Monatsarchiv: Mai 2013

Die letzte Generation

Geboren in einer Familie, der Einsamkeit und Überlebenskampf Gewohnheit geworden ist, ist es Routine mit dem Geringsten zurechtzukommen. Das Zwischenmenschliche kommt nur in der Literatur, Unterhaltungsmedien und Fantasien vor. Die eigene Identität ist an guten Tagen verschwommen und die meiste Zeit ungewiss. Sie ist auch bloss ein Hindernis in diesem täglichen Kampf um Äußerlichkeiten. Es ist ein leiser Erstickungstod, der über Jahre gerinnt, der einen das Blut vertrocknen lässt, die Schärfe und Sehnsucht nimmt. Die Enttäuschungen geben Gewissheit über die allgemeine Gültigkeit der Verlorenheit. Die Gesellschaft, die Familie, das eigene Ich ist ein zerrissener Schleier. Die Rituale, die sie auseinandertrieben, werden aus Angst und Irrtum fortgesetzt. Die Trostlosigkeit darin, lässt den Schleier vermissen, der die raue Realität trügerisch  filterte, der nach der ersten Liebe und Zuversicht roch. Ein Tunnel ohne Licht und Richtung. Ein Paradies ohne Licht und Finsternis. Das innere und äußere Flammenmeer versteinert und gefriert. Das Leben erscheint wie ein Puzzle, welches unter Zeitdruck und tausenden winzigen Nadelstichen zusammengesetzt werden muss, während eines Erdbebens und Tornados zusammengehalten werden muss, bei denen sich die Teile und Bilder ständig verformen oder umkehren. Entweder lärmt die Stille so sehr, dass entgültige Taubheit droht, oder der Lärm zerdrückt einem die Existenz. Oft genug scheint beides zugleich zu geschehen. Und dann sind die Mitmenschen wie Treibfedern,  Treibfeuer und Treibsand, keine Hilfe, kein Anker und keine Lösung. In ihren Augen ist dasselbe Schicksal zu erkennen, egal wie sehr sie lachend tanzen, wie professionell sie in Büros Kontrakte abwickeln oder wie flexibel sie ihren Konkurrenzalltag organisieren und den Anschein voller Funktionstüchtigkeit und Menschlichkeit erwecken. Ihre Persönlichkeit ist nur eine geliehene Garderobe, die ein Produkt der Werbeindustrie ist, so leicht als Kopie und Massenprodukt erkennbar, wie eine Maske von einem realen Gesicht. Sie schnüffeln Abgase und Blähungen wie Parfüm, atmen Teer und Zigarettenrauch aus Trotz und Lifestyle, denn sie haben jeden Tag den Tod vor Augen, einen Tod, den sie selbst mit unschuldiger Mimik und falschem Bewusstsein heraufbeschwören und produzieren. Am Ende sind sie stets überrascht, dass all ihre Illusionen reale Folgen haben und die Verantwortung überfordert sie. Sie, meine Mitmenschen und ich, die stets das Beste wollten und das Schlimmste hervorbrachten. Nur Andeutungen, Ansätze, Eventualitäten, Zerstreuungen, Spielchen, Höflichkeiten, Formalitäten, Sitten und Kalküle, keine kindliche Lebensfreude und -qualität. Regeln, Normen, Werte, die Maschinen und Beton in alle Horizonte, Winkel und Köpfe wuchern liesen, um dann in ihrer Mitte zwischen Hungerbäuchen und Bomben Olympiaden abzuhalten, die die Kälte, Verlorenheit, Verlogenheit und Zerstörung für einige Momente verdrängen sollen. Ein Labyrinth aus Obdachlosen, die anstatt sich zu vereinigen, um jede Pfandflasche streiten, aus Feiertagen, an denen der Kontrollverlust mit Alkohol von innen nach außen gekehrt wird, aus Beurteilungen, die den menschlichen Charakter und dessen Seele als Laster deuten, aus Fitnesscentern, in denen für den nächsten oberflächlichen Fick trainiert wird…

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