Monatsarchiv: November 2012

Charakterlose Arbeitsdrohnen

In letzter Zeit kommen mir destöfteren die funktionstüchtigen Arbeitsdrohnen unter, die sich durch eine hohe Zuversicht innerhalb der Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen unseres Bildungs- oder Ökonomiesystems auszeichnen. Sie ordnen dem Ziel der Bestnote (bzw. Bestquote in Sachen Leistungseffizienz) das gesamte Privat- und Arbeitsleben unter. Ihre überdurchschnittlichen Resultate werden wahlweise mit Respekt, Erstaunen, Neid oder Spott von anderen Konkurrenzsubjekten aus dem direkten Umfeld quittiert. Dieses hohe Maß an Selbstdisziplinierung und -aufopferung für derartige Spitzenleistungen äußert sich auch in der Ästhetik, wo jedes Detail außerordentlich kritisch betrachtet wird. So kommt es, dass dürre Einser-Schreiberlinge jedes Gramm Fett als 10kg Fett diffamieren und wahrnehmen. Perfektionismus durchzieht also durch und durch diese Leiber, der im Stil mal verbissen, mal zuversichtlich oder beschwingt vollzogen wird.

Mit einer unheimlichen Selbstverständlichkeit werden die Vorgaben angenommen und solange wiederholt bis sie hochprozentig sitzen. Die Einserschüler und Sechserschüler teilen sich dabei aber vorallem die kritiklose Annahme unseres Bildungssystems, wodurch schon eine passende Grundlage für die Annahme der späteren Anforderungen im Berufsleben angelegt wird. Die Institutionen unserer Gesellschaft erscheinen als Naturgewalten, die gleichsam akzeptiert und bewältigt werden müssen, obwohl Schule und Beruf vom Menschen geschaffene gesellschaftliche Verhältnisse sind und dementsprechend umwälzbar wären. Dieses Diktum wird von Politik, Ökonomie, den Eltern, den breiteren und engeren sozialen Umfeldern immerzu von der ersten Klasse bis ins Grab wiederholt, bis es sich in der Seele des Menschen verpflanzt, und an künftige Generationen als ewiger Kreislauf weitergegeben werden kann.

Die Noten, die Zeugnisse, die Qualifikationen für den Arbeitsmarkt oder am Arbeitsmarkt, also die geistigen und körperlichen Attribute und Leistungsnachweise, beweisen die Fähigkeit und Willigkeit, die Konformität in allerhöchster Qualität und Quantität zu leben. Die Persönlichkeit findet sich in den Noten wieder, findet darin das eigene Selbstwertgefühl, weshalb man sagen könnte, dass die eigene Wertigkeit sich vollständig aus der Leistungsfähigkeit ergibt, und nicht mehr aus einer Geisteshaltung, Lebenseinstellung oder eines bestimmten Charakters. Der Mensch wird im Bildungs- und Ökonomiesystem zu einem charakterlosen Konkurrenzsubjekt degradiert, obwohl die bürgerliche Setzung Emanzipation und Mündigkeit über Humboldt, Kant und anderen als Ideal vorgibt. Dieser Grundwiderspruch zeigt sich dann auch im Leistungsgefälle: Sechserschüler verlieren an Lebensqualität, verlieren sich in Apathie, Lethargie, Verzweiflung, während Einserschüler die bereits genannte Verbissenheit, Beschwingtheit oder Zuversicht praktizieren. Beide Extreme sind allerdings sozial voneinander isoliert.

Während jene die als Verlierer des Konkurrenzkampfes in der Schule oder im Beruf Hilfe bräuchten, weil sie durch geringere Einkommen auch weniger an der Gesellschaft teilnehmen können, und sich ihr Selbstwertgefühl genauso aus der Leistungsfähigkeit und Würdigung ergibt, erhalten sie diese nicht, weil diejenigen, die als Gewinner des Konkurrenzkampfes Hilfe geben könnten, damit beschäftigt sind, ihr Selbstwertgefühl über weitere Erfolge zu erhöhen. Die Sechserschüler isolieren sich, die Einserschüler isolieren sich, die Lebensqualität ist so unterschiedlich wie Tag und Nacht, beide Gruppen treffen nie bewusst aufeinander. Und wenn doch, dann kommt es eben zu Äußerungen von Bewunderung oder Neid. Demnach sorgen die gesellschaftlichen Institutionen für eine Eigendynamik, die die ohnehin schon unterschiedlichen Menschen zusätzlich über ihre Leistungsfähigkeit und -bereichtschaft bewertet, definiert und trennt. Kommunikation findet darüber letztlich nicht statt, vielmehr kommt es zu einer Verklärung der Leistungsträger innerhalb der Gesellschaft, die dann auch entsprechende Gehälter beziehen, die wiederum nicht zu den Benachteiligten oder Herausgefallenen zurückfliessen, schliesslich herrscht in der Marktwirtschaft auch ein gewisses Maß an Selbstverantwortlichkeit, wie es Romney im US-Wahlkampf stets äußerte.

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