Monatsarchiv: September 2016

Mit allem verlassen sein

Der Verlust ist eine tragische Alltagserfahrung. Wenn es normal ist, dass es keinen Menschen gibt, der das eigene Leben vervollständigt oder der sich seiner annimmt, dann ist die eigene Zerstörung vorgezeichnet. Die Hoffnungslosigkeit und Apathie strömt in die leere Identität und von dort vollzieht die Gewissheit ihr giftiges Werk. Sie konstatiert, dass man immer allein sein wird, weil es gar nicht anders sein kann, da die Welt generell unter Liebesmangel leidet. Es ist eine tödliche Klarheit. Das Ersticken an sich selbst und durch das Nichts, was in den anderen wohnt, als Keimform des Alltags. Und das Überleben konzentriert sich auf eine permanente Reduzierung und Rücknahme von allem, was man vielleicht hätte wollen können. Die Vorsicht als Triumph über alle Spontanität. Der nächste Moment könnte die letzte Enttäuschung bereiten, weil es danach nichts mehr zu erfahren gibt. Diese krankhafte Innerlichkeit und versumpfende Wehleidigkeit ist mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Aber die Zerstörung entspringt nicht nur der eigenen Identität, sondern auch aus dem Umfeld, woraus letztlich die Identität überhaupt geraten konnte. Es zermalmt einen den Magen nicht zu wissen, ob man morgen noch genug monetäre Mittel haben wird. Die Gewissheit, dass die Gesellschaft einen jederzeit vernichten kann und es niemanden negativ auffällt, weil die alltäglichen Katastrophen in millionenfacher Form üblich sind, erstickt alles. Man verliert nicht nur Lebenszeit oder Kraft, was noch natürlich wäre, sondern auch Wohlstand, sobald man nicht in den Kapitalismus investiert, der systematisch alles zerstört. Man investiert Zeit, Kraft, Nerven in diese Wirtschaftsform, obwohl sie auch einen selbst vernichtet. Es gibt nur eine Angst, die innerhalb des Jobs antreibt: Man hofft, dass es für einen noch reichen wird. Man schliesst sich einer Bande an, die in Konzernkreisen als Team tituliert wird und alles geht ganz professionell, routiniert zu. Der hohe Druck gehört genauso wie die interne und externe Konkurrenz zum Alltag. Und schon ist man ausweglos in einem brennenden Labyrinth gefangen, welches zunehmend verrauchte Gänge und Sackgassen enthält. Jede Hand, die sich dir reicht, will Dir nicht helfen, sie will Dich schlagen und berauben. Die Kosten erhöhen sich Monat für Monat, die Löhne stagnieren und sinken, die Arbeitszeit und Aufwand erhöhen sich. Das Alter schärft die eigene Mangelhaftigkeit. Wer nicht früh vorgesorgt hat, mit einem Netzwerk aus Unterstützern oder Erbschaften oder sonstigen unfairen Vorteilen, der ist geliefert und muss den Misserfolg als Alltag ertragen. Die ganze Reflexion besteht allerdings so oder so aus der Frage, ob man Geld haben wird oder nicht. Die Angst prägt zusätzlich die geistige Wüste.

Es stellt sich jeden Tag erneut die Frage, wie man angesichts solcher Zustände überhaupt leben soll. Die Lust am Leben ist ohnehin bereits vergangen, wenn die Katastrophen, die anderen unschuldigen Seelen angetan wird, in das Bewusstsein genommen werden. Wer sich nicht an das Falsche anpasst, fliegt innerhalb weniger Wochen auf die Straße. Der herrschende Gewaltapparat zwingt, nötigt einen mit allen bürokratischen Mitteln zurück in das ökonomische Getriebe, weil das alles ist, was der Mensch heute sein darf. Wer zu arrogant, unbekümmert, übermütig, illoyal ist, der stirbt den leisen Tod, der geht den sozialen Abstieg. Mord ist in dieser Gesellschaft ein allgemein akzeptiertes Mittel, um sich der überflüssigen Menschen zu entledigen. Das beweist die Asylgesetzgebung jeden Tag an den Grenzen und im Mittelmeer, wo Tausende bereits durch unterlassene Hilfeleistung ermordet wurden. Man braucht nicht zu glauben, dass irgendwer einem zu Hilfe eilt, wenn man selbst zu Ertrinken droht, denn Blut ist genau das, was essentiell diese Gesellschaft vorantreibt. Das ist ihre instrumentelle Vernunft nach der sich alles organisiert.

