Sei mal lieber nutzlos

Es kann jenseits der ganz großen Katastrophen nichts fürchterlicheres geben als seine wertvolle, einzigartige Lebenszeit für die Lohnarbeit zu verschwenden. Man bestimmt in der Arbeitszeit nichts: Weder was getan wird, noch warum es getan wird, noch erhält man die Früchte der eigenen Arbeit. Und obwohl diese Quälerei eine kaum zu überbietende Dummheit ist, ist sie identitätsstiftende Praxis. Wer sich nicht vom Joch der Lohnarbeit strafen lässt, weil er den darin enthaltenen Wahnsinn erfasst und dadurch gebannt hat, wird über die Lohnarbeitsfetischisten gestraft, denn wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Der Hass auf den leistungslosen Genuss kommt insbesondere aus dem nächsten Bekannten und Verwandtenkreis. Darüber soll soziale Kontrolle, Repression und Unterdrückung ausgeübt sein. Dabei zählt nur der Genuss. Ihm muss sich alles beugen. Das Leben ist selten, kostbar und kurz. Warum sollte man es sich mit unendlicher Lohnarbeit, Konkurrenz- und Leistungsdruck verderben? Jeden Tag Pizza essen, ausschlafen, Freunde treffen, eigene Projekte aufgreifen und fallen lassen: Niemand wird die Lohnarbeit jemals vermissen, ist sie erstmal niedergerungen. Die Angst vor der Freiheit, der freien Zeit und den unendlichen Möglichkeiten der Selbstgestaltung, scheint die derzeitigen Vormenschen völlig gefangen zu halten. Ordnung, Pflicht und Disziplin sind ihre Religion. Vor dem Augenschein der Unendlichkeit, muss die absurde Banalität der Surplusmacherei groteskes Gelächter auslösen. Wenn alles in Vergessenheit gerät, wenn die Vergänglichkeit den Grundgehalt unserer Existenz ausmacht, dann zählen nur die Momente, die wir im Leben erleben können. Die Ausschöpfung jedes einzelnen Moments wird dadurch zum höchsten Gut. Ist das Leben nicht selbst völlig nutzlos? Es fängt an um aufzuhören. Wenn alles nur ein Witz ist, dann sollte man das Ganze wohl nicht Ernst nehmen und schon gar keinen Wettbewerb daraus machen. Allenfalls gegen die Feindes des Chills muss wohl gekämpft werden: Jene, die das Leben für ein Arbeitslager, die Monotonie für eine Symphonie halten. Der Ursprung allen Glücks liegt in der unreglementierten Erfahrung, der unverstellten Möglichkeit zu offener Erfahrung, die sich nicht einkategorisieren oder nützlich machen muss oder will. Weise wäre es daher, die Existenz, gerade weil sie absurd ist, als Selbstwert anzuerkennen. Insbesondere, weil die Wahrscheinlichkeit zu existieren extrem gering ist, wäre jeden Tag eine Feier angesagt.

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