Warum die Revolution nicht ausbricht

Gleichgültig wo auf der Welt rebelliert wurde, es blieb bei einem kurzfristigen Aufschrei, der schnell in Reformismus oder Apathie unterging. Neben den üblichen inhaltlichen Verkürzungen, ist dafür auch die narzistische Kränkung in der Kindheit und im gesamten Leben verantwortlich. Niemals fühlen wir uns vollständig, aufrichtig geliebt und wertgeschätzt. Selbst wenn diese Wertschätzung kurz der Fall ist, besteht immer die Angst, es könnte bald damit vorbei sein. Stetig währt der Eindruck des Kontrollverlustes über das eigene Leben, der immer wieder aufkeimt und verdrängt wird. Dieses bedrückende Gefühl der Leere, Unsicherheit und Bedrohung scheint allgegenwärtig und unendlich.

Der Alltag ist also nicht nur von einer kalten Rationalität der Ökonomie durchzogen und definiert, sondern auch von einer Suche nach Selbstbestätigung, die jeder zwingend mehr oder weniger dringend verfolgt, weil die Kindheit niemals perfekt verläuft, weil es immer irgendwann zu einer Abgrenzung vom Selbst und Nicht-Selbst kommt, wie Freud es benannte. Irgendwann merken wir, wir sind nicht mehr im warmen, geschützten Mutterleib und dann stellt sich immer die Frage, wie man diesen Verlust von Schutz und Vertrauen wiederherstellen kann? Schliesslich lässt es sich mit diesem Verlust nicht leben. Die Kompensationen sind so vielfältig wie das Leben, Süchte nach Alkohol, Gras, Lebensmittel, Partys, Sport, PC-Games, usw. werden herausgebildet oder aber materielle Dinge, wie Geld oder Häuser angestrebt. Die gesellschaftlich am größten anerkannte Kompensationsinstitution ist einerseits im Bildungswesen und andererseits im Arbeitsmarkt verortet. Hier kann der gekränkte Mensch seine Selbstbestätigung im permanenten Konkurrenzkampf um Noten, Geld und Karriere versuchen. Die positive Identifikation mit der Arbeit, dem Wettbewerb, fördert damit die Unterstützung eines politischen, wirtschaftlichen Systems, welches irrational entgegen menschlicher Bedürfnisse u.a. vom Wertgesetz bestimmt wird.

Wenn also Brasilianer, Spanier, Deutsche, Engländer oder Chinesen protestieren, dann protestieren sie um gehört zu werden anstatt die Welt selbst zu machen, die ihren Bedürfnissen eher entspricht. Sie verorten die Fähigkeit, die Dinge zu verbessern im Staat oder in der Politik, die stets vorallem damit beschäftigt sind, den Reichtum der Nation zu mehren, also eine der Ursachen für ihr Elend darstellen (Kapitalakkumulation anstatt Bedürfnisbefriedigung). Einerseits fühlen sich die Individuen nicht mächtig genug, andererseits identifizieren sie sich mit Verhältnissen, die sie aussaugen, krank machen, benachteiligen und von den Reichtümern ausschliessen, die sie selbst hervorgebracht haben. Wenn fundierte Kritik gegenüber unserer Ökonomie stattfindet, dann hört dies das gekränkte Individuum nicht gerne, denn die fundierte (namentlich Marx, Adorno) Kritik besteht darin, Dinge wie Staat, Kapital, menschenfressenden Wettbewerb, Geld und andere Fetische abzuschaffen, – Dinge, die das gekränkte Individuum dummerweise als Selbstbestätigung braucht, um die Leere usw. zu ertragen. Die meisten Sozialprotestler wollen bloss vom Staat in die Arme geschlossen werden, um sich wieder wie ein Baby im Mutterleib fühlen zu können.

