Monatsarchiv: August 2016

Für dich hat es nicht gereicht

Depressionen verhalten sich diffus, hinterlistig, unerbittlich, wahnsinnig. Sie schleifen, zerren, versenken sämtliche Möglichkeiten eines Tages und einer Identität. Selbst wenn man sich ihrer bewusst ist, bedeutet das nicht, dass man sie dadurch zurückdrängen kann. Im Gegenteil, es macht sie stärker und schrecklicher. Wenn gestern noch ein Mittel gegen sie gewirkt hat, ist es im nächsten Moment ein Beschleuniger für diese schwarze Hysterie. Und die wertvollen Jahre, die nie wieder kommen, ziehen vorbei während teure Therapeuten um Geduld bitten, schliesslich würde eine Genesung hier von vielen Faktoren abhängen. Aber die Wahrheit ist: Hat man einmal diesen dunklen Begleiter, wird er einen nie wieder verlassen. Und man wird sich damit abfinden müssen, dass jeder Tag und jede Nacht schwerer sein wird, als sie sein müsste. Permanent wird man sich vor Gesunden für das eigene absurde Verhalten entschuldigen müssen, welches von wahnwitzigen Stimmungs- und Gedankenschwankungen geprägt ist. Der reisserische Kraftverlust raubt nicht nur Lebensmut, sondern auch die Kraft irgendein Projekt zu realisieren, welches Lebensmut schöpfen könnte.

Die Unmöglichkeit den vollen Umfang dieser schwarzen Pest in wenigen Worten darzustellen, ist nur ein Aspekt, der die Vereinsamung vorantreibt. Es ist vorallem diese Unendlichkeit und Unberechenbarkeit die dominant Handlungen und Sichtweisen prägt und zu Boden reisst. Der Zweifel ist dann einfach stärker. Nichts taugt mehr für irgendwas. Die Gleichgültigkeit ist nur dann noch ein Glück, wenn sogar Suizid belanglos erscheint, auch wenn man sonst nicht mehr zum Leben ausreicht. Der Verlust von Sexualität, Partnerschaft, jeglichen Bezug zum eigenen Körper, von Lebensmitteln ist bloß der äußerliche Ausdruck des verschwundenen Glücks den andere für so normal halten. Da das Leben generell schon schwierig ist, wird es unmöglich, wenn schlafen oder aufstehen unerträglich ist. Kommt noch Schwindelgefühl und Konzentrationslosigkeit hinzu, ist ein Stadium erreicht, das irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen im eigenen Körper changiert. Womöglich könnten radikale Maßnahmen noch eine wünschenswerte Veränderung erziehlen. Es gibt zumindest einige Hanfpflanzen, die eine einschläfernde Wirkung haben. Aber das würde nur einen winzigen Teil lösen. Wenn man als Depressiver einige Jahre vollgemacht hat mit Todessehnsucht und Gleichgültigkeit, ist man ein manifester Zyniker mit cholerischen, dummen und infantilen Zügen. Der Charakter ist längst von der mentalen Instabilität geformt worden. Man ist damit unfähig geworden sich wieder in ein normales Leben einzufügen, Beziehungen zu pflegen und am Arbeitsplatz entsprechend leistungsfähig zu funktionieren. Das Leben steht einem dann solange im Weg, wie man selbst lebt. Zugleich ist diese Unfähigkeit aber auch etwas, was wiederum neue Depressionen auslöst, weil das eigene Unvermögen die Integration verhindert und schliesslich zur Rebellion im Sinne einer Teilnahmslosigkeit einlädt.

Zugleich bietet das Leben selbst genug Gründe depressiv zu werden oder depressiv zu bleiben. Niemanden ist zu trauen, weil niemand sich kennt oder kennen will und die Gespräche oft kürzer sind als der Zeitraum, der für das Rauchen einer Zigarette von Nöten ist. Unser Zeitgeist ist so, dass sich das Individuum, welches sich in Milliarden Körpern momentan verhält, für die Kapitalakkumulation entleert und ausschliesslich über diese Entleerung verhält. Wenn also alles was menschlich ist, von einem unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnis definiert wird, warum sollte dann irgendein Individuum menschlich und empathisch sein? Es ist grundsätzlich immer beschädigt und damit unfähig die eigene Beschädigung im eigenen Menschenleben vollständig aufzuheben. Diese Tatsache wird oft nicht bedacht und jene, die sie sehen, werden angefeindet und ausgegrenzt. Es gibt gute Gründe, sich von anderen Menschen fernzuhalten. Für einen Depressiven bedeutet dies aber auch, dass man sich sehr gern von sich selbst fern halten würde, es aber natürlicher Weise nicht kann. Das eigene Unvermögen, die gesellschaftlichen Anforderungen, die man internalisiert hat, der permanente Zeit- und Konkurrenzdruck, die enorme soziale Isolation und die geringen Chancen auf Vertrauen und Verlässlichkeit zu treffen, befördern Depressionen ungemein. Das Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet. Es ist dafür nicht ausgebildet, es ist zu teuer und überlaufen.