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Life is hard?

Das Leben ist unheimlich reichhaltig. Die Städte sind voll mit Menschen, die gerade die beste Zeit ihres Lebens haben. Die meisten wissen es gar nicht und sind zerfressen von Minderwertigkeitskomplexen oder den irrationalen Ansprüchen der kapitalorientierten Leistungsgesellschaft. Wenn im tiefsten Inneren klar ist, dass die Unfähigkeit zum Leben besteht, dann gibt man der Welt in ihrer Verachtung für einen selbst recht. Das Leben ist leer geblieben. Die starke Vermutung, dass man besser niemals hätte geboren werden sollen, drängt sich in den Details des Lebens auf. Sie heissen: Gehaltsverhandlungen, Arbeitszeiten, Dienstanweisungen, Kostendruck, Abmahnung, Gerichtsvollzieher, Mieterhöhung, Rationalisierung, Networking, Prestige, Konkurrenzkampf, Hungertod.

Niemand hat die Zeit oder nimmt sich die Zeit. Stets wollen die andern, woanders sein. Und so will man es auch oder tut man es auch, widerwillig oder willkürlich. Ich hätte gerne gelebt, aber Umstände lassen es nicht zu. Man könnte das als Selbstmitleid entschärfen, aber doch ist mehr dahinter. Der Alltag verschlägt immer wieder die Sprache. Nur noch im Schweigen sprechen die Menschen. Allerdings stellt sich die Frage, ob es überhaupt Menschen sind. Es sind allenfalls durch die Kapitalakkumulation gehärtete Wesen, die so agieren, wie man gemeinhin glaubt, dass Menschlichkeit aussieht. Das ist die Katastrophe und das Verbrechen, was wir uns alle gegenseitig permanent antun. Aber im Grunde genommen ist fast alles, von dem was im Alltag so passiert, tatsächlich unmenschlich im Sinne von mangelnder Empathie, inexistenten Lebensglück oder entleerter Intelligenz. Die Ratio katalogisiert nur noch: Wertet ab, wertet auf, stellt ein, wirft raus. Das betrifft auch die Liebe. Die ganze Reflexion sinkt auf ein Reiz-Reaktionsschema hinab und monologisiert, monopolisiert, monotisiert die letzten Reste von Leben, Lebenskraft und Lebensfähigkeit. Die Endgültigkeit dieser Lebensweise, die tödlich ist, weil sie Menschen für ihr Prinzip erstickt, wohnt in den Staus, Häuserschluchten, Bahnschächten.. Aber darin liegt auch die Ironie, denn bedenkt man wie diese Häuserschluchten entstehen und was darin eigentlich lebt, dann sind das auch Oasen des Lebens. Ein Plattenbau wirkt äußerlich wie ein Betonpanzer, aber jede Wohnung darin, kann Menschen enthalten, die besonders herausragende Lebensentwürfe und Denkbewegungen anstreben. Zugleich sind da auch Familien, die Kinderlachen bereit halten.

Manches Mal, wenn die Blicke von Fremden sich streifen, rührt sich im Hintergrund auch eine Idee davon, was hätte sein können. Sie hätten sich vertrauensvoll zueinander verhalten können. Sie hätten eine Beziehung zueinander entwickeln können. Sie hätten aneinander festhalten können. Sie hätten gemeinsam die Kälte zurückweisen können. Aber doch geschieht stets das Gleiche: Es wird davon abgesehen. Es geschieht nichts. Es herrscht der Unwille und das Misstrauen. Es lagern die grauen Gedanken über die Gegenwart und die trübe Aussicht auf die Fantasie. Die Spontaenität ist beschwert, alles ist schwierig, indiskret und ohne Ort. Es gibt kein Wort, das Blicke zu Beziehungen entfalten lässt. Alle die sich aneinander halten, scheinen eher aus einem Zufall heraus aneinander geraten zu sein und zuckten, klammerten aus Schock, wie bei einer Begegnung in totaler Dunkelheit mit einem fremden Körper. Das Greifen ins Nichts als Umarmung des Anderen, als Berührung der eigenen und totalen Nichtigkeit.

