Die letzte Generation

Geboren in einer Familie, der Einsamkeit und Überlebenskampf Gewohnheit geworden ist, ist es Routine mit dem Geringsten zurechtzukommen. Das Zwischenmenschliche kommt nur in der Literatur, Unterhaltungsmedien und Fantasien vor. Die eigene Identität ist an guten Tagen verschwommen und die meiste Zeit ungewiss. Sie ist auch bloss ein Hindernis in diesem täglichen Kampf um Äußerlichkeiten. Es ist ein leiser Erstickungstod, der über Jahre gerinnt, der einen das Blut vertrocknen lässt, die Schärfe und Sehnsucht nimmt. Die Enttäuschungen geben Gewissheit über die allgemeine Gültigkeit der Verlorenheit. Die Gesellschaft, die Familie, das eigene Ich ist ein zerrissener Schleier. Die Rituale, die sie auseinandertrieben, werden aus Angst und Irrtum fortgesetzt. Die Trostlosigkeit darin, lässt den Schleier vermissen, der die raue Realität trügerisch  filterte, der nach der ersten Liebe und Zuversicht roch. Ein Tunnel ohne Licht und Richtung. Ein Paradies ohne Licht und Finsternis. Das innere und äußere Flammenmeer versteinert und gefriert. Das Leben erscheint wie ein Puzzle, welches unter Zeitdruck und tausenden winzigen Nadelstichen zusammengesetzt werden muss, während eines Erdbebens und Tornados zusammengehalten werden muss, bei denen sich die Teile und Bilder ständig verformen oder umkehren. Entweder lärmt die Stille so sehr, dass entgültige Taubheit droht, oder der Lärm zerdrückt einem die Existenz. Oft genug scheint beides zugleich zu geschehen. Und dann sind die Mitmenschen wie Treibfedern,  Treibfeuer und Treibsand, keine Hilfe, kein Anker und keine Lösung. In ihren Augen ist dasselbe Schicksal zu erkennen, egal wie sehr sie lachend tanzen, wie professionell sie in Büros Kontrakte abwickeln oder wie flexibel sie ihren Konkurrenzalltag organisieren und den Anschein voller Funktionstüchtigkeit und Menschlichkeit erwecken. Ihre Persönlichkeit ist nur eine geliehene Garderobe, die ein Produkt der Werbeindustrie ist, so leicht als Kopie und Massenprodukt erkennbar, wie eine Maske von einem realen Gesicht. Sie schnüffeln Abgase und Blähungen wie Parfüm, atmen Teer und Zigarettenrauch aus Trotz und Lifestyle, denn sie haben jeden Tag den Tod vor Augen, einen Tod, den sie selbst mit unschuldiger Mimik und falschem Bewusstsein heraufbeschwören und produzieren. Am Ende sind sie stets überrascht, dass all ihre Illusionen reale Folgen haben und die Verantwortung überfordert sie. Sie, meine Mitmenschen und ich, die stets das Beste wollten und das Schlimmste hervorbrachten. Nur Andeutungen, Ansätze, Eventualitäten, Zerstreuungen, Spielchen, Höflichkeiten, Formalitäten, Sitten und Kalküle, keine kindliche Lebensfreude und -qualität. Regeln, Normen, Werte, die Maschinen und Beton in alle Horizonte, Winkel und Köpfe wuchern liesen, um dann in ihrer Mitte zwischen Hungerbäuchen und Bomben Olympiaden abzuhalten, die die Kälte, Verlorenheit, Verlogenheit und Zerstörung für einige Momente verdrängen sollen. Ein Labyrinth aus Obdachlosen, die anstatt sich zu vereinigen, um jede Pfandflasche streiten, aus Feiertagen, an denen der Kontrollverlust mit Alkohol von innen nach außen gekehrt wird, aus Beurteilungen, die den menschlichen Charakter und dessen Seele als Laster deuten, aus Fitnesscentern, in denen für den nächsten oberflächlichen Fick trainiert wird…

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Emotionales

Eine Antwort zu “Die letzte Generation

  1. Revulsion

    Es ist mein großes Glück, dass ich diesen Blog (und darüber hinaus die hier verlinkten Seiten) entdeckt habe. Wie bestimmt auch viele andere bin ich durch den Fernsehkritik-Beitrag auf diese Seite gestoßen.

    Ich bin zwar noch Schüler und mit 17 Jahren wesentlich jünger als Jazariel (vermute ich), trotz allem kann ich mich sehr gut mit den Texten identifizieren (und ich denke das könnten viele, wenn sie ehrlich mit sich wären). Denn trotz meinen jungen Jahren und meiner geringen Lebenserfahrungen (die man mir zumindest intuitiv zuschreiben wird) merke ich wie degeneriert die Menschen in meiner Umfeld sind. Die meisten schänden sich Tag für Tag und die wenigen, die das realisieren wälzen die Verantwortung auf die „Mächtigen“ ab.

    Es ist deprimierend zu sehen wie jeden Tag mit fühlenden Lebewesen (ob es nun Menschen, oder Nutztiere sind) umgegangen wird. Unsere Gesellschaft ist ein trauriges Beispiel dafür, was passiert wenn man Menschen und Tiere zu reinen Waren degradiert.

    Ich bin froh zu sehen, dass es scheinbar noch sehr viele andere Menschen gibt die so denken – dennoch sind es viel zu wenige die sich diesen Fragen überhaupt stellen. Ich finde die Menschheit braucht einen grundlegenden Geistes-wandel, solche Fragen müssten täglich diskutiert und über mögliche Lösungsansätze diskutiert werden, oder die Menschheit wird jämmerlich untergehen. Es wäre schade, die Möglichkeiten die wir haben sind (aus heutiger Sicht) unglaublich… Aber vermutlich hätte eine solche Art wie die Menschheit sie darstellt nie existieren sollen.

    Immerhin werden hier (und auch auf dem „leben im falschen“ Blog) diese Probleme angesprochen. Zu sehen das es überhaupt solche Seiten gibt, hat mich gewissermaßen vor einem (zumindest mentalen) Suizid – aus Frustration über diese Gesellschaft und das sinnentleerte tägliche Schauspiel – bewahrt. Es könnte auch anders gehen, das ist mir jetzt klar.

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