Das Bluten

Meine Eltern haben nie viel gelesen. Man kann sagen, dass ich sie kaum lesen gesehen habe. Wenn überhaupt wurde nur für den Beruf gelesen, für eine Prüfung, also, wenn es um Geld ging. Die Kindheit war, wenn ich sie genauer betrachte, nie frei von Krisen. Sie wurde von mir stets idealisiert und stets über die Gegenwart gestellt, obwohl dafür gar kein echter Anlass existierte. Die Überhöhung der eigenen Kindheit rührt vorallem daher, dass die Erinnerungen trügen und lückenhaft sind. Das Aufkeimen des Lebens, die pure Energie und Neugier lies sich nur schwer vom Elternhaus oder den gesellschaftlichen Institutionen brechen. Und doch, waren die Strukturen schon da, sie prägten und schmerzten. Die Krise war auch längst da. Der Vater betrog die Mutter und beide waren selten da, weil das Geld fehlte. Zugleich war ich nie Leistungsträger, sondern einfach ein unfähiges Kind, das nur spielen wollte. Die Wochenenden voll Tränen, wegen misslungener Prüfungen, die Wochentage voller Angst vor dem väterlichen Ausschimpfen am Wochenende. Die Schule forderte, diszplinierte, brach und zerrieb mich, die elterliche Beziehung, somit auch das Leben. Doch die Zerstörung brach eben auch durch die Eltern hinein, ihre Überlastung aus dem Beruf konnten sie an den wenigen freien Stunden nicht loswerden und reagierten gereizt auf Banalitäten. Es gab kaum Raum für Zärtlichkeit, freies Miteinander, gemeinsame Aktivitäten. Alles war reduziert und verschämt improvisiert, reduziert auf einzelne Tage im Monat oder einzelne Urlaubswochen im ganzen Jahr, die natürlich nie den Erwartungen gerecht werden konnten, weil soviel versäumt, vergessen, übersehen, zertreten, verkannt, verdorben und verbrannt wurde. Die geringen freien Tage wurden mit dem Älterwerden auch immer offener mit Aggressionen gefüllt. Es gab keine Vertrauten mit denen man hätte das Leid teilen oder reduzieren können. Schon als Kind wurde das Absehen vom eigentlichen Problem dadurch einstudiert und damit verewigt. Der Zeit- und Konkurrenzdruck wurde von Eltern und Schule expliziter, nachdrücklicher und brutaler kommuniziert. Der Liebesentzug war offensichtlich und nicht mehr nur hinter kitschigen Phrasen versteckt. Die Schule drohte: Du lernst für dich, nicht für mich. Der Vater drohte: Der Mensch braucht Zuckerbrot und Peitsche. Als das Kind in mir durch die Alltagserfahrungen starb, gab es nur noch Leere und deshalb idealisierte ich stets das Kind-sein, weil ich mich an die Hoffnungen erinnere, die als Kind noch so greifbar schienen. Aber alle wurden restlos über den gesellschaftlichen Druck und die sozialen Verhältnisse durchgestrichen. Unsere kleine Familie war immer überfordert, getrieben, ohnmächtig, ungebildet, isoliert, traumatisiert, ohne Ort oder Sprache. Darüber war man immer gestürzt, aber schob es stets beiseite, weil die Rechnungen bezahlt werden mussten. Die Wunden entstanden, heilten nie, brachen immer wieder auf, es kamen neue hinzu, rissen wieder auf, Salz kam hinein. Niemand kümmerte sich. Niemand schien gelungen. Wie verrückt verbrachte ich die Jahre damit mich zu zerstreuen nachdem alle Versuche scheiterten in irgendeiner akzeptablen Form in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Aber nichts hat funktioniert. Der allgemeine Mangel, das totale Verstummen, die komplette Ignoranz und die unaufhörliche Verletzung ist mein Alltag geblieben. Das Leben ist eine unstillbare Wunde.

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