Wenn die Depressionen und das Leben genug Überdrüssigkeit erzeugt haben, wenn man als Depressiver müde geworden ist gegen Windmühlen anzukämpfen, dann wächst die Gewissheit, dass es aus vielen Gründen für einen eben nicht gereicht hat, glücklich genug zu sein. Alles ist beschädigt in dieser Welt, keine Frage, nur hatte man als depressiver Mensch wohl eine besondere Portion Unglück erhalten. Entweder über die Familie, die Sozialisation, die Arbeitgeber oder Freunde, die letztlich alle Feinde oder Desinteressierte waren. Es ist sicher nichts persönliches gewesen, dass man so geschunden wurde und darunter gelitten hat. Der gesellschaftliche Irrsinn ist eben normal, nur geht der Depressive daran zugrunde, während der genorme Normale sich darin einrichtet. Die Kraft der Depression erwächst aus dieser zerstörten Welt und daher kann sie nur bezwungen werden, wenn die Welt geheilt würde. Aber dieses Mittel gibt es nicht.

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Sei mal lieber nutzlos

Es kann jenseits der ganz großen Katastrophen nichts fürchterlicheres geben als seine wertvolle, einzigartige Lebenszeit für die Lohnarbeit zu verschwenden. Man bestimmt in der Arbeitszeit nichts: Weder was getan wird, noch warum es getan wird, noch erhält man die Früchte der eigenen Arbeit. Und obwohl diese Quälerei eine kaum zu überbietende Dummheit ist, ist sie identitätsstiftende Praxis. Wer sich nicht vom Joch der Lohnarbeit strafen lässt, weil er den darin enthaltenen Wahnsinn erfasst und dadurch gebannt hat, wird über die Lohnarbeitsfetischisten gestraft, denn wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Der Hass auf den leistungslosen Genuss kommt insbesondere aus dem nächsten Bekannten und Verwandtenkreis. Darüber soll soziale Kontrolle, Repression und Unterdrückung ausgeübt sein. Dabei zählt nur der Genuss. Ihm muss sich alles beugen. Das Leben ist selten, kostbar und kurz. Warum sollte man es sich mit unendlicher Lohnarbeit, Konkurrenz- und Leistungsdruck verderben? Jeden Tag Pizza essen, ausschlafen, Freunde treffen, eigene Projekte aufgreifen und fallen lassen: Niemand wird die Lohnarbeit jemals vermissen, ist sie erstmal niedergerungen. Die Angst vor der Freiheit, der freien Zeit und den unendlichen Möglichkeiten der Selbstgestaltung, scheint die derzeitigen Vormenschen völlig gefangen zu halten. Ordnung, Pflicht und Disziplin sind ihre Religion. Vor dem Augenschein der Unendlichkeit, muss die absurde Banalität der Surplusmacherei groteskes Gelächter auslösen. Wenn alles in Vergessenheit gerät, wenn die Vergänglichkeit den Grundgehalt unserer Existenz ausmacht, dann zählen nur die Momente, die wir im Leben erleben können. Die Ausschöpfung jedes einzelnen Moments wird dadurch zum höchsten Gut. Ist das Leben nicht selbst völlig nutzlos? Es fängt an um aufzuhören. Wenn alles nur ein Witz ist, dann sollte man das Ganze wohl nicht Ernst nehmen und schon gar keinen Wettbewerb daraus machen. Allenfalls gegen die Feindes des Chills muss wohl gekämpft werden: Jene, die das Leben für ein Arbeitslager, die Monotonie für eine Symphonie halten. Der Ursprung allen Glücks liegt in der unreglementierten Erfahrung, der unverstellten Möglichkeit zu offener Erfahrung, die sich nicht einkategorisieren oder nützlich machen muss oder will. Weise wäre es daher, die Existenz, gerade weil sie absurd ist, als Selbstwert anzuerkennen. Insbesondere, weil die Wahrscheinlichkeit zu existieren extrem gering ist, wäre jeden Tag eine Feier angesagt.

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