Monatsarchiv: März 2015

Der oszillierende Blick in der Perle des Reichs*

Ein Mann in seinen Fünfzigern liest Michel Houellebecq, während er auf die U-Bahn wartet. Ein Taxifahrer liest Slavoj Zizek. Ein irrer Verwarloster lacht minutenlang hypnotisch aus vollen Lungen, während er durch einen Durchgang der U-Bahn geht. Es war 10 Uhr morgens und es schien mir, als wäre er ein verrücktgewordener Lohnarbeiter oder einer, der endlich den Sinn des Lebens begriffen hat. Ich schien der Einzige zu sein, der von ihm irritiert worden war. Ein Obdachloser schlägt seine Matratze in einer Fußgängerzone auf und unterhält sich mit Passanten. Er sagt er ist ein Kämpfer und hat eine Schußwaffe zur Selbstverteidigung. Morgens werde ich vom stimmlichen Aufwärmprogramm einer Opernsängerin aus der Nachbarschaft geweckt. Das klappern von Stöckelschuhen hält mich davon ab, eines Abends einzuschlafen. Eine Oma mit Leopardenmantel brüllt zornig eisessende Muslime mit den Worten: „Ihr seid alle Verbrecher“ an. Sie wiederholt diesen Satz unzählige Male mit heiserwerdender Stimme. Eine Frau mit schwerem Hautausschlag im Gesicht fragt mich im Supermarkt nach exakt einem Cent, um sich eine Süßigkeit zu leisten. Später sehe ich, wie sie einen anderen Herrn um dieselbe Summe bittet. Die Kassiererin schreit erschrocken auf, als sie eine Rothaarige mit Undercut sieht: „Wahnsinn! Deine Frisur ist Wahnsinn, aber irgendwie schön!“ Die Tauben fliegen so dicht und rasant über die Köpfe der Passanten hinweg, dass sie von derem Gefieder fast berührt werden. Diese fliegenden Ratten wirken wie todbringende Geschosse oder Boten des Untergangs. Ein älterer Mann hält ein Schild in der Hand: „Ich habe Hunger“ und isst dabei mit herzhaften Genuss eine Wurstsemmel. Ein anderer Mann, dessen Gesicht man unter lauter Haaren nicht erkennt, spielt in der Dunkelheit Cello für 6 wildfremde Passanten. Die Wursttheken in den Supermärkten sind größer als meine Wohnung. Die Litfaßsäulen drehen sich. „Brutal verschimmelt“ auf dem Rücken stehen haben und dabei Dosenbier trinken: So geht Punk heute. Ein rassistischer, politischer Ortsverband hat ein Büro neben einem rumänischen Restaurant. Weibliche Wangen röten sich unter der Last von Hanteln in den Kellergewölben eines Studentenwohnheimes, als ob für die Olympiade trainiert würde. Man liest in der Zeitung, dass ein Mann seine Frau tötete, weil sie zu viel einkaufte. Egal wie schlecht man glaubt sich zu fühlen oder wie schlecht man glaubt auszusehen oder im Leben dazustehen, ein Schritt auf die Straße und man sieht genug, um durch eingefallene Gesichter, Tumore an der Stirn, gekrümmte, schwächliche, geschändete Figuren, apathisch herumsitzende Menschen usw, eines besseren belehrt oder zumindest zu Empathie aufgerufen und zu Demut angehalten zu werden. Andersherum muntern Kinder auf, wenn sie völlig im Verzehren einer Wurstsemmel versunken sind und von ihrem Papa im Einkaufswagen herumkutschiert werden, als wären sie die eigentlichen Könige dieser Welt. Ich bin ziemlich sicher, sie sind es sogar wirklich und wissen es instinktiv.

