Monatsarchiv: Oktober 2016

Vergeblichkeit & Einförmigkeit in der Weltlosigkeit

Unsichtbar und nonverbal setzt sich die Katastrophe über die monokausale Kapitalvewertung durch. Mangel ist für den modernen Menschentyp charakteristisch. Meine Eltern und ich waren stets atomisiert. Wir flohen vor den Mauern und Selbstschussanlagen der DDR in eine vermeintlich bessere Welt. Aber diese neue Welt brachte ständige Wechsel der Arbeits- und Wohnorte mit sich. Die Hinwendung zur Kapitalakkumulation hat unsere junge Familie anonymisiert und die Zerrissenheit über ganze Generationen hinweg geprägt. Die Entfremdung gegenüber Opa, Oma, Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins, von Nachbarn, Bekannten, alten Weggefährten, wurde in Kauf genommen für ein vermeintlich besseres Leben. Doch alles war schon während dieser hoffnungsvollen Entscheidung verdorben. Balzac sagte einmal, dass das Leben ohne großes Vergessen nicht funktionieren würde, aber der Kapitalismus besteht heutzutage aus einer enormen Selbstvergessenheit der Individuen. Kein Wort bedeutet heute noch etwas. Die Priorität des Alltagslebens wird stets pragmatisch auf das gesetzt, was sich augenscheinlich am wichtigsten aufdrängt und selbstsetzt: Die Kapitalakkumulation. Aber dieses Prinzip ist, folgt man Marx, falsch und zerstörerisch für alles. Diese Reproduktionsform brachte höhere Produktivkräfte, aber es hat die Menschen, die kaum welche waren, entleert. Beobachte ich meine Familie, so sehe ich eine zerstörte Bande, die verstummt, enttäuscht, verletzt und gedemütigt wurde und nun freudlos, perspektivlos, nackt, blutend auf den Trümmern ihres Lebens im Ozean abtreibt. Aber über mehr als kurzatmige Aufreger ist man in der Familie angesichts dieses Zustandes nicht hinausgelangt.

Und doch, obwohl die Schinderei dem Alltag glich, weil man die Anpassungsleistung gegenüber dem falschen Prinzip der Kapitalakkumulation unbedingt vollziehen wollte, kam es nie zum Bruch mit der Gesellschaft, sondern man brach sich willentlich selbst. Die Verletzungen, die die Gesellschaft an ihnen und uns anrichtet führt zu selbstverletzenden Verhalten, krankhafter Innerlichkeit und beschleunigt die Monotonisierung des Lebens. Vielen Menschen scheint das geringe Selbstwertgefühl zueigen zu sein, was eine Art Rechtfertigungsdruck für die eigenen Taten und Gedanken erforderlich macht. Und das obwohl das System, welches sie zugrunde richtet, sich nicht rechtfertigt, sondern über die blinde Tätigkeit der fassungslosen Individuen immer wieder erneut vor sie setzt und endlose Aufopferung verlangt. Die Welt ist nach dem heutigen Stande eine Endstation für Übriggebliebende. Sie hält eine permanente Vernichtungsdrohung gegenüber den Überlebenden aufrecht, vollzieht diese Drohung aber zugleich z.B. an zehntausenden Hungertoten jeden Tag. Wenn wir alle diese Vernichtungsindustrie aufrechterhalten, denn es gibt niemand sonst der das tut, macht uns das zu Mittätern an unserem Elend, aber auch am Elend anderer, denn wir leben in der globalisierten Welt der Kapitalakkumulation. Alle Hände sind blutig. Angesichts dieser alltäglichen Ungeheuerlichkeit, ist es kein Wunder, dass es auch ein Interesse in den Menschen geben muss, wegzusehen, sich der Routine hinzugeben, der Verantwortung zu entziehen und es sich scheinbar möglichst leicht zu machen. Aber Anpassung bedeutet lebenslange Schinderei in der Lohnarbeit mit dem Staat und dem Kapital. Ein Krankheitstag und es kann vorbei sein.

