Pedanterie in Deutschland

Täglich verhungern tausende Menschen, tausende Armutsflüchtlinge ersaufen vor Europas Küsten und das mit der Unterstützung von Milliarden Lohnarbeitern und erneuten Milliarden Investitionen. Ohne die  tagtägliche Initiative  genannter Lohnabhängiger, wäre die dafür verantwortliche „Wirtschaftsordnung“ nicht überlebensfähig und sie wäre auch gar nicht in dieser Form existent. Aber in den Köpfen der Massen ist z.B. über die Medien davon nicht mehr als der moralische Zeigefinger vorzufinden.

Problematisiert wird ein Schnäppchenjäger Wulff, die Zockerei mit Lebensversicherungen, irgendwelche Unternehmer die als „verantwortungslose Heuschreckenschwärme“ auf Märkten agieren, sittenwidrige, „schweinische“ Löhne, die irgendwie krank machen, Altersarmut, Kinderarmut, „Pleite-Griechen„, Hartz IV „Drückeberger„, aber nie gibt es sachlich differenzierte Analysen, die komplexe Zusammenhänge präzise auf den Punkt bringen. Es existiert quasi nie eine Verbindung zwischen all diesen Themen. Emotionale, vorurteilsbeladene, selbstherrliche und scheinheilige Debatten werden angestossen, verkürzt kritisiert und durchs Dorf getrieben bis der nächste Skandal kommt, wobei Details und der Schein alles dominieren und das große Ganze niemanden zu interessieren scheint.  Davon lassen sich alle inspirieren und prägen. Niemand ist sicher und niemand ist unbeteiligt. Sowohl an den Stammtischen als auch bei Videoportalen wie Youtube oder am Arbeitsplatz, wird sich engagiert über das aktuellste Thema abreagiert, ohne fundiert zu analysieren oder irgendeine Konsequenz daraus zu ziehen. Hier nimmt man es offensichtlich nicht so genau mit den Gründen für die Probleme unserer Gesellschaft.

Was stattdessen ganz genau zählt ist die Wahrung der Ordnung, des Scheins und hier ist jedes Detail wertvoll. So soll der eigene Wagen gewaschen sein, wenn schon das halbe Weltmeer mit radioaktiven Müll verstrahlt wird. Schliesslich will man gegenüber Freunden, Bekannten und den Kollegen nicht blöd da stehen. Eine aufgeräumte Wohnung ist ebenfalls enorm wichtig, gerade wenn man schon Europas Müll in Afrika ablädt, mit dem sich deren Kinder dann vergnügen können. Die halbe deutsche Bevölkerung sitzt in über 43 Millionen Fahrzeugen und betrachtet es als Ausdruck individueller Freiheit tausende Menschen dabei zu töten. Es ist nur fair, sich in diesem Zusammenhang und im selben Atemzug als vorbildlich in Sachen Umweltschutz zu bezeichnen. Wichtig ist in Deutschland natürlich die Kompetenz am Arbeitsplatz mit den entsprechenden Tugenden von Fleiß, Disziplin, Belastbarkeit, Flexibilität, Teamfähigkeit, um im Unternehmen einer Ökonomie zu dienen, die lieber Millionen an heilbaren Krankheiten verrecken lässt, anstatt ihnen Medikamente kostenlos zur Verfügung zu stellen. Leistung kann sich eben nur dann lohnen, wenn überhaupt gearbeitet wird, bzw. eine Infrastruktur vorhanden ist, in der man als Lohnsklave seine Lebenszeit zu Arbeitszeit pervertieren kann. Das ist soziale Marktwirtschaft, der Tauschwert triumphiert über den Gebrauchswert.

Alle gucken weg, wollen  ihre persönliche Beteiligung am alltäglichen morden, zerstören, vergiften usw. ausblenden und verleugnen. Probleme sind zwar da, aber woher sie kommen, who knows, who cares?! Schreien wir solange bis sich einer drum kümmert. Oder: Man kann es nicht ändern, also gehen wir arbeiten und danach feiern. Ignoranz und Selbstverleugnung als Lebensinhalt.  Das alltägliche Geschrei und die Raserei in Arbeits- und Freizeit hilft dabei nicht allzu sehr ins Grübeln zu geraten. Kaum hat man sich über irgendwelche Schädlinge der Menschheit ausgelassen, lässt es sich auch viel leichter weiterarbeiten und vorallem die Alternativlosigkeit akzeptieren. Denn wo keine Analyse da auch keine Vision einer anderen Gesellschaft. Fatalismus ist genauso normal wie Pedanterie in Deutschland. Es ist zwar alles im Arsch, aber ordentlich arbeiten  muss man natürlich trotzdem, denn es gehört sich so, warum auch immer. Das kotzt einem tagtäglich entgegen, in teuren Anzügen, gern auch im modischen Kleidchen, mit betroffener Mimik, mit Gekicher, als wäre die Welt kein Schlachtfeld mit Millionen Toten pro Jahr, die für eine Ordnung gerichtet wurden und werden, welche von kaum einen als fundamentales Problem erachtet werden. Stattdessen werden die Leichenberge als Teil des Panoramas akzeptiert, bestiegen und höchstens schockiert fotografiert.

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