Menschen durch Arbeit zu vernichten. Wir sind ihre Apologeten und Produzenten. Die rationalisierten mystischen Riten unseres Alltags werden hingenommen, ertragen, mitgetragen, weiterentwickelt, obwohl Menschen bereits jetzt kaum mehr als Stümpfe sind. Das Nebulöse des Lebens lässt sich nicht mit wilden Handbewegungen vertreiben. Es gibt keine Strategie aus diesem asozialen Labyrinth, sofern die Lage nicht erkannt wird.

Erst wenn der Eindruck entsteht, dass die eigene Anspassungsleistung derart erwachsen ist, dass andere davon profitieren könnten, wird aus der Stille eine ominöse, verdächtige Lärmigkeit. Die Gewissheit über einen Menschen lässt sich vornehmlich nur dann klären, wenn es um Fragen von Geld geht. Die Beziehungen sind durch das Kapitalverhältnis in permanenter Umwälzung geprägt, sortiert, demgemäß ist es nur logisch, dass Prestige sich ausschliesslich über Macht, Gewalt oder Kapital ausdrückt. Etwas riskieren, organisieren, entwickeln, konsumieren können nur jene, die es sich leisten können. Jenen, denen es an solcherlei Prestige mangelt, werden außenvor gelassen, vergessen, abgelehnt, denunziert, indirekt oder direkt ermordet.

Die ganze Wertigkeit eines Menschen wird also von kapitalgesteuerten Konkurrenzbeziehungen vornehmlich definiert. Erst das Geld erlaubt Souveränität und lässt Angst im Alltag durchstreichen. Fehlen die monetären Mittel, ist Existenzangst vorprogrammiert, genauso wie soziale Ächtung und der totale Niedergang. In einer Gesellschaft von Mitmachern und Mitläufern, die die strukturellen Ursachen vergangener Katastrophen von Weltkriegen bis Holocaust in der jetzigen Gesellschaft verdrängen, ignorieren und mit ihrer Tätigkeit aufrechterhalten, ist keine Solidarität, Empathie, Unterstützung, Freundschaft oder auch nur ein längeres, vertrauensvolles, reflektiertes Gespräch zu erwarten.

Blickt man herum, im Nebel des Alltags, so ist da niemand außer man selbst. Greift man nach anderen, greift man ins Leere, egal ob man sie nun umarmt oder ihre helfende Hand benötigt, um nicht zu ertrinken. Und umarmt man sich überraschender Weise doch, ertrinkt man un­ver­se­hens zusammen. Die Alltagsroutine sämtlicher Milleus ist von einer gespenstischen und barbarischen Egalität gegenüber bzw. unter allen Konkurrenzsubjekten geprägt. Wichtige Informationen, um den Alltag zu bewältigen oder gar monetäre Mittel zu erlangen, die überlebenswichtig sind, erlangen nur elitäre, rücksichtslose Minoritäten, Interessengruppen, die sich unter die sowie um die Kapitalakkumulation herum formieren und gegen andere Banden verteidigen. Cliquen simulieren Nähe und Intimität, die objektiv überhaupt nicht gegeben ist. Da alles kalt, tot und irre ist, haben sie permanent Krise und Hochkonjunktur zugleich.

Ohne permanente Demonstrationen der Macht, Stärke, Fleiss und Konformität droht das Individuum unterzugehen und vernichtet zu werden. Alles unter dem Banner der Freiheit und Demokratie. Zugleich ist die Individualität von Geburt an als konformes Bandenmitglied festgestellt. Niemand ist frei, wenn er dem Diktat von Kapital folgen muss und etwas Kapital nur erlangt, wenn er einer Interessensgruppe folgt, die vom Kapital geprägt und abhängig ist. Der Arbeitsplatz in einer Abteilung eines Unternehmens, der einem den Alltagsinhalt maßgeblich auferlegt und sämtliche Emotionen oder Gedanken gewaltsam strukturiert, schliesslich ist Lohnarbeit kein Wunschkonzert, ist Ausdruck dieses Machtverhältnisses. Die Lehrpläne an den Schulen und Universitäten, die auf die Studenten nonchalant als Gewalt- und Machtverhältnis einwirken, denn ohne Gehorsam ist kein Abschluss zu machen, strukturieren indirekt das, was das Kapitalverhältnis wünscht. Darüber sind alle erschrocken und geschockt, lenken sich dann aber aufgrund der Geschlossenheit dieser Totalität mit irrwitziger Betriebsamkeit von dieser Erfahrung ab.

Das Streben nach einem normalen Leben innerhalb dieser Umstände bedeutet automatisch die Sortierung der Menschen nach Zwecken, Interessen, Nützlichkeit, Anpassungsgrad gegenüber dem Kapital. Diese Sortierung ist Zerstörung. Sie bedeutet Verdinglichung und Negation aller Manigfaltigkeit. Prestige, Beziehung, Individualität, Schönheitsideale oder Werte oder Charakter sind demnach direkter Ausdruck der Kapitalakkumulation. Diese Monokausalität changiert dialektisch innerhalb und über unzähligen Vermittlungsformen. Der Habitus einer Charaktermaske funktioniert unter Zuckerbrot und Peitsche des Kapitals. Die Hoffnungslosigkeit  niemanden zu finden, der vertrauenswürdig ist, ist schon zutiefst im Menschen über das gesellschaftliche Verhältnis angelegt. Darin liegt die Trost- und Ausweglosigkeit unserer Moderne.

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