* = Hitler nannte Wien „Die Perle des Reichs“

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Blood on the dürüm

Man trinkt den Weißwein aus der Flasche besonders in der U-Bahn und als Gruppe. Die Bettlertrupps gehören zum Inventar wie das Volkstheater. Deren Aufseher sind wie unnachgiebige Dirigenten. Einsame Frauenherzen schmunzeln über verliebte Pärchen, die sich aneinander lehnen. Migranten tummeln sich hinter versifften, verwaschenen Plexiglasscheiben und vor irgendwelchen Massencomputer, um dort billig zu surfen. Der Asphalt ist voller Flüssigkeiten, die schräg den Gehsteig hinunterlaufen. Cops kontrollieren Migranten. Blaulicht in der Nacht. Mädels reden über gescheiterte Beziehungen, die Unfähigkeit der ehemaligen Partner. Andere singen ihre Lieblingssongs. Männer reden darüber, dass sie nicht die Rolltreppe hinunterlaufen können, weil zu wenig Platz ist obwohl genug Platz ist. Fetzige, grelle Outfits wechseln sich mit dreckiger Arbeiterkluft, edlem Pelzmantel und teuren Anzügen ab. Trotz riesigem Gerangel herrscht Gelassenheit und Ruhe beim sonntäglichen Supermarkteinkauf. Fremde Hunde werden gestreichelt, man nickt einander vertraut zu. Dann noch mehr Märkte mit sovielen Nationalitäten wie die Welt zu bieten hat: Arabische, russische, chinesische, japanische, türkische, italienische, ungarische, indische Spezialitäten. Zuviele Waren um sie jemals probiert zu haben. Obdachlose singen Urfaust-Interpretationen nach und liegen lässig mit gestreckten Beinen mitten auf den Fußwegen herum. Andere pinkeln vor das Universitätsgebäude. Keiner hält sie auf. Es gibt auch keine Fahrkartenkontrolleure. Keine Ruhepausen der U-bahnen. Aber Schluss ist Samstags schon um 18 Uhr. Was nun nicht bei den Handyverkäufern gilt. Hunderte strömen aus den U-Bahnen. Die Bahnen rattern und scheppern in dunkle Löcher hinein. Aus dem Nichts taucht ein schmaler, kleiner Junge auf, der auf seinem Skateboard verschnörkelt durch die Menge fährt. Kinder rollen auf ihren Schuhen umher, die an der Sohle kleine Rollen angebracht haben. Jemand trägt einen großen Strauß weißer und roter Rosen grinsend durch die Gegend. Zwei Kumpels mit Elvisfrisuren scherzen miteinander herum. The Doors schwirrt laut durch eine Häuserschlucht. Man hat Blut an der Jacke vorm Kebabladen und bestellt lächelnd Dürüm.

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Elendiges Studentenmillieu

Studienbeginn leicht gemacht, heisst es auf der Webseite. Es muss einem als Studienbeginner wie blanker Hohn erscheinen. Jedes Detail ist vom Studenten selbst zu erbringen. Entgeht ihm irgendeine Information aufgrund von Zufällen oder falschem Optimismus, hat er prompt Stunden mit Rennerei verbrannt. Die Servicestellen lassen sich Informationen höchstens aus der Nase ziehen, schliesslich sind sie seit Jahren die Massen von Studenten mit ihren immergleichen ahnungslosen Fragen längst müde geworden.

Und wo wir schon bei Massen sind: Die Massen ziehen zu überfüllten Hörsälen, an pinkelnden, schmuddeligen Obdachlosen und verbissen dreingrinsenden Greenpeaceflyerverteilersklaven vorbei. Am Ende steht ein Professor hunderten Studierenden aufeinmal gegenüber. Massenuniversität, es wird einem klar, wenn man selbst in einem der größten Hörsäle der Universität keinen Platz mehr findet und mitten auf den Gängen sitzen muss. Schlimmer macht es, dass man sich dadurch vergewissern kann, wieviele Konkurrenten eigentlich exakt dieselben Trampelwege besteigen, wie man selbst. Wieder so eine Drohung. Es gibt tausend Andere, hol alles aus Dir heraus oder das war es mit Dir und Deinen sogenannten Träumen. Wer die stickige Luft und hunderte Gesichter links und rechts von sich nicht ertragen kann, sollte lieber sofort verschwinden und es so tun, wie man es an solchen Universitäten offensichtlich triggern will: Allein.

Allein ist überhaupt gleich das nächste Problem. Es mag tausende Studenten geben, hübsche, intelligente, wie hässliche und dumme, aber letztlich studiert man allein. Der gemeine Student ist zu sehr damit beschäftigt Hörsäle, Meldeämter, Öffnungszeiten, Straßen, Vorlesungen, Bücher, Kapitel, Wohnungen, Jobs, ECTS-Punkte zu finden oder zu erhalten. Glücklich sind jene, die schnell Bezugspersonen oder Gruppen gefunden haben. Andere, die stiller, vorsichtiger oder schlicht unattraktiv sind, haben es doppelt so schwer, schliesslich entgehen ihnen die Erfahrungen und Kontakte anderer Mitstudenten.Und Geld verbrennt man dadurch noch schneller als Kalorien beim herumlaufen durch eine riesige Stadt. Natürlich mag es auch genug Studenten geben, die den ganzen Tag nur kichern, ausschlafen, zocken, shoppen und feiern. Für derartige Kreaturen dürften all diese Aspekte kaum ins Gewicht fallen.

Das organisatorische frisst vor allem in der Anfangsphase mehr als der eigentliche Lehrinhalt. Das sollte man nicht unterschätzen. Und da haben wir noch gar nicht von den inhaltlichen Problemen gesprochen, die ja überhaupt nirgends zur Verhandlung stehen. Die Maschinerie existiert also auch im akademischen Bereich. Die Studentenschaft wird von ihr tausendfach eingesogen, dabei gehen sicherlich hunderte dabei kaputt, aber darum ist es nicht schlimm, schliesslich gibt es kontinuierlichen Nachschub, der diese Bedingungen bewusst, ahnungslos oder bedigungslos hinnimmt bzw. hinnehmen muss. Ohne ein genaues Ziel und entsprechender Entschiedenheit, dieses zu erreichen, ist es nicht zu bewältigen, dieses verdammte Studium.

