Typische Gedanken beim Einkaufen

Das alltägliche Grauen wiederholt sich mit dem Morgen. Der Angestellte findet sich mit dem Krach des Weckers sofort unter Arbeitsdruck, ringt ganztags um Haltung und Maske, teilt aus und steckt ein, ist mehr Automat als Mensch, wölbt sich wie eine Leiche, zerfällt wie eine Mumie, wird von Monotonie bespuckt, erlebt sein ganzes Leben als austauschbares Ding und verinnerlicht seine wertproduzierende Wertlosigkeit, sodass die Seele nur noch aus Zement und Stacheldraht besteht. Das Leben ist ein Arbeitslager. Dort geboren kommt man nur noch tot heraus. Abgefertigt, abgeschoben, nummeriert, katalogisiert, eingeordnet und verklausuliert per Gesetz und Markt. Die eigene Ohnmächtigkeit und Machtlosigkeit wird verdrängt. Das Glück besteht nur noch im improvisierten Arrangement, welches sich stehts angesichts des Hungertods und der Armut irgendwelcher Verlierer zu verteidigen weiß. Die Chartmusik überdröhnt das Gurgeln in den Lungen der Armutsflüchtlinge vor der europäischen Festung. Die Katastrophe ist im Mainstream allerdings nicht Armut sondern Faulheit, Arbeitslosigkeit und Stillstand. Die Bomben müssen fallen, sonst überleben wir nicht. Die Bomben sind Wertgegenstände, deren Opfer nur unproduktive Gegenstände. Die Gewalt am Arbeitsplatz richtet sich vor, während und nach der Produktion gegen den Lohnabhängigen. In der Schule herrscht Notendruck im Gleichsschritt, am Arbeitsplatz Leistungsdruck im Takt des Wertgesetzes und in der Freizeit, spiegelt die Warenwelt diese Brutalität über den Ausschluss wider: Leben darf nur der, der Geld hat. Als Freiheit rufen die Apologeten dieser katastrophalen Ordnung, die Vergegenständlichung des Menschen aus. Wir sind Gefangene eines blinden Gottes, der von Kindheit an über abstrakte Verhältnisse die Optimierung und Selbstoptimierung vermittelt und als Natürlichkeit verschleiert. Wenn der Mensch nur noch ein Werkzeug ist, welches unendlich viel und intensiv produziert und konsumiert, wenn ihm jegliche Erinnerung an und Hoffnung auf erfüllende Augenblicke ausgemerzt sind, dann herrscht auf diesem Planeten nur noch das Nichts und die Menschheit hat ganz rational den Verstand verloren. Die Apokalypse ist längst da.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Eine Antwort zu “Typische Gedanken beim Einkaufen

  1. nevermore

    Gut, dass du dir diese Gedanken beim Einkaufen machst. Dein Konsumverhalten ist im Kapitalismus viel mehr Wert als die Wahlstimme in unserer Demokratie.
    Jedem der die Möglichkeiten hat kann ich nur raten vegan, fair gehandelt, menschenrechts- und umweltfreundlich produziertes zu kaufen. So bekämpft man zwar nicht das Problem selber (und leider nur einige wenige der oben von dir genannten Punkte), aber hilft dennoch manche Übel des Kapitalismus direkt zu bekämpfen.

    Die Verbrechen in Lampedusa hätte man wohl aber weder mit Wahlstimme noch mit Konsumverhalten verhindern können…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s