Die Atemlosigkeit, das Verstummen, die Entleerung, die Anonymisierung, die Leere, das sind nur Teilaspekte eines totalen Verlusts von Lebensqualität, der sich klangheimlich, aber zugleich offen darstellt. Der Raubbau am eigenen Leben vollzieht sich mit jedem Arbeitstag, so still und hintergründig, dass die okkulten Banden unserer Gesellschaft keine Mühe haben, ihren Wahnsinn zu rationalisieren und Neuankömmlingen aufzuherrschen. Und wenn das nicht hilft, wird die Alternativlosigkeit der Wirtschaftsordnung betont oder schlicht das Leben oder die Rationalität des Zweifelnden in Frage gestellt. Dem okkulten Schein unserer Gesellschaft zu unterliegen, hat aber nicht nur etwas mit Betrug oder Gewalt zutun, sondern auch mit Macht. Die Mächtigkeit ergibt sich aus der Allgegenwärtigkeit der kapitalverwertenden Logik. Ohne personale Autorität ist die Unterwerfung also ohne Weiteres genauso üblich. Es braucht keinen Aggressor, der diktiert, man habe zu konkurrieren und unendlich Leistung zu bringen, das sagt man zu sich, wenn man sich in der Schule oder am Arbeitsplatz umblickt. Der Wärter und Gefangene wohnt in einem selbst. Die Sozialisation hat die Internalisierung der okkulten Werte dieser Geselschaft erfolgreich erledigt. Nur da, wo die Sozialisation von Zweifel bestimmt war, durch Krisen innerhalb der Familie oder dergleichen, konnte die Anpassung an die Gesellschaft und ihre wahnsinnigen Praktiken nicht ganz dicht vollzogen werden. Ausbruchmöglichkeiten sind in der Tat lange undenkbar. Noch ehe man einen Gedanken vollzog, ist es zu spät und man muss Rechnungen bezahlen.

So gleicht alles Tun im Sinne von Aufbauen nutzloser Mühe. Jahrzehnte haben meine Eltern ihre Zeit, ihre Kraft, Intelligenz und Emotion vornehmlich der Lohnarbeit und der Steigerung einer Zahl geopfert, sind dauernd umhergezogen, wie Vieh wurden sie vom Kapital getrieben, nur um unter dem Konkurrenz- und Leistungsdruck zusammenzubrechen, zu erkranken, zu verzweifeln. Sie sind gescheitert, das wissen sie auch. Ihr Überleben ist kein Leben. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten haben sich auf den Klodeckel oder den 3 wöchigen Jahresurlaub reduziert. Nach ihrer Scheidung konnten sie die Einsamkeit in ihrem Leben regelrecht greifen. Die Einsamkeit war unüberwindbar und unerträglich. Die jahrzehntelange Zweisamkeit schien darüber hinwegzutrösten, dass es sonst niemanden außer ihnen gab, der mit ihnen tiefere Bindungen einging. Die Anderen waren häufiger eher Bedrohung als Verheißung. Jetzt, wo in der ältesten, wichtigsten Bindung die Seuche alles erstickte, erschien alle Tätigkeit, erschienen alle Mühen dauerhaft im Licht der Bedeutungslosigkeit. Nichts gilt mehr, weil nie irgendetwas anderes gegolten hat, als die Kapitalverwertung. Alles was erbaut wurde, wird in Sekunden durch die blinde Tätigkeit anderer vernichtet. So funktioniert unsere Gesellschaft, im kleinen wie im großen. Die Umweltzerstörung zeigt das augenscheinlich: Der Effekt all unserer Tätigkeiten im Alltag mündet über die Vermittlungen der Gesellschaft in Chaos, Vernichtung, Mord und Wahnsinn. Keiner geht der Blutspur nach und wenn doch, wird er häufig selbst wahnsinnig.

Die wirklichen Menschen gleichen Gespenstern oder Schatten. Ein Blick in die U-Bahn, in die Konzerne, Parlamente und man sieht ihre Erstarrung, die verschreckten Hühnern gleicht. Kein Wunder, dass die Menschen rassistisch, sexistisch, antisemitisch, antifeministisch ihre starren Denkformen artikulieren, um ihr krisenhaftes Katastrophen-Ich provisorisch, kurzfristig mit der Niedermachung scheinbar Schwächerer zu stabilisieren. Die Geschichte lehrt ihnen gar nichts, nur die Anpassung an das gesellschaftlich gerade akzeptierte Vokabular, um die erinnerungslose Hoffnungslosigkeit zu bestärken. Das Leben ist so schemenhaft geworden, dass kaum einer noch bestehen kann, ob er sich nun anpasst oder nicht. Die Auflösung unter dem Getöse des Kapitals hat nach all den Jahrzehnten nichts mehr übrig gelassen. Wir sind die zufällig überlebenden, herumirrenden Abfallprodukte einer untergehenden Zivilisation.

