Das Elend der Lohnarbeit

Mal abgesehen davon, dass die Inserate gespickt sind mit Ungenauigkeiten wie die fehlende Angabe darüber, ob der ausgeschriebene Lohn nun in Netto oder Brutto gezahlt wird, gibt es eine breitgestreute Frechheit, die sämtlichen Unternehmen zueigen ist: Sie zahlen nämlich immer zu wenig und sie betrügen einen immer um Nerven, Zeit und Lebenskraft. Eigentlich wäre jeden Tag das Anzünden von Reifen auf Barrikaden in allen Straßen ein völlig angebrachter Vorgang. Aber da global offensichtlich lieber geschuftet wird als die Füße hochzulegen, ist man dazu erniedrigt und verdonnert irgendwelche absurden Heucheleien in einem Bewerbungsschreiben und später folgenden Bewerbungsgesprächen auszubreiten, um sich als Werkzeug verdingen zu dürfen und dadurch als Individuum komplett abzuschaffen.

Wie kann etwas gut sein, was falsch ist? Jeder sieht, dass in Deutschland die Löhne seit über 10 Jahren stagnieren. Über 13 Millionen Menschen leben mittlerweile in relativer Armut und können ihren Kindern keine regelmäßige warme Mahlzeit bieten. Zugleich wuchsen die Unternehmensgewinne. Es gibt Steuererleichterungen für Reiche, während die Unterstützung für Arme und Arbeiter Monat für Monat zusammengestrichen und mit Hürden versehen wird. Gewerkschaften haben seit Jahrzehnten damit aufgehört die Lohnarbeit zu bekämpfen oder wenigstens einen akzeptablen Lohn zu erstreiten. Die ganze Nation hat sich dem Diktat der Profitmaximierung ergeben. Alle sind lebendige Tote.  Da steht man nun als depperter vereinzelter Einzelner und muss die Suppe auslöffeln. Natürlich ist auch das ekelhaft, aber man kann dieses Ekel wiedermal nur an alle und keinen richten, was ziemliche Ratlosigkeit hinsichtlich der Aktionsmöglichkeiten zum Ergebnis hat.

Ich bin seit Jahren enttäuscht diesem stummen Zwang der Verhältnisse nachkommen zu müssen. Es ist aber nicht nur Enttäuschung, es ist völlige Fassungslosigkeit. Im Grunde müsste jedem Arbeitsinserat eine Unterlassungsforderung folgen. Wenn die Angestellten die Waren und Profite produzieren, aber nur der Eigentümer der Arbeitsplätze davon profitiert indem er den Produzenten der Reichtümer einen geringeren Anteil abgibt und ihnen zugleich hinterher die selbstproduzierten Waren auch noch verkauft, dann ist das Betrug. Und der Staat hat all das mit Gesetzen auch noch legalisiert. Also ist auch er ein Betrüger. Sämtliche Regierungen, die diese Gesetze absegnen sind es ebenso Betrüger. Und Leute, die diese Regierungsparteien wählen, können sich ohne Weiteres als Selbstbetrüger bezeichnen, die unbegriffen ihr eigenes Grab schaufeln und dabei sogar noch wütend werden, wenn ein anderer dazu springt und mitgräbt. All das kommt mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit daher, dass einem die Worte fehlen sie zu kritsieren.

Es löst Existenzängste, Angstzustände aber auch Erschöpfung aus, wenn klar ist, dass die Konstitution der Gesellschaft, die sich maßgeblich über die falsche, dumme, gewalttätige Lohnarbeit reproduziert, so gewaltig und total ist, dass sie alle Möglichkeiten hat einen auszugrenzen und auszulöschen. Dies wissen sicher viele Menschen, dass sie jederzeit herausgeworfen und zerstört werden können, wenn sie einen Fehler machen. Wenn die Anspassungsleistung nicht glaubwürdig genug dargestellt werden kann ist die Bedrohung nicht einfach nur vorgestellt, sondern ganz schnell real und der soziale Abstieg ist sicher. Daher dann auch diese absurden Trainingseinheiten sämtlicher Arbeitsagenturen Bewerbungen „richtig“ zu schreiben, so als ob das irgendeine Garantie davor ist, jemals vom profitgesteuerten Kapital überflüssig gemacht zu werden. Niemand ist sicher. All das wird verleugnet, wenn von einem „familiären Team“, einem „tollen Betriebsklima“ gefasselt wird. Es hat sich längst eine ganze Industrie ausgebildet, die den Wahnsinn in Kitsch verwandelt und damit rationalisiert.

