Verwelkt

Ich bin es leid. Seit dem Aufkeimen meines Verstandes werde ich auf später vertröstet. Das frische, fruchtbare Leben, voller Lachen, Genuss, Muse und Müßiggang wurde an müden, grauen Schul- und Arbeitstagen auf die Ferien, Feiertage, den Urlaub und Feierabend gerichtet. Ich werde genießen, endlich mein Leben ausschöpfen, wirklich den Moment auskosten und meinen Herzschlag wertschätzen, dachte ich und ich erkannte dieselben Gedanken regelmäßig in den Gesichtern meiner Leidensgenossen. Die Sehnsucht nach erfüllten Lebenstagen wurde über die Jahre mit Bergen von Prüfungen und Beurteilungen verschüttet. Funktionieren, Leistung abrufen, die eigenen Gefühle, Zweifel und Sehnsüchte abschalten, verdrängen, weil es sonst gar nicht anders gehen kann. Dankbar soll ich sein, für eine Welt, die mich und alle anderen dazu zwingt, sich wie das größte Arschloch aller Zeiten aufzuführen. Die Menschen wundern sich längst nicht mehr über Kriege, Amokläufe, Messerstechereien, Mordserien gegnüber Ausländern, denn sie haben seit ihrer Kindheit nichts anderes gesehen. Jeder der dagegen etwas hatte, wurde solange als naiv und dämlich verschrien bis er sich selbst den Strick genommen oder sich wie alle in die konformistische, graue Herde eingegliedert hat. Die Linientreue innerhalb der DDR wird immer noch kritisiert, aber dabei wird vergessen, dass sie noch immer stattzufinden hat. Wer sich nicht in Berufen verdinglicht und verelendet, sich durch das Leben hetzt, wird traktiert von den Jobcentern möglichst irgendeiner bezahlter Arbeit nachzugehen, völlig egal ob dies den letzten Rest Menschlichkeit aus dieser Welt pustet. Die Eltern traten einem schon als Kind in die Fresse, wenn es nicht ihren Leistungsansprüchen entsprach, denn es lerne ja nicht für die Eltern, sondern für das eigene Konkurrenzleben, indem man untergeht, wenn man nicht schnell lernt, anderen mit eigenen Leistungen in die Fresse zu treten. Heulende Kinder werden mit Ritalin konform gepresst, ihr Quengeln scheint mir da wirklich wie der letzte Rest an Menschlichkeit. Alle scheinen verrückt geworden zu sein. Man möchte tot sein. Ich wünschte alles wäre morgen vorbei. Nicht nur ich, einfach alles. Zumindest diese Spezies soll verschwinden, niemand soll sich erinnern was sie hervorgebracht hat, wie sie sich und ihre Arbeit gefeiert hat, während andere verhungern. Fatalistische Träume eines Rufers in der Wüste, der an dieser Welt zu verzweifeln beginnt. Die Verrohung aller findet merklich auch bei mir statt. Es ist als ob ich wie ein seniler, einsamer, krebskranker Mann auf den Wahnsinn warte. Ich passe den Moment ab, an dem ich noch über meinen Tod bestimmen kann, in der Hoffnung noch irgendeinen winzigen rebellischen Akt gegen die Gesamtscheisse zu erleben und friedlich zu sterben. Aber es hört sowieso niemand mehr zu, die allgemeine Betriebsamkeit hat blind gegenüber solchen Positionen gemacht. Die Karriere ist jetzt wichtiger geworden als das Leben und wir fahren mit unseren Mittelklassewagen über die selbstproduzierten Leichenberge, regen uns über Stau, unliebsame Geschlechtspartner, Moden und den arroganten Fc Bayern auf.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s