Schäbige Zärtlichkeiten

Halbnackte alte Männer sonnen sich verschwitzt auf Parkbänken ihre bauchartigen Fettwände. Knappe Sonnenkleider huschen an ihnen vorbei. Dunkle Läden bieten Backwaren an. Die pulsierende Cafeszenerie stellt sich selbst in ihrem Suff und Schmaus aus. Drückende Hitze wühlt sich durch die Gassen. Das Abtauchen in einer Großstadt ist besonders leicht. Die Leute sehen nur durch einen hindurch, weil stets durch sie nur hindurch gestarrt wird. Die enormen Opfer mit denen Hoffnungen getränkt, gesalbt und gefüttert werden, zahlen sich nicht aus. Draufzahlen, herabsinken, abblitzen und den Kürzeren ziehen, das ist die Alltagserfahrung. Jeder hat sein Leben allein zu leben. Die totale Isolation, das diffuse Verschwinden im Ganzen, die permanente Entleerung ist wesentlicher Teil der Identität eines modernen Menschen. Die Illusion im Anderen Halt zu finden gilt als typische, aber unerkannte bittere Pointe. Verloren, allein, nackt, blind in Angst bei Sturm und Kälte, ohne Aussicht auf Rettung. Das Überleben dieser sozialen Situation verhindert nur den Tod, aber es zementiert die Verwahrlosung, den Abstieg, kommuniziert im sozialfaschistoiden Gefüge Minderwertigkeit. Die Schwachen sterben ab, die Starken triumphieren und verewigen die Selektion im Namen des Mammon. Wenn die Entfremdung total ist, dann ist auch Zerstörung total. Sprache, Beziehung, Zeit, Körper, Kultur, Ökonomie, Politik. Der zitternde Rest unreglementierten Lebens ist demgegenüber höchstens noch als schwacher Funke im nebulösen, dumpfen Vorstellungsvermögen zu imaginieren. Wie soll auf dieser Welt das Leben ankommen? Alles verliert sich im gesellschaftlichen Treibsand aus Kapitalakkumulation und staatlichen Gewaltmonopol. All das kann nur Schmerz sein. Sedierungen jeder Art erscheinen sinnvoll, aber auch die sind illegalisiert, weil sie dem Wahnsinn etwas Milderung verschaffen könnten. Jeder Moment ist Schrecken. Niemand und nichts verschafft Linderung. Worte kapitulieren wie der ganze Verstand vor der permanenten Mobilisierung gegen das Leben. Auf einem Schlachtfeld über Dialektik nachdenken, wohin kann das führen? Lapidar wird strukturell alles was man hätte sein können der Enttäuschung und Vernichtung zugeführt. Leid ist Identität, Geschrei die einzige Kommunikationsart und wesentlich nur das, was ein blindes, unkontrolliertes Prinzip verlangt. Wir existieren weiter, weil wir täglich vergessen, verdrängen, beschönigen, affirmieren, was unsere Aktivitäten ruinieren. Die Hoffnungslosigkeit und Aussichtlosigkeit von menschlichen Leben kulminiert zyklusartig Jahr für Jahr, Krieg für Krieg, Amoklauf für Amoklauf, Hungertod für Hungertod, Arbeitstag für Arbeitstag. Das Grau der Städte ist Ausdruck der normierten Zementruinen, die allgemein als Menschen tituliert werden. Wir sind die Ruinen, die durch einstürzende Neubauten wandeln. Das Gejaule, Gestürze und Gekotze der Obdachlosen, Säufer, Kranken und Herausgefallenen legt Zeugnis vom allgemeinen Gefängnis ab, das alle Menschen reproduzieren. Wenn alle verloren sind, dann kann keiner die Rettung sein. Niemanden ist zu trauen. Keiner hört sich selbst zu oder beachtet die Konsequenzen der eigenen Taten. Im Lärm des Alltags hofft jeder mit seinen Schandtaten und seinem Elend verlustig zu gehen. Es funktioniert, weil die Dunkelheit alles verschluckt hat. Kein Auge gewöhnt sich an diese Qualität von Finsternis. Rapiat wird unter breiter Akzeptanz in Sekunden entrissen, was über Generationen erkämpft wurde. Der Unwille diese Art von Erfahrungen unermüdlich, unendlich anhäufen zu müssen, macht die Selbsttötung attraktiv, aber sie wäre nur eine Fortsetzung der Zerstörung von Leben, die nicht geteilt werden darf, wenn gegen all diese Entwicklungen eingestanden wird. Es gilt nicht in Panik zu geraten während man über die Jahre hinweg leise erstickt und mit tausenden Nadelstichen Richtung Wahnsinn getrieben wird. Der Widerständige balanciert auf einem dünnen Haar über den Abgrund eines Vulkans voll mit aktiven Lava, während er beschossen wird und die neuen Quartalszahlen für den Monatsabschluss erwartet werden.

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