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Das Bluten

Meine Eltern haben nie viel gelesen. Man kann sagen, dass ich sie kaum lesen gesehen habe. Wenn überhaupt wurde nur für den Beruf gelesen, für eine Prüfung, also, wenn es um Geld ging. Die Kindheit war, wenn ich sie genauer betrachte, nie frei von Krisen. Sie wurde von mir stets idealisiert und stets über die Gegenwart gestellt, obwohl dafür gar kein echter Anlass existierte. Die Überhöhung der eigenen Kindheit rührt vorallem daher, dass die Erinnerungen trügen und lückenhaft sind. Das Aufkeimen des Lebens, die pure Energie und Neugier lies sich nur schwer vom Elternhaus oder den gesellschaftlichen Institutionen brechen. Und doch, waren die Strukturen schon da, sie prägten und schmerzten. Die Krise war auch längst da. Der Vater betrog die Mutter und beide waren selten da, weil das Geld fehlte. Zugleich war ich nie Leistungsträger, sondern einfach ein unfähiges Kind, das nur spielen wollte. Die Wochenenden voll Tränen, wegen misslungener Prüfungen, die Wochentage voller Angst vor dem väterlichen Ausschimpfen am Wochenende. Die Schule forderte, diszplinierte, brach und zerrieb mich, die elterliche Beziehung, somit auch das Leben. Doch die Zerstörung brach eben auch durch die Eltern hinein, ihre Überlastung aus dem Beruf konnten sie an den wenigen freien Stunden nicht loswerden und reagierten gereizt auf Banalitäten. Es gab kaum Raum für Zärtlichkeit, freies Miteinander, gemeinsame Aktivitäten. Alles war reduziert und verschämt improvisiert, reduziert auf einzelne Tage im Monat oder einzelne Urlaubswochen im ganzen Jahr, die natürlich nie den Erwartungen gerecht werden konnten, weil soviel versäumt, vergessen, übersehen, zertreten, verkannt, verdorben und verbrannt wurde. Die geringen freien Tage wurden mit dem Älterwerden auch immer offener mit Aggressionen gefüllt. Es gab keine Vertrauten mit denen man hätte das Leid teilen oder reduzieren können. Schon als Kind wurde das Absehen vom eigentlichen Problem dadurch einstudiert und damit verewigt. Der Zeit- und Konkurrenzdruck wurde von Eltern und Schule expliziter, nachdrücklicher und brutaler kommuniziert. Der Liebesentzug war offensichtlich und nicht mehr nur hinter kitschigen Phrasen versteckt. Die Schule drohte: Du lernst für dich, nicht für mich. Der Vater drohte: Der Mensch braucht Zuckerbrot und Peitsche. Als das Kind in mir durch die Alltagserfahrungen starb, gab es nur noch Leere und deshalb idealisierte ich stets das Kind-sein, weil ich mich an die Hoffnungen erinnere, die als Kind noch so greifbar schienen. Aber alle wurden restlos über den gesellschaftlichen Druck und die sozialen Verhältnisse durchgestrichen. Unsere kleine Familie war immer überfordert, getrieben, ohnmächtig, ungebildet, isoliert, traumatisiert, ohne Ort oder Sprache. Darüber war man immer gestürzt, aber schob es stets beiseite, weil die Rechnungen bezahlt werden mussten. Die Wunden entstanden, heilten nie, brachen immer wieder auf, es kamen neue hinzu, rissen wieder auf, Salz kam hinein. Niemand kümmerte sich. Niemand schien gelungen. Wie verrückt verbrachte ich die Jahre damit mich zu zerstreuen nachdem alle Versuche scheiterten in irgendeiner akzeptablen Form in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Aber nichts hat funktioniert. Der allgemeine Mangel, das totale Verstummen, die komplette Ignoranz und die unaufhörliche Verletzung ist mein Alltag geblieben. Das Leben ist eine unstillbare Wunde.

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