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Metropolis

In eine neue Stadt zu gelangen, ist manchmal wie, als würde man in einen Krieg geraten. Milliarden Aspekte stürzen auf den Neuankömmling ein. Gesichter, Augenblicke, Gebäude, Straßenzüge, Stadtpläne, Sprachen, Plakate, Geschäfte, Konsumartikel, Schuhgeklapper, U-Bahnen, Fahrzeuge, Menschen und Tiere. Die Perspektive verändert sich völlig, obwohl sich die Normalität des Alltags kaum von anderen Städten unterscheidet. Menschenmassen marschieren zur Rush-Hour ob Morgens oder Abends durch die Adern der Stadt und bringen sie dadurch zum pulsieren. Termine, Prüfungen und Aufträge müssen erledigt werden, um Rechnungen bezahlen zu können. Wer die Bürokratie, Fristen und Erledigungen nicht rechtzeitig befriedigt verliert.

Ein Neuanfang in einer anderen Stadt birgt noch mehr als im gewohnten Umfeld das Risiko, von ihr zerdrückt zu werden. Die Bettler zeugen davon. Die um Aufmerksamkeit bettelnden Flyerverteiler vor besonders stark frequentierten Gebäuden wirken auf mich ähnlich vom sozialen Abstieg bedroht, ist es doch eine geringbezahlte, wenig qualifizierende Tätigkeit. Es ist eine Drohung: Pass nur auf, wenn Du dich nicht anstrengst, landest Du selbst in diese Situation. Völlig allein mit einer gewaltigen Millionenstadt zu ringen, ist grausamer als ein wochenlanger Marathonlauf durch die Wüste. Entscheidend ist, Prioritäten zu setzen und strikt die Aufgaben abzuarbeiten. Für den Genuss bleibt allerdings kaum Raum übrig.

Die erste Vorlesung hatte den selben Charakter, der Professor kündigt an, dass es in wenigen Wochen eine Prüfung geben wird, die die Spreu vom Weizen trennt. Für einige wird es das abrupte Ende ihrer akademischen Ambitionen bedeuten. Es handelt sich um einen gnadenlosen, ausufernden Vokabeltest, der im Grunde auf dem schulischen Bulemielernen beruht. Eine Enttäuschung ist das Studium überhaupt vom ersten Tag an: Man ist völlig auf sich allein gestellt. Man ist sein eigener, kompromissloser Manager, betreibt endlose Selbstoptimierung, plant und absolviert Vorlesungen, Lerninhalt und -form. Man durchwandert einen Schlauch, der einen von den anderen trennt. Die gewaltigen Fassaden der Universität verschlucken den Menschen an sich. Da ist eine unendliche Einsamkeit im Studentenleben, die sich auch nicht vom professoralen Mikrofonnutzer oder den geringen Erkenntnissen aus dem Studium selbst berühren oder mildern lässt.

Ernüchterung graut am neuen Ort also bei genauerem Blick schnell auf. Möglichkeiten interessante Menschen kennenzulernen, verringern sich sofort, wenn man sich vergewissert, welches Pensum zu absolvieren ist. Studieren ist ein Vollzeitjob und dennoch sollte nebenbei auch noch gejobbt werden, damit die Verschuldung einem nicht über dem Kopf wächst. Der Druck Leistung und Geld in durchschnittlichen oder besser überdurchschnittlichen Sinne tagtäglich erreichen zu müssen, zerfrisst einem kontinuierlich die Muse, die Stadt und deren Menschen zu entdecken. Darin liegt die grauenvolle Ruhe innerhalb der emsigen Betriebsamkeit: Ganz ergeben in diesem leistungsortientierten Konkurrenzkampfes, identifizieren die Individuen gar nichts falsches in ihrem Leben. Es ist wie es ist, damit lebt man, auch wenn einem das Gesicht und erst Recht die Seele dabei einfällt. Die Zeit heilt keine Wunden, sie reisst eher neue auf. Jede Stadt reisst neue auf. Da den Spagat zu finden, der das Wundenlecken ermöglicht, ist die Herausforderung, die nur mit größter Vorsicht und Disziplin realistisch wahrgenommen werden kann.

Der Hoffnung auf ein reichhaltiges, wunderbares Leben eine Chance zu geben, bedeutet täglich dem allgegenwärtigen politökonomischen Prinzip Leben abzutrotzen. Es gehört Entschiedenheit dazu ganz bewusst jeden Tag etwas für sich zutun und nicht für den Beruf oder das Studium. Die Lebensqualität ist irgendwo in winzigen Nischen und Momenten der gesellschaftlichen Beziehungen versunken. Sie aufzuspüren ist eigentlich für sich schon ein Fulltimejob, der allerdings nie bezahlt wird, hierin liegt dann wohl die Qual bei der Suche nach Lebensqualität.

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