Und dann rechnet man sich aus wieviel der Bruttolohn denn bringen wird: Nichtmal die Hälfte der Miete. Aber gearbeitet werden soll für 4 Leute. Natürlich! Fünf Sprachen, alle Ausbildungen, die man womöglich sogar noch selbst zahlen musste, jede Flexibilität rund um die Uhr, mit Begeisterung und Leidenschaft. Was denn noch? In den Stellenanzeigen zeigt sich schon welcher Irrsinn einem Tag täglich um die Ohren geschleudert werden soll, welche Abgründe zum eigenen Schicksal werden sollen. Sie drücken aus, dass man schnellstmöglich wie ein Sklave für blinde Götter Pyramiden in einer staubigen Wüste voller Peitschenhiebe errichten soll. Widerspruch ist zwecklos, darauf gibt es nur noch mehr Schmerzen, Dummheit und Ignoranz. Genialerweise wird die Selbsterniedrigung des Menschen dadurch potenziert, wenn er sich ergeben hat und Bewerbungen schreibt, wenn er „Ja“ zu den Peitschenhieben, dem Staub, Dreck, der Undankbarkeit, den Betrug und Wahnsinn gesagt hat, weil er selbst wahnsinnig genug gemacht wurde: Denn die ganzen Bewerbungsschreiben, die man mit allerlei idiotischen Mantras der BWL befült hat, werden von den Konzernen gern ignoriert, wenn er kein brancheneigener Superman der Leistungs- und Konkurrenzunkultur ist. Genau so fühlt sich ein Bettler, der auf der Straße beim Betteln ignoriert wird. Sein Elend ist den anderen Auftrag, ihn weiter ausgrenzen, auf das er endgültig verschwindet und niemanden von den braven Werktätigen mit seiner gefährlichen, ineffizienten Unrentabilität herunterzieht oder aufhält.

Dass es hiergegen nicht einen einzigen gibt, der aufsteht und sich nicht einfach nur konformistisch dagegen auflehnt, um Schlimmeres zu etablieren, verwüstet jeden Rest an Hoffnung, dass es einmal anders sein könnte. Und das ist die totale Vernichtung von Leben, die die Insignien unseres Zeitalter trägt. Wenn einfach so jeden Tag über 50 000 Menschen verhungern müssen, obwohl zugleich jeden Tag Millionen Tonnen frischer Lebensmittel weggeworfen werden, dann ist das eine klare Ansage an uns alle, dass wir alle uns nur einbilden zu leben. Denn momentan leben wir nur unter der Gnade des Kapitals, der Lohnarbeit und des Staates und zwar solange wie wir arbeiten und Profit abwerfen, und auch das ist schon nicht gut genug, weil wir angesichts unserer menschlichen Mängel zu langsam und ineffizient arbeiten, weswegen ständig vom lebenslangen Lernen, was nicht umsonst wie „lebenslänglich im Knast“ anklingt, gesprochen wird. Ganz offensichtlich ist Angst und Panik das wesentliche Merkmal sämtlicher Charaktere auf der Welt. Es ist nicht genug Liebe da und niemand weiss, wie die jemals in diese Welt kommen soll, also wird wild um sich geschlagen und nach Mitteln gesucht, die die prekäre Identität stabilisiert, was im Falschen ja bloss das Schlechte sein kann: Nation, Arbeit oder Patriarchat.

Die Lohnarbeit ist also inhaltlich falsch, betrügerisch, verletzend, verdummend und in vielen Teilen der Welt auch tödlich. Zugleich erscheint es wahnsinnig, dass man sich stundenlang pro Tag auf eine einzige Tätigkeit fixieren soll, die zugleich einen als Person gar nicht sichert oder schätzt, weil jederzeit die Entlassung droht, weil das Kapital die Autorität der Struktur darstellt. Dadurch, dass man gezwungen ist Rechnungen zu bezahlen, weil man sonst im Knast landet, ordnet man sich also einem Prinzip unter, welches einen auf lange Frist nur zerstören kann. Wenn man Glück hat, hat man gerade mal eine handvoll Stunden pro Woche für sich. D.h. man lebt den Großteil seines Lebens nicht für sich und die, die man liebt oder für das, was man liebt, sondern für ein blindes Prinzip, dass sich Kapitalverwertung schimpft, was aber nur existiert, weil man es akzeptiert, weil es alle akzeptieren. Darin wohnt ein Irrsinn, der sich wirklich milliardenfach in Sekundenbruchteilen überschlägt, dass es einem erneut die Sprache verschlägt. In der Ökonomie ist all das kein Thema. Wer VWL-Vorlesungen besucht, der stellt dieselbe Selbstverständlichkeit fest mit der die täglichen Hungertoten beschlossen werden, wie sie in den Stelleninseraten der Firmen oder im Berufsalltag der Leute stattfindet. Normal ist was Elend schafft. Man liebt und ist dieses Elend, reproduziert es und ist nur gelegentlich mal erschrocken, wenn der eigene gelebte Opportunismus für einen offenbar doch nicht ganz reicht. Aber dann sind eben die anderen Schuld und niemand sonst.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitertagebuch, Emotionales, Gesellschaft

Eine Antwort zu “Das Elend der Lohnarbeit

  1. alles_schablone

    Wie wahr doch die geschriebenen Zeilen hier sind, die man jedoch nie und nimmermals in irgendeinem Rundfunk oder Fernsehen der Welt wohl wiedergegeben sehen wird.

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