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass die US-Serie Walking Dead mit all ihren Zombies unserer eigentlichen Realität gar nicht so fern ist. Denn einerseits praktizierten wir eine Ökonomie, die uns zwingt, die globalen menschlichen Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, was in Afrika Hungertod und in Europa Arbeitsplätze bedeutet, und andererseits lieben wir es diese Zerstörung der Menschen und der Umwelt zu vollziehen, denn wir gehen im Konsum, in Arbeit, Staat und Kapital auf, wodurch wir es gewissermaßen geschafft haben, die eigene Leere erträglich zu halten, auch wenn die Zahl der psychischen Erkrankungen weiterhin wächst. Daher bricht die Revolution nur aus, wenn bei Sozialprotesten mit diesen Fetischen Schluss gemacht wird. Zunächst müssen Lohnarbeiter aufhören ihre wirklichen Gefühle zu verdrängen, bevor sie erkennen können, welche Katastrophen sie durch diese Verdrängung alltäglich anrichten. Blanke sachliche Argumentation, die sich gegen die Irrationalität der Ökonomie richtet, wird diese gekränkten Individuen nicht überzeugen, schliesslich hängt ihre Identität daran.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft

3 Antworten zu “Warum die Revolution nicht ausbricht

  1. nevermore

    Besonders tragisch und schmerzhaft wird es, wenn sich Personen mit denen man sich eins eng verbunden fühlte, nun selber Teil der Maschinerie geworden sind. Beschwichtigende Worte wie: „Ich habe jetzt zwar einen neuen Job – aber ich werde mich dadurch nicht ändern!“ stellen sich bald als leer heraus. Im Verlaufe der Zeit verlassen einen auf diesem Weg immer mehr Mitdenker und auch der Glaube an eine „Revolution“ verschwindet. Den meisten dieser Personen ist das Wissen und das kritische Denken zu unbequem – sie gliedern sich in das einst kritisierte System ein, weil sie sich nach dem Zustand der Unwissenheit sehnen, der sie damals betäubt, wenn auch nicht glücklich gemacht, hat.
    Das wieder und wieder zu erleben deprimiert und lässt resignieren. Ich frage mich wie viele Texte es wohl hier noch geben wird bis auch diese Seite schließlich mit den Worten: „ich habe keine Zeit mehr für den Blog – mein (neuer) Job zwingt mich in die Knie“ o.ä. dem Grund und Boden gleichgemacht wird.

    • redaktion0001

      Ehrlich gesagt zwingen mich die Verhältnisse, z.B. all die Jobs die ich hatte, Texte zu schreiben. Ich quäle mir seit über 10 Jahren jeden Satz heraus um all das ertragen zu können. Echte Mitdenker oder Mitstreiter hatte ich nie. Egal ob ich schreibe oder nicht, ich bin Teil von diesem System. Letztlich dokumentiert diese Seite hier nur meine geistige Entwicklung/Stagnation und hat nicht den Wunsch die Popularität von größeren Seiten zu erreichen. Wie soll man auch gegen Milliarden miese Kindheiten antreten?

      • nevermore

        Ich habe halt (mehrmals) die Erfahrung gemacht, dass viele Linksradikale (zu denen ich dich jetzt mal zuordne) ihre Kritik am System nur so lange aufrechterhalten, wie sie selber unglücklich darin sind. Wenn sie aber einen neuen Job und Geld bekommen sind sie die alten Ideen plötzlich leid. Als ich den Kommentar geschrieben habe war ich grade wieder von so einem Fall betroffen und entsprechend frustriert. Das ganze zu verallgemeinern war allerdings ungerechtfertigt und ich entschuldige mich dafür.

        Mitdenker oder Mitstreiter als „Jazariel“ magst du nicht haben – aber doch privat? In die Richtung Kontakte zu knüpfen ist nicht schwer. Es gibt mehr als genug Menschen und Organisationen die in diesem Bereich aktiv sind.

        Apropos: Ich meine es hätte früher die Möglichkeit gegeben sich mit dir über verschiedene Wege (E-Mail, Icq usw.) in Verbindung zu setzen. Mittlerweile wurde der Hinweis entfernt – ist dir die Lust am Diskutieren vergangen, oder befürchtest du Flames vom Juliensblog-Publikum ;o)?

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