Die Menschen begegnen sich nur noch auf Freigang vom Gefängnis Lohnarbeit, behandeln sich daher wie Diebe und sonstige Verbrecher, die sie jederzeit übers Ohr hauen wollen. Und fürderhin bestätigt sich die vorurteilsbelastete Vorsicht oft genug. Irgendwann bemerkt man, dass man selbst nicht mehr die kommende Generation ist. Man ist ein Niemand, der nichts bedeutendes tut. Man ist Derjenige den man vergisst, obwohl man sich einander das Herz ausschüttete, den man in seiner Einzigartigkeit nicht bemerkt, den man ignoriert, wenn er die Tür aufhält oder eine Frage stellt. Einzigartigkeiten gehen in Einzigartigkeiten unter, sowieso, aber ganz besonders in unserer jetzigen gesellschaftlichen Form. Und es bleiben nur noch Momentaufnahmen, wo das kurz anders sein könnte. Und es ist noch seltener, wo das dann tatsächlich so ist. Und dann rechnen sich die endlos brutalen, öden, grauen und rauen Jahrzehnte auf die wenigen lebenswerten Momente.

Das Alter lehrt einem, dass die Jahrzehnte einen nicht unbedingt klüger, besser, genauer machen. Die drängende Frage, wie man überhaupt noch leben soll, wird bleiben und sich vermutlich noch energischer stellen, je schwächer man wird. Es fällt auf, dass dieselbe Idiotie gelebt wird, die man bereits vor 10 Jahren beerdigen wollte. Nichts hat sich qualitativ verändert. Eine Ansammlung von Enttäuschung, Bitterkeit und Trostlosigkeit ist das Alter, aber ansonsten ist der Schwierigkeit nur dadurch Veränderung getan worden, dass sie eher noch schwieriger geworden ist. Der Hochmut und die Hoffnung der Jugend, mag sie noch so schal gewesen sein, war wahnsinnige Naivität, die jeglicher Rationalität entbehrte. Und das ist es, was ermüdet. Manche Träume sind immer noch da. Aber sie werden sich nicht erfüllen. Sie werden leise ersticken, wie alle Träume, wie alle Blickkontakte, wie alle Begegnungen und alle Worte. Es heisst immer, man solle für seine Träume kämpfen. Doch wie? Wie soll das im Einzelnen aussehen? Wie soll man für die eigenen Träume kämpfen insbesondere mit den eigenen Voraussetzungen und der eigenen Sozialisation? Es ist ein Rätsel. Man selbst ist sich die meiste Zeit des Lebens ein Rätsel. Das ist sogar typisch für das Leben selbst. Die eigene Mythologie verunmögicht irgendeinen Geraden weg zum erträumten Ziel. Das Scheitern ist die normale Praxis. Man gibt sich mit unerträglichen Kompromissen zufrieden oder man hält sie eben aus, weil man sich nicht umbringen kann. Und das ist eben das nächste Kapitel: Wenn das Leben auch permanentes Scheitern bedeutet, ist jeder ein Verlierer, obwohl er zugleich ein Gewinner ist, wenn man denn die Existenz ansich als unendlich wertvoll einschätzt. Aber gemessen an den Zielen, ist alles unzureichend. Nichts funktioniert. Es ist überhaupt ein Wunder, dass die Gesellschaft nicht sofort explodiert. Es ist nur Trägheit, die das verhindert. Und so halten auch Beziehungen zusammen, obwohl sie längst obsolet geworden sind.

Jeder kennt das Unbehagen, das dünne Eis, wenn irgendwem zum ersten Mal begegnet wird, kaum war man zusammen besoffen oder hat gevögelt, tut man so, als hätte sich etwas an der Unkenntnis gegenüber seiner Selbst oder der anderen Person geändert. Und auch hier ist nichts wie es scheint. Die Lust ist kein Gipfel des Lebens, sondern vorallem durch surreale Unlust geprägt, durchdrungen von Leistungs- und Konkurrenzidealen, zersetzt von Fantasien aus einfallslosen Kitschfilmen und ekelerregenden Machopornos. Wenn da nicht intensiv vorher kommuniziert wird, ist der Wahnsinn perfekt. Die Fantasie ist so beerdigt, wie das eigene Vermögen totale Lust zu empfinden. Es wäre auch zu schön, wenn es so einfach wäre. Die Droge wäre immer bei einem und kostenlos. Der Abstand zur Welt wäre einen Zungenschlag entfernt. Und wenn dieses Unbehagen vor dem Fremden nicht bekannt ist, dann agiert man erst recht wie ein Alien und wieder stellt sich die Frage was Beziehung zu sich und anderen eigentlich bedeutet. Die Illusion von Abwesenheit der allgemeinen Leere?

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